Einweihung des Lutherwegs in der St.-Georgskirche in Neustadt b. Coburg am 30.09.2012

Liebe Gemeinde!

Die Nürnberger Meilenscheibe aus dem Jahr 1559 nennt für den Weg von Nürnberg nach Leipzig u.a. die Stationen Bamberg, Rattelsdorf, Coburg, Neustadt – auf der Meilenscheibe noch Newestetlein genannt -, Judenbach, Gräfenthal und Saalfeld. Der so genannte Sattelpass über den Thüringer Wald war viel begangen.

Historisch verbürgt ist, dass Luther im Jahr 1530 nach Coburg diesen Weg nahm. Herkommend von Sonneberg erreichte er am Gründonnerstag, 14. April 1530, Neustadt und predigte am Karfreitag hier in der St. Georgskirche. Das lässt sich auch der Gedenktafel in dieser Kirche entnehmen. Dann zog er am gleichen Tag über Rödental nach Coburg weiter. Auf der Rückreise kam er am 4. Oktober 1530 ebenfalls wieder durch Neustadt, nachdem er ein halbes Jahr auf der Veste verbracht hatte.

In vielen Dörfern, durch die der heutige Lutherweg führt, war Luther nicht selbst. Der Weg verbindet auch Stationen, die Luther besuchte oder die aus anderem Grund eine Bedeutung für ihn hatten, ohne dass er den Weg dazwischen passierte. Doch das eben benannte Teilstück ist – wenn man so sagen will – ein „echter“ Lutherweg. Auch bei den beiden Reisen 1518 nach Heidelberg und nach Augsburg nahm er diesen Weg über den Sattelpass bzw. über Neustadt und Coburg. Bei seiner Reise 1510/11 nach Rom zog er dagegen auf der alten Kupferstraße von Eisfeld nach Coburg durchs Lautertal. Auch diese Strecke ist in die südliche Schleife des Lutherwegs aufgenommen.

Der Lutherweg wurde im Wesentlichen nicht aus religiösen Gründen geboren. Nun – es entsteht auch viel Gutes aus rein säkularen Gründen. Die östlichen Bundesländer haben Luther als Tourismusmagnet entdeckt. Nach Wittenberg und Erfurt kommen unzählige – an Luther interessierte - Gruppen aus allen Kontinenten, besonders aus Amerika. Luther ist ein Wirtschaftsfaktor. Das ist nichts Schlechtes – eher ist zu bedauern, dass das Land Bayern den Ausbau des Lutherweges nicht gefördert hat anders als die neuen Bundesländer, sodass unsere Kommunen dies finanziell und organisatorisch selbst leisten mussten. Ich danke den Kommunen herzlich dafür. Danke auch für alle gute Kooperation mit den Kirchengemeinden. Unsere Kirchen werden versuchen, für Wandernde und Pilgernde gute Gastgeber zu sein und dem Lutherwort gerecht zu werden: „Gastfreiheit ist an allen Orten, wo Kirche ist“.

Aber warum befürworten die lutherischen Gemeinden überhaupt einen Lutherweg, auf dem man pilgert! Dreht sich Luther da nicht im Grabe um? Er verspottete das Pilgern als Narrenwerk. Man solle nicht nach Santiago de Compostela laufen. Man wisse ja gar nicht, ob dort „Sankt Jakob oder ein toter Hund daliegt“. Und nun ein Lutherpilgerweg! Das scheint ein Widerspruch in sich zu sein.

Doch Christen wirklich lutherischer Prägung käuen erstens nicht einfach Aussagen Luthers fundamentalistisch wieder, sondern sehen den Sinn seiner Äußerungen. Und zweitens sehen sie manches an Luther auch durchaus kritisch durch die Brille der Heiligen Schrift, die er uns selbst aufgesetzt hat. Das würde er sich sogar wünschen. Da bin ich mir sicher als Theologin, die keinen Theologen so schätzt und so viel gelesen hat, wie Martin Luther.

Außerdem meine ich, dass wir mache Teile der Lehre Luthers völlig ausgeblendet haben. Fromme Werke und Glaubensübungen, wie z.B. das Fasten, waren ihm unendlich wichtig. Er hat nur dagegen polemisiert, dass Menschen meinen, sich mit ihnen den Himmel aufzuschließen und das Heil verdienen zu können. Das ist unmöglich. Das Heil bekommen wir geschenkt aus reiner Gnade. Pilgern, Fasten und dergleichen tragen nichts zu unserem Heil bei.

Wenn das aber klar ist, dann sind fromme Werke und Glaubensübungen unerlässlich – nicht für das Heil, sondern für die Heiligung. Selbstverständlich sollen wir so oft wie möglich zum Abendmahl gehen, gute Werke tun, fasten und beten. Doch nicht aus Angst vor dem Gericht, sondern aus Dankbarkeit für das geschenkte Heil.

Nachdem das klar ist, liebe Mitchristen, lasst uns pilgern. Nachdem das klar ist – auch im Konsens über die Rechtfertigungslehre mit der katholischen Kirche – pilgern wir Evangelische begeistert Seite an Seite mit unseren katholischen Mitchristen. Die katholische Kirche hat längst begonnen, Luther zu schätzen und wir Evangelische das Pilgern. Worin würde sich das besser zeigen als darin, dass wir gemeinsam einen Lutherweg zum Pilgern einweihen.

Luthers Weg war ein Weg zur Freude über Christus und die durch ihn geschenkte Erlösung aus Sünde, Tod und Gericht.

Luthers Weg war ein Weg zur Freiheit von Lebens- und Glaubensangst durch den Glauben an den Heiland.

Luthers Weg war ein Weg zum Vertrauen auf die Gnade Gottes. Ja, der Himmel steht uns offen aus reiner Gnade.

Luthers Weg war ein Weg zur Standfestigkeit. Er wusste, was in der Heiligen Schrift steht. Sie war ihm Maßstab zur Beurteilung aller Lebens- und Glaubensfragen. Christus, Glaube, Gnade, Schrift waren die vier Leitplanken seines Weges.

Dass er diesen Weg gegangen ist, dafür war Luther zeitlebens Gott dankbar und wir sind es auch. Wir folgen auf dem Lutherweg nicht Luther nach, sondern mit ihm Christus. Wir glauben nicht an Luther, sondern mit ihm an Gott.

Auf dem Lutherweg Luthers Weg entdecken und gehen,

den Weg der Freude über Christus,

den Weg der Freiheit von Angst durch den Glauben,

den Weg des Vertrauens auf die Gnade Gottes

und den Weg der Standfestigkeit, gewonnen aus der Heiligen Schrift -

dass dies geschieht, das wünsche ich den Wandernden und Pilgernden und dazu noch Erholung an Leib und Seele.

Ich schließe mit einem Bibelzitat aus der Übersetzung Luthers mit der Anregung, beim Pilgern auf dem Lutherweg diesen Psalm immer wieder zu beten:

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Amen