300 Jahre St. Martinskirche Töpen mit Wiedereinweihung

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zu Psalm 84 am 15.11.2015

Psalm 84 ist der Kirchweihpsalm schlechthin. Noch dazu ist heute ein Vers aus ihm Losungswort in den Herrnhuter Losungen. Hören wir den Psalm als unser Bibelwort für die Predigt:

Wie lieblich sind deine Wohnungen, HERR Zebaoth!
3 Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des HERRN; mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.
4 Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen - deine Altäre, HERR Zebaoth, mein König und mein Gott.
5 Wohl denen, die in deinem Hause wohnen; die loben dich immerdar.
6 Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln!
7 Wenn sie durchs dürre Tal ziehen wird es ihnen zum Quellgrund, und Frühregen hüllt es in Segen.
8 Sie gehen von einer Kraft zur anderen und schauen den wahren Gott in Zion.
9 HERR, Gott Zebaoth, höre mein Gebet; vernimm es, Gott Jakobs!
10 Gott, unser Schild, schaue doch; siehe doch an das Antlitz deines Gesalbten!
11 Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend. Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause als wohnen in der Gottlosen Hütten.
12 Denn Gott der HERR ist Sonne und Schild; der HERR gibt Gnade und Ehre. Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.
13 HERR Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf dich verlässt!

Liebe Festgottesdienstgemeinde!

Paris unter Schock – kann uns da die Festfreude in Töpen überhaupt gelingen?
Wir trauern mit Frankreich. Den Opfern und den Hinterbliebenen und auch den Bürgern und Bürgerinnen des ganzen Landes gilt unser Mitgefühl. Dass es Islamisten gelang, sechs Attentate parallel durchzuführen - ohne, dass Geheimdienste dies erkannten und verhindern konnten, verstärkt die Sorge vor diesem hoch organisierten Terror. Die Angst wächst auch in unserem Land bei vielen.

Das Bibelwort des Kirchweihfestes klingt als gäbe es das alles nicht:
„Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth“. Einen größeren Gegensatz gibt es kaum. Und schauen wir uns in diesem Kirchenraum um: Mehr Kontrast als zu den Bildern aus Paris gibt tatsächlich kaum:
Lieblich, das ist wirklich das passende Eigenschaftswort für diese Kirche. Als ich vergangenen Freitag nach dem Hofer Blaulichtgottesdienst mit einer Frau aus Töpen über ihre Kirche sprach, sagte sie sofort: Lieblich ist sie – ich war erstaunt, weil ich genau dieses Eigenschaftswort im Sinn hatte, seit ich vor zwei Wochen hier war.
Lieblich ist wohl tatsächlich der passende Ausdruck für ihre wunderschöne St. Martinskirche, die nun in neuem Glanz erstrahlt. Die beiden Lüster sind gereinigt, der rote Fließenboden zeigt seine warme Farbe wieder, die Malereien blättern endlich nicht mehr ab und sind eine ungetrübte Augenweide. Ja, wir laben uns an diesem Anblick. Ich meine: es ist sogar gut, richtig und heilsam dies gerade trotz des Grauens über den Terror zu tun. Denn woher nehmen wir die Kraft zum Leben in dieser Welt? Der Psalmbeter ruft aus:
„Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten!“  Ja, Gott ist die Quelle unserer Stärke. Wenn etwas uns die Angst nimmt, dann der Glaube an ihn und die Freude über ihn.

Gestern früh in Nürnberg waren die Mitglieder von Landessynode und Landeskirchenrat in St. Sebald zusammen gekommen zur Trauerfeier um den Vizepräsidenten der Landessynode Christoph Bodenstab. Doch wir trauerten nicht nur um ihn. Wir alle waren erschüttert von den verheerenden islamistischen Anschlägen. Auch ich saß nach-denklich mit geschlossenen Augen in der Kirche.
Da begann die Andacht mit dem Orgelvorspiel, mit Tönen, die mir auch ohne Text bekannt waren: „Jesu meine Freude, meines Herzens Weide, Jesu meine Zier. Ach, wie lang ach lange ist dem Herzen bange und verlangt nach Dir.“
Ich hörte in den Orgelklängen nicht nur den Text der ersten Strophe, sondern im Tiefen Grollen der Orgel sofort den dritten Vers:
„Trotz dem alten Drachen, trotz dem Todesrachen, trotz der Furcht dazu. Tobe Welt und springe, ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh. Gottes Macht hält mich in Acht. Erd und Abgrund muss verstummen, ob sie noch so brummen.“
„Tobe Welt und springe, ich steh hier und singe“. Welch ein Kontrast! Ja, wir Christen lassen uns nicht gefangen nehmen vom Toben in dieser Welt. Wir sitzen hier und hören auf Gott, singen und beten.
Wir kapseln uns nicht ab, wir ziehen uns nicht in eine Kirchenburg zurück. Ganz im Gegenteil:  Wir nehmen die Erfahrungen in der Welt mit uns hier herein. Doch hier ist der himmlische Vater, hier ist Christus, hier ist der Heilige Geist, hier ist Gottes Gegenwart; und die tröstet, stärkt, verändert unseren Blick auf die gegenwärtige Lage. Angst vergeht oder wird zumindest in Gott geborgen.
Auch dieser Psalm weckt Vertrauen:  „Der Herr ist Sonne und Schild“ – Schutzschild. „Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen“. Fromm sind im Sinne des Psalms, alle, die die Gegenwart Gottes suchen in Gottes Haus.
Und das tut der Psalmbeter: Er ruft: „Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause als wohnen in der Gottlosen Hütten“. Sind die Gottlosen die Terroristen? Sie riefen doch auch „Allah ist groß“. Für sie war ihre Tat ein Bekenntnis zu ihrem Gott.

Liebe Gemeinde, wir werden im interreligiösen Dialog nicht darum herum kommen, zu sagen, an welchen Gott wir glauben. Ja, es gibt nur einen Gott, doch Bilder von ihm gibt es tausend. Gut, dass es kräftige Stimmen unter den Muslime gibt, die sehr deutlich sagen: Die Terroristen missbrauchen den Namen Allahs auf schrecklichste Weise.
Über Gottesbilder werden wir viel reden müssen in Zukunft – nicht nur gegenüber Muslimen, sondern auch gegenüber Getauften, die ihr Herz vor den Fremden verschließen. An welchen Gott glauben wir?
„Mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott“ „in dem Gott der Leben schenkt“ – kann man die hebräischen Worte auch übersetzen. Gott hat seine Geschöpfe in Liebe geschaffen. Er will ihr Leben.
Nein, diese Terroristen handeln diabolisch – d.h. alles verdrehend, indem sie die Anrufung Gottes mit dem Töten verbinden. Das ist das Gegenteil unseres Gottesbildes. Ja, sie handeln zutiefst gottlos.
Was ich so schrecklich finde an diesen Attentaten, ist nicht nur die unmittelbare grausame Auswirkung, sondern dass diese Terroristen Hass und Angst säen wollen und darin bei vielen mit ihrer Gottlosigkeit siegen werden.
Wie ist Gott? Schauen wir Christus an, der sich töten ließ und selbst in Todesqualen Ernst machte mit dem Wort: „Liebt Eure Feinde, segnet die Euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen“. Auch am Kreuz bat er um Vergebung für seine Folterer. Seht zum gekreuzigten, in Liebe gestorbenen Christus. So zeigt sich unser Gott.
So ist er ein Gott des Lebens. Er hat den in Liebe Sterbenden auferweckt. Christus lebt. Er ist so zum Sieger geworden über Hass und Tod. Christus ist Sieger, seine Liebe siegt, das rufen wir in diese Welt hinein. Nicht in Form eines Religionskampfes, sondern im Kampf gegen die Mächte dieser Welt gegen Hass und Angst, Tod und Terror – gegen Gottesferne.
Gott wird in unserem Psalm Herr Zebaoth genannt. Das ist der häufigste Gottesname, der im Alten Testament 285 mal auftaucht. Er bedeutet: Der Thronende, der Mächtige, der Herr der himmlischen Heerscharen. Allein diese Gottesanrufung ist ein Vertrauensbeweis, dass Gott stärker ist alle Mächte dieser Welt.
 „Wohl den Menschen, die Dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln.“ Nachwandeln im Tun der Liebe. Schon werden aber die Parolen lauter: „Macht die Grenzen dicht. Wenn noch mehr Geflüchtete kommen, sind wir in unserem eigenen Staat uns unseres eigenen Lebens nicht mehr sicher.“
Solches Denken ist die Saat der Terroristen. Lasst sie nicht aufgehen in Euren Herzen. Die Menschen, die hierher kommen, fliehen vor dem IS, der die Pariser Attentate verantwortet. Wie sollten wir denen, die vor diesem Terror fliehen die Tür vor der Nase zu machen. Unsere Grenzen müssen sicher sein, aber nicht dicht.
Selbst wenn wir die Grenzen noch so dicht machen würden, fänden diese Hassgesteuerten immer, immer einen Weg. Wenn die Geheimdienste es nicht geschafft haben, diese Anschläge zu verhindern, dann sind doch erst recht Grenzzäune kein Hindernis.
Wir können nicht Kirchweih einer Martinskirche feiern und zugleich den Zipfel des Mantels unseres Reichtums den Geflüchteten missgönnen. Vom Mantel-Teilen sind wir in Deutschland noch weit entfernt.
Angst ist der schlechteste politische Ratgeber. Recht hat Psalm 84: „Herr Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf Dich verlässt!“
Sich auf Gott verlassen heißt nicht die Hand in den Schoß zu legen. Die Politik steht vor gewaltigen Herausforderungen: Fluchtursachen eindämmen, menschenwürdige Bedingungen in ursprungsland-nahen Camps herstellen, Aufnahmezentren funktionsfähig machen und die rasche Registrie-rung aller Geflüchteten gewährleisten.
Weitere notwendige Maßnahmen könnte ich aufzählen. Doch der Psalm sagt uns noch viel Wichtigeres: Habt bei alledem Gottvertrauen! Auch unsere Politiker brauchen Gottvertrauen, damit sie Distanz haben, zu dem, was sie unmittelbar sehen, damit sie die Ruhe im Bauch bewahren, parteipolitisches Gezänk lassen und gemeinsam weise Schritte gehen.
„Unser Gott schaue doch, sieh doch an das Antlitz Deines Gesalbten“. Das ist in unserem Psalm eine Bitte im Gotteshaus für den König. Denn mit dem Gesalbten ist der König gemeint. Lassen wir uns vom Psalm hineinnehmen in das Gebet für unsere politischen Verantwortungsträger, für Angela Merkel, Sigmar Gabriel, Horst Seehofer, Lothar de Maiziere – sie brauchen nicht irgendwelche besserwisserischen Schuldzuweisungen, sondern wirklich unser Gebet – und aus dem Gebet heraus eine überlegte Kritik.

Ihr alle, habt keine Angst vor der Zukunft, weder im privaten Bereich noch im weltpolitischen. Angst macht nichts besser. Vertraut auf Gott und auf den Sieg Christi. Von Menschen, die auf Gott vertrauen sagt der Psalmbeter:
„Wenn sie durchs dürre Tal ziehen wird es ihnen zum Quellgrund, und Frühregen hüllt es in Segen.“ Wohlgemerkt: Der Psalm sagt nicht, dass wir nicht durch dürre Täler ziehen, doch denen, die sich an Gott halten, wird selbst ein dürres Tal zum Quellgrund. Denn auch im dürren Tal begleitet uns der lebendige Gott, der uns Leben schenkt – auch in persönlichen Krisen, in Krankheit in Trauer. Er ist da. Er stärkt. Er stärkt uns insbesondere hier an diesem Ort.

Am Ende zurück zur lieblichen Jubilarin. Der Psalm rühmt die Vorhöfe des Tempels. Damit sind die Gebetshöfe gemeint, in denen die Gläubigen beteten. Schon 1390 wurde urkundlich bezeugt, dass hier an diesem Ort eine Kapelle stand; dies bedeutet: Hier ist ein sehr alter Ort des Gebets.
Um das Jahr 1500 ist wohl von dieser Kirche der Chorraum entstanden und das Langhaus in einer Vorform. Von diesem Bau gibt es kein genaues Einweihungsdatum, das wir feiern könnten.
Gut zweihundert Jahre später zog man zwei Emporen ein, nahm die alte Kanzel, auf der ich stehe, weg von der Seite und setzte sie – wie es in der Markgrafenzeit üblich war - hier über den Altar um die Einheit von Wort und Sakrament darzustellen. Diese große Umgestaltung war vor 300 Jahren im Jahr 1715 abgeschlossen. Daher feiern wir heute 300 Jahre St.Martinskirche Töpen. Die blaue Marmorierung wurde 74 Jahre später 1789 eingebracht mitsamt den Blumenmotiven.
1940 bekamen die Girlanden die heutige schlanke, feinere Form. Mitten im Krieg hat Gotthard Bauer sie neu gemalt. Es Fantasieblumen, die in Markgrafenkirchen immer schon Hinweis waren auf den Himmel, der uns schon hier umgibt. Freude über Gottes Himmel auf der verwüsteten Erde. Inmitten von Krieg ein liebliches Haus des Gebets.
Offensichtlich sieht der Glaube den Kontrast zur Welt, malt und besingt ihn darum auch. Ja, wir haben Freude an Jesus trotz und in allem Leid. Ja, wir haben mitten in Sorgen und Ängsten doch Vertrauen, dass Gott unser Schild und Schutz ist. Ja wir haben Hoffnung, dass Jesu Liebe jeden Hass besiegen kann.  Wie lieblich ist diese Kirche – trotz allem - allem trotzend - aus  Freude, Vertrauen und Hoffnung auf Gott mitten in der Welt. Amen .