450 Jahre Kirche St. Johannis Bayreuth

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Greiner anlässlich des 450-jährigen Jubiläums der Kirche St. Johannis in Bayreuth am 29. Juni 2014 zu Matthäus 28,18-20

Liebe Gemeinde!

Eine Taufe im Roten Main hat soeben vor dem Gottesdienst stattgefunden. Eigentlich wollte ich nie im Fluss oder See taufen. Nachdem wir nicht mehr wie die ersten Christen ohne Kirchen dastehen, sollen unsere Taufen am Taufstein stattfinden, ganz normal.
In unserer Gesellschaft ist eine Tendenz wirksam - fast ein Zwang -, dass Feste Events werden müssen. Äußerlichkeiten und Out-fit sind wichtig, Inhalt und Innigkeit treten zurück. Da machen wir Kirchen bewusst nicht mit, schwimmen gegen den Strom und sagen: Unsere alten Formen sind wunderbar. Sie haben nicht umsonst seit 2000 Jahren Bestand; die erhalten wir und gestalten sie liebevoll und fröhlich aus.
Und es ist erstaunlich: die Menschen, die solche traditionellen, liebevoll gestalteten Taufen am Taufstein miterleben sagen: Oh war das schön. In unseren alten Formen an den alten Orten liegt Kraft und Ruhe. Unsere Botschaft kommt in ihnen zum Tragen.

Heute aber ist eine echte Ausnahme. Ich habe mich gerne auf das Taufen im Roten Main, direkt unterhalb dieser Kirche, eingelassen. Denn heute am Jubiläum denken wir zurück an das, was einst war, bevor es  hier eine Kirche mit Taufstein gab.
Dort unten an der Stelle, an der wir heute zwei Kinder getauft haben, tauften sehr wahrscheinlich iro-schottische Mönche viele Kinder und Erwachsene.
Eben weil dort unten eine alte Taufstelle war, wurde die Kirche, die hier an dieser Stelle gebaut wurden, benannt nach Johannes dem Täufer.
In Erinnerung an die Ursprünge des christlichen Glaubens unserer Stadt waren wir heute dort unten. Wir sind dankbar, dass es diese Anfänge gab.
Diejenigen, die zum Glauben an Jesus Christus gefunden hatten, bauten dann die erste Kirche, von der heute wohl nichts mehr erhalten ist. Denn sie war sicher deutlich älter als die Kirche, deren Fresken aus dem Jahr 1430 wir heute noch im Chorraum bewundern können. Als jedenfalls die erste Kirche stand, waren die Menschen froh, dass kein Taufen bei Wind und Wetter unten im Fluss mehr nötig war.
Doch auch das Taufen in der Kirche war damals gelegentlich mit Hindernissen verbunden. Es musste immer ein Pfarrer von Bindlach anreisen, denn dort war der Sitz der Urpfarrei. Wenn der Rote Main aber Hochwasser hatte, dann konnte erst getauft werden, wenn die Wege hierher wieder passierbar waren.
Das hat die Menschen hier in St. Johannis geärgert. Sie wollten einen Pfarrer, der bei ihnen wohnte und war, egal ob der Main Hochwasser führte oder nicht.
Dieser Ärger wurde zu einer großen Sehnsucht in der Zeit der Reformation. Die Menschen wollten Predigt in deutscher Sprache, hatten Hunger nach dem Evangelium von Jesus Christus, nach Lehre und einem tieferen Verstehen des Glaubens und der Heiligen Schrift.
Schauen Sie sich die Figuren seitlich der Kanzel hier an: rechts von mir sehen Sie zwei Evangelisten: Markus und Lukas. Was in der Schrift, die sie in der Hand halten, steht, sehen wir nicht. Zu meiner Linken: Matthäus und Johannes. Auf dieser Seite ist die Bibel  offen, einsehbar.
Die Menschen damals wollten genau diesen Weg gehen, dass ihnen die Heilige Schrift aufgeschlossen wird.
Sie wollten dazu sonntäglich ihren Pfarrer hören, der ihnen die Schrift auslegt, Abendmahl austeilt und tauft.
Sie schätzten einen Kaplan, der von Bindlach aus bei ihnen eingesetzt war. Als dieser dann abgezogen und nach Pegnitz abgeordnet werden sollte, baten sie um Selbständigkeit der Pfarrei und Zuteilung dieses Pfarrers. Das gelang vor 450 Jahren. Seitdem ist St. Johannis eine eigene Pfarrei.
Wir feiern also heute bei unserem Kirchweihfest nicht nur, dass wir hier eine Kirche haben, sondern dass St. Johannis schon seit 450 Jahren eine selbständige Pfarrei ist mit eigenem Pfarrer. Inzwischen sind es sogar zwei – sogar Mann und Frau, das hätte man sich damals gar nicht vorstellen können und wir sehen heute, wie gut sich Mann und Frau auch im Amt ergänzen.
Weil wir uns bei diesem historischen Fest erinnern, wie alles anfing hier, nämlich mit Taufen im Roten Main, darum legt es sich nahe, heute über ein Bibelwort zu predigen, das die Taufe zum Inhalt hat. Das bekannteste Wort ist:
Jesus Christus spricht: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum geht hin und macht zu Jüngern alle Völker. Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie halten alles, was ich Euch befohlen habe und siehe ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Gehen wir an den 5 Sätzen entlang:
Jesus Christus spricht: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“
Ist das wirklich so? Es geschieht viel Schreckliches auf dieser Welt. Wir sehen so wenig davon, dass Christus der Herr ist. Seine Gewalt war und ist die der gewaltlosen Liebe. Stattdessen zerstört religiös verbrämte hasserfüllte Gewalt heute Tausende Menschenleben in vielen Ländern der Erde. Selbst in unserem Lebensumfeld, Nachbarschaft und Familie nehmen wir wahr, dass Menschen nur sehr begrenzt lieben können. Wo ist da die Herrschaft Jesu Christi?
Eben dort, wo Lieblosigkeit herrscht, ist Christus nicht der Herr im Leben dieser Menschen. Er ist der Herr der Welt, doch er setzt seine Herrschaft nicht gegen den Willen der Menschen durch. „Siehe ich stehe vor der Tür und klopfe an, so jemand auftun wird, zu dem will ich einkehren und Mahl mit ihm feiern.“ Christus wohnt wo man ihn einlässt – auch heute.

Darum geht hin und macht zu Jüngern alle Völker, so daher der logische zweite Satz. Erzählt den Menschen von Christus. Macht sie zu Jüngern, das heißt zu Menschen, die seinen Weg gehen; den Weg, auf dem wir uns von ihm erlösen lassen, Verzeihen lernen, den ärgsten Feind zu lieben und Gott grenzenlos zu vertrauen.

Und wenn erwachsene Menschen oder Familien mit Kindern diesen Weg gehen wollen, dann tauft sie, auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes – so der dritte Satz.
Ich muss immer schmunzeln, wenn Menschen sagen, sie seien auf den Namen Susanne oder Peter getauft worden, nennen also ihre eigenen Vornamen. Nein, wir sind nicht auf unsere Vornamen getauft, sondern auf den Namen Gottes: des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Gottes Name ist über unserem Leben genannt. Joli und Jana unsere frisch Getauften, Irene und Ronja unsere Konfirmierten, Hans, Günter, Kerstin, Maria  und wie Sie hier im Kirchenschiff heißen mögen, Sie sind als Getaufte Gottes Kind. Sie gehören zur Familie der Kinder Gottes. Ihr Name ist in sein Herz eingeschrieben und sein Name in Ihres.
Auf unsere Stirn wurde ein Kreuz gemacht mit den Worten: „Du gehörst Jesus Christus.“ Ja, dem der gewaltlos liebt und vergibt – auch uns vergibt –, dem gehört nun unser Leben.

Vierter Satz: „Und lehrt sie halten alles, was ich Euch befohlen habe.“ Warum ist in unserem Bibelwort das Lehren erst nach dem Taufen benannt?
Nun bei den Kindertaufen ist das ohnehin so, dass die Lehre immer erst nach der Taufe kommt. Doch selbst wenn Erwachsene getauft würden, wie das bei manchen Freikirchen und Baptisten der Fall ist, und auch in der evangelisch-lutherischen Kirche immer wieder geschieht, so hätten wir doch auch als Erwachsene noch vieles nicht verstanden.
Wir sind Lernende bis wir einst nach unserem Tod vor Christus stehen werden. Dann werden wir alles verstehen, auch seine Herrschaft der Liebe.
Bis dahin gilt es zu lehren und zu lernen. Und je öfter wir in den Gottesdienst kommen, je mehr wir aus der Schrift verstehen, desto mehr ahnen wir, welche Fülle an Weisheit und Erkenntnis erst noch vor uns liegt. Je mehr wir verstehen – nicht nur intellektuell, sondern mit dem Herzen – desto mehr kommen wir auf den Geschmack. Desto mehr wächst die Freude über Christus und was er uns verheißt – auch mit dem fünften Satz unseres Bibelwortes:

„Und siehe, ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende.“
Als ich diesen Satz bei einem Gottesdienst im Seniorenheim, in dem sehr viele Demente wohnten, als Evangelium vorlas, stöhnte eine demente Frau laut auf: „Oje, Oh Gott“. Sie hatte gehört „Welt Ende“ und gedacht, dass ich das Weltende verkünde.
Ich musste innerlich sehr lachen, ließ meine vorbereitete Predigt, Predigt sein und nahm ihr Stöhnen auf. Es verbindet sich bis heute für mich unlöslich mit diesem Bibelwort. Denn es führt zum Kern dieser Verheißung: Immer dann, wenn wir denken, jetzt ist es aus, dann wirkt diese Zusage Jesu wie eine Tür aus einem dunklen Raum ins warme Licht.
Was wir für ein Ende halten, ist immer ein Anfang für Gott. Wir müssen ihm nur unser persönliches Weltende hinhalten und sagen: Nun hilf Du. Ich weiß nicht weiter.
Eigentlich wissen wir sowieso nie, wie es weitergeht. Was wird morgen früh sein? „Ich werde da sein“, sagt Christus, „vertrau mir“.

Liebe Gemeindeglieder in St. Johannis, der Name Ihrer vor 450 Jahren gegründeten Pfarrei ist zugleich Programm für die kommenden Jahrzehnte und Jahrhunderte in Achtung Eurer großen Tauftradition.
Zuallererst: Freut Euch über Eure eigene Taufe und damit über Eure unverbrüchliche Verbindung zum dreieinigen Gott. Lebt als Getaufte. Kommt sonntags in den Gottesdienst und lasst Euch die Schrift aufschließen. Nehmt Euere Eltern- und Patenversprechen ernst: Traut Euch, Euren (Paten-) Kindern weiterzusagen, was ihr schon verstanden habt. Führt Menschen, die noch nicht getauft sind, zur Taufe. Diejenigen, die ihre Taufe vergessen haben, erinnert an den Namen, der über ihrem Leben ausgesprochen ist.
Denn es braucht eine Rechristianisierung – nicht nur in Ostdeutschland, sondern auch bei uns.  Insofern war die Taufe im Fluss nicht nur historisierend, sondern Symbol dafür, was in der Gegenwart und für die Zukunft notwendig ist: Menschen zur Taufe und zum Leben aus der Taufe führen.
Vor allem aber: Traut Christus alles zu. Er ist der Herr der Welt auch gegen den Augenschein. Er mit seiner gewaltlosen Liebe wird am Ende siegen. Er ist bei Euch alle Tage – in Eurem persönlichen Leben und in Eurer Gemeinde. Sein Nahesein, seine Gegenwart ist Eure Zukunft.
Amen.