Jahresgottesdienst der Seelsorge-Stiftung Oberfranken zum Thema Gefängnisseelsorge

Ansprache von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner am 22.11.2014 in der St. Michaeliskirche, Hof

Liebe Gottesdienstgemeinde!

Zuerst ein herzlicher Dank. Lieber Regionalbischof i. R. Christian Schmidt, nach dieser Predigt bin ich umso dankbarer, dass Du meine Einladung und Bitte heute beim Jahresgottesdienst der Seelsorgestiftung zu predigen angenommen hast. Danke für Deine sensible, theologisch und menschlich weiterführende Predigt.
 
Auf den Kirchenjahrestag genau vor vier Jahren, nämlich ebenfalls am Samstag vor dem Ewigkeitssonntag 2010, wurde die Seelsorgestiftung Oberfranken gegründet. Das vordringliche Ziel der Stiftung war und ist es, die Telefonseelsorge Bayreuth zu unterstützen.
Darum kurz einige Worte zu diesem Ziel: Die Telefonseelsorge Bayreuth hat zwar in Bayreuth ihren Sitz, doch dort rufen Menschen in Not an aus Hof, Naila, Münchberg, Selb – aus der ganzen Region Mitte und Ostoberfrankens.
Gut 50 dazu ausgebildete Ehrenamtliche üben den Dienst der Telefonseelsorge aus. Für die Aus- und Fortbildung und die Begleitung der Ehrenamtlichen braucht es mindestens eine halbe Pfarrstelle.  Gerade jetzt im November hat ein Kurs mit 11 zukünftigen Mitarbeitenden begonnen, die nun in Wochenend– und Abendseminaren eineinhalb Jahre lang ausgebildet werden.
Bisher finanziert neben unserer Landeskirche der Dekanatsbezirk Bayreuth größtenteils die halbe Pfarrstelle. Das ist nicht gerecht, denn die Arbeit der Telefonseelsorge versorgt - wie benannt - eine weit größere Region. Die Stiftung liefert sozusagen den Beitrag aus der Region. Im Jahr 2012 konnten wir immerhin 5000 Euro zur Finanzierung der Stelle beitragen und 2013 sogar 7500 Euro. Wir hoffen, wir schaffen dies auch heuer – durch Spenden, Kollekten und Ausschüttungen aus dem Grundstock der gegenwärtig knapp 200.000 Euro umfasst. Wir wollen dieses Jahr die 200.000 Euro-Marke knacken.
Wir bitten um kleine und große Spenden, gerne auch um Zustiftungen und/oder um Ihre Gabe am Ausgang nach Ende des Gottesdienstes.

Heute werden Ihre Gaben am Ausgang geteilt: Zur einen Hälfte werden sie dem Grundstock der Seelsorgestiftung zugeführt, mit dessen Ausschüttung die Telefonseelsorge unterstützt wird.
Die andere Hälfte wird der Gefängnisseelsorge im Kirchenkreis zu Gute kommen.

Ziel der Seelsorgestiftung ist zwar zunächst primär die Telefonseelsorge, doch dann auch die Unterstützung aller anderen wichtigen Bereiche der Seelsorge.  Bei unseren alljährlichen Gottesdiensten wählen wir je einen Bereich der Seelsorge aus; heute ist dies eben die Gefängnisseelsorge.
Unsere evangelischen Seelsorger und Seelsorgerinnen – natürlich in guter ökumenischer Kooperation mit katholischen Kollegen – begleiten Gefangene und das Personal in den Gefängnissen Bamberg, Ebrach, Bayreuth, Hof und Kronach mit insgesamt ca. 1800 Haftplätzen.
Seelsorge geschieht im Stillen. Wer denkt schon an die Gefängnisseelsorge?! Sie geschieht ja – das gehört ja zum Arbeitsfeld – im doppelten Sinne „hinter verschlossenen Türen“. Gerade darum ist sie so wichtig für die Betroffenen. Unsere Seelsorger hören dabei einiges, was noch in keiner Akte steht und stehen wird und doch endlich ausgesprochen wird – vor Mensch und Gott.

Gerade geht ein „Fall“ durch die Presse, der viele Menschen bewegt, weil zwei Neugeborene ihr Leben lassen mussten und einige in der Region die angeklagte Mutter kennen. Am Mittwoch soll das Urteil gesprochen werden. Für etliche unter uns ist dieser Prozess im Hinterkopf oder sogar vor Augen – wenn heute Gefängnisseelsorge unser Thema ist. Wir merken, wie nahe uns doch diese ferne Welt des Gefängnisses kommen kann. Und wir ahnen, wie notwendig es ist, dass Gefängnisseelsorger da sind, die sich eingeübt haben und stetig einüben in eine evangelische Grundunterscheidung: Die Unterscheidung zwischen Person und Werk, zwischen Täter und Tat.
Ethisch werden wir alle Taten ablehnen müssen, durch die Menschen hinter Gittern kommen. Wir können froh sein und ich bin von Herzen dankbar für unsere Rechtsprechung und unseren Rechtsstaat, der Unrecht verfolgt, bestraft und verhindert.
Ohne das eben Gesagte einzuschränken, gilt auch das andere: Jeder Täter, jede Täterin bleibt Ziel der Liebe Gottes. Christus ist gerade für die gekommen, die schuldig geworden sind und zu denen, die Opfer geworden sind. Seine Liebe gilt beiden.
Von keiner Seite gilt es vom Stuhl zu fallen: Wir brauchen zum einen Liebe die kein Ende hat – auch und gerade weil sie Schuld beim Namen nennt, um aus ihr zu erlösen -, und wir brauchen zum anderen auch Gerechtigkeit, die klare Grenzen zieht, ein Urteil spricht und umsetzt, um den Frieden zu erhalten. Beides brauchen wir, weil nur durch Liebe unser Leben lebenswert bleibt und nur durch Gerechtigkeit ein Staatswesen intakt bleibt. Mein Dank gilt allen in der Justiz und der Polizei und in den Gefängnissen, die so dem Leben in Frieden dienen.

Zurück zur Seelsorgestiftung. Die Stiftung unterstützt die Seelsorge und etliche Kirchengemeinden unterstützen die Arbeit der Seelsorgestiftung sehr treu; sie machen auf unsere Arbeit aufmerksam, indem sie Flyer der Stiftung in Gemeindebriefe einlegen oder eine gottes-dienstliche Kollekte erheben. Eine der Gemeinden wird nachher beim Empfang durch Los ermittelt und einen Gewinn erhalten. Staatsminister Dr. Bausback wird beim Empfang die glückliche Gemeinde per Los ermitteln.
Es ist uns eine besondere Ehre und Freude, dass Sie, lieber Herr Staatsminister Dr. Bausback gekommen sind, gewiss nicht nur für diese ehrenvolle Aufgabe beim Empfang, sondern auch um uns Ihre Sicht auf die Seelsorge in Justizvollzugsanstalten in Ihrem Grußwort darzustellen. Sie sind seit Oktober 2013 im Kabinett – Gott sei Dank für Sie erst gegen Ende der Kritikwelle wegen des Falles Mollath. Gerade aber dieser Fall hat gezeigt, wie viel Weisheit und Standing, Verfahrensklarheit und Kommunikations-fähigkeit – besonders im Ernstfall – zu Ihrem Amt gehören. Gott möge Ihnen das alles weiterhin schenken. Ich danke Ihnen für Ihr Kommen und bin selbst freudig gespannt auf Ihre kurze Rede.
Sie haben das Wort.