Abendgottesdienst in der St.-Rupertus-Kapelle am 21. Juli 2012 in Obernsees

Rupertkapelle am 21. Juli 2012
Predigt zu „Weißt Du wieviel Sternlein stehen“ und Lk. 12,6-8

Liebe Gemeinde!

Sonst halte ich mich an die Ordnung vorgegebener Predigttexte. Doch ich gestehe, heute nicht. Denn ich habe dieses wunderschöne Bilderbuch zum Lied „Weißt Du wieviel Sternlein stehen“ plus gleichnamige CD mit vielen Kinderliedern günstig erhalten und viele davon gekauft, um sie weiter zu verschenken.

Und nun brauchte ich einen Anlass zum Schenken und dachte mir: Der Abendgottesdienst in St. Rupert ist dafür bestens geeignet, denn danach gehen die Sternlein bald auf.
Allerdings bin ich nun doch der Meinung – ohne Bibelwort keine Predigt und so bin ich auf die Suche gegangen nach einem  Bibelwort, das die Aussage des Kinderabendliedes aufnimmt und vielleicht sogar noch weiterführt.

Sie haben es schon als Evangeliumslesung gehört. Ich lese es noch einmal, damit es uns wieder ganz präsent ist:
Lukas 12,6-8
„Verkauft man nicht fünf Sperlinge für zwei Groschen? Dennoch ist vor Gott nicht einer von ihnen vergessen.
Aber auch die Haare auf eurem Haupt sind alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.
Ich sage euch aber: Wer mich bekennt vor den Menschen, den wird auch der Menschensohn bekennen vor den Engeln Gottes.“

Liebe Gemeinde!

Wissen Sie wie das Lied „Weißt Du wieviel Sternlein stehen“ endet? Mit der Zusage: „Kennt auch Dich und hat Dich lieb.“ Gemeint ist Gott. Er kennt auch Dich und hat Dich lieb.
Ob wir das glauben können, dieses „kennt auch Dich und hat Dich lieb“? Diese Zusage gilt ja nicht nur den Kindern, sondern uns Gotteskindern.
Viele Menschen, auch viele getaufte Christen, können nicht wirklich glauben, dass Gott sie lieb hat.

Was ist der Grund dafür?
Manche haben vielleicht zu viel vom Gegenteil gehört, davon dass Gott richtet und straft. Sie können nicht glauben, dass seine Liebe viel stärker ist als sein Zorn. Tilman Moser hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Gottesvergiftung“.

Es gibt Gottesvergiftungen, weil es Menschen gibt, die nicht den Gott verkündigen, den uns Christus gezeigt hat. Stattdessen erzeugen sie Angst vor Gott.
Dabei ist es doch der dreifache Kern des christlichen Glaubens, erstens die Liebe Gottes anzunehmen, zweitens diese Liebe zu erwidern und drittens sie an andere Menschen weiterzugeben.

Manche können auch nicht glauben, dass Gott sie lieb hat, weil sie Eltern gehabt haben, die ihnen mehr Strenge als Liebe entgegen brachten. Sie übertragen die Härte des Vaters auf den Vater im Himmel. Dabei wäre es eine Erlösung, wenn sie glauben könnten, dass Gott sie - anders als ihr leiblicher Vater - ohne Einschränkung annimmt und von Herzen liebt.

Viele haben diese Botschaft von Gottes großer Liebe zu ihnen noch nie so gehört, dass sie im Herzen berührt wurden. Vielleicht haben sie mit den Ohren gehört: „Gott hat Dich lieb“. Aber es ging zum einen Ohr hinein und zum anderen hinaus. „Gott hat Dich lieb“ – diese Botschaft will aber vom Ohr tiefer rutschen ins Herz oder in den Bauch, in unsere Gefühle. Sie will auch in unseren Gedanken sein.

Wieder andere waren immer eher Durchschnitt, auch in der Schule, und sind dann ganz normale Arbeitnehmer geworden, völlig unauffällig. Warum sollten sie Gott auffallen? Warum sollte er sie lieb haben? Sie sind zu unwichtig als dass sie dem allmächtigen Gott wichtig und lieb sein könnten.

Stimmt nicht, sagt unser Lied und stimmt nicht, sagt unser Evangelium. Sperlinge waren zur Zeit des Evangelisten Lukas Massenware, die man fängt, für einen Minipreis verscherpelt, damit sie im Kochtopf des Käufers landen als billige Mahlzeit. Denn dass das geschehen wird, das setzt der Bibeltext voraus. Lukas war kein Vegetarier.
Von diesen beiden verkauften Sperlingen heißt es: „Dennoch ist von Gott nicht einer vergessen“.

Das Normale wäre doch, dass Gott solche Sperlinge nicht beachtet und zumindest nach dem Verkauf abschreibt.

Doch unser Bibelwort behauptet das Gegenteil. Gott vergisst die Sperlinge nicht. Und unser Lied führt zu Mücklein und Fischlein aus: „Gott der Herr hat sie gezählet“ und „Gott der Herr rief sie mit Namen, dass sie all ins Leben kamen.“ Die Botschaft von Lied und Bibelwort ist: Der Schöpfer kennt seine Geschöpfe und sie sind ihm alle wichtig.

Zeigt sich in diesem Bibelwort etwas, das leitend sein könnte für unseren Umgang mit Tieren? Weder dieses Bibelwort noch die Grundlinie der Schrift spricht dagegen, dass wir Tiere als Nahrung essen. Doch sie spricht dagegen, dass wir sie wie leblose Ware behandeln, solange sie noch leben. Das ist in meinen Augen z.B. bei vielen Viehtransporten der Fall. Wie manche Hühner gehalten werden ist eine Schweinerei. Es ist gut, wenn wir unser Fleisch und unsere Eier immer bewusster einkaufen. Der Kunde steuert. Tiere verdienen artgerechte Haltung. Man kann sich darüber streiten, wie artgerechte Tierhaltung auszusehen hat, aber unser Ziel muss sie sein. Das sind wir dem Geschöpf und dem Schöpfer schuldig. „Von ihnen ist keines vergessen“ sagt unser Bibelwort. Schrecklich was Gott da teilweise beim Sehen erleiden muss in seinem Mitleiden mit der Schöpfung.

Es geht nicht um Naturromantik oder um eine Affenliebe zu Tieren, der reden weder die Bibel noch ich das Wort, sondern darum, dass der Schöpfer, sein Geschöpf nicht aus den Augen verliert, weil es ihm wichtig ist, der Sperling, das Huhn, die Stalltiere und auch unser Haustier.

Doch bleiben wir nicht bei diesem Thema stehen. Denn weder das Bibelwort noch das Lied zielen auf die Tierliebe Gottes, sondern – die Tierliebe Gottes voraussetzend - auf die Liebe Gottes zu jedem Menschen. Die Aussage des Bibelwortes ist: Gott vergisst keinen der verkauften Sperlinge – wie viel weniger vergisst er Dich. Er schaut auf Dich. Er hat Dich lieb.

Das ist nicht leicht zu glauben, bei der Menge von Menschen. Schauen wir uns doch allein mal hier im Kirchenschiff um. Ziemlich viele! Schön! Und jeder von uns soll ihm wichtig sein? Jeden von uns soll er lieb haben? Etwa auch meinen Sitznachbarn, etwa auch mich?

Ja. Er hat jeden von uns hat er lieb. Und wenn es hier noch enger wäre und noch mehr Menschen säßen - es wäre keiner da, den er nicht liebt. „Kennt auch Dich und hat Dich lieb“.

Er kennt Dich besser als Du Dich kennst. Weißt Du wieviel Haare Du auf dem Kopf hast? Nein. Selbst die älteren Herren, denen nicht mehr allzu viele geblieben sind, wissen es nicht. Sie sind immer noch unzählbar. Unser Bibeltext sagt: „Auch die Haare auf eurem Haupt sind alle gezählt. Darum fürchtet Euch nicht.“

Diejenigen, für die Lukas das schreibt, werden als Christen verfolgt. Sie haben Angst. Sie haben Angst, dass Gott sie vergessen könnte und sie dann irgendwo allein in einem Verließ sitzen und auf die Hinrichtung warten, wie verkaufte Sperlinge.

Die Botschaft ist: Fürchte Dich nicht! Und der Grund, dass Du Dich nicht fürchten musst, egal war kommt, ist seine Liebe zu Dir. Gott vergisst den verkauften Sperling nicht. Er wird auch auf Dich achten;  auch in den Tagen, in denen Du einmal sterben wirst. 

Der Kontext, in den das Wort ursprünglich gesprochen wurde, ist nicht süßlich. Die Aussage ist: Was auch geschehen wird – Du bleibst in seiner Fürsorge. Du bleibst in seiner Liebe. Du bleibst in ihm geborgen. Er schaut auf Dich, wenn Du im Krankenhaus liegst und die Schwester die Klingel nicht hört. Er sieht Dich und kümmert sich um Dich. Er sorgt sich jeden Tag um Dich bis Du bei ihm bist. Er hat Dich lieb.

Und nun geht unser Bibelwort noch eine Schritt über das Lied hinaus. Es steht unter der Überschrift: „Mahnung zum furchtlosen Bekennen“.
Die Christen zur Zeit des Lukas hatten Angst, zu sagen: „Ja, ich glaube an Jesus Christus“. Wer das sagte, dem drohte Haft und Hinrichtung.

Darum die doppelte Ermutigung: Gott vergisst Dich nicht – auch wenn Du in den Tod gehst. Und die zweite Ermutigung: „Wenn Du Dich zu Christus bekennst, vor den Menschen, dann wird Dich auch Christus bekennen vor den Engeln Gottes“. Wer Christus bekennt, hat einen Namen im Himmel.

Viele der ersten Christen haben sich nicht gefürchtet, oder ihre Furcht im Vertrauen zu Gott geborgen. Sie haben ihren Glauben bekannt. Das Blut der Märtyrer war das wirksamste Zeugnis, weil die Blutzeugen bekannten: Die Verbindung zu Christus ist mir wichtiger als alles, wichtiger als mein Leben.

Gott sei Dank sind wir nicht in der Situation, Blutzeugen werden zu müssen. Doch unser Bibelwort ermutigt auch uns zum Bekenntnis mit einer wunderschönen Aussicht: Wer Christus bekennt vor den Menschen, den kennen die Engel schon im Himmel, bevor er dort ist.

Unseren Glauben zu bekennen, ist in unserer Gesellschaft, die Religionsfreiheit gewährleistet einerseits nicht schwer, andererseits sind viele Christen sehr zurückhaltend, Christus mitten im Alltag zu bekennen und zum Glauben an ihn einzuladen. Es gibt keine Blutzeugen in unserem Land, Gott sei Dank. Doch es braucht Zeugen, die mit Herzblut zum Glauben einladen. Und dieses Weitersagen des Evangeliums und des Glaubens ist nicht zuerst Sache der Pfarrer und Religionslehrerin, sondern jedes Christen. Nach unseren Bekenntnisschriften hat jeder Christ das Amt der Verkündigung. Und im privaten Bereich ist kein Pfarrer da. Da sind wir alle gleichermaßen gefragt. Jeder Christ soll die Botschaft: „Kennt auch Dich und hat Dich lieb“ weitertragen. Nur so wächst wieder Glaube in den Häusern.

Das Gegenteil geschieht, wenn wir drohen: „Wenn Du nicht dies und jenes tust, hat Gott Dich nicht lieb“. So entsteht die Gottesvergiftung. Das stimmt auch nicht. Die Liebe Gottes zu uns ist nicht abhängig von unserem Wohlverhalten. Nichts gewinnt den Menschen jeden Alters mehr als die einfache Wahrheit, dass er Gott wichtig ist und dass Gott ihn kennt und liebt, wie er ist.

Der Dichter des Liedes „Weißt Du wieviel Sternlein stehen“ mit Namen Hey war ein unverbesserlicher Zeuge von Gottes Liebe gerade gegenüber Kindern. Er dichtete auch „Alle Jahre wieder kommt das Christuskind“. Die vierte Strophe, die meist nicht mehr gesungen wird, zeigt sein Anliegen:
„Sagt den Kindern allen, dass ein Vater ist, dem sie wohl gefallen, der sie nie vergisst.“

Der Dichter Hey war Dekan und Bezirksschulinspektor. Er wiedersetzte sich dem theologischen Rationalismus, also der theologischen Richtung, der es im Wesentlichen darauf ankam, dass Christenmenschen im Alltag vernünftig und ethisch korrekt handeln – als ein Bekenntnis rein im Tun. Er wollte ein lebendiges Christentum, das zu allererst die Liebe Gottes genießt, die Liebe zu ihm erwidert im Gebet und Gottesdienstbesuch und die genossene Liebe Gottes an Menschen weitergibt. Liebe von Gott empfangen, Liebe zu Gott erwidern, Liebe an Menschen weitergeben.

Darum dichtete er solche Lieder von der Liebe Gottes und gab er die empfangene Liebe weiter z. B. in der Gründung einer Hilfsklasse für Handwerker oder auch einem Kinderheim, das arbeitenden Müttern die Sorge um ihre Kinder abnahm.

1847 verlieh ihm die Theologische Fakultät der Universität Heidelberg den Ehrendoktor als einem ich zitiere „um ganz Deutschlands Jugend hochverdienten Mann“.

Glaube an Gottes Liebe, tiefe Liebe zu Gott und Zuwendung zu Hilfsbedürftigen gehörten zusammen im Leben dieses Menschen. Besonders freut mich, dass einem Menschen der Ehrendoktortitel akademischer Theologie verliehen worden ist, der fähig blieb zu der einfachen kindlichen Aussage: „Kennt auch Dich und hat Dich lieb“. Eine andere Botschaft habe ich auch nicht.

Finden auch wir zu dieser kindlichen Einfachheit im Annehmen und weitersagen der Liebe Gottes. „Sagt es allen Kindern, dass ein Vater ist, dem sie wohl gefallen, der sie nie vergisst.“

Der Mut dazu muss wieder wachsen unter uns Christen. Doch solche Büchlein, wie das, das Sie in den Händen halten und solche CDs helfen uns dabei.

Sie glauben gar nicht, wie sehr sich Kinder freuen, wenn Sie ihnen vorlesen oder sogar vorsingen: Enkelkinder, Nachbarskinder, Kinder, die uns besuchen oder die wir besuchen.

Computerspiele und Fernseher können und dürfen nicht zum Ersatz werden für Menschen, die vorlesen und singen: Gerade unsere Alten und unsere Kinder brauchen das Vorlesen und Singen um seelisch gesund zu sein, zu bleiben oder zu werden.

Schön, dass wir so viele sind. Lasst uns alle Ausschau halten nach Gelegenheiten zum Vorlesen zum Singen und Erzählen der Botschaft von Gottes Liebe. Wenn wir das tun, dann gilt auch für uns, dass wir uns um die Jugend dieses Landes verdient machen.

Doch vor dem Weitergeben der Botschaft von der Liebe Gottes in Wort und Tat, steht immer das Empfangen der Liebe. Wenn sich Ihnen gegenwärtig keine Gelegenheit bietet zum Vorlesen und Vorsingen, dann gönnen Sie sich selbst diese Botschaft, die zuallererst Ihnen gilt: „Kennt auch Dich und hat Dich lieb“. Wenn wir jetzt das Lied singen, dann singen wir es 200 Menschen zu und 200 Menschen singen es uns zu: „Kennt auch Dich und hat Dich lieb“.

Amen.