Grußwort anlässlich der Schirmherrschaft von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zur Ausstellungseröffnung "Schicksalsfäden" in Forchheim am 16. März 2012

Grußwort von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner
in der Rathaushalle in Forchheim
am Freitag, dem 16. März 2012


Liebe Anwesende!

Gerne habe ich für die Ausstellung „Schicksalsfäden“ die Schirmherrschaft  übernommen. In meiner kurzen Rede will ich Ihnen die Gründe benennen, warum ich diese Ausstellung wirklich gerne eröffne. Ich nenne meine vier ursprünglichen Gründe und dann auch die vier, die hinzugekommen sind, als ich mich näher mit der Ausstellung beschäftigt habe.

Der eine oder andere Grund kann dann für Sie vielleicht auch einen möglichen Zugang zur Ausstellung  bilden.

Zuerst die vier ursprünglichen Gründe.

Der allererste Grund: Frau Vieth sprach mich an, und ich kannte Frau Vieth aus Gesprächen, in denen der Missbrauch an Frauen eine Rolle spielte. Ich wusste, dass Sie sich einsetzt und das Vertrauen vieler Opfer hat. Wenn mich solch ein Mensch anspricht, liegt das Ja näher als das Nein.

Der zweite:  Es ist eine Ausstellung des Weissen Ringes. Der Weisse Ring konnte als gemeinnütziger Verein und  überparteiliche, unabhängige Bürgerinitiative seit seiner Gründung im Jahr 1976 vielen hunderttausend Opfern von Kriminalität und Gewalt mit Rat und Tat zur Seite stehen. Einem solchen Verein stehe wiederum ich als Kirchenvertreterin gerne zur Seite.

Drittens umrahmt die Ausstellung zeitlich den Tag der Kriminalitätsopfer am 22. März. Pfarrerinnen und Pfarrern, die seelsorgerlich arbeiten, bleibt im Laufe ihres Lebens nichts Menschliches fremd. Zu hören, was Menschen tun oder erleiden führt in die Tiefen des Menschseins. So schwer es oft ist, das Geschehene zu hören – schwerer ist es, davon zu reden. Opfer reden oft nicht. Wenn diese Ausstellung dazu beiträgt, dass Opfer wahrgenommen werden, dass mehr Sensibilität in unserer Gesellschaft wächst, dann will ich sie gerne eröffnen.

Viertens mein grundsätzlicher, theologischer Hintergrund. Unsere Bibel ist unglaublich realitätsnah geschrieben. Sie kennt Gewalt. Unser Herr wurde Opfer. „Die Wirklichkeit ist eine Blamage“ steht auf einem Quilt dieser Ausstellung. Unsere Bibel macht die Augen nicht zu, sondern auf – angesichts mehr als blamabler Wirklichkeit. Biblischer Glaube hat kein beschönigendes Menschenbild. Er verschließt die Augen nicht vor wirklich Bösem, echter Brutalität und auch nicht vor solcher Gewalt, die uns die Sprache verschlägt. Biblischer Glaube verliert den Glauben an die gute Menschheit nicht, weil er den noch nie hatte. Er glaubt an Gott, der gerade verlorene Menschen sucht, der sich erbarmt, der erlöst, der hilft und heilt, auch uns Menschen. Glaubende suchen mit Gottes Erbarmen im Herzen Wege der Erlösung, Hilfe und Heilung für Opfer und geben auch die Täter nicht auf, weil Gottes Liebe nichts und niemanden aufgibt. Biblischer Glaube sieht die Blamage und behält doch die Hoffnung.   „Geschichten von Gewalt, Hoffen und Überleben“, solche Geschichten schreibt unsere Bibel – und so heißt auch der Untertitel dieser Ausstellung. Sich solchen Geschichten zu stellen, lohnt sich.

Diese vier Gründe waren die Grundmotive, „ja“ zu sagen. Als ich dann vor zwei Tagen den Katalog der großen Gesamtausstellung „Schicksalsfäden“ von vorne bis hinten las, da stellte sich heraus, dass diese vier guten Gründe, diese Ausstellung zu unterstützen sich bestätigen und noch vermehren. Nicht alle Exponate der großen Gesamtausstellung sind hier zu sehen, doch die bejahenden Gründe, die nach Lektüre des Katalogs hinzukamen, gelten in vollem Umfang auch für diese Teilausstellung.

Beim Anschauen und Lesen wurde mir zum einen deutlich, dass das Erarbeiten solcher Quilts für viele, viele Frauen ein Weg war, dem Sprache zu geben, was eigentlich sprachlos macht. Vielleicht geht es Ihnen wie mir, dass Sie spüren: Wenn wir einen dieser Quilts mit Worten beschreiben, erfassen wir doch nicht alles. Denn da ist Unbeschreibliches eingeflochten.  Diese Quilts  können Unhörbares sichtbar machen.

Zum anderen weiß ich aus eigener Erfahrung – weil ich selbst gerne handarbeite – wie viel Stunden, wie viele Tage und Wochen Arbeit in solchen Quilts stecken. Wer so viele Tage lang den Bürgerkrieg darstellt, der verarbeitet nicht nur Stoff aus Tuch, sondern Stoff aus dem Leben, nicht nur Fäden, sondern auch Gefühle. Manche Quilts drücken Leid aus; das mag geholfen haben, dieses Leid heraus zu bringen aus sich. Manche Quilts sind Bilder der Hoffnung und gewiss ist beim Wachsen eines solchen Quilts auch die Hoffnung stärker geworden in der Künstlerin selbst. Wohl der Frau, die sticken, nähen, filzen, weben kann und so Leid ausdrücken, Ruhe finden und Hoffnung nähren kann. Diese Handarbeit ist Seelenarbeit.

Drittens war für mich faszinierend, dass diese Herstellung von Quilts international ist. Frauen aus Peru wussten nicht, dass auch irische, amerikanische, schweizer Frauen Stoffbilder nähen. Es ist eine echte, faszinierende Kunstform. Vielleicht ist sie deswegen bisher so unbekannt geblieben, weil sie primär Frauenkunst ist und die Kunst der Frauen es immer schwerer hatte, Anerkennung zu finden. Ich freue mich, dass diese Ausstellung diese internationale Frauenkunst bekannt macht.

Viertens und letztens. Diese Ausstellung wird wirken. Mancher Mann, manche Frau, manches Kind, die diese Ausstellung sehen, tragen erlittene Erfahrungen der Gewalt in sich. Ihre Schicksalsfäden knüpfen an diese an. Oft schon waren Bilder in der Lage anzurühren, was bisher tief im Innern verborgen war. Möge dann Heilung angestoßen werden.
Diese Ausstellung wird wirken. Gewalt ist international, sie ist auch national. Möge diese Ausstellung dazu beitragen, dass wir die Gewalt in der Gegenwart unserer Gesellschaft mit offenen Augen wahrnehmen. Für diese Ausstellung braucht man offene Augen – für unsere Welt auch.

Acht gute Gründe die Ausstellung zu eröffnen. Hiermit eröffne ich sie.