Eröffnung der Barlach-Ausstellung in der Christuskirche Forchheim am 16. Juni 2012

Vernissage Barlachausstellung Christuskirche Forchheim, 16.6.2012

Sehr verehrte Damen und Herren,
liebe Anwesende,

die Werke und Worte Barlachs wirken. Gestern war ich schon hier. Zwei Stunden vergingen im Flug, auch durch das angeregte Gespräch mit den Pfarrern Christian Muschler und Renate Topf und Herrn Topf dem technischen, kunstkundigen Installator – eben mit denen, die wohl auch die meiste Mühe mit der Ausstellungsverwirklichung hatten. Wir hätten uns noch viel, viel länger über Wort und Werk Barlachs austauschen können.
Mein erster Dank gilt diesen Dreien, die in vier Jahren Vorbereitung den Weg geebnet haben, dass die Ausstellung zum ersten Mal in Franken zu sehen ist.
Der zweite Dank gilt den vielen Ehrenamtlichen, unter denen etliche sich sogar so eingearbeitet haben, dass sie die Führungen durch die Ausstellung leiten können.
Und last not least danke ich Ihnen, lieber Herr Dr. Doppelstein, als Vorsitzendem der Ernst Barlach Gesellschaft Hamburg, die eine höchst faszinierende Ausstellung erarbeitet hat, die sich noch dazu  einpassen kann in verschiedene Kontexte und Räume.

Nun ist die Barlach-Ausstellung im Raum der Christuskirche. Sie verändert den Raum und wird doch zugleich durch den Raum gehalten. Werk und Raum bilden ein fruchtbares Wechselverhältnis für beide.
Erst in diesem Jahr habe ich den Schwebenden erneut in der Güstrower Kirche besucht. Barlach hatte bestimmt, dass er über einem runden schmiedeeisernen Gitter schweben soll. Oben auf diesem schwarzen Gitter findet sich ein Kranz musizierender Engel. Barlach nennt den Schwebenden selbst „mein Engel“. Dort lauscht er musizierenden Engeln. Hier schwebt er über dem Altar, dem Symbolort der Gegenwart Gottes, dem Ort des Gebets und Segens. Und wie wird er wirken, wenn auf dem Altar Brot und Wein stehen?
Dieses Ensemble – Christuskirche und Barlach-Ausstellung ist so gelungen, weil die Kirche nicht zum funktionalen Ausstellungsraum wird, sondern Kirche bleibt. Die Werke Barlachs sind hier kein Fremdkörper, sondern werden auch dem gottesdienstlichen Geschehen dienen, das wage ich vorherzusagen. Auch ohne dass wir für den Gottesdienst Eintritt verlangen, wird Barlach mitpredigen.

Doch Wolfgang Tarnowski, einer der gegenwärtig renommierten Interpreten, meint sagen zu können, dass Barlach kein Christ sei. Wenn nicht Gott allein Richter wäre, würde ich Tarnowskis Urteil bestreiten; so stelle ich es nur in Frage. Freilich tut manches von Barlachs Worten, Manchem weh.
Wie ist es etwa mit diesem, das von hier aus gesehen links der Orgel hängt? Man beachte aber die dialektische Spannung zwischen Anfang und Ende des Zitats:
„Auch Zebaoth, mit Verlaub, ein Geschöpf, ein Menschengott, aber immerhin nichts Totes, sondern das Größte was Menschen geschöpft haben, eine Anschauung, die wandelbar ist, eine Gestalt, die leidet und kämpft, ein Vizekönig im Sein - - eine überwundene Notwendigkeit, die aber besteht, wie Sonnenbahn und Planetenkreise bestehen, obgleich wir seit einiger Zeit Sonnenstraßen und Michstraßensysteme jenseits unseres Spiralnebelsystems kennen. Schöpferisch auch er in seiner Absurdität und einbegriffen in das Wesen, dessen Wirklichkeit zu ermessen, das Werkzeug der Menschen, Kopf und Gefühl nicht ausreichen.“

Radikal denkt er zu Ende, dass alle Worte, die auf dieser Erde über Gott gesagt werden – selbst die Worte der Bibel, Gott nicht erfassen, weil Gott alles Verstehen, Denken, Fühlen übersteigt. Gott bleibt Geheimnis, weil Gott Gott ist und der Mensch Mensch. „Mystiker der Moderne“, diesen Titel gibt die Ausstellung Barlach zu Recht, weil Barlach doch dem Geheimnis Gott lebenslang auf der Spur ist, ergriffen von ihm.

Es ist eine schwere Zeit, in der er arbeitet – erster Weltkrieg und sich aufblähender Nationalsozialismus. Menschen meinen in dieser Zeit Gott auf ihre Seite ziehen zu können. Die, die ihn vereinnahmen für Blut und Boden haben ihn längst verloren. Nein diese Vereinnahmung macht Barlach nicht mit. Gott entzieht sich unserem Denken. 1932 sagt er: „Dieses in das Bettlerkleid des dürftigen Wortes gekleidete Letztere ist größer als beschreibbar und kann wohl mit Beteuerungen berührt, aber weder glaubhaft erwiesen noch wörtlich bekannt werden.“ Da steht er, der Bettler, und schaut sonntäglich den an, der mit Worten bekennt und predigt. „Wir sind Bettler, das ist wahr“ sagt selbst Luther auf dem Sterbebett.

Und doch reden wir und redet auch Barlach. Er redet auch mit Worten, obwohl er spürt, wie wenig Worte ausdrücken, was auszudrücken wäre, wenn man das Letzte ausdrücken könnte. Und doch nutzt er seine Sprache, die Darstellung, - wie er empfindet - stammelnderweise.

„Doch gehöre ich zu den gläubigen Menschen, deren Letztes sich allerdings nicht in Worte bringen ließe, in dem ich der Überzeugung bin, dass die mir gegebene Sprache und Darstellung – wenn auch stammelnderweise – von etwas zeugt, das von Wort, von Wille, Verstand und Vernunft überhaupt nicht berührt wird. Es sei denn wiederum in der Art der Kunstsprache… in dem ihr übertragen wird… was von Jenseits der Wortthematik kommt, nicht gewollt… sondern zweckfreie Gnade ist.“ Beschenkte Bettler.

Barlach hört in der Darstellung der Kunst und er redet in der Kunst und bildet einen `Lehrenden Christus´ (Skulptur vor der Kanzel), der redet. Dieser Christus redet, was er empfangen hat. Wenn wir beim Predigen doch auch nur reden würden, was wir rein passiv empfangen haben in zweckfreier Gnade. Denn so geschieht die Mystik der Gotteserfahrung im Reden und Hören, geschenkt, passiv, zweckfrei, reine Gnade, nicht machbar. Der Mystiker fühlt Gott nah und sei es seine Unverfügbarkeit. Wir haben/besitzen Gott nicht. Barlach: „Ich habe keinen Gott, aber Gott hat mich.“

Oft spricht Barlach vom Letzten. Wer Barlachs Zeitgenossen Bonhoeffer kennt, der kennt diese Rede vom Letzten, das sich gerade vom Vorletzten, von allem, was wir sind und sagen, unterscheidet. Das Letzte ist der Himmel, die Ewigkeit, Gott – wir hier sind nur im Vorletzten und was wir tun ist Vorletztes.
Faszinierend auch die Parallele des Denkens zu Karl Barth. Auch der Theologe Barth ist Zeitgenosse Barlachs und erst durch das Besuchen dieser Ausstellung und unser langes theologisches Gespräch wurde mir die Verwandtschaft im Denken beider bewusst. Es gab eben zu jener Zeit zwei theologische Grundrichtungen, die Deutschen Christen, vom Nationalsozialismus infiziert, und die Dialektische Theologie als Gegenüber, das die Unverfügbarkeit Gottes heraus stellte. Barth:
„Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides, unser Sollen und unser Nicht-können wissen und eben damit Gott die Ehre geben.“

Barlach kein Christ? Welcher Künstler hat mehr das biblische Wort bearbeitet: „Aller Himmel Himmel können Dich nicht fassen“. Tiefer kann man es kaum empfinden als Barlach und damit Gott in seiner Größe ehren.
Und doch meine ich, dass dieser große Gott selbst bereit war, klein zu werden im Kind in der Krippe. Dass er sich nicht scheut in unserem Stammeln zu reden, zu berühren und ganz nah zu sein. Gott war und ist in Christus ganz nah - gerade dem Zweifler, der nicht an Worte glauben kann - so wie dieser auferstandene Christus dem Thomas (Skulptur vor dem Lesepult: Das Wiedersehen) ganz nah war.

Diesen Akzent konnte Barlach mit Worten kaum setzen. Vielleicht mehr in seinem Werk. Doch ich bin lutherische Theologin, die an die Nähe Gottes glaubt und in ihr lebt. Ich will Barlach nicht vereinnahmen für meine Interpretation.

Ja, vor der Vereinnahmung müssen wir uns hüten, gerade, wenn wir seine Werke ausstellen in einem Kirchenraum. Barlach muss frei bleiben, auszudrücken, was wir nicht nachvollziehen können.
Und auch wir sollen bei aller Ergriffenheit von seinen Worten und Werken frei bleiben, zu sagen: das glaube ich anders als er.
Gerade wenn wir in evangelischer Freiheit glaubend frei sind, wächst fruchtbare Auseinandersetzung. Eine Christus-Kirche ist solch ein Frei-Raum.
Hiermit eröffne ich die Barlachausstellung „Mystiker der Moderne“ in der Christuskirche.

Dr. Dorothea Greiner,
Regionalbischöfin

16.6.2012