"Damit aus Fremden Freunde werden" Empfang für Haupt- und Ehrenamtliche am 16.01.2015

Dank von Regionalbischöfin Dr. Greiner an die Rednerin und dann an die Ehren- und Hauptamtlichen in der Flüchtlingsarbeit

Sehr geehrte, liebe Frau Staatsministerin!

Danke für Ihre wertschätzenden Worte für alle Engagierten in der Flüchtlingsarbeit.
Ich danke Ihnen, dass ich von Ihnen seit Amtsantritt nie ein abfälliges Wort über Flüchtlinge gehört habe und erinnere daran, dass sogleich nach Ihrem Amtsbeginn die Essenspakete abgeschafft wurden. Ihr Ministeramt ist gegenwärtig wohl das aufreibendste. Ich wünsche Ihnen von Herzen alle Weisheit und Kraft, die Sie brauchen, damit es Ihnen gelingt, die großen Herausforderungen im Jahr 2015 strategisch und organisatorisch zu bewältigen.
Eine einzige Bitte möchte ich Ihnen auf den Weg mitgeben: Die Zulassung von Flüchtlingen zum Arbeitsmarkt ist zum neuen Jahr etwas erleichtert worden. Trotzdem dürfen Flüchtlinge in vielen Arbeitsbereichen nur nachrangig zu Deutschen oder EU-Bürgern einen Arbeitsplatz erhalten. Faktisch sind die Vorrangprüfung und die Arbeitsmarktprüfung eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für unsere ohnedies überlasteten (!) Behörden und ein Verhinderungsmechanismus für unsere Wirtschaft angesichts unserer historisch niedrigen Arbeitslosenzahlen. Überlassen Sie es doch bitte den Unternehmern, wen sie einstellen. Wenn ein geeigneter deutscher Bewerber da ist, werden die Unternehmer sowieso den Muttersprachler nehmen. Gerade unser Kirchenkreis mit seiner besonderen Belastung durch den demographischen Wandel ist auf qualifizierte Arbeitskräfte von außen dringend angewiesen.
Liebe Staatsministerin Müller vor allem aber sollen Sie wissen, dass Sie uns in dieser immensen Herausforderung kooperierend an Ihrer Seite haben.

Und nun: Liebe Haupt- und Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit!
Das Spektrum ehrenamtlicher Flüchtlingsarbeit ist riesig. Etliche von Ihnen begleiten persönlich einzelne Flüchtlinge in Patenschaften. Dazu gehören kleine Dinge, die sich doch zeitlich summieren und für den Flüchtling große Bedeutung haben, wie das Besorgen eines bestimmten Tees, die Begleitung zum Arzt oder zur Ausländerbehörde.
Andere gehen in die Asylbewerberunterkunft und machen Brettspiele und Kartenspiele mit Bewohnern und Bewohnerinnen oder bringen sie in die Räume der Kirchengemeinde zu solchen Spielen und zu möglichst vielen Gemeindeveranstaltungen.
Manche holen Flüchtlinge ab in unsere Gottesdienste, setzen sich neben sie und übersetzen Wichtiges leise auf Englisch.
Andere sorgen dafür, dass Flüchtlinge Teil der Fußballmannschaft oder des Bowlingteams werden.
Freundliche Begegnung ist das Lebenselixier schlechthin für uns und erst recht für die, die so viele Beziehungen hinter sich lassen mussten und nun vereinzelt sind. Ich danke Ihnen als Beziehungsstiftern.

In unbezogenen Betten schlafen, während die eine Garnitur trocknet? Handtücher fehlen, warme Pullover und warme Schuhe, Shampoo und Duschgel. Gott sei Dank bringen unsere Bürger derlei um zu helfen. Doch es braucht Menschen, die diese Dinge annehmen, sortieren, ausgeben. Danke für diese logistische, diakonische Arbeit.

Inzwischen fördert unser Staat endlich die Deutschkurse stärker. Doch in ländlichen Regionen und peripheren Lagen – und das sind weite Teile unseres Kirchenkreises – geht gar nichts ohne unterrichtende Ehrenamtliche. Solche Ehrenamtliche brauchen nicht nur die Fähigkeit Deutsch zu unterrichten, sondern auch große Frustrationstoleranz und Geduld in Sachen Disziplin, eben Verständnis für andere Kulturen. Danke für Ihre effektive Integrationsarbeit!

Und dann gibt es Menschen, die mitten in ihrem Beruf Dinge tun, die andere lassen würden. Erzieherinnen, die in ihrem Dienst alles dafür tun, dass die syrischen Kinder im Kindergarten integriert werden. Mitarbeiter der Regierung, die sich auch nach Dienstschluss überlegen, was helfen könnte. Der Präsident und Richter im Verwaltungsgericht, die sich die Zeit nehmen, Mitarbeitende der Asylsozialberatung zu informieren über die rechtsförmigen Verfahren und sich ihren Fragen stellen. Menschen, die in ihrem Beruf mehr tun als sie müssten für die Flüchtlinge, sind auch Ehrenamtliche, die zu ehren sind.

Menschen, die helfen, dass dezentrale Wohnungen gefunden und eingerichtet werden; Menschen, die internationales Kochen veranstalten, sodass die Fremden uns bewirten mit Köstlichkeiten; Menschen, die im Advent eine Adventskranz und im Frühling einen Blumenstrauß ins Asylbewerberheim bringen, die auf vielfältigste Weise zeigen: Ihr Flüchtlinge, Ihr seid uns willkommen – Sie alle helfen den Flüchtlingen; und Sie helfen damit unserer Gesellschaft, weil Sie so auch Ihr Umfeld verwandeln, Ihren Freundeskreis, Ihre Kommune. Die Menschen nehmen wahr, was Sie tun, wo und wie Sie Ihr Gesicht zeigen. Ihre Zivilcourage ermutigt andere.
Liebe Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit. Das waren nur Beispiele. Sie alle bewirken – nicht nur in meinen Augen – ich glaube auch in Jesu Augen - unendlich viel. Ich danke Ihnen für Ihren großen Einsatz von ganzem Herzen.

„Wenn das ehrenamtliche Engagement so groß ist, dann brauchen wir doch gar nicht so viel Hauptamtliche in der Asylsozialarbeit“ – wer das denken sollte, hat keinen Schimmer von der Situation. Erstens braucht es noch viel mehr Ehrenamtliche, die mithelfen. Zweitens brauchen diese Ehrenamtlichen Hauptamtliche, die sie anleiten, auch mal übersteigerten Idealismus bremsen und Kenntnisse vermitteln. Ich danke den Hauptamtlichen dafür, dass sie das tun. Denn ihr Zeitbudget enthält kein Kontingent für die Begleitung von Ehrenamtlichen.
Eigentlich war geplant, dass jeder Asylsozialberater zuständig ist für die Begleitung von 150 Flüchtlingen. Das ist eh schon zu viel. Doch inzwischen sind wir in Bayern bei einer Relation von 1 zu ca. 260. Ich danke Ihnen mit beschwertem Herzen, weil Ihre Arbeit zu schwer ist. Die Quote ist unmenschlich für Sie und die Flüchtlinge. Sie sehen so unendlich viel Leid, sie können Einzelnen helfen, doch oft sind Ihnen die Hände gebunden. Diese Ohnmacht auszuhalten kostet Kraft.  – Ich danke Ihnen, dass Sie trotzdem in diesem Berufsfeld bleiben. 
„She ist my Mama“ sagte ein ca. 40-jähriger Mann mit Narben überall im Gesicht über eine 25-jährige Asylsozialberaterin. „Because you are here, there is a light in my life“ sagte eine Frau im Status der Duldung und schaute dabei ihre Beraterin an. Ja, das sind Sie: mama and papa and light - and match to light a candle  – und dabei sind Sie selbst doch nur ein Mensch. Ich danke Ihnen, dass Sie da sind, dass Sie diesen Dienst tun und dass Sie ihn mit Liebe tun.
Ich danke Haupt- und Ehrenamtlichen. Möge Christus Ihnen alle Kraft geben, die Sie brauchen.

Ich schließe mit einer Geschichte. Sie ist eine Mutmachgeschichte, die Kraft unseres christlichen Glaubens zum Einsatz zu bringen. Ich danke allen Ehrenamtlichen, die dies tun und natürlich auch jener Ehrenamtlichen, die mir diese Geschichte erzählt hat. Sie ist übrigens unter uns.

„Sonntagnachmittag im Jugendraum: Mittendrin im bunten Leben, zwischen lebhaften Tischtennis–Partien und lautstarkem Kicker–Turnier, zwischen konzentriertem Schachspiel und lustigen Kartenrunden, zwischen farbenfrohen Bastelpapieren und Malstiften… sitzt auf dem Sofa Gigine. Und weint. Warum?
Sie spricht armenisch und russisch – beides beherrsche ich nicht.
Ich setze mich neben sie und halte sie lange im Arm. Sie weint weiter.
Ich wusste, dass sie Christin ist, beginne zu beten und spreche die Worte langsam und leise in ihr Ohr. Sie will mich unterbrechen, rüttelt an meiner Hand und bedeutet mir, dass sie mich nicht verstehen könne. Ich spreche das Gebet zu Ende. Amen.
Da horcht sie auf. Das hat sie verstanden. Sie hält inne, beruhigt sich allmählich  – und nach einer Weile beginnt sie, zaghaft zu sprechen. Amen.
Mitten in dem ganzen Trubel spreche ich den Aaronitischen Segen leise in ihr Ohr und mache ein Kreuzzeichen auf ihre Stirn. Amen.
Sie wird ruhig. Still und aufmerksam betrachtet sie lange eine Wand des Jugendraums. Dort hängen von Kindern bunt bemalte quadratische Keramikfliesen, mit Bildern und Symbolen unserer Kirche. ‚Du bist wertvoll‘ war das Thema des Kinderbibeltags, bei dem sie entstanden sind.
Seit diesem Abend hängen zwei weitere quadratische Objekte dort: Auf buntem Papier ein Scherenschnitt sowie ein handschriftlicher Text, wohl ein Gebet, in armenischen Schriftzeichen. In der Mitte auf jedem der Blätter: ein Kreuz.“

Eine wichtige Geschichte von vielen. Ich danke Ihnen allen, dass sie geschehen.