Einweihung des Familienzentrum Forchheim St. Johannis am 23.09.2012

Gottesdienst zur Einweihung des Familienzentrums Forchheim St. Johannis am September 2012
Predigt (Apostelgeschichte 12, 1-12)

Liebe Gemeinde!

Nach diesem Gottesdienst heute werden wir das neue Kinderhaus und Familienzentrum einweihen. Ich gratuliere der evangelischen Kirchengemeinde St. Johannis sehr herzlich und auch allen Bürgern der Stadt Forchheim. Das neue Kinderhaus und Familienzentrum ist ein Gewinn für alle.

Es ist beeindruckend welch ein Ensemble nun entstanden ist: Die Kirche, in der wir gerade sitzen, daneben Gemeindehaus und Pfarrhaus, das Seniorenheim Johann Hinrich Wichern der evangelischen Diakonie. Und sind Kinderhaus und Familienzentrum hinzugekommen. Und nicht zu vergessen – es ist in der Mitte ein freier Platz entstanden - nicht nur zum Parken, sondern auch zur Begegnung und zum Feiern. Über diesen Platz stehen alle Gebäude miteinander in Verbindung. Ein Ensemble ist entstanden, in dem Glauben und Leben, Alte und Junge, Glaubende und Fragende sich begegnen und die Zusammengehörigkeit von Kirche und Familienzentrum von Kinderhaus und Seniorenheim sichtbar wird.

Die Kirchengemeinde hat den großen Bau mit Gottvertrauen gewagt. Und heute feiern wir, dass nicht nur der Bau gelungen ist, sondern ein Ensemble entstanden ist, ein einladendes evangelisches Gemeindezentrum.

Was hat nun aber unser heutiger Predigttext, die gehörte biblische Geschichte von der Gefangennahme und Befreiung des Petrus aus einem Gefängnis, mit unserem neuen Kinderhaus und Familienzentrum zu tun?

Die biblische Geschichte handelt von

Gebet in den Häusern,

Gemeinschaft in der Gemeinde,

Befreiung aus dem Gefängnis und

Engeln auf der Erde.

Alle vier Grundelemente der Geschichte sind übertragbar auf unser Leben in unseren Familien.

Zuerst: Gebet in den Häusern.

Petrus wird verhaftet und im Gefängnis festgehalten. Als Reaktion der Gemeinde erscheint in unserer Geschichte nur folgender Satz: „aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott“.

„Ohne Aufhören beten“ bedeutet: Die Gemeindeglieder haben nicht nur in Gottesdiensten für Petrus gebetet, sondern auch in den Familien zu Hause. Sonst ist an ein „Beten ohne Aufhören“ nicht zu denken.

Beten ohne Aufhören? - Anfangen zu beten, das ist der erste Schritt, und er geschieht auch in der Gegenwart in vielen Familien.

Vielleicht haben Sie als Mütter und Väter dies auch an sich beobachtet: Kinder machen uns frömmer. Problematische Schwangerschaften, die Geburt, die aufregenden ersten Wochen mit dem ersten Kind bringen manchen Vater und manche Mutter dazu, für ihr Kind zu beten.

Oft sind die Eltern bisher ohne eigenes Abendgebet eingeschlafen, doch nun fangen sie an, mit ihrem Kind vor dem Einschlafen eines zu sprechen.

Manchmal sind es auch die Kinder selbst, die das Gebet wieder in die Häuser bringen. Sie lernen im Kindergarten – auch in unserem Kinderhaus - vor dem Essen zu beten, und es gefällt ihnen. Kinder lieben Rituale. Sie fordern sie auch zu Hause ein.

Sind die Kinder dann in den Anfängen der Pubertät wird es ihnen manchmal eher peinlich. Doch auch das gibt es: Die Mutter eines pubertierenden Jungen sprach eine andere Mutter an: „Was betet Ihr vor dem Essen? Mein Sohn kam von Euch heim und fragte vorwurfsvoll, warum wir das nie gemacht hätten.“ Die andere Mutter war völlig erstaunt, weil ihr eigener Sohn ihr Vorhaltungen gemacht hatte, dass sie gebetet hätten, als sein Freund zu Besuch war. Beide Familien beten inzwischen vor dem Essen, die eine hat neu damit begonnen, die andere hat damit nicht aufgehört.

Als mein Mann und ich und zwei junge Frauen eine Woche auf einem gemieteten kleinen Segelboot unterwegs waren, zusammen mit einem Segellehrer, merkten wir vier bald, dass er nicht mit dem christlichen Glauben am Hut hatte. Als wir losfuhren schüttete er – sicher nicht ganz ernst gemeint - drei Becherchen Schnaps ins Meer mit dem Ruf, dass Poseidon uns doch wohl gesonnen sein möge. Lachend schlug ich drei Kreuze. So begann die Fahrt.

Beim ersten Essen fragten wir, ob er etwas dagegen hätte, wenn wir vier ein gemeinsames Gebet sprechen und an jedem Morgen gemeinsam „All Morgen ist ganz frisch und neu“ singen würden. Er hatte nichts dagegen. Im Gegenteil, er spürte, dass unser Leben „gefasst“ war, im besten Sinne des Wortes. Bis dahin, dass eben keiner zu futtern anfing, bevor nicht alle saßen und gebetet war. Das teilte er uns auch am Ende der Woche mit.

Schämen wir uns unseres Betens und unserer Glaubensrituale nicht. Selbst viele Menschen, die nicht glauben, schätzen es. Haben wir den Mut, es auch zu praktizieren, wenn andere Menschen da sind. Hören wir alle mit dem Beten vor dem Essen nicht auf – auch wenn die Kinder aus dem Haus sind; oder fangen wir sogar neu damit an: Am Morgen nach dem Aufwachen, am Abend vor dem Einschlafen, bei allen Mahlzeiten, zu denen wir uns setzen. Beten gehört nicht nur in die Kirchen, sondern sogar zu allererst in die Wohnungen und Häuser. Unser Kinderhaus und unser Familienzentrum können und sollen auch dazu beitragen.

Gehen wir gedanklich einen Schritt weiter zur Gemeinschaft in der Gemeinde: Das ist schon eine besondere Form des Zusammenhaltes, die sich ausdrückt in jenem Satz: „Die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn“. Die Gemeinde ließ ihren Petrus im Gefängnis nicht allein. Sie bat Gott um Hilfe für ihn.

Immer wieder sagen mir Menschen: „Ich bete für Sie“. Ich bin dafür unaussprechlich dankbar, denn Gebet wirkt. Auch ich versuche noch wesentlich treuer zu werden im Gebet für andere Menschen.

Wir stehen als Christen doch in einer Gemeinschaft. Wir sind verbunden durch den Glauben an Jesus Christus und wir können und sollen für einander beten.

Manche alte Menschen fühlen sich zunehmend nutzlos, je weniger sie tun können. Doch zum einen hängt unser Wert nicht an dem, was wir leisten, sondern an dem, was wir durch Gottes Güte sind: Seine geliebten Geschöpfe, gerufen zum Leben - hier mit ihm und einst bei ihm. Zum anderen können gerade alte Menschen zu dem - im Bibelwort erwähnten – „unaufhörlichen Beten“ in besonderer Weise beitragen.

Mein Vater, 1901 geboren und schon lange gestorben, lag in seinem Alter sehr häufig auf seinem Canape. Er hatte meist die Augen zu und war doch ganz wach. Ich wusste, dass er betet für viele Menschen.

Unsere Verbundenheit als Christen zeigt sich wesentlich darin, dass wir die gottesdienstliche Versammlung suchen und dass wir für einander beten. Wenn ein Kind getauft wird, betet die Gottesdienstgemeinde für das Kind und die Familie. Wenn Menschen sterben, betet sie für den Verstorbenen und die Angehörigen. Warum? Wenn man so will, sind wir in einer Kirchengemeinde eine große Gebetsgemeinschaft und sollen es auch sein. Und viele beten auch zu Hause für andere.

Ob nicht manche der alten Menschen im Seniorenheim auch für die Kinder und Mütter und Väter beten, die da im Familienzentrum und im Kinderhaus ein und ausgehen? Das scheint mir sehr wahrscheinlich.

Zu unserer Gemeinschaft in der Gemeinde gehört das Kuchenbacken für´s Gemeindefest genauso wie das Austragen der Gemeindebriefe, das gemeinsame Singen heute im Gottesdienst und eben das Beten für einander – gerade dann, wenn wir hören, dass jemand in Not ist. Wir haben Möglichkeiten zu helfen: Wir können zumindest immer Gott um Hilfe für einander bitten; und das ist viel. Liebe Gemeinde, beten Sie bitte immer wieder für die Kinder und die Mitarbeitenden im Kinderhaus und die Begegnungen im Familienzentrum.

Drittens zur Befreiung des Petrus aus dem Gefängnis. Sie ist ein Wunder. Gott tut nicht immer Wunder. Die Bibel ist sehr nüchtern. Unser Predigttext beginnt mit der Erzählung, dass Jakobus, der Bruder des Johannes geköpft wird. Gott hat Jakobus nicht weniger geliebt. Wunder geschehen immer wieder – aber immer wieder auch nicht.

Wir alle sind sterblich. Wunder der Genesung und der Befreiung kommen an die natürliche Grenze unserer natürlichen Sterblichkeit. Eines der wichtigsten, bedeutsamsten Wunder ist es daher, wenn Menschen ihre menschlichen Grenzen und ihre Sterblichkeit annehmen können, was freilich besonders schwer ist, wenn der Tod zur Unzeit kommt.

Doch hier in unserer biblischen Geschichte ereignet sich das Wunder, dass der sichere Tod ausbleibt. Petrus kommt aus dem Gefängnis frei.

Es ist durchaus reizvoll, dass sich im heutigen Bibeltext und im heutigen Anlass ein Gefängnis und ein Kinderhaus mit Familienzentrum gegenüberstehen. Ich meine, die beiden Gebäude stehen einander wirklich gegensätzlich gegenüber: Wer will schon in ein Gefängnis? Dem gegenüber ist wenige Schritte von hier ein äußerst einladendes Gebäude entstanden. Durch viel Glas wirkt es offen. Es soll ja auch ein Haus sein, das der Freiheit dient.

Unsere Geschichte ist eine Befreiungsgeschichte und solche Geschichten braucht es auch im übertragenen Sinne in unseren Familien. Es tut mir manchmal sehr leid, wenn ich Ehepartner beobachte, die sich gegenseitig klein machen, statt sich zu freuen, was dem anderen gelingt. Statt gemeinsame Freiräume zu gestalten, wird ihre Beziehung ihnen eng, ja zum Gefängnis. Das geht so lange, bis die Scheidung als Befreiungsschlag kommt – Befreiung und Schlag zugleich, in vielen Fällen.

Auch manchen Müttern oder Vätern gelingt nur schwer, ihre Kinder in ein aufrechtes, selbstbestimmtes Leben in Freiheit zu führen; und manche Kinder empfinden viel Beklemmung zu Hause.

Kinderhaus und Familienzentrum sind für gestörte Familienverhältnisse kein Ersatz. Doch das Miteinander in diesen Häusern kann und soll zu einem Leben in Freiheit und Liebe in den vielen Familienhäusern und Wohnungen in und um Forchheim betragen. Unsere Familien brauchen Unterstützung. Manche Ehekrise muss nicht im Befreiungsschlag enden, sondern kann zu einer reiferen Ehe und Liebe führen, wenn Begleitung rechtzeitig angenommen wird.

Als evangelische Kirche wollen wir nicht nur dem Heil dienen, sondern auch dem Wohl der Kinder und Eltern, der Ehen, der Familien, der Gesellschaft. Das wird im Bau und in der Arbeit in Kinderhaus und Familienzentrum sichtbar.

Viertens und letztens: Engel auf der Erde. Wir verorten die Engel meist im Himmel. Das ist schon richtig. Doch der Himmel ist um uns. Gottes Gegenwart ist um uns. Seine Engel sind um uns. In wenigen Fällen, wie bei Petrus, werden sie auch sichtbar.

Gott sendet seine Boten. In den allermeisten Fällen sind wir Menschen Gottes Boten. Wer weiß wie oft Sie – ohne es zu merken schon ein Bote waren, den Gott zu einem anderen Menschen hilfreich geschickt hat.

Doch auch solche Geschichten gibt es: Ein Mann setzt sich ins Auto, will in der Parklücke zurückstoßen, um fortzufahren. Im Rückspiegel sieht er einen Menschen, der heftig abwehrend winkt. Er steigt aus, sieht ein Kind hinter seinem Auto am Gully spielen, aber weit und breit keinen Menschen, der gewunken haben könnte.

Überlassen wir die Engel nicht den Esoterikern. Engel gehören zu unserem Glauben. Die biblischen Engel schützen, heilen, und führen. Es wäre unrealistisch, nicht davon auszugehen, dass die Engel Gottes uns umgeben.

Doch wir brauchen nicht auf diese Engel warten. Sie kommen sowieso immer unerwartet und meist unerkannt. Es ist schon viel vom Himmel auf Erden erfahrbar, wenn wir Menschen einander zu Engeln werden; z.B., die Mitarbeitenden für die Kinder und auch die Kinder für die Mitarbeitenden und die Eltern, die sich austauschen über ihre Erfahrungen.

Möge diese biblische Geschichte eine Symbolgeschichte für Ihre Gemeinde und gerade ihre Familienarbeit sein:

Mögen viele Familien wieder anfangen zu beten und nicht aufhören, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Mögen in dieser Gemeinde viele füreinander beten gerade auch die Älteren für die Jungen. Mögen die, die in die neuen Gebäude gehen, kleine und große Wunder der Befreiung erleben. Und mögen Sie alle erfahren, dass Engel um uns sind.

Amen