Traueransprache Dekan i.R. Gottfried Egg am 28.03.2012 in Bamberg

Beerdigung von Dekan i.R. Dr. Gottfried Egg
auf dem Friedhof Bamberg , Hallstadter Straße, am 28.März 2012

Liebe Trauergemeinde, vor allem liebe Frau Egg, lieber Markus Egg, liebe Cornelia Egg-Möwes und Familien!

Der Psalmbeter sagt: „Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen“ und
Christus spricht: „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“
Gottfried Egg wollte, dass diese beiden Bibeltexte Leitworte sind bei seiner Beerdigung.
Zwei Worte, die das Leben durch und für Christus benennen; ja, auch das alttestamentliche Psalmwort war für Gottfried Egg durchscheinend für Christi Werke, die er verkündigen wollte. Und nun will er, dass wir des Herrn Werke auch bei seinem Tod verkünden und an seinem Sarg sagen, dass auch für ihn gilt, was Christus verspricht: „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“
Pfarrer Böhme hat die persönliche Vita dargestellt und mein Part ist es, auf seinen Dienst einzugehen.
Aufgenommen in den Dienst der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern wurde Gottfried Egg im Jahr 1959. Am 19.11.1961 wurde er in München-Auferstehungskirche ordiniert durch Kreisdekan Burkert. Es folgte eine fünfjährige Beurlaubung (1961-1966), zuerst auf eine Vikarsstelle in Zürich und Basel und dann auf die Stelle eines Assistenten im Fach Neues Testament in Erlangen, dann acht Monate Einsatz als Stadtvikar an seinem Ordinationsort München-Auferstehungskirche. Nach weiteren neun Monaten Dienst in München-Christuskirche wurde ihm ab dem 1. Oktober 1966 die zweite Pfarrstelle Augsburg-St.-Markus verliehen. Exakt 10 Jahre lang, von November 1972 bis November 1982 war er Abteilungsleiter für die Alten- und Pflegearbeit und Dozent in der Rummelsberger Diakonenausbildung. Die Rummelsberger Anstalten sind heute in großer Dankbarkeit und hoher Anerkennung durch ihren früheren Rektor und Präsidenten des Diakonischen Werkes Deutschland Dr. Karl-Heinz Neukam vertreten.
Ebenfalls für fast 10 Jahre trug er als Rektor des Predigerseminars Bayreuth die Verantwortung für die zweite Ausbildungsphase zukünftiger Pfarrer und Pfarrerinnen.
Ab dem Jahr 1986 kreuzten und verbanden sich unsere Wege als ich Vikarin an seinem Predigerseminar Bayreuth wurde und seine Leitung  genoss. Er hatte Stil, hatte seine stille doch deutliche Weise zu zeigen, wenn wir Vikare die Etikette nicht ganz zu wahren wussten. Wenn er Sätze begann mit seinem sonoren „Nun“ und dann erst einmal eine lange Pause folgte, waren wir gespannt, wie er mit Humor und feinen Strichen eine Situation oder eine theologische Position oder eine menschliche Eigenheit zu charakterisieren wusste. Manchmal verstanden wir ihn nicht und fragten dann einander: „Was hat er orakelt?“. Doch diese Frage war stets voll Achtung. Wir wollten ihn verstehen, weil er Tiefgründiges zu sagen hatte.
Nach meinem Vikariat bat er mich, Predigten für den Gütersloher Verlag zu schreiben. Er war der Schriftleiter. Ich formulierte in einer Predigt: „Das ist Kern unserer christlichen Überzeugung.“ Er änderte in: „Das ist Kern unserer guten lutherischen Überzeugung.“ Eigentlich ist das unmöglich, doch er schätzte Martin Luther wohl noch mehr als ich. Er wusste sich mit Luther eins in der Freiheit eines Christenmenschen, in der Fähigkeit das leibliche Leben zu genießen und dankbar anzunehmen und im Vertrauen auf die Wirksamkeit des so genannten „äußeren“,  des verkündigten Wortes, ohne das kein schrift- und evangeliumsgemäßer Glaube wächst. Auch die Deftigkeit lutherischer Rede entsprach seinem Humor. Wenn er Entsprechendes von Luther zitierte, lachte der Theologe und der ganze Mensch. Den schwarzen Talar des reformatorisch Gelehrten zu tragen, war ihm eine Ehre.
Es ist keine Legende, dass Luther dieses Psalmwort „Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen“ einst an die Wand seines Zimmers in der Veste Coburg schrieb als er dort ein halbes Jahr wohnte. Mit diesem Wort trotzte er seinen körperlichen Koliken, seinen seelischen Anfechtungen und seinen Ängsten vor leiblichem und ewigen Tod. Nein: „Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen.“ Gerade in diesem trotzigen Festhalten an der Verheißung gegen die eigenen Gefühle war Martin Luther ihm Vorbild zum Leben, als ihn der Tod seines Sohnes und dann seiner ersten Frau, Magdalena, mit Wucht traf. War seine Verkündigung nie glatt, so war sie ab diesen Todeserfahrungen manchmal hadernd und doch trotzig kämpferisch gegen den Tod und die Todeserfahrungen in seinem eigenen Leben und im Leben anderer.
Als er seine Stelle als Dekan von Bamberg zum 5.4.1992 antrat, predigte er über den heulenden Christus – zwei Tage später starb seine Frau Magdalena. Er verkündigte einen Christus, der selbst litt, selbst nicht verstand und nur darum sein Herr bleiben konnte. Auf seinen Dienst als Dekan in Bamberg und Pfarrer in St. Stephan wird Dekan Sperl noch eingehen.
Des Herrn Worte verkündigen
Ich blende noch einmal zurück in seine Zeit als Rektor am Predigerseminar. Eine Verkündigungssituation dort werde ich wohl nie vergessen:
Ab 1991 war ich dort mit meinem Mann Studienreferentin unter der Leitung Gottfried Eggs als Rektor. Ich hielt ein Referat über den Segen. Meine Ausführungen, dass wir nicht nur Lebende, sondern auch Verstorbene segnen und ihnen ein Kreuzzeichen auf die Stirn machen, leuchtete manchen Vikaren nicht ein. Sie meinten man könne doch nur lebende Menschen segnen und nicht schon Verstorbene, das sei nur ein toter Leib; man würde ja auch keine Dinge segnen. Gottfried Egg hatte die ganze Zeit der Diskussion nur zugehört. Immer wieder dachte ich an ihn, hatte er doch seinen Wolfgang verloren. Was würde er denken? Da meldete er sich zu Wort und sagte  (so meine Erinnerung):
„Der Tod nimmt und entreißt kaltblütig. Uns bleibt nur ein brutales passives Erleiden müssen. Das Kreuz auf der Stirn ist der positive Akt dagegen. Indem wir das Kreuzzeichen auf die Stirn zeichnen, nehmen wir den Verstorbenen dem Tod weg und legen ihn in Gottes Hand. Dieser Mensch ist Christi.“ Keiner hätte das glaubwürdiger sagen können. Es war Unterricht und Verkündigung zugleich.
Auch an Gottfried Egg ist dies geschehen. Das Kreuzzeichen ist auf seiner Stirn. Gottfried Egg ist uns entrissen, doch gehört er weder dem Tod noch dem Grab, sondern dem gekreuzigten und auferstandenen Christus.

Am vergangenen Samstagmorgen erreichte mich Ihr Anruf, liebe Frau Egg, über den Tod Ihres Mannes. Sie übergaben im Anschluss dann das Telefon an Pfarrer Böhme, mit dem ich über die Beerdigung sprach. Es klingelte an der Haustüre – mehrfach. Ich ging doch kurz hin: Da stand Regionaldekan Dr. Zerndl. Er hatte eine Osterkerze in der Hand. Er fragte: „Hast Du dieses Jahr schon eine Osterkerze erhalten?“  Ich sagte nein und schon hatte ich sie in der Hand: weiß mit einem rot-goldenen Kreuz und der Jahreszahl 2012. Welch ein Zusammentreffen, dachte ich: Gottfried Eggs Tod und diese Osterkerze in meiner Hand. Es war wie ein Symbolgeschehen für die Botschaft Christi an uns alle: „Ich lebe und ihr werdet auch leben.“  Liebe Frau Egg: Ich gebe sie an Sie weiter und kaufe mir die gleiche neu.
Wir sind in der Passionszeit im mehrfachen Sinne. Doch Ostern steht uns bevor, uns allen kirchenjahreszeitlich und lebensgeschichtlich. Wir denken an Christi Leiden und werden doch in wenigen Tagen an Ostern hören: „Der Herr ist auferstanden.“ Wir werden alle sterben, doch durch den Gekreuzigten und Auferstandenen sind wir erlöst und gehen auf die Auferstehung zu. Wir trauern heute um Gottfried Egg und doch ist der Auferstandene unter uns und sagt gerade den Familienmitgliedern: „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“ Gottfried Egg wollte, dass wir Trauernden dies hören, dass Christus spricht: „Ihr sollt leben“ und am Grab singen: „Christ ist erstanden“.
Er  wollte auch, dass wir angesichts seines Todes über ihn dies sagen, dass für ihn die Verheißung gilt:  Christus spricht: „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“ Ja, sie gilt für ihn. Amen.


Dr. Dorothea Greiner
Regionalbischöfin