Gottesdienst zum Abschluss des ökumenischen Kurses der Umweltauditoren am 17.03.2012 auf Burg Feuerstein

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner
auf Burg Feuerstein
am Samstag, dem 17. März 2012

Predigt zu Römer 8,19-25
 

Liebe Gottesdienstgemeinde, vor allem liebe frisch ausgebildete Umweltauditoren!

Gerne bin ich heute bei Ihnen und verleihe Ihnen zusammen mit Herrn Erzbischof Dr. Schick Ihre Ausbildungszertifikate. Sie haben meine große Anerkennung dafür, dass Sie bereit waren eine Ausbildung anzutreten und durchzuziehen, die immerhin 10 volle Tage umfasst.
Doch es ist nicht nur die Zeit, sondern vor allem der Inhalt, der meinen Respekt hervorruft. Sie setzen sich dafür ein, dass unsere Kirchengemeinden ihr Gemeindeleben schöpfungsbewusst, man könnte auch sagen „erlösungsbewusst“ gestalten. Der Bibeltext, den Sie aus dem Römerbrief vorgelesen haben, bindet Schöpfung und Erlösung zusammen – doch dazu später.

Zunächst nochmals zu Ihrer Ausbildung und zum „Grünen Gockel“. Sie haben nun das Recht und sogar die Pflicht – sonst bleibt Ihnen ja Ihr Zertifikat nicht erhalten – Kirchengemeinden bei der Einführung von Umweltmanagementsystemen, insbesondere dem „Grünen Gockel“ zu begleiten, der die europäischen EMAS III-Standards erfüllt.
Ich erinnere mich noch, als bei der Einführung des Umweltmanagementsystems der Name „Grüner Gockel“ zum ersten Mal fiel, meinten manche, der Name sei ein Scherz. Mir hat der Name sofort eingeleuchtet unter mehreren Gesichtspunkten:
Zum einen: Man schmunzelt, wenn man ihn hört. Gut so. Für gute Umweltarbeit braucht es Humor. Gesetzlich–verbissene Umweltfundis dienen nicht der Sache, genau so wenig wie gesetzlich–verhärtete Feministinnen der Gleichberechtigung. Es braucht Humor und eine evangeliumsgemäße Fröhlichkeit, Leichtigkeit und Gelassenheit, um schöpfungsgemäßes oder auch geschlechtergerechtes Handeln voran zu bringen und durchzusetzen.
Zum anderen ist natürlich „grün“ die richtige Symbolfarbe – schließlich geht es um die Schöpfung, deren dominierende Farbe das Grün ist.
Und der Gockel? Der hat mir damals am meisten eingeleuchtet. Damals war die Einführung des Umweltmanagementsystems ein evangelischer Vorstoß. Der Hahn auf evangelischen Kirchtürmen ist ein identitätsstiftendes Tier, sodass manche gleich assoziierten – aha, es geht um unsere Gemeinden und Gebäude.
Vor allem aber ist der Hahn ja ein Symbol, das in der katholischen Theologie genauso präsent ist; manche sagen, es sei ein sehr kritisches Symbol – erinnert er doch an Petrus, und daran, dass er Christus drei Mal verleugnete. Als der Hahn dreimal krähte, da wurde Petrus klar, dass er Jesus, seinen Freund und Herrn, dreimal verleugnet hatte und er weinte bitterlich.

Ich will es nicht verschweigen, dass mich dieser grüner Gockel immer erinnert an diese biblische Geschichte – aber in übertragener Form. Ich frage mich, ob wir mit unserer Art und Weise, die Schöpfung zu traktieren, nicht den Schöpfer verleugnen. Um bei der Assoziation, die der Gockel auslöst, zu bleiben: Die Hennen sind keine Eiermaschinen sondern Geschöpfe Gottes. Ist das noch erkennbar in unserem Handeln? Sollten wir bei dieser Frage mit dem Finger auf die Hühnerbauern zeigen, so weisen drei Finger auf uns selbst zurück als Einkaufende. Die Nachfrage bestimmt auch das Angebot.
Jedenfalls: Wenn wir die Schöpfung nicht ausreichend bewahren, dann hat das nicht nur etwas mit uns und den Tieren, der Luft, dem Wald und dem Wasser zu tun, sondern mit uns und dem, der Tiere, Luft, Wald und Wasser werden ließ. Es gibt eine implizite Verleugnung des Schöpfers in unserem Alltagshandeln, auch wenn kein Hahn danach kräht.

Manchmal denke ich mir auch: Was werden zukünftige Generationen unserer Generation vorwerfen? Ich werde sehr still, wenn ich Vorwürfe höre gegenüber der Generation, die in der Zeit des Dritten Reiches nicht entschieden genug protestierte gegen den nationalsozialistischen Wahnsinn. Denn ich frage mich: Wird man in 70 Jahren vielleicht fragen, warum wir nicht entschieden genug protestierten gegen den Wahnsinn der Umweltzerstörung? Wird man fragen, warum wir so wenig konsequent waren in unserer Umsteuerung hin zu einem ökologisch vertretbarem Lebenswandel? Ein Jahr nach Fukushima ist die Anzahl der Bürger und Bürgerinnen, die auf Ökostrom umsteigen, wieder deutlich abgeflaut. Wir sollten realistisch sein: Selbst eine solch gigantische Katastrophe wie Fukushima ist für viele kein ausreichend großer Impuls, um Schritte der Veränderung in den Lebensgewohnheiten zu gehen. Menschen sind träge. Es bedarf der kontinuierlichen Einübung in ein anderes Verhalten für einen nachhaltigen, ökologischen Wandel.

Darum bin ich so dankbar, dass unsere Kirchen in den letzten Jahren begonnen haben konsequente Schritte zu gehen. Nicht nur energetische Sanierungen von Gebäuden, auch ökologische Bildung von Menschen ist nachhaltige, energiepolitische Investition in die Zukunft.
Ich bin heute sehr dankbar, dass wir dieses ökologische Lernen ökumenisch gemeinsam tun. Was wir gemeinsam tun können, sollen wir auch gemeinsam tun. Denn das hat eine große wechselseitige, wirksame Ermutigung. Es bestärkt. Wie schön, lieber Herr Erzbischof, dass dieser sechste Kurs der Ausbildung von Umweltauditoren ein ökumenischer Kurs ist. Ich gratuliere Ihnen, dass Sie aus diesem Kurs sogar mehr Absolventen haben werden als unsere Kirche. Das darf im siebenten Kurs gerne auch wieder so sein. Jeder Absolvent ist doch für uns gemeinsam ein Hoffnungsträger, denn die Schöpfung ist uns gemeinsam anvertraut.

Unser Bibeltext spricht von Hoffnung; er spricht von der Hoffnung auf Erlösung für unsere Schöpfung. Das Team hat sich bei der Vorbereitung dieses Gottesdienstes mit 8. Röm. 19-25 einen wirklich eigenartigen und nicht einfachen Bibeltext ausgewählt. Doch auch, wenn er schwer verständlich ist, wie manch anderer Paulustext auch, so ist es doch so gut, dass wir ihn in unserer Bibel haben.
Einige Gedanken zu diesem Bibelwort:
Zum einen setzt dieses Bibelwort voraus, dass das Leiden der Schöpfung und der Sündenfall des Menschen etwas miteinander zu tun haben. Wie wahr. Sünde des Menschen und Leiden der Schöpfung haben unlöslich miteinander zu tun,  nicht nur in der Sündenfallgeschichte. Das Reaktorunglück in Fukushima hat seine Ursache nicht nur in einem Tsunami, ausgelöst durch ein Erdbeben, sondern in einem Werkbetreiber, dem der wirtschaftliche Ertrag wichtiger war als die Erfüllung unbedingt notwendiger Sicherheitsstandards in einem extremen Erdbebengebiet. Die Schöpfung leidet unter unerlöstem Verhalten von Menschen.
Das Unglück hat aufgerüttelt, doch nur kurzzeitig, ich erwähnte dies vorhin bereits. Man mag enttäuscht darüber sein. Doch eigentlich war es klar. Viele Christen waren auch enttäuscht, als nach der Öffnung der DDR–Mauer die Menschen, die vorher mit brennenden Kerzen in den Kirchen standen, nicht mehr in die Kirche gingen. Der Mensch ist ein „Gewohnheitstier“ und darum ist die kontinuierliche Einübung in ein anderes Verhalten so wichtig.
Sie als Auditoren arbeiten prozesshaft über etliche Monate mit den Gemeinden und nehmen den Gemeinden die Umstellung ihrer Praxis nicht ab, sondern begleiten sie darin. Verlieren Sie nicht den Mut, seien Sie nicht enttäuscht, wenn es nicht so voran geht, wie erhofft. Sie haben es mit Menschen zu tun, die sind, wie sie sind. Sie werden Humor und Gelassenheit brauchen.

Zum anderen ist dieser Text bedeutsam, weil er die Theologie der Schöpfung mit der Theologie der Erlösung verknüpft. Christlich–ökologische Arbeit begründet sich nicht rein schöpfungstheologisch, sondern trinitarisch.
Dieses Bibelwort eröffnet einen Zugang zu einer trinitarischen Theologie der Umwelt. Es weist einen spannenden Zugang zum zweiten Glaubensartikel, also zu Christus, sowie zum dritten Glaubensartikel bzw. zum Heiligen Geist.
Unser Bibelwort macht deutlich: Das Heil, das Christus gebracht hat, zielt nicht nur auf den Menschen. Denken wir das Heil, das Christus gebracht hat, nicht zu klein und individualistisch. Es hat eine universale Bedeutung und Zielrichtung. Wir hoffen auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Christus ist Herr der Welt und nicht nur des einzelnen Menschen.
Wie die Welt betroffen ist durch den Sündenfall des Menschen, so ist sie auch durch das Geschehen am Kreuz mit erlöst. In unserem Bibelwort heißt es, dass die Schöpfung sich mit uns danach sehnt, dass diese Erlösung der Kinder Gottes offenbar wird. Die ganze Schöpfung hat Anteil an der Verheißung, die auch die Kinder Gottes durch Christus haben. Ich zitiere: „Denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.“ Der Erlösungsweg der Kinder Gottes ist verknüpft mit der Erlösung der ganzen Schöpfung.

„Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder“, sagt Paulus im Römerbrief c. 8 V. 14, also wenige Verse zuvor. Mancher könnte ja meinen, dass die Tatsache, dass der Geist Gottes durch Menschen wirkt und spricht, die Menschen erhebt über die sonstige Schöpfung. Das Gegenteil ist der Fall. Der Heilige Geist führt uns vielmehr in die Solidarität mit der Schöpfung. Es heißt im Bibelwort, dass der Heilige Geist mit uns seufzt und mit der ganzen Schöpfung in der Hoffnung, dass die Erlösung offenbar wird. Der Heilige Geist gilt in der Theologie als das vinculum caritatis, als das Band der Liebe zwischen dem Vater und dem Sohn. Er ist wohl auch das vinculum caritatis zwischen uns und der Schöpfung. Er führt dazu, dass wir uns mit der Schöpfung in Liebe verbunden wissen.

Abschließend: Das Eigentümliche unseres christlichen Glaubens ist, dass wir – obwohl wir glauben, dass Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde für uns bereithält – diese Erde lieben. Warum? Eben aus drei Hauptgründen:

- weil Gott, der Schöpfer, diese Erde wunderschön geschaffen hat und sie als Schöpfer erhalten will und auch erhält;

- weil durch Christus mitten auf der Erde, das Reich, der Himmel anbrach und Christus der Erlöser der Schöpfung ist, der das Heil der ganzen Welt bringt;

- und weil der Heilige Geist mit der Schöpfung leidet und uns leitet zum Leben in Liebe zu dieser Schöpfung und zur Hoffnung auf das Offenbarwerden der Erlösung.
Christen leben schöpfungs- und erlösungsbewusst. Wir sind durch Christus erlöst. Wir sind auch erlöst davon, die Erlöser sein zu wollen. Gerade das nimmt uns jede Verbissenheit, schenkt uns Humor und Gelassenheit, Kraft und Liebe die nötig sind zum Einsatz für Gottes Schöpfung.
Amen.