Gottesdienst anlässlich 50 Jahre Promulgation des Dekretes Unitatis Redintegratio

Rede von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner am 21.11.2014 im Bamberger Dom

Das Johannesevangelium erzählt uns, dass Jesus gebetet hat: „Ich bitte … nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.“

Liebe Schwestern und Brüder!

Am 28. Oktober 1958 wurde Kardinal Roncalli zum Papst gewählt. Als Papst Johannes XXIII. hatte er die durch Gottes Geist geschenkte und im Gebet gefestigte Sehnsucht nach Einheit im Herzen. Es war beim Abschluss der Gebetswoche für die Einheit der Christen – knapp drei Monate nach seiner Wahl – da kündigte er ein Konzil mit ökumenischer Ausrichtung an. Die anwesenden Kardinäle sollen darauf mit Schweigen reagiert haben.
Schließlich galt bis dahin die Linie von Pius XI. 1927 hatte die erste Weltkonferenz „Glaube und Kirchenverfassung“ in Lausanne getagt, die später eine ständige Kommission des Ökumenischen Rates der Kirchen werden sollte. Bereits ein Jahr später kritisierte Pius XI. mit der Enzyklika Mortalium Animos solche „panchristlichen“ Bestrebungen scharf.

Daher markierte das Ökumenismusdekret eine echte Wende. Es beginnt mit den Worten: „Die Einheit aller Christen wiederherstellen zu helfen ist eine Hauptaufgabe des Heiligen Ökumenischen Zweiten Vatikanischen Konzils.“ Dieses Ziel konkretisierte sich bereits im Setting des Konzils selbst: Offizielle Beobachter als Gäste aus der Orthodoxie, der Anglikanischen Kirche usw. wurden zum Konzil eingeladen. Sie erhielten alle Konzilsunterlagen und wurden ausdrücklich gebeten, Verbesserungsvorschläge einzureichen, was sie auch taten.
Edmund Schlink, Evangelischer Theologieprofessor, war der gewählte Sprecher aller Konzilsbeobachter. Freimütig äußerte er: Die Haltung, „dass die einzig wahre Kirche Gottes die römisch-katholische Kirche sei“ wäre eine Wiederholung der Gegenreformation und würde zwangsläufig zur Entfremdung von orthodoxen und evangelischen Christen führen.
Das wurde gehört. Die Kirchen-Konstitution des Konzils „Lumen gentium“ setzte nicht mehr einfach die Kirche Jesu Christi mit der römisch-katholischen Kirche gleich in einer „ist-gleich-Formulierung“, sondern sagte, dass sich die Kirche Jesu Christi in ihr verwirklicht (subsistit). Sie verneint diese Verwirklichung für andere Kirchen nicht ausdrücklich. Die Tür zum Dialog war offen.

Das Ökumenismusdekret des Konzils erwähnt ausdrücklich andere Kirchen und christliche Gemeinschaften. Dass es überhaupt Kirchen im Plural gibt, dass es „Elemente des Heils“ außerhalb der katholischen Kirche gibt, dass von getrennten Brüdern und nicht von Häretikern gesprochen wird, ist der Ton, der sich durchhält.
Nicht zu unterschätzen ist die Aussage, dass es Hierarchien von Wahrheiten gebe. D.h. nicht in allen Details muss erst Übereinstimmung sein, um Einheit zu haben. Vielfalt und Einheit sind keine Gegensätze mehr. Die ökumenische Bewegung wird ausdrücklich gelobt.
Nach dem Konzil wird die katholische Kirche zwar nicht Mitglied im Ökumenischen Rat der Kirchen, aber Vollmitglied in der vorhin erwähnten Kommission „Glaube und Kirchenrecht“.
In Folge des Konzils blüht die Ökumene auf – auch in anderen Konfessionen. Ökumenische Bibelkreise entstehen, ökumenische Schulgottesdienste werden fast überall eingeführt, ökumenische Gottesdienste sind bestbesucht. Das Feuer der Einheitsfreude brennt in vielen Herzen.

Seither haben wir in der Ökumene so viel von einander gelernt: Von den Orthodoxen die Schönheit der Gesänge und die Feier der Heilsgeschichte im Gottesdienst,
von den Katholiken die Festlichkeit von Liturgie und guter Ordnung,
von den Methodisten Vertrauen auf die vorauseilende Gnade und stete Einübung in die Heiligung,
von den Anglikanern ihre unglaubliche Weite, sowohl hochkirchlich-katholische wie auch basiskirchlich-reformierte Richtungen in ihrer Kirche zu vereinen,
und von Lutheranern – das müssen Sie sagen.

Jedenfalls sind seit dem Konzil die Konfessionen miteinander auf dem Weg: 1982 wurde von besagter Kommission Glaube und Kirchenverfassung, die sogenannte Limaerklärung zu Taufe, Eucharistie und Amt verabschiedet, unterschrieben u.a. von allen fünf hier im Gottesdienst beteiligten Konfessionen.
Im Jahr 2007 erklärten – unter Rückgriff auf Lima – 11 Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland, darunter wieder die fünf hier beteiligten Konfessionen, die wechselseitige Anerkennung der Taufe.
Was die offizielle Abendmahlsgemeinschaft bisher hemmt, ist das unterschiedliche Amts- und Kirchenverständnis. Doch auch hier wurde nach vielen weiteren guten Konsenspapieren nun im Jahr 2013 von der Kommission „Glaube und Kirchenverfassung“  die Studie: „Die Kirche: Auf dem Weg zu einer gemeinsamen Vision“ verabschiedet.
Das Material wäre da. Doch der Kairos wohl noch nicht. Es braucht an verschiedenen Schlüsselstellen begabte Menschen wie Johannes XXIII., in denen die Sehnsucht nach der von Christus erbetenen Einheit brennt. In allen Kirchen muss der Wille zur Einheit stärker werden als kirchlich-theologische Selbstverliebtheit und Selbstverteidigung oder Angst vor Identitäts- oder Machtverlust. Verletzungen aus diesen Haltungen sind genügend geschehen. Gott möge uns vergeben;  und wir einander auch – was immer wir gegeneinander noch im Herzen haben sollten.
Wir sind unterwegs. Hier in der Region haben wir seit Jahren eine regelmäßig tagende Kontaktgruppe zwischen Erzdiözese und Kirchenkreis; alle zwei Jahre ein Delegationstreffen mit Erzbischof und Regionalbischöfin; ökumenische Vereinbarungen zwischen Gemeinden und so viele Selbstverständlichkeiten in der Zusammenarbeit, wie sie noch vor 50 Jahren unvorstellbar waren. Dass wir beispielsweise schon zweimal und auch in Zukunft die Alltagsexerzitien ökumenisch durch-führen, in Diözese bzw. Kirchenkreis, ist für mich und für sehr viele ein große Freude.
Zufrieden sollen wir aber noch nicht sein. Unser Ziel muss sein, dass alle christlichen Konfessionen mit offizieller Befürwortung ihrer Kirchen gemeinsam Abendmahl feiern. Dann erst ist das – vom Ökumenismusdekret im ersten Satz benannte – Ziel der vollen Kirchengemeinschaft erreicht. Ich ersehne sie mit jeder Faser meines Herzens. In meinen Augen kann dies eine Kirchengemeinschaft sein –  nicht unter dem Papst, aber mit dem Papst – in Freude an der Vielfalt der Kirchen und zugleich mit formulierter Einheit in den Grundwahrheiten. Christus will – und die Welt braucht unser gemeinsames Zeugnis, damit die Welt an Christus glaube und Versöhnung findet.

Die Gebetswoche um die Einheit der Christen war für Johannes XXIII. ein die Sehnsucht und die Entschlossenheit stärkender Ort. Lassen wir bitte diese Gebetswoche und das Gebet für die Einheit nicht einschlafen. Wie lange der Weg zur vollen Einheit auch dauert – unsere Hoffnung gewinnt in dem Maß an Kraft, in dem wir auf Christus sehen, der für sie betet. Beten wir mit ihm und arbeiten wir für die Einheit aller Christen in seinem Namen. Amen.