Grußwort zur Eröffnung am "Pflegetruck" von Diakonie und Caritas in Bayreuth

Grußwort der Regionalbischöfin zur Eröffnung am "Pflegetruck" von Diakonie und Caritas in Bayreuth am 15. Mai 2015

Sehr geehrter Herr Weihbischof Gössl,
sehr geehrter Herr Landtagsabgeordneter Imhof,
sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Dr. Kuhn als meine drei Mitgrußwortredner!

Sehr geehrte Frau Staatssekretärin Kramme und sehr geehrter Herr Bundestagsabgeordneter Koschyk!
Sehr geehrte Landessynodale
Sehr geehrter Herr Dekan Peetz!
Sehr geehrter Herr Löbl (Vorsitzender des Verwaltungsrates der Diakonie)!
Sehr geehrte Frau Hellbach (1. Vorsitzende des Caritasverbands Bayreuth e.V.)!

Sehr geehrte, liebe Mitarbeitende aus Diakonie und Caritas,
liebe Anwesende!

Der Pflegetruck fährt durch bayerische Lande – für Diakonie und Caritas und vor allem für die Menschen und die Zukunft unseres Landes. Diakonie und Caritas fahren gemeinsam und stehen hier bewusst Seite an Seite für 100 Prozent liebevolle Pflege. Das ist unser Ziel.
Wir sehen eine riesengroße Herausforderung für die Zukunft unseres Landes: Es gilt den angebrochenen Pflegenotstand in unserem Land zu beheben. Unsere Forderung scheint sehr plakativ: Mehr Personal, mehr Zeit, mehr Geld. Doch warum sollen wir um den heißen Brei herumreden, wenn der Topf schon lange überläuft?

Erstens – mehr Personal:
Der Bundesverband der privaten Anbieter in der Pflege mahnt: Um den personellen Pflegenotstand im Jahr 2030 zu verhindern, muss ab sofort jeder dritte Absolvent jeder weiterführenden Schule einen Beruf im Pflegebereich ergreifen. Diakonie und Caritas zeichnen das Bild nicht ganz so dramatisch, doch dramatisch genug. Ihnen zufolge müsste jeder vierte Absolvent diesen Weg gehen.
Schon jetzt gibt es einen gravierenden personellen Engpass. Doch es ist abzusehen, dass die hohen anstehenden Ruhestandsjahrgänge des Pflegepersonals und das Anwachsen der Anzahl Pflegebedürftiger zu einem hohen Personalbedarf kumulieren werden.
Aber um junge Menschen zu bewegen, den Pflegeberuf zu ergreifen, muss er auch eine gewisse Attraktivität haben. Dazu komme ich im dritten Punkt.

Nun erst der zweite – mehr Geld:
Die Regierung hat dankenswerter Weise zu Beginn diesen Jahres den Beitrag der Pflegeversicherung um 0,5 Prozentpunkte erhöht. Gefordert aber war von der Diakonie sehr dezidiert mindestens ein Prozent – nur um den gegenwärtigen Stand in der Pflege zu halten, nicht um ihn zu verbessern. Ich meine, dass die Bereitschaft der Menschen in unserer Gesellschaft vorhanden gewesen wäre, den Schritt einer einprozentigen Erhöhung mitzugehen. Denn sie nehmen diesen Notstand wahr – es geht um den eigenen Großvater, die eigene Mutter und schließlich auch um die eigene Zukunft. Jeder weiß, dass er älter werden wird. Gehetzte Pflegekräfte, die noch dazu der Deutschen Sprache kaum mächtig sind, können nicht unser Ziel sein.

Drittens – mehr Zeit:
Liebevolle Zuwendung braucht Zeit. Nur mit dem Bürokratieabbau in der Pflege ist es nicht getan. Aber Bürokratie ist zweifellos ein zeitfressender Faktor. Das gegenwärtige Qualitätsmanagementsystem taugt nicht. Es bedarf der grundlegenden Überarbeitung.
Liebevolle Pflege braucht nicht nur Personal und Geld. Liebe braucht Zeit.

Ich danke allen haupt- und nebenamtlichen Mitarbeitenden in der Pflege von ganzem Herzen. Viele sind in diesen Beruf gegangen, weil es ihnen wichtig ist, mit Menschen zu arbeiten und sich diesen Menschen zuzuwenden. Viele Mitarbeitende – so weiß ich es aus Gesprächen mit ihnen – leiden daran, dass sie gerade für diese Zuwendung zu wenig Zeit haben. Die Mitarbeitenden in der Pflege verdienen unsere hohe Anerkennung für das hohe Niveau in der Pflege, das wir in unserem Lande haben, weil die Mitarbeitenden ihren Idealismus nicht verloren haben und Menschen sich oft über ihre Kräfte einsetzen. Doch wir sollten diesen Idealismus nicht ausnutzen, sondern unterstützen und fördern, denn unsere Gesellschaft braucht ihn. Darum unsre Forderung: Mehr Personal, mehr Geld, mehr Zeit.

Zuletzt: Bei meiner letzten Begegnung mit den Krankenhausseelsorgern des Kirchenkreises Bayreuth vor wenigen Tagen bin ich sehr erschrocken. Sie erzählten unisono, dass das Personal im Krankenhausbereich immer stärker der Seelsorge bedarf – nicht nur die Patienten. Das Personal sei inzwischen so sehr angespannt und zeitlich unter Druck, dass viele diese strukturellen Belastungen kaum noch aushielten. Mir ist deutlich geworden, dass wir im Krankenhausbereich und im Bereich der Pflege analoge Entwicklungen in unserer Gesellschaft erleben. Gleiche Leistung soll durch immer weniger Menschen erreicht werden. Oder höhere Leistung soll durch die gleiche Anzahl von Menschen erreicht werden. So geraten Menschen an die Grenzen ihrer Kräfte. Es ist zweifellos richtig und notwendig, Effizienz und Effektivität, Quantität und Qualität zu optimieren. Doch wenn man diese Optimierungsbestrebungen überreizt, erreicht man das Gegenteil. An diesem Punkt sind wir längst.

Es ist die Frage, was zählt in unserer Gesellschaft: Das Geld, das im Kasten klingt, oder die Liebe, die wir einander geben?! Das eine ist nicht immer gegen das andere auszuspielen. Wir müssen in einer funktionierenden Wirtschaft leben. Doch ohne Liebe, ohne Zeit zur Zuwendung ist alles nichts. Darum: Setzen Sie sich mit uns ein für 100% liebevolle Pflege.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Dr. Dorothea Greiner
Regionalbischöfin