Ordination von Pfarrerin z.A. Corinna Bandorf am 21.04.2012 in der St.-Johannis-Kirche zu Gefrees

Ordination von Corinna Bandorf
in der St.-Johannis-Kirche zu Gefrees,
am 21.04.2012  (Samstag vor Misericordias Domini)
Predigt zu 1. Petrus 5,1-4

Liebe Festgottesdienstgemeinde,
vor allem liebe Frau Bandorf!
Es freut mich sehr, dass Sie, liebe Frau Bandorf, ein so passendes Bibelwort mit auf den Weg bekommen durch den Predigttext des morgigen Sonntags.
Der Sonntag bricht schon mit dem Samstagabend an. Auch wenn es erst Nachmittag ist, halte ich mich sehr gerne an den regulären Predigttext des morgigen so genannten Hirten-Sonntags.

Ich lese also aus dem ersten Petrusbrief, Kapitel 5, die Verse 1-4:
Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll:
Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund;
Nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herden.
So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen.

Das Bibelwort richtet sich an die  Ältesten. „Die Ältesten unter Euch ermahne ich“. Rein biologisch gehören Sie zu denen nun gewiss nicht, liebe Frau Bandorf, sind Sie doch erst Anfang 30. Doch die Rolle der Ältesten in der Gemeinde bestimmt sich weniger nach dem Lebensalter. In der Zeit der Entstehung des Petrusbriefes waren die Ältesten gewählte Vertrauenspersonen einer Gemeinde, die Leitungsaufgaben innehatten und den Episkopen – also den die Aufsicht führenden -  zur Seite standen. Die Ältesten trugen die alten Traditionen in die Zukunft und füllten sie mit Leben.
Am ehesten können wir diese Ältesten mit dem heutigen Kirchenvorstand vergleichen, der ja nicht nur zuständig ist für die gute Organisation in einer Gemeinde. Wie bei den Ältesten damals ist „Kirchenvorsteher“ zu sein heute, eine geistliche Leitungsaufgabe. Der Kirchenvorstand ist nach unserer Kirchengemeindeordnung zu allererst verantwortlich für die Gestaltung der Gottesdienste und für Kindergottesdienste, Konfirmandenunterricht und Religionsunterricht. Dann erst wird in unserer Kirchengemeinde-ordnung Organisatorisches als Aufgabe genannt. Ein Kirchenvorstand hat also zu allererst explizit geistliche Aufgaben.
Das ist gar nicht schlecht, dass heute solch ein Predigtwort vorgegeben ist, sind Sie als Gefreeser Gemeinde und alle anderen hier vertretenen Gemeinden gerade in der Vorbereitung der Kirchenvorstandswahl.
Das Interessante dieses Bibelwortes ist nämlich, dass die Hirtenrolle, die in anderen Bibelworten nur der Leitungsspitze einer Gemeinde zugedacht wird, im ersten Petrusbrief allen Ältesten anvertraut ist. Dieses Bibelwort ist eine Bibelstelle, die deutlich macht: Ihr alle, die Ihr in der Kirchengemeinde mit Verantwortung tragt, durchaus auch die verantwortlichen Gruppenleiter: versteht Euch als Hirten.
Liebe Mitarbeitende in den Kirchengemeinden, Euch allen gilt dieses Wort: „Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist.“ 
Dieses Wort bittet Sie außerdem, dass Sie Ihren Dienst „nicht gezwungen“ tun, sondern „freiwillig, wie es Gott gefällt“. Manchmal wird man ja vom Pfarrer genötigt: „Mach´ das doch bitte, es kann niemand anderes so gut, wie Du.“ Unser Bibelwort ermutigt Sie, sich frei zu fühlen. Wenn Sie also solch einer Bitte Folge leisten, dann weil Sie es bewusst und gerne tun, für Gott, für die Gemeinde, vielleicht auch für den Pfarrer, da ist nichts Schlechtes dabei - doch im Kern, weil Sie es wirklich selbst als Christ wollen und im Herzen dabei sind.
Tun Sie es nicht um geehrt zu werden – „nicht um schändlichen Gewinns willen“ – sagt unser Bibelwort, sondern weil es Ihnen um die Schafe – also die Gemeinde Jesu Christi - geht.
Es bedarf vor der Aufgabenübernahme und auch nach einiger Zeit des Engagements der Klärung: Will ich das wirklich?
Manchmal reichen die Kräfte nicht, dann ist es auch gut und richtig abzulehnen, oder zu sagen: Nur mit einer anderen Person an meiner Seite übernehme ich diese Aufgabe.
Manchmal wird einem dabei aber auch deutlich, wie viel Sinn und innere Erfüllung gerade in den ehrenamtlichen Ämtern einer Kirchengemeinde liegen. Sie alle aber, die Sie hier anwesend sind, seien Sie sich sicher: Gott will, dass Sie sich auf eine Ihren Gaben entsprechende Weise in die Gemeinde einbringen und sei es, dass Sie beten für Ihren Pfarrer, Ihre Pfarrerin und „für den kranken Nachbarn auch“. Unsere erste Aufgabe ist immer das Gebet. Unsere zweite ist der sonntägliche Gang zum Gottesdienst. Wenn unser Bibelwort ruft, dass die Ältesten „Vorbilder der Herden“ sein sollen, besteht dieses Vorbildhafte gerade auch im Gang zum Gottesdienst. Nur dann kommt auch die Herde in den Gottesdienst. Ehrenamtliche und insbesondere Kirchen Vorstände sind Vorbilder zu allererst durch ihren Gang zum Gottesdienst. Hier wird gebetet, hier wird Gemeinschaft gepflegt. „Dem Gottesdienst sollst Du nichts vorziehen“ sagt der Heilige Benedikt. Wenn Kirchenvorstände und leitende Mitarbeitende der Kirchengemeinde sonntäglich  zum Gottesdienst gehen und andere einladen, ist das ein unüberschätzbarer Segen für die ganze Gemeinde.
Fest steht: Christus braucht jeden Menschen. Sie alle sind wichtig für ihn und seine Gemeinde. Ihr Gebet ist wichtig. Verachten wir gerade die stillen Dienste in einer Gemeinde nicht: Auch jemand, der treu seine Gemeindebriefe austrägt und dann für Gespräche am Gartentor bereit ist, der hört auf die Nöte der Menschen und der betet für seine Straße, ist im weiteren Sinne Hirte oder Hirtin dieser Straße. Und Ihr Bandmitglieder leitet an, Gott zu loben, den Glauben singend zu bekennen. Ihr seid wichtig für die anderen Jugendlichen.

Für Sie, liebe Frau Bandorf hat dieses Bibelwort etwas sehr Entlastendes: Sie sind nicht allein die Hirtin dieser Gemeinde. Und dies gilt nicht nur, weil Sie in Pfarrer Kelinske einen wirklich lieben, guten und treuen Kollegen haben. Auch wenn nach einem Wechsel auf der nächsten Stelle für Sie gelten sollte: „Selig sind die Bene, die am Altare stehn allene“ – so mögen Sie als Mensch am Altar allein stehen, aber hinter Ihnen im Gottesdienstschiff stehen viele, die beten, die auch im Alltag mit Ihnen Sorge tragen für die Gemeinde. Da sind Kirchenvorsteher und Ehrenamtliche, die mit Ihnen Hirtenaufgaben wahrnehmen.

Freilich beruft die Ordination zu einer Aufgabe im Hirtenamt, die nur einigen wenigen anvertraut wird: Die öffentliche Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung. Die Ordination beruft, segnet und sendet in das Hirtenamt im engeren Sinne. So heißt im Norddeutschen der Pfarrer: „Pastor“. Das ist die wörtliche Übersetzung von „Hirte“ und auch unser Wort „Pfarrer“ kommt vom Pferch, dem schützenden Schafstall.
Wir Pfarrer und Pfarrerinnen sind gerade durch die gute Wahrnehmung des Amtes der öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung Hirten der Gemeinde. Dieses Amt ist die Mutter aller Dienste in der Kirche. Denn aus der Wortverkündigung wächst der Glaube an Jesus Christus. Und wer an Jesus Christus glaubt, der bringt sich auch ein in die Gemeinde Jesu Christi  – sei es durch Gebet, sei es durch Spenden, sei es durch weitergehendes Engagement.
Je länger ich diesen Dienst der öffentlichen Wortverkündigung tue, desto mehr nehme ich wahr, wie zentral er ist, wie sehr Menschen wirklich zuhören und das Wort annehmen, sich berühren lassen. Wir leiten wirklich durch das Wort. Es ist eine große Verantwortung, die wir da haben. Wir können kein Wort, das wir auf der Kanzel sagen wieder einfangen. Vorsicht darum mit der jeder auch nur indirekten Schelte. Das Wort „abkanzeln“ kommt daher. So werden Menschen gedemütigt und verletzt über Jahre.
Doch auch das positive Gegenteil gilt – und darum geht es ja in unserem Hirtendienst. Durch das gepredigte Evangelium wird Gott Glauben wirken, unendlich tief trösten und ermutigen. Auf einer Kanzel fallen Worte, die über schwere Wochen hinweghelfen und in die Zukunft tragen.
Allgemeine Wahrheiten gehören nicht auf die Kanzel, sondern das Evangelium, das uns Hirten selbst ergriffen hat. Wenn wir das predigen, wodurch Gott uns selbst getröstet hat, werden wir trösten; wenn wir predigen, wodurch Gott uns hilfreich ermahnt hat, werden wir hilfreich ermahnen. Wenn wir erzählen, was uns innerlich trägt und nährt, werden unsere Worte weitertragen und nähren. Dann weiden wir die Schafe.

Eine unserer vornehmlichen Aufgabe ist darüber hinaus auch, dass wir uns besonders um die zu kümmern, auf die achten, die in der Gemeinde Verantwortung innehaben, sodass diese Ehrenamtlichen ihre Hirtenaufgaben wirklich so tun, dass die Herde Gottes geweidet wird. Im Pfarrberuf verbindet sich das Hirtenamt mit dem Episkopenamt. Dem Amt des liebevollen Draufschauens, Nachschauens. Unsere Ehrenamtlichen wollen dies und brauchen dies. Sie haben oft selbst das Bedürfnis kundiger und sprachfähiger im Glauben zu werden und sie können mit Recht von uns Pfarrern und Pfarrerinnen erwarten, dass wir sie darin unterstützen, und auch dass wir gerade ihnen Seelsorger und Seelsorgerinnen sind. Wir sollen insbesondere auch Hirten derer sein, die mit uns die Herde Gottes weiden, damit sie selbst stark werden, mit uns geistlich zu leiten.

Unser Predigtwort endet mit dem Blick auf den Erzhirten. Jeder Mensch ist nie nur Hirte. Er ist immer auch Schaf.
Sie, liebe Frau Bandorf, sind ja selbst auch von Christus durch schwierige Zeiten getragen worden, sind von ihm selbst getröstet worden. Sie haben erfahren, welche Freiheit Christus schenkt, Freiheit vom Perfektionismus, Freiheit von Angst und Sorge um sich selbst, Freiheit zum Einsatz für andere. Sie haben erkannt, welcher Schatz in unseren christlichen Traditionen liegt. Tradition ist für Sie – ich zitiere dabei Thomas Morus – „Traditon ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme“. Sie leben – wie die Ältesten in der alten christlichen Tradition und werden durch sie selbst erwärmt, brennen für sie und geben dadurch ihr Licht und ihre Wärme weiter.
Wie gut, dass Sie dies erfahren haben. Denn die Erfahrung „macht den Theologen“, sagt Martin Luther „experientia facis theologum“ – oder bei Ihnen „theologam“. So können Sie in der Verkündigung des Evangeliums, in der Liturgie, im Konfirmandenunterricht, in der Seelsorge diese Erfahrung weitergeben.

Sie werden ordiniert am so genannten Hirtensonntag. Dieser Sonntag soll Sie in Zukunft jedes Jahr nicht nur erinnern an Ihr eigenes Hirtenamt, sondern daran, dass Sie selbst einen Hirten haben. Denn nur der kann Hirte sein, der Christus gegenüber Schaf ist. Das ist weniger ein Grundsatz als eine grundlegende Haltung und eine tägliche Einübung. Zur Ausübung der Hirtenrolle gegenüber der Gemeinde braucht es die Einübung in die Schafsrolle gegenüber Christus. Wir Hirten brauchen einen Weg, uns täglich von Christus nähren, trösten, stärken zu lassen durch Gebet und Schriftbetrachtung für uns selbst und nicht nur in Vorbereitung der nächsten Predigt. Wenn wir Hirten täglich auch Schaf sind, werden wir nicht müde, brenne wir nicht aus und unser Wort wird nicht hohl. Dann klappern wir nicht nur mit dem Geschirr, dann ist auch etwas darauf, was die Menschen nährt.
Der offizielle Name dieses Sonntags ist Misericordias Domini. Der barmherzige Herr ist Ihr Hirte. Selbst wenn auch in dieser Gemeinde die „Bene am Altare stehn allene“, so steht er Ihnen doch zur Seite. Das sieht niemand; doch mögen Sie das spüren und erfahren. Gerade in Situationen, in denen Sie Ihren Hirtendienst ausüben, wird er Sie stärken, tragen, leiten. Diese Verheißung haben Sie durch den Segen, der Ihnen heute für Ihr Hirtenamt zugesprochen wird. Der Herr ist Ihr Hirte.
Amen.