Wiedereinweihung der Kirche "Zum Guten Hirten" in Erkersreuth

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner am 10. August 2014 zu Joh 10,11.14-16.27f

Liebe Festgottesdienstgemeinde!
Wir freuen uns über die Wiedereinweihung der Erkersreuther Kirche zum Guten Hirten. Passend zum Namen Kirche wähle ich als Grundlage der Predigt das neutestamentliche Bibelwort, in dem Christus zweimal von sich sagt: „Ich bin der gute Hirte“. Auch das Wandfresko geht auf dieses Bibelwort zurück, denn es stellt Christus als guten Hirten dar.

Hören wir aus Johannes 10. Christus spricht:
„Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.
Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich,
wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe.
Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird ein Hirte und eine Herde werden.
Meine Schafe hören meine Stimme und ich kenne sie und sie folgen mir;
Und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.“

Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Situation im Jahr 2008. Der neue Pfarrer der Gemeinde, Pfarrer Dr. Henkel, sollte in die Gemeinde kommen. Doch wenige Monate vor der Einführung wurde die Kirche geschlossen – aus Sicherheitsgründen. Das könnte man ja direkt persönlich nehmen. Doch Pfarrer Dr. Henkel interpretierte das genau richtig – als Chance; zumal die Kirche durch ihre letzte Renovierung viel von ihrer Botschaft eingebüßt hatte. Sie war ein Torso. Ihr fehlte der Kopf, der Chorraum, und damit auch ihr Leitbild, der gute Hirte. Denn bei der letzten Renovierung im Jahr im Jahr 1967 war der Chorraum zugemauert worden.
Das war die Zeit, in der Zentralräume für Kirchen modern waren. Nun - auch St. Gereon in Köln oder die Dresdner Frauenkirche sind berühmte kirchliche Zentralbauten. Doch die typische Kirchenform ist der Langbau, der den Blick richtet nach vorne auf den Chorraum mit Altar.

Schwierig war vor allem bei jener Renovierung, dass die Gemeinde den Eindruck haben musste: der Chorraum, also der Teil der Kirche, der symbolisch in besonderer Weise für die Gegenwart Gottes steht, der Raum, in dem sie Abendmahl empfangen hatte, der Raum, der durch das Wandgemälde von Christus sprach, wurde uns genommen. Das konnten viele Gemeindeglieder verständlicherweise nie akzeptieren. Nun ist dieser Raum wieder da. Das ist die erste und wichtigste Veränderung dieser Kirchenrenovierung.

Die zweite: Durch den wiedergewonnenen Chorraum wird der ganze Kirchenraum wieder gerichtet. Es entsteht ein Weg nach vorne. Man kommt durch die Tür aus dem Alltag, der Mensch tritt ein und geht Schritt für Schritt in Richtung der Symbole, die für unseren Glauben stehen. Der Weg nach vorne ist symbolisch gesehen ein Weg zu Gott. Jeder Kirchenraum hat seine Theologie. Jeder Kirchenraum – und insbesondere der Chorraum - spricht von Christus. Doch seit der letzten Renovierung standen die Bänke im Weg, die wie ein Riegel waren, wenn man die Kirche betrat. Nun stehen die Bänke nicht mehr durchgängig quer; man muss nicht mehr an der Wand entlang, um nach vorne zu kommen.
Wir Christen glauben, dass wir freien, direkten Zugang zu Gott haben. Das wird nun hier in der Kirche auch wieder symbolisch ausgedrückt. Der Weg vom Eingang nach vorne zum Ort der Wortverkündigung und Austeilung der Sakramente, eben zum Ort, an dem sich Gott uns in besonderer Weise schenkt – dieser Weg ist frei und unverstellt. Endlich ist auch wieder ein ordentlicher Einzug in die Kirche möglich; nicht nur bei einem Festgottesdienst wie heute. Auch Brautpaare können vom Eingang aus wieder zum Altar nach vorne schreiten. 
Diese Symbolik des direkten Zugangs zum nun wieder vorhandenen Chorraum mit Christusbild ist nicht zu unterschätzen. Dieser freie Zugang ist eine Botschaft an jeden Eintretenden: Ja, glaube es: Christus ist da für Dich. Du hast freien Zugang zu ihm. Geh zu ihm auf direktem Weg. Du bist willkommen bei ihm.

Und drittens: Die Mauer zwischen dem Kirchenraum und dem Chorraum verdeckte seit 1967 auch das Gemälde vom guten Hirten. Niemand weiß so genau, wann vor dem zweiten Weltkrieg dieses Wandgemälde aufgetragen wurde. Die künstlerische Qualität ist auch gewiss nicht herausragend. Nicht alle schätzen dieses Gemälde. Doch Menschen lieben nicht unbedingt das Perfekte, sondern das, was ihr Herz anspricht. Und dieser gemalte Gute Hirte erreicht das Herz vieler Menschen, weil eben der Gute Hirte das Urbild dessen ist, dass Christus uns durchs Leben führt. Er hat sich für uns hingegeben, damit wir leben. Der Gute Hirte ist Urbild der Fürsorge für uns – für unseren Leib und unsere Seele. Wenn wir verloren sind in Sorgen oder Schuld: Er  wird uns immer suchen und rufen und finden.

Wiedergewonnen sind Chorraum, freier Zugang zum Altar, Blick auf den guten Hirten; das sind die drei wichtigsten Strukturveränderungen dieser Renovierung. Außerdem konnten neue Prinzipalia erworben werden: Altar, Kanzel, Taufstein, Kerzenleuchter wirken leicht und sehr passend. Schön, dass durch diese transparente Glaskunst mit Schrift auch wieder Bibelworte zu lesen sind. Auch das ist eine Anknüpfung an die Zeit vor der letzten Renovierung. Die Erkersreuther Kirche ist nun schöner denn je.
Doch es gab auch für unsere Augen unsichtbare, wichtige Veränderungen. Als ich vor drei Wochen hier auf der Baustelle war, um einen Eindruck zu gewinnen, von dem, was ich heute einweihe, wurde ich an einer Stelle besonders dankbar für diese Renovierung und dachte mir: Ja, da war der gute Hirte am Werk: Draußen lagen noch Teile der früheren Tragbalken der Empore. Ich fasste ein solches Holzstück an, um es hochzuheben, da zerbröselte es buchstäblich in meiner rechten Hand. Es ist ein Wunder, dass trotz morscher Tragbalken, die Empore bis zur Schließung im Jahr 2008 in Belastungssituationen nicht einstürzte. Solch ein Einsturz bei einer Konfirmation oder an Weihnachten hätte viele Menschen zumindest schwer verletzt. Welch ein Segen, dass dieser Schaden in der Endphase der Renovierung noch entdeckt wurde. Stellen Sie sich vor: Wir weihen die Kirche und die Empore stürzt ein. Ich empfinde große Dankbarkeit für diese Bewahrung.

Diese Renovierung hat den Verantwortlichen vor Ort viel Durchsetzungsvermögen abverlangt. Die Kommunikation mit dem Landeskirchenamt war manchmal sehr mühsam. Ich danke allen vor Ort, insbesondere dem Kirchenvorstand mit Pfarrer Dr. Henkel aber auch Dekan Pröbstl in der Vertretungszeit für eingesetzte Kraft, Nerven und Geduld. Auch Dr. Seißer, OKR Dr. Hübner und OKR Völkel haben zum Fortgang beigetragen und geholfen.
Nun ist das Werk gelungen. Es ist wie nach einer schweren Geburt. Wenn sie hinter uns liegt, sind die Schmerzen bald vergessen. Das Kind ist da.
Viele von Ihnen haben zum Gelingen dieser Renovierung beigetragen strategisch die einen, handwerklich die anderen, wieder andere geistlich durch Gebet und sehr, sehr viele Menschen finanziell - durch kleine und große Gaben. Wer beigetragen hat, kann in doppelter Weise sagen: Das ist meine Kirche. Sie alle haben mit dieser Einweihung eine wunderschöne Kirche zurückgewonnen. Ich freue mich mit Ihnen über die Erkersreuther Kirche zum Guten Hirten.

Die Kirche wird offen sein tagsüber. Gehen Sie ruhig immer wieder hinein. Gehen Sie durch die Tür nach vorne durch den unverstellten Weg zum Chorraum mit dem sichtbaren Guten Hirten. Sprechen Sie dann still oder laut den 23. Psalm: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“
Wann immer Sie hier sind - erinnern Sie sich beim Blick auf das Fresko daran, dass Christus von sich sagt: „Ich bin der gute Hirte.“
Christus sagt übrigens nicht: Ich bin ein guter Hirte, sondern: Ich bin der gute Hirte. Viele trauen sich heute nicht mehr zu sagen: Ich glaube, dass Christus der Weg, die Wahrheit, das Leben ist und niemand zum Vater kommt als durch ihn. Doch ohne dieses Bekenntnis ist unser Glaube ein Torso, so wie es der Kirchenraum ein Weilchen war. Es fehlt ihm dann die klare Ausrichtung nach vorne auf Christus. Christus ist der gute Hirte. 
Ist denn das nicht intolerant, wenn wir Christen sagen, dass Christus der gute Hirte ist? Es heißt doch auch in der Bibel: „Prüfet alles und das Gute behaltet.“ Ja das steht auch in der Bibel, doch der Prüfstein, an dem wir alles prüfen sollen, ob es gut ist, ist Christus. Das, was seinem Willen, seinem Leben, seinen Worten entspricht, das ist gut für diese Welt. Was Christus nicht entspricht, seiner Liebe, seinem Weg der Versöhnung, führt weder zum guten Leben noch zum ewigen Leben.
Er, der gute Hirte, führt uns zum Leben und zum ewigen Leben. Er hat aus Liebe zu den Schafen, zu uns, sein Leben gelassen. Er ist am Kreuz gestorben, damit wir freien Zugang zum Vater haben.
Was bedeutet das für unseren Umgang mit anderen Religionen? Erstens, dass wir diesen Religionen Achtung entgegen bringen und allen Menschen mit nicht endender Liebe entgegentreten sollen. Zweitens, dass wir die Lehre der anderen Religionen daran prüfen, ob sie dem entsprechen, was Christus uns gelehrt hat. Drittens, dass wir Menschen einladen zum Glauben an den guten Hirten Christus – nicht aus einer Konkurrenzhaltung gegenüber anderen Religionen, sondern aus Freude über unseren Guten Hirten.
Der christliche Glaube ist klar profiliert und liebevoll zugleich. Manche kippen auf der einen oder auf der anderen Seite vom Pferd. Der Weg, den unser Hirte uns führt – gerade im Umgang mit anderen Religionen - ist ein ganz besonderer: Je mehr wir uns an Christus halten, desto profilierter christlich und desto liebevoller gegenüber Menschen anderer Religionen werden wir sein.
Wenn wir dem guten Hirten Christus folgen, ist es keine Frage, dass wir den Muslimen in der Erkersreuther Asylbewerberunterkunft mit Respekt, ja mit Liebe begegnen. Ich danke allen, die sich engagieren und Zeichen gesetzt haben und setzen. Die Erkersreuther helfen vorbildhaft. Die Muslime dort brauchen unsere menschliche Liebe genau wie die Christen. Die Christen, freilich, gilt es darüber hinaus in unsere christliche Gemeinschaft hineinzunehmen. Sie sind unsere Brüder und Schwestern im Glauben – egal ob sie evangelisch, katholisch oder orthodox sind! Durch die Liebe zu allen Menschen zum einen und zum anderen durch die Gemeinschaft, die wir Christen untereinander pflegen, sind wir einladend für Zweifelnde, Suchende und sogar für Menschen anderer Religionen. Das soll so sein.
Wir blicken gegenwärtig mit Entsetzen auf die Ereignisse im Irak. Jesiden und Christen werden dort von extremistischen Islamisten grausam getötet oder vertrieben. Endlich schreien viele dagegen auf. Auch schon vor diesen Ereignissen waren Christen die meistverfolgte Religion der Welt. Viele Christen hatten fast eine Hemmung öffentlich für verfolgte Christen einzutreten aus Furcht dabei antimuslimisch zu wirken. Doch das ist verkehrt.
Bei unserem notwendigen Eintreten für verfolgte Christen ist freilich wichtig, dass wir selbst nicht in Abneigung gegenüber Menschen anderen Religio-nen verfallen - Abneigung ist die kleine Schwester des Hasses - sondern dass wir auf dem Weg, den Christus uns weist, bleiben; und das heißt in der Liebe zu allen Menschen. Nur dann folgen wir ihm und bleiben glaubwürdig als Christen.
Unser Christushirte hier in der Kirche sieht nicht aus wie ein Siegertyp. Doch wir glauben: Seine Hingabe, seine Erlösung, sein Weg der Liebe wird siegen und führt zum Ziel. Es gibt keinen anderen Weg zu lebenswertem Leben. Er ist der gute Hirte, der uns zum Leben und zum ewigen Leben führt.  Amen.