Jahresempfang der Diakonie Bayern und des Kirchenkreises Bayreuth

Geistliches Wort von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zu Beginn des gemeinsamen Jahresempfangs am 7. Juli 2014 in der Stadthalle Kulmbach

Liebe Anwesende!
Ein herzliches Willkommen Ihnen allen auch im Namen von Herrn Präsident Michael Bammessel, der Sie alle im Anschluss an mein Geistliches Wort begrüßen wird. Zwei Frauen freilich möchte ich selbst auch namentlich willkommen heißen: Unsere Sozialministerin Frau Emilia Müller und unsere Referentin und Reformationsbotschafterin Margot Käßmann. Es ist uns eine große Ehre, dass Sie beide heute sprechen und auch mir selbst eine große Freude, dass Sie unter uns sind.

Wir sind auf dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017. Jedes Jahr bis dahin hat sein eigenes Thema. Das diesjährige lautet: „Reformation und Politik“. Im Rahmen dieses Themenjahres plante ich, einen Empfang für alle neuen und wiedergewählten politischen Mandatsträgern und alle evangelischen Geistlichen des Kirchenkreises zu geben.
In meinen Vorüberlegungen kam Präsident Bammessel auf mich zu. Er fragte mich, ob der Kirchenkreis Bayreuth als Ort für den diesjährigen Empfang der Diakonie in meinem Sinne wäre.
Ich ließ meine ursprünglichen Pläne fallen und wir taten uns zusammen in gemeinsamer Gastgeberschaft.
Daher findet heute der erste gemeinsam verantwortete Jahresempfang eines Kirchenkreises mit der Diakonie Bayern in der Geschichte unserer Kirche statt. Präsident Bammessel und ich freuen uns gerade über dieses gemeinsame Einladen, weil wir beide der Überzeugung sind, dass Verfasste Kirche und Diakonie zusammen gehören - so wie Glaube und Liebe zusammen gehören zum Wohl für diese Gesellschaft.

Soviel als Vorrede zu diesem besonderen Empfang und zugleich zu meinem Geistlichen Wort. Denn ich stelle das geistliche Wort unter einen biblischen Vers, der ebenfalls Glaube und Liebe zusammenfügt. Sie alle kennen ihn. Er steht im ersten Korintherbrief Kapitel 13: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Die Liebe aber ist die größte unter ihnen.“
Dieses Bibelwort ist bekannt und beliebt, doch als Jugendliche habe ich mich an ihm gerieben. Ich fragte mich: Wie kann es etwas Größeres geben als den Glauben an Jesus Christus?
Dass ein Mensch, der nicht an Gott glaubt, meint, die Liebe sei größer als der Glaube, das hätte mich nicht gewundert. Doch wie kann Paulus, der unermüdlich zum Glauben an Christus einlädt, sagen, die Liebe sei größer als der Glaube? Als ich mich an diesem Bibelwort rieb, ging es mir wie mit Lavendel und Rosmarin:
Gerade wenn man an diesen Kräutern reibt, erfährt man, wie stark sie duften.
An diesem Bibelwort ging mir die Besonderheit - der besondere Duft - des christlichen Glaubens auf. Es ist gerade der Glaube an Jesus Christus, der sich der Liebe unterordnet und sagt: die Liebe ist größer. Jesus hat selbst noch am Kreuz für seine Folterer gebetet. Wenn wir an Jesus Christus glauben, dann ist in uns die Wurzel eingepflanzt für eine Liebe, die nie endet und an der selbst der Glaubenseifer eine Grenze findet. So steht ebenfalls in 1. Kor. 13 der merkwürdige Bibelvers: „Die Liebe hört niemals auf“.

Diese Botschaft klingt nur auf den ersten Blick lieb und nett und harmlos. Bei eingehender Betrachtung erkennt man die hochpolitischen Folgerungen. Schauen wir uns doch an, womit sich in unserer Welt der Glaube paaren kann. Bei etlichen radikalislamischen Bewegungen paart sich entweder Gottglaube mit Gewalt und Herrschafts-streben, oder Gewalt und Herrschaftsstreben überhöhen sich selbst religiös.
Auch im christlichen Kulturkreis gibt es Bewegungen, in denen sich der Glaube mit anderem paart als mit der Liebe. In etlichen esoterischen Strömungen ist der eigentliche Partner des Gottglaubens die Sehnsucht nach dem eigenen Wohlbefinden.
Das ist christlich angehauchte Wohlfühlreligion aber kein Glaube an Christus. Der eigentliche Partner des Glaubens an Christus ist immer die Liebe.
Wenn Paulus nun sogar sagt: Die Liebe aber ist die größte unter ihnen, dann bedeutet dies, dass der Glaube an Christus sich sogar in der Liebe selbst eine Grenze setzt. Verachtung oder gar Hass auf Andersgläubige ist nicht in der Liebe. Unser Glaube will durch Liebe gewinnen und überzeugen. Religiöser Eifer in Kreuzzügen und Hexenverbrennungen verleugnet Christus, weil es seiner Liebe widerspricht.
Unser biblisches Wort trennt Scheinchristentum vom Glauben an Christus. Darum, liebe Anwesende ist es so entscheidend, dass Menschen nicht irgendwie an Gott glauben, sondern an Gott, so wie er sich uns in Jesus Christus zeigt.
In Christus gilt nur der Glaube, der in der Liebe tätig wird. Deshalb ist der Glaube an Christus zum einen die schärfste Kritik vieler religiöser Bewegungen außerhalb und innerhalb des christlichen Kulturkreises und zwar solcher, die sich mit Gewalt durchsetzen wollen und solcher, die sich aus der Welt zurückziehen wollen als sei nur der Glaube wichtig. Glaube, der sich mit Liebe paart, gibt sich dienend in die Welt hinein.
Dass sich im christlichen Kontext große diakonische und caritative Werke entwickelten, ist kein Zufall, sondern Auswirkung des Glaubens an Christus.
Luther beschreibt den Zusammenhang so: „Siehe, so fließet aus dem Glauben die Liebe und Lust zu Gott und aus der Liebe ein freies, williges, fröhliches Leben, dem Nächsten umsonst zu dienen.“

Damit liegt auf der Hand, warum Paulus auch die Hoffnung als dritte im Bunde führt. Denn solch ein Glaube, der in der Liebe tätig ist, der ist Hoffnung für diese Welt. Unsere Welt braucht genau diese Hoffnung, die gegründet ist im Glauben an Christus und stark in der Liebe. Denn dieser Glaube an Christus begrenzt sich selbst in der Liebe und überwindet so Grenzen zwischen Menschen.

Als das rechtsextreme Freie Netz Süd im vergangenen Jahr in Erkersreuth bei Selb Flugblätter verteilte gegen die Einrichtung einer Gemeinschaftsunterkunft, die angeblich von einem „Großteil der Erkersreuther verteufelt“ würde, setzten sich Oberbürgermeister Pötzsch zusammen mit den Kirchen an die Spitze einer Bewegung, damit ein Großteil der Erkersreuther Asylsuchende willkommen heißen. Das ist gelungen.

Vergangenen Freitag war ich in dieser Gemeinschaftsunterkunft, die seit April nun sukzessive belegt wird und ich kann bezeugen: Erkersreuth ist seit April reicher geworden, reicher an gelebtem Glauben, der sich in der Liebe zeigt und Hoffnung stiftet. Es ist gelungen, eine Welle der Hilfsbereitschaft auszulösen. Sachspenden, Deutschunterricht, Begleitung zum Arzt, Hilfe bei der Einrichtung des Hauses und vieles andere geschieht. Der Oberbürgermeister und ich saßen am Freitag Seit an Seit in Mitten eines großen Unterstützerkreises zusammen mit einer Mitarbeiterin der Diakonie, die in Kürze dort mit wenigstens fünf Stunden ihren Dienst als Asylsozialberatung aufnehmen wird. Dort sind Diakonie und Kirche und Politik gemeinsam offensiv. Sie bilden Netzwerk, in dem die im Glauben an Christus gegründete Liebe Hoffnung bringt.
Knüpft solche Netzwerke im ganzen Land. Die Situation in den Aufnahmelagern beginnt zu kollabieren. Erstaufnahmelager und Gemeinschaftsunterkünfte ja, aber nicht bei uns - diese Verweigerung ist wahrzunehmen; sie ist aber nicht im Sinne Christi. Ich bitte um offene Türen und Herzen für ein Aufnahmelager in Oberfranken. Es braucht eine Offensive der an Christus Glaubenden in jedwedem Verantwortungsstand:
Im Kabinett, in den Regierungen und Bezirken, den Landkreisen und Kommunen, in der Diakonie, der Kirchenleitung und den Kirchengemeindeleitungen.

Liebe Anwesende, die Flüchtlingsströme sind nur ein Beispiel für viele andere soziale Herausforderungen in unserer Gesellschaft. Die Liebe hört nicht auf – bei keinem Menschen, in keinem Bereich der Gesellschaft. Unsere menschliche Kraft ist begrenzt. Doch nicht die Kraft der Liebe Jesu Christi. An ihn glauben wir. Eine größere Hoffnung für diese Welt gibt es nicht. Amen.