600-jähriges Kirchenjubiläum St.-Otto-Kirche in Mengersdorf am 17. Juni 2012

600 Jahre St. Otto-Kirche in Mengersdorf
am 17. Juni 2012
Predigt zum Wochenspruch (11,28 ) und Evangelium (Luk. 14,16-24) des 2. Sonntags nach Trinitatis

Christus spricht: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will Euch erquicken.“ So lautet der Wochenspruch für diese Woche. Zusammen mit dem Evangelium des Sonntags, das wir vorhin gehört haben, ist er Grundlage meiner Predigt. Im Evangelium und im Wochenspruch geht es darum, der Einladung Christi zu folgen und zu kommen.

Lasst uns in der Stille um den Segen des Wortes bitten.

Liebe Gemeinde!

Noch nie habe ich eine Predigt mit Blick auf eine Weinflasche erarbeitet. Doch für Mengersdorf wohl. Als ich nämlich am vergangenen Montag Ihre Kirche besuchte, um sie mir anzuschauen, bevor ich hier predige, da drückten mir Frau Krauß und Herr Pfarrer Schikor eine besondere Weinflasche in die Hand. Der Altarraum ist darauf so gut abgebildet, dass ich mir die Flasche auf den Schreibtisch stellte und immer wieder während meiner Vorbereitung darauf schaute.
Ich ahne, was Sie sich fragen: Ja, ich habe auch den Inhalt probiert und kann ihn empfehlen. Das haben Sie gut gemacht, dass Sie für „600 Jahre Mengersdorfer Kirche“ eigens eine Weinflasche herstellen ließen. Das passt, denn Wein ist das Getränk des Festes und der Freude. Und es ist eine Freude, dass Sie hier in Mengersdorf seit 600 Jahren eine Kirche haben. Im Jahr 1412 bei der Errichtung entstand der Chorraum als Schlosskapelle der Herren von Mengersdorf. Auch beim Neubau 1521 handelte es sich um eine katholische Hauskapelle.
Doch die Linie der katholischen Herren von Mengersdorf starb mit Pankraz von und zu Mengersdorf aus. Seine Witwe verkaufte 1601 Schloss und Sitz „samt der Pfarr“ – so heißt es in den Akten –  an Thomas von Aufseß zu Aufseß und Neuhaus. Der Bamberger Bischof schickte 200 Mann zu Fuß und zwölf Reiter von Hollfeld und Waischenfeld, um den katholischen Pfarrer zu stützen, der natürlich nicht weichen wollte. Die Machtverhältnisse wogten hin und her, bis Mengersdorf 1614 in die Markgrafschaft Bayreuth einverleibt wurde und der Markgraf 600 Soldaten schickte.
Dass das neue Taufglöcklein die Inschrift trägt: „Jesus ist Sieger“ hat mit solchen Kämpfen wenig zu tun. Jesus hat sich darin als Sieger erwiesen, dass wir solche Kämpfe inzwischen lassen. Vermutlich sind heute katholische Christen unter uns und das ist nur gut, denn vor 600 Jahren gab es die Trennung noch nicht. Und heute, 600 Jahre danach, gilt es sie zu überwinden. Wir Evangelischen laden inzwischen unsere katholischen Mitchristen ein, das Abendmahl mit uns zu feiern. Christi Einladung zu seinem Festmahl und auch sein Ruf: „Kommt her zu mir … ich will Euch erquicken“ unterscheidet nicht in Konfessionen. Unsere eigentliche Konfession, d.h. unser Bekenntnis zu Christus verbindet uns wieder mehr und mehr in einer Gesellschaft, in der viele irgendwie religiös sind aber nicht mehr an Christus glauben. Christus ist die Mitte evangelischen wie katholischen Glaubens. Es ist mir eine Freude, Ihnen die Grüße von Regionaldekan Dr. Zerndl überbringen zu können. Er hat mich gestern eigens darum gebeten. Wir feiern dieses Jubiläum im ökumenischen Geist.
Traditionell werden die Katholiken mit dem Apostel Petrus in Verbindung gebracht, die Evangelischen mit dem Apostel Paulus. Beide Apostel haben wir hier auf der Kanzel. Doch Christus steht in der Mitte.

Die evangelischen Patrone von Aufseß zu Truppach jedenfalls machten die private Hauskapelle – das ist typisch evangelisch – zur Kirche für das Volk durch Erweiterung des Langhauses im Jahr 1623. Sie wollten, dass die Menschen aus dem Dorf zur Kirche kommen können. Ich freue mich sehr, lieber Baron, dass Sie heute da sind. Bei Ihnen, als altem Landessynodalen ist das sicher eine Herzensangelegenheit. Seit über 400 Jahren sitzt Ihre Familie in dieser Kirche. Seitdem ist sie offen für alle, wurde Kirche der Gemeinde. Seitdem lädt sie ein zu kommen, in der Hoffnung, dass sein Haus voll werde.

Doch leere Kirchen scheinen ein Phänomen unserer Zeit zu sein. Manche sagen, es geht den Leuten zu gut. Deshalb gehen sie nicht in die Kirche. Doch ich will nicht, dass es den Menschen schlechter geht, damit sie kommen. Das wäre ein schrecklicher Wunsch. Ich möchte, dass die Menschen spüren, wie viel ihnen entgeht, wenn sie nicht kommen. Menschen sollen in unseren Gottesdiensten beschenkt werden, fröhlich werden, an der rechten Stelle ermahnt werden, erquickt durch Jesus Christus selbst, so dass sie erfahren: der Gang am Sonntagmorgen lohnt sich.
Dass Menschen nicht kommen, das ist auch nicht erst ein Phänomen unserer Zeit. Sonst gäbe es die biblische Geschichte nicht, die uns vorhin als Evangelium vorgelesen wurde.
Ein Mann lädt ein zu einem großen Abendmahl. Er schickt seinen Knecht, den Geladenen zu sagen: „Kommt, denn es ist alles bereit!“ Nachher werde auch ich vor dem Abendmahl genau dieses Wort sagen: „Kommt, denn es ist alles bereit!“ Unsere Einladung zum Abendmahl ist dem Evangelium dieses Sonntags entliehen.
Der Gastgeber unserer Geschichte erlebt etwas, von dem ich sicher bin, dass mir das nachher nicht passieren wird. Denn Sie alle haben sich ja schon zum Gottesdienst einladen lassen und viele von Ihnen werden auch zum Abendmahl kommen.
Anders in unserer Geschichte. Der Einladende erlebt ein Desaster. Der Tisch ist gedeckt. Der Wein ist dekantiert. Doch alle lassen sich entschuldigen. Stellen Sie sich das mal vor! Eigentlich brauchen Sie sich das gar nicht vorstellen. Sie können auch in eine Dorfkirche im Osten Deutschlands gehen. Das antichristlich-nationalsozialistische und dann das antichristlich-kommunistische Regime haben in manchen Gemeinden 70 Jahre lang ganze Arbeit geleistet.
Bei meinem Besuch am Montag bestieg ich die Kanzel, schaute auf die leeren Bänke und fragte: Kommen sie denn, die Mengersdorfer? Über die Antwort habe ich mich gefreut: Im Durchschnitt sitzen hier in dieser Kirche 60-70 Gottesdienstbesucher. Bei 700 Gemeindegliedern sind das ja fast 10%. Im Sommer seien es zwar meist nur 30-40, wenn Gottesdienst in der Ruppertkapelle ist. Doch der Samstagsgottesdienst dort zählt genauso. Alle Achtung, liebe Mengersdorfer, für Ihre Treue zum Gottesdienst.

Volle Kirchen sind etwas Wunderschönes und ich habe als Regionalbischöfin so oft die Freude voller Kirchen, weil ich natürlich auch meist zu besonderen Anlässen in den Gemeinden bin. Doch nie habe ich mich so gewundert über die Menge an Menschen, wie in Ihrer Gemeinde.
Es war mein erster Gottesdienst in der Ruppertkapelle. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, wie viel Menschen in dieses Kirchlein passen. Als ich am Ausgang die Gottesdienstteilnehmer verabschiedete, hörte der Strom nicht mehr auf. Natürlich kamen auch etliche von außerhalb, doch es waren auch viele aus Ihrer Gemeinde da. Daran erinnerte ich mich, als ich am Montag von Ihrem guten sonntäglichen Gottesdienstbesuch hörte. Die Mengersdorfer kommen.

Manche unter Ihnen werden jetzt so ehrlich sein und denken: Na, ja, manchmal komme ich ja auch nicht. Ihre Ehrlichkeit ehrt Sie. Der Einkauf von Ochsen – wie in der biblischen Geschichte – wird allerdings kaum der Grund für das Fernbleiben sein. Aber Fernseher und Computer kaufen wir uns und da kommt abends manchmal so eine schöne Sendung und dann mag man morgens doch nicht ganz so früh raus. Überhaupt am Sonntag in der Früh aus dem Haus gehen, wenn man unter der Woche auch früh raus muss. Außerdem heißt es doch, wir Evangelischen hätten keine Sonntagspflicht, wie die Katholiken.
Es gibt viele Gründe, auch verständliche. Die Zerstreuungsangebote sind wesentlich mehr als zur Zeit Jesu.
Auch brauchen wir nicht gesetzlich sein, auch nicht mit der Sonntagspflicht. Doch gerade wenn dieser letztgenannte Grund angeführt wird – wir Evangelischen hätten keine Sonntagspflicht – dann widerspreche ich trotzdem heftig. Als ob wir Evangelischen die 10 Gebote nicht hätten! Wir haben zwar kein einheitliches kirchliches Lehramt, das uns vorschreibt, was wir zu tun hätten. Doch wir alle haben das dritte Gebot: „Du sollst den Feiertag heiligen.“ Diese Sonntagsheiligung geschieht nur in der Gemeinschaft der Heiligen und nicht am verlängerten Frühstückstisch.
Benedikt von Nursia, der für Katholiken wie Evangelische ein gemeinsamer Kirchenvater ist, sagte den pägnanten Satz: „Dem Gottesdienst sollst du nichts vorziehen“. Ich hoffe, dieser Satz prägt sich Ihnen so ein wie mir. Er ist mir manchmal lästig, wenn ich mal einen dienstfreien Sonntag haben sollte. Doch er fällt mir dann immer ein. Und er stimmt. „Dem Gottesdienst sollst du nichts vorziehen.“
Ich glaube niemand von uns hat es je bereut, zum Gottesdienst gegangen zu sein, selbst wenn die Predigt uns nichts sagte. Unsere Lieder predigen auch und mit anderen Christen zusammen zu sein – eben mit Menschen, die mit uns an Christus glauben, mit uns den Glauben zu bekennen, stärkt zum Leben im Alltag. Als ich noch ein kleines Kind war und nichts verstanden habe vom ganzen Gottesdienst, spürte ich: Der Segen am Ende ist für mich. Keiner geht ungesegnet nach Hause.
Vor zehn Tagen waren mein Mann und ich noch in Tansania. Die Gottesdienste, die wir da erlebt haben, waren faszinierend. Die Chöre tanzten – lieber Chor, das braucht Sie gar nicht unter Druck setzen – wir haben andere Traditionen und das darf auch so sein. Da lagen lebendige Hennen auf den Altarstufen, um hinterher versteigert zu werden. Sie lagen lange, denn der Gottesdienst dauerte über drei Stunden. Schon das Vorspiel zum Gottesdienst war ein Ereignis. Ich meine nicht die Orgel, sondern das Schauspiel zu sehen wie die Menschen strömen. Kilometerweit über Wege, die den Namen nicht verdienen. Noch dazu waren die Frauen eine Augenweide in ihren bunten Kanga-Tüchern. Kleidung mag für manche unter uns nebensächlich erscheinen, doch es machte mir deutlich: Der Gottesdienst ist für diese Menschen der Höhepunkt der Woche und das zeigen sie auch: Wenn nicht beim Gottesdienst das schönste Gewand, wann dann?
Bei uns in Deutschland jagen die Höhepunkte der Woche eher einander. Es ist ja eher so, dass manche von uns zu viele gesellschaftliche Ereignisse haben, sodass wir deren müde werden. Es ist zu viel an Abwechslung, an Ablenkung, an Stress. Vielleicht ist der Gottesdienst ja bei etlichen von uns nicht der Höhepunkt der Woche, sondern der Ruhepunkt, die eine Stunde Zeit, in der unsere Seele atmet, in der niemand etwas von uns will, nicht die Ehefrau, nicht der Chef, nicht die Lehrerin. Ich bin hier und ich kann sein, wie ich bin. Christus sagt: Komm zu mir, wie du bist, mühselig und beladen, ich will dich erquicken.

Erst durch den Blick auf´s Etikett der Weinflasche ist mir aufgefallen, wie sehr Christus die Mitte Ihrer schönen Kirche prägt. Er ist nicht nur die Mitte zwischen Petrus und Paulus. Unter diesem gemalten Christus steht ein Kreuz mit dem Gekreuzigten und oben über der Kanzel ist er zu sehen mit dem Weltenbogen als Zeichen, dass Christus der ist, der die Welt heilend zusammenhält.
Deutlicher kann es nicht werden. Wenn Sie in Ihre Kirche kommen, dann kommen Sie zu Christus, der Sie hier schon erwartet. Er lädt Sie jeden Sonntag ein und ich freue mich, dass Sie seiner Einladung so beständig folgen. Im Blick auf unser Evangelium sind Sie, die heute gekommen sind, nicht mit den Eingeladenen zu vergleichen, die nicht  kommen. Vielleicht sind Sie eher der Knecht, der andere einlädt. Sagen Sie auch zu anderen: „Komm“. Seien Sie nie frustriert, wenn andere nicht kommen. Laden Sie weiter ein. Laden Sie auch die ein, an die Sie zuerst nicht gedacht haben, wie in der Geschichte die Blinden und Lahmen. So wie in Ostdeutschland eine Entwöhnung geschah, so gibt es auch eine neue Eingewöhnung ins Kommen. Dazu braucht es Menschen die einladen und die selbst treu sind. Gerade der Heilige Otto, dem diese Kirche ihren Namen verdankt, kann hier Vorbild sein, denn er war im 12. Jahrhundert Missionar der Pommern und hat dort tausende Menschen zum Glauben geführt. Er war ein friedlicher Missionar, doch unermüdlich in seinem Einladen zum Glauben und in seiner großen Liebe zu den Armen. Es braucht solche Menschen heute wieder, nicht nur in Pommern, die die Einladung Christi aussprechen.

Einmal wird Christus endgültig sagen: Komm zu mir. Dann lädt er uns ein zum ewigen Abendmahl, zum Freudenmahl bei ihm im ewigen Leben. Dass im Himmel ein großes Abendmahl sein wird, ist bildhafte Sprache. Wir werden dort nicht essen und trinken, aber wir werden Christi Gegenwart genießen – noch viel unmittelbarer als hier im Abendmahl.
Gerade aber weil unser Abendmahl hier wie ein Vorgeschmack darauf ist, dass wir seine Gegenwart im Himmel ganz unmittelbar spüren werden, ist unser Abendmahl heute schon jetzt ein Freudenmahl. Wir feiern es mit Wein, als Zeichen unserer Freude über die Gegenwart Jesu Christi. Er selbst lädt ein. Wie schön, dass hier in Mengersdorf viele kommen.

Amen.