Ordination von Vikar Volker Metzler am 22. Januar 2012 in der Erlöserkirche in Bamberg

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner
in der Erlöserkirche in Bamberg
am 3. Sonntag nach Epiphanias, dem 22. Januar 2012, 10.00 Uhr

Predigttext: Matthäus 8,5-11


Liebe Festgottesdienstgemeinde, vor allem lieber Bruder Metzler!

Manchmal treffen biblische Worte in eigenartig passender Weise auf Ereignisse in unserem Leben. Als ich mich Samstag vor einer Woche morgens anschickte, die Ordinationspredigt für heute vorzubereiten, las ich zunächst Losung und Lehrtext eben des vergangenen Samstags. Der Lehrtext aus Markus 16,15 lautete:
„Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur.“ Unwillkürlich schmunzelte ich und dachte an Sie, lieber Bruder Metzler, gehen Sie doch ab März in den Libanon, nach Beirut. Bei Ihnen wird das Gehen „in alle Welt“ konkret.

Dieses Sendungswort „Gehet hin in alle Welt“ fügt sich zum Wochenspruch des heutigen Sonntags und der mit ihm beginnenden Woche. Er lautet: „Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“
Dieses „Gehet hin“ und „Es werden kommen“ hängt unmittelbar in zweifacher Weise zusammen: Zum einen: Damit die Menschen kommen, müssen wir schon auch zu ihnen gehen. Die Aufforderung, die Sendung Christi ist klar.
Zum anderen: Mit diesem Hingehen ist große Verheißung verbunden. Wenn wir hingehen, dann wird Gott auch tun, was er verheißt.  Dann werden die Menschen aus aller Welt, aus allen Himmelsrichtungen kommen. Sie werden am Tisch Christi sitzen, schon hier auf dieser Erde und einst bei ihm im Himmel. Und das liegt nicht nur an unserem Hingehen, sondern das liegt daran, dass Gott mit uns geht und durch uns die Menschen zusammenruft.

Zu Ihnen, lieber Bruder Metzler. Heute sendet Christus Sie. Die Ordination ist die Berufung, Segnung und Sendung zum Dienst der öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung.
Bevor ich auf Sendung und Segnung zu sprechen komme, möchte ich zuerst auf Ihren Weg der Berufung eingehen.
Mit dem heutigen Tag endet die Vorbereitung auf Ihre Berufung zur öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung. Heute werden Sie berufen. Begonnen hat die Vorbereitung auf diesen Tag schon mit Ihrer Taufe am 3. Oktober 81, zu der Ihre Eltern Sie brachten. Ihr Elternhaus, der Konfirmandenunterricht, der gute Religionsunterricht in der Oberstufe von Frau Doris Honig und ihre Ermutigung zum Theologiestudium waren wichtige Etappen der Vorbereitung.
Sie studierten evangelische Theologie in Neuendettelsau, Göttingen und Halle. Von Beginn an interessierten Sie die missionswissenschaftlichen, religionswissenschaftlichen und ökumeni-schen Themen in besonderer Weise. Die Beschäftigung mit den christlichen Konfessionen, wie der Orthodoxie und der katholischen Kirche bereicherten Ihr eigenes Christsein.
Die anderen Religionen, das Judentum und der Islam waren Welten, die Sie sich erschließen wollten; daher auch Ihr Aufenthalt in der Near East School of Theology (NEST) in Beirut. Sie studierten dort vom September 2005 bis Juni 2006. Zuvor hatten Sie in Indien einen Kurs in Syriac Language“ in drei Monaten absolviert. Auch arabisch eigneten Sie sich an. Das „Gehet hin in alle Welt“ reizt Sie selbst.
Nach dem ersten Theologischen Examen hatten Sie in Herrn Pfarrer Günther Schardt einen erfahren Mentor und in der Erlöserkirchengemeinde eine vielfältige, wunderbare Vikariatsgemeinde. Auch das Lernen des praktischen Vollzugs gehört zum Berufungsweg und zur Vorbereitung auf diesen Tag heute.
Bevor Christus Sie heute beruft zum lebenslangen Dienst der öffentlichen Evangeliumsverkündigung, hat er Sie auf den verschiedenen Wegetappen immer wieder gerufen und gesagt: „Komm zu mir, komm in diesen Dienst. Du wirst gebraucht. Du hast die Gaben dazu.“  Sie sprechen von „Engeln ohne Flügel“, die er Ihnen gesandt hat, die an wichtigen Stellen Ermutigungen und Hinweise gaben.
Heute ist dieser Vorbereitungsweg der Berufung an sein Ziel gekommen. Doch vertrauen Sie darauf, dass Gott auch in Zukunft seine Engel schickt, damit Sie wahrnehmen, wohin er Sie senden will. Zunächst nach Beirut, und wohin dann? Er wird es Ihnen zeigen. Ich jedenfalls würde mich freuen, wenn auf Beirut Bayreuth folgen würde. Dieser Kirchenkreis braucht Menschen, die sich hierher senden lassen. Wer weiß, was Gott mit Ihnen vorhat. So wie Sie offen waren für die Berufung, so gilt es von jetzt an, offen zu sein für den Weg der Sendung, der heute beginnt.

„Geh hin, Volker“ heißt es heute. Ich zitiere den Anfang des eigentlichen Ordinationsritus:
„Jesus Christus spricht: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich Euch.“ Diese Gemeinde, die Kirchenleitung, ja Christus selbst sendet Sie heute, das Evangelium öffentlich zu verkünden. Und obwohl Sie für den Pfarrdienst in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern ordiniert werden, gilt diese Sendung – von ihrem Wesen her – örtlich weltweit und zeitlich lebenslang, weil Christus, der Sie sendet, Herr der ganzen Welt ist und seine Kirche weltweit bauen will, durch Ihr ganzes Leben. Alle Menschen sollen eingeladen werden, am Tisch des Herrn zu sitzen. Und Sie sind gesandt, sie einzuladen.
Wie sehr passt dieser Wochenspruch mit Welthorizont gerade zu Ihrer Ordination. Sie waren ja schon ein Jahr in Beirut. Doch Sie gehen nicht, wie letztes Mal als Auszubildender, als Student, sondern dieses Mal gehen Sie als Pfarrer, der von seiner Kirche und von Christus selbst gesandt ist, das Evangelium weiterzusagen. Das ist eine grundlegend andere Rolle.
Das Bekenntnis „Jesus ma joy“, „Jesus meine Freude“, wurde Ihnen bei Ihrem ersten Aufenthalt in Form eines Armbändchens mitgegeben. Nun gehen Sie zurück, als Bote der Freude, als Bote Jesu Christi.
Und es ist gut, dass Sie diese Verheißung mitnehmen: „Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“ Es wird geschehen, dass durch Ihre Verkündigung des Evangeliums Menschen zum Tisch des Herrn kommen werden. Sie werden es erleben, dass Menschen, die bisher nicht an Christus glaubten, sich taufen lassen und zum Tisch des Herrn gehen.

Diese Verheißung ist bereits Teil des Segens, der Ihnen heute mitgegeben wird. Heute werden Sie nicht nur am Ende des langen Berufungsweges berufen, und nicht nur zur Evangeliumsverkündigung gesandt, sondern Sie werden auch gesegnet. Nie sendet Christus, ohne zu segnen. Heute beten wir für Sie und berühren Sie mit unseren Händen, in der Hoffnung und Gewissheit, dass Gott selbst Sie berührt und mit Ihnen geht, wohin er Sie sendet. „Ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Das sagt Christus Ihnen heute zu. Er wird Ihren Glauben stärken und Ihr Leben weiter erfüllen mit Freude, gerade dadurch, dass Sie von ihm erzählen. Er selbst wird reden durch Sie. Er selbst wird Glauben wecken durch Sie, sodass andere für sich sagen können: „Jesus ma joy“; „Jesus meine Freude“.

Ordination ist Berufung, Segnung und Sendung zur öffentlichen Verkündigung des Wortes und Feier der Sakramente. Wort und Sakrament sind Thema der Evangeliumslesung, die wir vorhin gehört haben:
„Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund“, sagt der Hauptmann von Kapernaum. Worte sind so wirkmächtig. Ein wirklich verletzendes Wort, das unsere Mutter oder ein Lehrer gesprochen hat, vergessen wir zeitlebens nicht. Umgekehrtes gilt aber auch: Ein mongolisches Sprichwort weiß: „In einem guten Wort ist Wärme für drei Winter“. Wie gut tut das einem Kind, das an der Schule verzweifelt, von den Eltern zu hören:
„Wenn Du die Klasse nicht schaffst, das ändert an unserer Liebe zu Dir gar nichts. Auch wenn Du das Abitur nicht schaffst – Du wirst Deinen Weg finden und wir werden Dich dabei unterstützen, so gut wir können.“
Wenn allein schon unsere menschlichen Worte lösen, befreien, wärmen können, wieviel mehr wenn Christus spricht. Wenn Christus einen Menschen anspricht, dann kann sich sein Leben grundlegend verändern, weil es ihn in der Tiefe seiner Seele berührt.
Gerade wir Lutheraner trauen eigentlich von unserer Theologie her der Kraft des Wortes. Ich ermutige uns alle, es nicht nur eigentlich, sondern wirklich zu tun. Jeder und jede von uns ist seit der Taufe aufgerufen, das Evangelium im Freundeskreis, in der Familie, am Arbeitsplatz weiterzusagen. Kindern biblische Geschichten vorlesen, am Krankenbett den 23. Psalm vorlesen, oder einem Menschen, der sich Sorgen macht sagen: „Gott vergisst Dich nicht. Er wird für Dich sorgen“, sind nicht nur leere Worte, sondern Wirkworte, die zum Leben helfen. Ihnen, lieber Bruder Metzler,  ist mit der Ordination über dem uns allen anvertrauten privaten Raum hinaus das Wort in der Öffentlichkeit gegeben.
Trauen Sie der Macht menschlicher Worte und noch viel mehr der Macht des Wortes, das Christus durch Sie sprechen will, mit dem er lösen, befreien, ermahnen, ermutigen will.
Manchmal geht es uns beim Verfassen einer Predigt, so wie Huub Oosterhuis, der in einem Lied formuliert. „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr“. Etwas Besseres als diese leeren Hände kann es nicht geben. Denn wie soll Gott volle Hände füllen? In diesem Lied bittet Huub Oosterhuis weiter: „Sprich du das Wort, das tröstet und befreit und das mich führt in deinen großen Frieden“. Das tut Gott bei Ihnen und das wird er auch bei anderen durch Sie tun.

Soviel zum Wort und nun zum Sakrament: „Herr, ich bin nicht wert, daß du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund“ – diese Bitte des Hauptmanns kommt in der katholischen Liturgie des Abendmahls in leicht abgewandelter Form vor: „Herr, ich bin nicht würdig, dass Du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“. Wir gebrauchen diese Formulierung nicht in unserer lutherischen Abendmahlsliturgie – und doch glauben auch Lutheraner, dass Christus selbst gegenwärtig ist im Brot und Wein und dass Leib und Blut Christi Heilmittel zum ewigen Leben sind. Worte kann man nur hören, nicht sehen. Für Lutheraner sind Brot und Wein wie ein sichtbares Wort. Im Essen von Brot und Wein sagt Christus uns zu: „Dir sind deine Sünden vergeben“, „Du gehörst zu mir“. Dieses Mahl ist Heilung für die Seele, es macht die Seele gesund. Es stärkt auf dem Weg zum ewigen Leben bis wir einst – kommend aus den verschiedensten Himmelsrichtungen das ewige Freudenmahl feiern in seinem Reich.

Nun gehen Sie in den Nahen Osten, in den Libanon, ein Land mit äußerst komplexer religiös-politischer Struktur. Dies zeigt sich allein schon darin, dass im Libanon laut Verfassung das Staatsoberhaupt maronitischer Christ sein muss, der Regierungs-chef sunnitischer Muslim, der Parlamentspräsident schiitischer Muslim und der Oberbefehlshaber der Armee Christ.
Gerade mit Blick auf diese komplexe religiöse Lage wirkt das Evangelium dieses Sonntags in zweifacher Weise sehr sprechend. Zum einen: Jesus war Jude, der Hauptmann Heide. Dieser Hauptmann hat vor den religiösen Bräuchen und Regeln des Juden Jesus so großen Respekt, dass er von Jesus nicht erwartet, sein Haus zu betreten. Er weiß, dass dies für einen Juden tabu ist. Von diesem Hauptmann lässt sich respektvoller Umgang zwischen den Religionen lernen, der Ihnen, lieber Bruder Metzler, und Ihrer Frau ein großes Anliegen ist.
Auch in der anderen Aussage der biblischen Geschichte werden Sie sich sehr gut wiederfinden. Zum anderen vertraut der Hauptmann darauf, dass Jesus das Heilung bringende Wort spricht.
Beides soll uns Christen leiten: Großer Respekt vor anderen Religionen und großes Vertrauen, dass Christus das Wort spricht, das Heil und Heilung bringt. Das gilt nicht nur im individuellen, persönlichen Leben, sondern auch im spannungsgeladenen Gefüge politischer Blöcke. Wir vertrauen auch hier nicht der Gewalt, sondern der wirksamen Ohnmacht der Liebe Christi und der Macht seines Wortes. Auch dafür gilt unsere glaubende Bitte an Christus: „Sprich du das Wort, das tröstet und befreit und das uns führt in deinen großen Frieden.“ Gerade durch das Miteinander von Respekt gegenüber den Religionen und ungebrochenem Vertrauen zu Christus, dem Heiland der Welt, werden Christen zu Freudenboten, die den Frieden verkünden, den Christus schenkt.
Gehen Sie hin im Frieden unseres Herrn, lieber Bruder Metzler.
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.