Einweihung der Asylsozialberatungsstelle in Höchstadt

Ansprache von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner bei der Einweihung der Asylberatungsstelle in Höchstadt/Aisch am 9. Mai 2014

Sehr geehrte Damen und Herrn!
Liebe Anwesende!

Die beiden Bibelworte, die uns gerade vorgelesen wurden, sind gewichtig. Jesus selbst identifiziert sich mit Kranken, Hungrigen, Durstigen und eben auch mit Fremden. Er wird uns alle im Gericht einst fragen, wie wir mit Menschen umgegangen sind, die in besonderer Weise unsere Zuwendung brauchen. Und das sind eben auch die Fremden.
Jesus bezog sich in seiner Überzeugung auf seine Heilige Schrift – auf unser Altes Testament. Er kannte die Verse, die uns aus dem 3. Buch Mose vorgelesen wurden. Im Alten Testament gibt es wichtige Gesetzessammlungen. Das so genannte „Heiligkeitsgesetz“ ist solch eine Gesetzessammlung. Es geht davon aus, dass Gott heilig ist; darum soll sich auch Gottes Volk heilig verhalten. Schon in diesem jüdischen Heiligkeitsgesetz – nicht erst im Neuen Testament – findet sich das Gebot der Nächstenliebe: „Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst. Ich bin der HERR.“ So steht es wortwörtlich eben auch in dem Kapitel, das von Frau Salzner vorgelesen wurde.
Und dann greift das Gesetz bestimmte Nächste heraus, die besondere Zuwendung erhalten müssen: Und das sind eben z.B. die Eltern, die Alten und die Fremden. Das Gebot der Fremdenliebe wird besonders betont: „Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen, wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen.“
Wir fragen vielleicht: Und was ist, wenn eine ganze Welle von Fremden kommt, sollen sie dann auch wohnen wie die Einheimischen, soll man sie dann auch lieben? Ja, auch dann. Die Israeliten waren –als sie in Ägypten ankamen – eine große Flüchtlingswelle. Heute würden manche sie despektierlich mit dem üblen Begriff  „Wirtschaftsflüchtlinge“ bezeichnen. Sie kamen, weil ihre Lebensbedingungen in ihrem Ursprungsland schlecht waren. Sie hatten nicht genug zu essen; verfolgt wurden sie nicht. Sie wären bei uns keine anerkannten Asylbewerber geworden. Man hätte sie ausgewiesen – zurück in die Wüste.
Die eigentliche Frage ist doch: Wie werden wir heute den biblischen Leitlinien, den Worten des Heiligkeitsgesetzes und der Mahnung Jesu gerecht?
Wir können nicht alle Menschen aus allen Ländern, die bei uns leben wollen, aufnehmen, dann würde bald niemand mehr bei uns leben wollen. Doch wir können Schritte gehen, in die Richtung, die uns die Bibelworte weisen. Wir könnten deutlich mehr syrische Flüchtlinge aufnehmen. Die Situation in den Lagern in Syrien seinen Nachbarstaaten werden immer bedrängender. Decken und Nahrungsmittel fehlen. Gestern erst kam ein Bericht darüber in den Tagesthemen.
Schon am Beispiel Syrien wird deutlich, dass die Liebe zu den Fremden vielgestaltig ist und sich auch darin zeigt, dass Menschen nicht in die Fremde müssen, um zu überleben, sondern in der Heimat bleiben können. Auch die 93 Menschen, die in dieser Gemeinschaftsunterkunft leben, wären lieber in Äthiopien, im Irak, in Indien, in Somalia, in Weißrussland und Georgien geblieben. Doch nun sind sie da; und nun gilt es hier im Land unsere Bibelworte zu beherzigen. Dies gilt umso mehr, als sie nicht einfach nur „Fremde“ sind, sondern häufig Traumatisches erlebt haben – im Ursprungsland und/oder auf der Flucht.
Wenn ich nun äußere, was in meinen Augen, dem Geist unserer Bibelworte entspricht, so ist das meine Sicht der Dinge und wird nicht bei jedem Zustimmung finden. Doch wichtig ist, dass wir gemeinsam suchen, wie wir dem Geist Jesu entsprechen: Als einzelner Christ, als Kirchengemeinde, als Kirche, als Kommune, als Landkreis und als Staat.
Drei Aspekte zum staatlich-überregionalen Handeln und dann drei Aspekte zum regionalen Handeln bei uns:
1.    Die Bundesregierung hat bereits einen Gesetzesentwurf auf den Weg gebracht, nach dem Asylsuchende nach drei Monaten arbeiten dürfen. Das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Das mindert das Risiko von Depression und das Gefühl der Entehrung und es mindert auch unsere Sozialkosten. Ich bitte um eine rasche Einführung der Regelung, möglichst ab Herbst.
Diese Regelung ist aber nur ein erster Schritt. Weitere müssen folgen. Denn die Arbeitsvergabe wird nur nachrangig gegenüber anderen Arbeitskräften am Markt erfolgen. Die Arbeitsagentur muss erst bestätigen, dass keine Arbeitskräfte in dem ganzen Tätigkeitsbereich vorhanden sind. Faktisch wird daher wohl nur ein Arbeiten im Bereich von Reinigung, Gastronomie und evtl. im Baubereich möglich sein. Doch Flüchtlinge bringen vielfältige Qualifikationen mit. Die sollen sie einbringen dürfen.
2.    Es bedarf offensiver Strategien für die Vermittlung der deutschen Sprache. Ehrenamtliche sind hier an einzelnen Orten in die Lücke gesprungen. Ohne deutsche Sprache – keine Arbeit, keine Integration. Die bayerische Landesregierung hat hier lobenswerterweise die Initiative ergriffen und das Angebot an Deutschkursen stark ausgeweitet. Für dieses Jahr sind 90 Standorte in Bayern geplant, an denen diese Deutschkurse angeboten werden. Flächendeckend ist das Angebot noch nicht. Diese Entwicklung sollte weitergehen.
3.    Die kriminelle Energie von Schlepperbanden ist unvorstellbar skrupellos. Wie hoch der Prozentsatz ist, der Menschen, die auf der Strecke bleiben, ist Spekulation. Manche sprechen von 30%. Es braucht eine Strategie der Unterbindung des Menschenhandels, unter Einbeziehung der Regierungen, der Ursprungsstaaten und unserer Botschaften und Vertretungen in diesen Ländern. Die starke Abschottung Europas ist eine der Ursachen für das Geschäft dieser Schlepperbanden. Deshalb sollten auch Wege gesucht werden, wie man legale Einreisemöglichkeiten für Flüchtlinge nach Europa schaffen kann. So müssten die Botschaften der europäischen Länder Visa für schutzbedürftige Flüchtlinge ausstellen. Eine Einigung der europäischen Länder würde zig-Tausend Tote verhindern!

Von der großen Rahmensituation zu unserer regionalen. Ich habe den Eindruck, dass unsere Gesellschaft mit dieser Flüchtlingswelle weit konstruktiver umgeht als mit der früheren. Zunächst zwei positive Beispiele, dann noch ein dritter heikler Punkt zum Schluss.

1.     Runde Tische
In vielen Regionen entstehen Runde Tische zur Flüchtlingsthematik. Nicht weit westlich von hier, in Aschbach, hat Pfarrer Kestler einen Runden Tisch initiiert und so die Atmosphäre im Ort hin zur Fremdenfreundlichkeit verändert. Statt Ressentiments gegenüber den Fremden im Ort wuchs die Bereitschaft zu helfen.
Für den Stadtbereich Bamberg gründete Herr Dekan Otfried Sperl im Dezember letzten Jahres einen Runden Tisch. Vertreter von Stadt, Landkreis, Regierung, Diakonie, Caritas, Kirchen, Organisationen wie „Freund statt fremd“, bündeln ihre Kräfte, tragen ihre Kompetenzen zusammen und finden Wege, die Situation für Fremde und damit auch für uns menschenfreundlicher werden zu lassen. Wo Runde Tische entstehen, ist die Chance wesentlich größer, dass die konkrete Flüchtlingspolitik rund läuft.

2.     Initiativen von Ehrenamtlichen
In Bamberg hat  „Freund statt fremd“ bereits einen bekannten guten Namen. „Höchstadts helfende Hände“ ist nicht nur ein gutes bildhaftes Motto. Schön, dass sich diese Initiative auf Anregung von Herrn Pfarrer Schäfer gebildet hat, von der Diakonie aufgebaut wird und schon so viele helfende Hände und Herzen da sind. Solche Initiativen werden gebraucht. Auch hier wird sie gebraucht, denn 93 Bewohner leben in dieser Gemeinschaftsunterkunft und weitere Flüchtlinge leben dezentral in der Region.
Jeder Gang zum Arzt oder auf eine Behörde ist für Menschen aus anderen Kulturen mit riesigen Unsicherheiten und Hürden verbunden. Wie gut, wenn ein wohlwollender Mensch sie begleitet. Kinder sind lernwillig und tun sich doch schwerer durch die sprachlichen Verständigungsschwierigkeiten. Wie gut, wenn Kinder bei der Erledigung der Hausaufgaben unterstützt werden. Manche Flüchtlinge sind Christen und waren schon seit Wochen nicht mehr im Gottesdienst. Wie gut, wenn sie abgeholt werden und vielleicht sogar manches übersetzt werden kann.
Ich möchte ermutigen zu solchem Engagement. Hier werden Christenmenschen gebraucht. Danke, falls Sie sich schon engagieren. Möge Jesu liebevolle Hand „Höchstadts helfende Hände“ leiten und segnen und alle anderen engagierten Ehrenamtlichen auch, damit sie aus der Fülle der Liebe und Kraft Jesu handeln.
Gerade unsere hoch engagierten Ehrenamtlichen brauchen die kompetenten Hauptamtlichen in der Asylsozialberatung an ihrer Seite. Denn die Flüchtlingsthematik ist rechtlich und verfahrenstechnisch hoch kompliziert. Idealismus und Realitätssinn müssen  zusammenfinden. Ehrenamtliche Hilfe bedarf der Koordination. Ich danke hier insbesondere Frau Diakonin Carmen Bogler und Frau Diana Könitzer. Möge Gott den beiden Kraft und Gesundheit an Leib und Seele schenken, Weisheit, Sensibilität und zugleich ein dickes Fell und Freude aus unserem Glauben, die jegliche Resignation vertreibt.

3.    Die Asylsozialberatung
Wir sind froh, dass für die Asylsozialberatung in der Gemeinschaftsunterkunft Höchstadt Frau Könitzer für 20 Stunden angestellt werden konnte und Ihren Dienst mit ganzem Engagement tut.
Freilich möchte ich – bei aller Freude über diesen Anlass - nicht verschweigen, dass mir gegenwärtig eine Initiative des Bayerischen Landkreistages Sorge bereitet. Die Landkreise wollen in Zukunft vom Sozialministerium die Mittel für die Asylsozialberatung selbst erhalten. Sie sehen es als Chance, dass dann die Unterbringung und Betreuung der Asylsuchenden „aus einer Hand“ geleistet werden könnte. Es steht wohl der Vorwurf im Raum, dass die Asylsozialberatung der freien Wohlfahrtspflege (also Diakonie, Caritas und andere Verbände) weniger die Interessen der Behörden als die der Flüchtlinge verfolgt. Mit dieser Forderung der Landkreise steht die Unabhängigkeit und Neutralität der Asylsozialberatung auf dem Spiel. Wir wünschen uns stattdessen, dass beide Seiten: Flüchtlinge und Staat zu unserer Asylsozialberatung Vertrauen haben können, gerade weil sie sich neutral und unabhängig verhält und in den gesetzlichen Regelungen Menschlichkeit und die Achtung der Menschenwürde zum Tragen bringen kann. 
Ich meine auch, dass diese Forderung dem Subsidiaritätsprinzip des Staates zuwiderläuft. Außerdem würde die Umsetzung dieser Forderung auch die Stellenausstattung der Asylsozialberatung schwächen. Gerade weil unsere Kirche wahrnimmt, dass es viel zu wenig Stellen gibt, finanziert sie faktisch jede Stelle der Asylsozialberatung der Diakonie zu 30% mit, damit insgesamt im Staat mehr Stellen errichtet werden können. Die voraussichtliche Erhöhung des staatlichen Haushaltstitels für die Asylsozialberatung um 1,75 Mio. Euro werden nicht ausreichen, um den immensen Bedarf an Asylsozialberatung auch nur annähernd zu decken, weil die Zahl der Flüchtlinge und der Erstanträge auf Asyl weiter steigt. Vor allem sorgt die Diakonie für ein Netz der Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen. Nicht Unterbringung und Betreuung aus einer staatlichen Hand, sondern „Helfende Hände“ im Plural braucht es. Die Ehrenamtsinitiative in Höchstadt hat wohl intuitiv den richtigen Namen gewählt.
Wir wissen auch, dass viele Landkreise diesen Weg einer unabhängigen Asylsozialberatung ebenfalls befürworten. Auch kritisieren die Landkreise zu Recht, dass sie zu wenig in die Vergabe der Stellen einbezogen werden. Sozialministerium, Freie Wohlfahrtspflege und Landkreise müssen an einen Tisch wenn darüber beraten wird, wo der größte Bedarf ist für die Errichtung einer neuen Stelle. Und der Bedarf ist eben so groß, dass er Konfliktstoff bietet.
Umso mehr freuen wir uns, dass wir heute eine Asylsozialberatung unabhängiger und neutraler Wohlfahrtpflege einweihen zu können.

Was haben diese drei konkreten staatlichen und diese drei regionalen Punkte mit den Bibelworten zu tun?
Liebe zu den Fremden ist nicht nur eine Herzensbewegung, sondern eine Herzensbewegung, die Hand und Fuß bekommt, die sich äußert in klaren Worten und Taten. Liebe zeigt sich in Kommunikation und in Strukturen. Der Heilige Geist heiligt, verändert, erneuert unser Leben, unser persönliches Leben und unser gesellschaftliches Leben. Und dieses neue Leben aus dem Geist Jesu gewinnt immer konkrete und vernünftige Gestalt.
Unsere Bibelworte hinterfragen unser Tun, ob wir unserem Handeln der Fremdenfreundlichkeit Gottes und dem Willen unseres Herrn Jesus Christus entsprechen. Unsere Bibelworte sind noch viel stärker Rückenwind und Ermutigung den Weg der Fremdenfreundlichkeit zu gehen. Denn wir können darauf vertrauen, dass Gott auf diesem Weg Türen öffnet, Kraft gibt, Mut und Weisheit schenkt.
Amen.