10-jähriges Jubiläum der Hospiz-Akademie Bamberg am 15.05.2012

Grußwort von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner
in der Hospiz-Akademie Bamberg
am 15.05.2012

 
Lieber Bruder Schick,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Starke,
sehr geehrte Herren Ermold (Akademieleiter)/Ensner,
sehr geehrte Damen und Herren!

Vor wenigen Wochen war ich bereits hier in der Akademie, um kennenzulernen, wofür ich mein Grußwort verfasse, denn allgemein über „Bildung zu Tod und Sterben“ lässt sich viel sagen, zumal Tod und Sterben selbst bildet, eine Schule des Menschseins ist. Es war mir eine Freude mit Herrn Dr. Cuno, Herrn Göller, Herrn Ermold, Pfarrer Spaeter, den pastoralen Teams und zuvor auch mit Ihnen, lieber Herr Frauenknecht zu sprechen. Ich wollte wissen: für wen spreche ich da ein Grußwort, was prägt diese Akademie, was feiern wir hier, wenn wir das 10-jährige Jubiläum dieser Akademie begehen?

Vieles war mir eindrücklich bei meinem Besuch.

Zehn Gründe zu feiern möchte ich nennen – und ich bin gewiss, dass viele hier im Raum noch weit mehr hinzufügen können:


1. Das Besondere dieser Akademie ist, dass sie in einem Netzwerk arbeitet, von ihm lebt und es selbst bereichert. Die Sozialstiftung, darin insbesondere die Palliativstation, der Hospizverein, die Akademie, Kirchen, Privatpersonen bilden ein Netz, das auffängt: Sterbende und Familienangehörige, Pflegepersonal und Ärzte.

2. Das Besondere dieser Akademie wird auch von der Besonderheit der Palliativstation geprägt. Die Palliativstation – selbst Teil der Klinik – ist nicht mit dieser Klinik zusammengebaut. D.h. sie führt ein gewisses Eigenleben in der Begleitung Sterbender. Wer eintritt muss sich darauf einlassen, dass die Uhren anders gehen, weil alle um die Bedeutung des letzten Stündleins wissen. So bekommt die Palliativstation selbst einen Hospizcharakter.

3. Die Verbundenheit der Akademie mit der vom Klinikum etwas abgesonderten Palliativstation prägt die Besonderheit der Akademie. Der Weg zwischen Akademie und Palliativstation ist kürzer als der zwischen Palliativstation und Klinik. Diese faktische Nähe ist viel wirksamer als jedes theoretische Konzept, das nur die Nähe ideell suchen würde. Denn durch die räumliche-strukturelle Verbundenheit entsteht eine Theoriebildung aus der Praxis für die Praxis.

4. Wir feiern, dass diese Akademie schon 10 Jahre besteht. Heute sagen alle hier Anwesenden, wie wichtig eine Hospiz-Akademie ist. Als die Planungen begannen, waren es dagegen wenige vorschauende Denker. Wir sagen dabei Frau Denzler-Labisch, die selbst schon verstorben ist, und allen Unterstützern der Gründung danke. Sie sind die Vorreiter der Hospizarbeit in meinem Kirchenkreis. 10 Jahre ist viel für eine immer noch sehr junge Bewegung.

5. Die Hospizakademie vereinigt die Fortbildung der Hauptamtlichen und der Ehrenamtlichen und tut beiden gut. Diese Akademie ehrt die Ehrenamtlichen, indem sie durch ihre Art der Fortbildungsarbeit exemplarisch deutlich macht, wie wesentlich der Beitrag der Ehrenamtlichen für die Gesellschaft ist – im konkreten Fall für die Begleitung Sterbender. Ehrenamtliche bringen ihre Lebenszeit ein. Die Hauptamtlichen haben oft das Gefühl – eigentlich müsste ich sitzen bleiben an diesem Bett. Es ist für die Hauptamtlichen eine enorme Erleichterung und Entlastung zu wissen: Da sitzt ein Ehrenamtlicher statt meiner am Bett und er ist qualifiziert dafür und wird gut begleiten.

6. Diese Akademie verleugnet ihre Wurzeln im christlichen Glauben nicht. So weiß ich vom evangelischen Klinikpfarrer, dass er im Programmbeirat der Akademie ist und selbst als Dozent für Spiritualität und Ethik in den Kursen PalliativCare für Pflegende und PalliativMedizin für Ärzte und Ärztinnen mitarbeitet. Diese Wurzeln im christlichen Glauben nähren den Baum, sodass er weiter blühen wird. Die wertschätzende Unterstützung für Menschen anderer Religionen und ihrer Sehnsucht, ihre Spiritualität zu leben, wächst gerade aus der Wurzel des christlichen Glaubens.

7. Früher galt ein plötzlicher Tod als böser Tod, weil die Menschen sich nicht auf die Ewigkeit vorbereiten und nicht von der Familie verabschieden konnten. Heute braucht es manchmal argumentative und emotionale Unterstützung dafür, dass wir uns nicht schnell aus dem Weg räumen müssen und auch nicht dürfen, wenn Leistungsfähigkeit, Vitalität und Gesundheit an ihr Ende gekommen sind. Gerade durch ihre christlichen Wurzeln bietet die Akademie ein reflektierendes Gegenüber zu dummdreisten Geschäftemachern mit dem Tod. Sie schafft ein Reservoir an Argumenten für das Recht des Sterbenden – das viel weitgehender ist als ein bloßes Recht zu sterben. Die Akademie verdirbt den Todesfirmen das Geschäft mit der Angst, indem sie bekannt macht, wie viel Hilfe es beim Sterben gibt:  medizinisch-schmerztherapeutische und menschlich-seelsorgerliche Hilfe, die weit würdiger und hilfreicher ist als die irreführend so genannte aktive Sterbehilfe. Man kann es nicht oft genug sagen: „Aktive Sterbehilfe“, das ist in Wahrheit Beihilfe zum Suizid oder Tötung auf Verlangen. Sterbehilfe, die ihren Namen verdient, ist dagegen nicht Tötung, sondern Hilfe in der letzten Lebensphase in Würde Abschied nehmen zu können. Gute medizinische und menschliche Sterbebegleitung macht diese Lebensphase zu einem ganz wertvollen Teil des Lebens. Als Christinnen und Christen machen wir uns dafür stark, dass es in unserer Gesellschaft kein „sozialverträgliches Frühableben“  geben darf. Es braucht: Raum und Zeit zum Sterben, kompetente Begleitung durch medizinische Hilfe, menschliche Empathie und spirituellen Trost. Um diesen menschenwürdigen Umgang mit Tod und Sterben in unserer Gesellschaft zu erhalten, braucht es die Akademie.

8. Die Hospiz-Akademie bietet gastfreundlich Raum mit Übernachtungsmöglichkeit bei Tagungen für Ehrenamtliche, sowie Hauptamtliche insbesondere aus dem Bereich der Medizin aber auch der Theologie. Ursprünglich war ein Hospiz ein kleines Kloster zur Aufnahme durchreisender Mönche. Es ist eine gewisse Anknüpfung an den ursprünglichen Sinn der Hospize, dass in der Akademie immer wieder Pfarrkonvente hier zu Gast sind. „Seelsorge am Lebensende“ war jüngst das Thema einer Pfarrkonferenz in diesen Räumen. Geistliche sind sicher in gewisser Weise Experten für Tod und Ewigkeit und brauchen doch auch selbst Begleitung, damit sie nicht innerlich aus Situationen des Sterbens fliehen, sondern zur rechten Zeit schweigen oder reden können von unserer großen in Christus gründenden Hoffnung.

9. Einleitend habe ich gesagt, dass Tod und Sterben bilden und selbst eine Schule gelingenden Lebens sind. Doch wir brauchen Nachhilfe, gezielte Förderung, weil wir lange Tod und Sterben aus der Gesellschaft sukzessive mehr und mehr verbannt haben. Die Akademie gibt dem „Lehrmeister Tod“ gebührend Raum. Wer in der Akademie in seiner Sprachfähigkeit und in seinen Handlungsmöglichkeiten für die Begleitung Sterbender geschult wird, lernt nicht nur für die Begleitung anderer, sondern für sein eigenes Leben. Ein kurzes Lutherzitat lautet: „Der Tod ist der Anfang des Lebens.“ Und ich füge hinzu: Beim Sterben öffnet sich manchmal schon der Blick in das neue Leben hinein, für die Sterbenden und oft auch für die Begleitenden. Darum ist diese Zeit und die Befassung mit ihr so wertvoll

10. Die Sehnsucht nach ethischer Orientierung wächst. Ich nenne einige Brennpunkte: Sterbehilfe, Selbstbestimmung Demenzkranker, Ökonomisierung der Medizin und Pflege, Umgang mit den unterschiedlichen Religionen und Kulturen im Sterbeprozess, Resilienz bzw. offensive Vermeidung von Burnout in helfenden Berufen durch Zugang zu den Quellen ihres Lebens; palliative Kultur in Pflegeheimen usw.  Nur den ersten Punkt zur Sterbehilfe hatte ich oben ausgeführt. Bei all diesen Themen rund um den Tod geht es um den Kern der Lebensqualität in unserer Gesellschaft. Hier ist noch viel an Lebensqualität zu gewinnen.

Mit der Hospiz-Akademie haben wir eine Zukunftswerkstatt, die trotz knapper Mittel in allen öffentlichen Haushalten nicht sterben darf. Darum wünsche ich dem Leiter, den Dozenten, den Fortbildung Suchenden, den Trägern der Akademie und den Mitarbeitenden von Herzen Gottes Segen für die nächsten 10 Jahre und darüber hinaus.