Präsentation des Buchs "Orte der Reformation - Coburg"

Ansprache von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner am 29. April 2014 in der Morizkirche Coburg

Sehr geehrte Damen und Herren!

Zu Beginn meiner Rede nicht wie sonst oft ein Lutherzitat, sondern eines aus unserem neuen Buch: „Orte der Reformation. Coburg“:
„Auch wenn der Reformator mit diesem Vermächtnis, das aus einer seiner arbeitsintensivsten Perioden stammt, Coburg zum Status einer bedeutenden Lutherstätte verholfen hat, ist diese Tatsache heute nicht wirklich tief im Gedächtnis der ehemaligen `Residenzler´ verankert. Vielleicht ist es auch der Zeit zu schulden, dass die Coburger eher zurückhaltend mit ihrem Luthergedenken umgehen“.  – Wohl wahr, liebe Frau Kroon-Lottes und lieber Herr Weschenfelder! Da haben Sie treffende Worte gesetzt.
Überhaupt ist diese Broschüre eine Fundgrube kerniger Aussagen, präziser Informationen und wunderschöner Fotographien. Ich komme nicht umhin, unser Werk zu loben; und damit Sie, liebe Mitautoren und Mitautorinnen, Sie, lieber Herr Böhm als mein Mitherausgeberkollege – zu Ihnen sage ich am Ende meiner Rede noch etwas – und Sie liebe Frau Dr. Weidhas als Leiterin des Leipziger Verlagshauses. Das ist nun schon das vierte Buch, das ich als Herausgeberin mit dem Leipziger Verlagshaus zusammen veröffentliche und ich sage gerne, dass meine Erfahrungen immer die allerbesten waren.

Die meisten werden unser neues Buch noch nicht ganz gelesen haben. Da bin ich im Vorteil. Als Herausgeberin ist die Gesamtlektüre Pflicht. Es ist von vorne bis hinten eine hervorragende Mischung aus informativem Stadtführer und geschichtlichem allgemeinverständlichem Fachbuch geworden. Wer Coburg erkunden will, sollte es kaufen. Es ist zudem ein attraktives Geschenk für Menschen, denen es Freude macht, Coburg aus dem Blickwinkel der Reformation oder die Reformation aus dem Blickwinkel Coburgs zu betrachten.
In der Broschüre finden Sie klare Antworten auf alle folgenden Fragen:
Warum hat Coburg den Mohr im Wappen?
An welchem Feiertag kam Luther in Coburg an?
Warum durfte er nicht mit zum Reichstag zu Augsburg und wer wies ihn fürsorglich an, hier in Coburg zu bleiben?
Wie lange brauchte der reitende Postbote von Coburg nach Augsburg?
Welche Gasse ist seit Luthers Aufenthalt auch im Straßenbelag unverändert, sodass man wirklich auf Luthers Spuren wandeln kann?
Wo wollte Luther in Coburg begraben sein?
In welcher Predigt verbietet uns Luther den Wahn zu denken: „Je mehr ich arbeite, desto mehr werde ich haben?“
Wer war in der Coburger Zeit Luthers Seelsorger und Beichtvater?
Wie hieß Coburgs Reformator, der lutherisch predigte?
Welcher Prozentsatz der gesamten deutschsprachigen Buchproduktion in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts entfiel auf Luthers Schriften?
Wo im Coburger Umland findet sich der erste Sakralraum nach protestantischen Maßstäben?
Und wo finden sich noch heute 600 zeitgenössische Drucke von Luthers Schriften und dabei auch ein Exemplar der ersten deutschen Vollbibel aus dem Jahr 1533?
Wo kann man Coburger Schmätzchen kaufen und was ist das überhaupt?
Nun, die Antworten auf diese und noch viel mehr Fragen enthält unser Buch. Ich empfehle Kauf und Lektüre.

All die Fragen und ihre Antworten – selbst die letzte – machen aber auch deutlich, dass Coburg eine der attraktivsten Lutherstädte ist. Um ans Eingangszitat anzuknüpfen: Ich habe Hoffnung, dass Coburg gerade dabei ist, aus seinem Dornröschenschlaf bzw. Lutherschlaf wachgeküsst zu werden. Der neue OB Norbert Tessmer – ich wünsche ihm für seine am 1. Mai beginnende Amtszeit von Herzen Gottes Segen – wird dazu beitragen, denn schon als Kulturreferent der Stadt war er für die Lutherdekade ansprechbar und gab dem Stadtmarketing Rückendeckung für die Promotion des reformatorischen Erbes der Stadt.
In diese ersehnte Entwicklung hinein kam die Anfrage des Leipziger Verlagshauses goldrichtig. Und nun hat es die Stadt Coburg auf 84 Seiten Schwarz auf weiß: Sie ist ein Ort der Reformation – und zwar solch ein wichtiger, dass sie es verdient in die Reihe aufgenommen zu werden mit gleichnamigem Titel (Orte der Reformation).

Coburg wird als Lutherstadt nie den Rang Wittenbergs einnehmen, doch muss sie sich nicht hinter Eisenach und Erfurt verstecken. Schließlich ist Coburg die Stadt, in der Luther eine entscheidende Wende der Reformation durchlebte:
Das Evangelium von Jesus Christus, der allein rettet, allein aus Gnade, allein durch den Glauben, zu begründen allein aus der Schrift – das durfte nicht aufgegeben werden. Diese Lehre galt es mittels der integrativ formulierten „Confessio Augustana“ 1530 in Augsburg zu vertreten. Wie gerne hätte Luther in Augsburg mitgekämpft. Bis zum Reichstag zu Augsburg bestand noch die Hoffnung, dass die Reformation eine Reformation innerhalb der katholischen Kirche sein könnte. Während seines Aufenthaltes in Coburg wurde Luther klar, dass die Kirchentrennung besiegelt ist. Nach Augsburg und damit nach Luthers Coburger Aufenthalt war die Bildung lutherischer Landeskirchen nur noch eine Frage der Zeit.
Wie viel Blutvergießen und Leid hätte vermieden werden können, wenn die vermittelnde „Confessio Augustana“ als katholische Lehre anerkannt worden wäre, wenn die Rechtfertigungslehre nicht erst im Jahr 1999, sondern im Jahr 1530 als gemeinsame Lehre anerkannt worden wäre. Es hätte keinen 30-jährigen Krieg gegeben, keine Vertreibungen von Protestanten aus Österreich, keine Prügeleien zwischen evangelischen und katholischen Dörfern, keine Familiendramen durch konfessionsverbindende Ehewünsche. Kaum einer, der die Schrecken der Konfessionskriege kennt, wird die Berühmtheit Luthers und den Wert lutherischer Kirchen höher einschätzen wollen als den Frieden zwischen Lutheranern und Papsttreuen. Doch darum ging es nicht. Es ging damals um nicht mehr und nicht weniger als um einen Konsens im Evangelium von Jesus Christus. In Augsburg wurde die letzte Chance dazu vertan und Luther musste das von Coburg aus mit ansehen. Da kann man sich vorstellen, mit welcher inneren Spannung er auf der Veste festsaß.
Wäre die Anerkennung reformatorischer Lehre im Jahr 1530 nicht gescheitert, wäre es nicht zur Bildung von lutherischen Kirchen gekommen und wäre freilich Luther auch nicht so berühmt geworden und Coburg erst recht nicht. Luther wäre ein Reformer der katholischen Kirche geblieben, wie Franziskus, wie Ignatius von Loyola und andere.
Doch nun ist es so geworden. Wir feiern im Jahr 2017 ja auch nicht den Beginn der Kirchenspaltung. Jeder Anschein dessen ist völlig zu vermeiden. Wir feiern das Evangelium von Christus, der uns aus reiner Gnade durch den Glauben an ihn rettet. Wir sind dankbar, dass Luther, zusammen mit anderen Reformatoren, es so klar und schriftgemäß zum Tragen brachte. Und hier in Coburg ist ein Ort, an dem er davon schrieb, wo er dafür innerlich fieberte, weil genau dieses Evangelium in Augsburg nicht aufgegeben werden durfte.
So haben Michael Böhm und ich als Herausgebende im Vorwort Coburg als „Wegepunkt“ der Reformation bezeichnet.

Wie angekündigt möchte ich stellvertretend für alle, denen heute zu danken ist, Herrn Böhm einen besonderen Dank aussprechen. Zwar hat unsere Landeskirche wohl mehr Mittel zur Entstehung der Broschüre zur Verfügung gestellt, doch Herr Böhm hat deutlich mehr Zeit in die Organisation der Entstehung gesteckt. Ein echter Ausspruch Luthers ist es nicht: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen.“ Doch dieser Ausspruch ist gut erfunden und ihm passend in den Mund gelegt worden. Jedenfalls können wir in dieses unechte Lutherzitat manchmal unsere Gemütszustände sehr gut fassen; und Sie lieber Herr Böhm den Ihren im Prozess der Herausgeberschaft vielleicht auch. Daher überreiche ich Ihnen diese Luthersocken mit Dank und als Kompliment für unsere Zusammenarbeit. Die Luthersocken werden Ihnen auch inhaltlich passen, denn Sie und ich und wir alle  stehen zu Coburg als Lutherstadt und Ort der Reformation.