Kantatengottesdienst am 28.10.2012 in Bamberg, St. Stephan

Kantatengottesdienst in Bamberg St. Stephan
anlässlich der Visitation am 28. Oktober 2012
zur Kantate: Man singt mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten

Predigt in zwei Teilen

BWV 149, 1-3
Teil I:

Liebe Gemeinde!

Reformation und Musik ist das Thema des Jahres 2012 in der Lutherdekade. Und darum hat mein 10-tägiger Besuch im Dekanatsbezirk Bamberg auch einen besonderen Schwerpunkt: Die Kirchenmusik.

Mein Besuch begann Samstag vor einer Woche mit einer wunderschönen Aufführung der Zachäus-geschichte durch drei Kinderchöre. Und es passt zu solch einem Besuch, dass der heutige Sonntagsgottesdienst als Kantatengottesdienst gestaltet wird.

Sogar die Bachkantate selbst handelt vom Singen. Darum hat Frau Dekanatskantorin Kasper sie vorgeschlagen. Sie heißt, wie sie beginnt: „Man singt vom Sieg in den Hütten der Gerechten.“ Nach meinem Besuch in vielen Gemeindehäusern und Kirchen des Dekanatsbezirks kann ich bestätigen: Ja, es stimmt: Man singt in den Hütten der Gerechten und spielt Posaune und Orgel und E-Gitarre.

Doch zunächst lese ich die Bibelverse, von denen die Kantate ausgeht. Sie stehen in Psalm 118, die Verse 15 und 16:

„Man singt mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten: Die Rechte des Herrn behält den Sieg. 
Die Rechte des Herrn ist erhöht; die Rechte des Herrn behält den Sieg!“

Liebe Gemeinde!

Gott siegt. Davon gehen der Psalm aus, die Kantate und ich. Gott siegt. Wie tut er das? Es gibt eine wunderschöne Antiphon für den Psalm 100 in unserem Gesangbuch. Sie ist für mich der Inbegriff dessen, wie Gott siegt:

„Nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch Gottes Geist.“ So wird die Welt heil, nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch Gottes Geist.

Zwei Weisen, wie Gott geistlich siegt, führt die Kantate aus:

Die erste: „Kraft und Stärke sei gesungen Gott, dem Lamme, das bezwungen und den Satanas verjagt, der uns Tag und Nacht verklagt. Ehr und Sieg ist auf die Frommen durch des Lammes Blut gekommen.“

Das bezwungene Lamm hat gesiegt. Das Lamm ist der Inbegriff eines Tieres, das niemand angreift, und wenn es angegriffen wird, nicht zurückschlägt, weil es weder kann noch will.

Und solch ein Lamm ist das Symboltier für Jesus Christus geworden. Er hat sich ans Kreuz nageln lassen und sich nicht gewehrt. Petrus wehrt sich für ihn. Sein Symboltier wäre sicher nicht das Lamm, sondern eher ein Widder mit zwei Hörnern. Jedenfalls haut er einem Soldaten das Ohr ab. Was tut Jesus? Er heilt es wieder und sagt Petrus: „Steck dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen. Oder meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, dass er mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schickte?“

Aber auch das will er nicht. Er nimmt den Tod an als Konsequenz seines Weges. Sein Weg ist der irdische Machtverzicht: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Er ist König, aber im Reich Gottes. Seine Rechte, die den Sieg behält, ist nicht die erhobene Faust, sondern die offene segnende, vergebende Hand – so oft dargestellt in Bildern mit den Wundmalen. Diese offene segnende Hand mit den Wundmalen zeigt seine Art des Siegens in Gottes Geist: mit einer Liebe, die jeden einschließt, auch den Feind. Er praktiziert die Feindesliebe selbst als er – blutend am Kreuz – für seine Folterer bittet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.“

Da stirbt ein Lamm. Nach außen hin ist er bezwungen. Und es war doch der größte Sieg, der jemals in der Weltgeschichte errungen wurde. Es war der Sieg der Liebe über den Hass. Es war der Sieg der Vergebung für alle die schuldig wurden und werden. Es war der Sieg des Lebens über den Tod.

Doch das wusste damals noch keiner. Auch Jesus nicht. Erst in der Morgendämmerung dämmerte es den Frauen am Grab, als der Engel sagte: „Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“ Darum backen manche Bäcker heute noch Lämmchen zu Ostern und verzieren es mit einer Siegesfahne oder wir kaufen Kerzen mit dieser Symbolik. Das Lamm hat gesiegt – nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch Gottes Geist der Liebe und Vergebung. Lasst uns vom Lamm das Siegen lernen.

Und die zweite Weise des Sieges, die unsere Kantate besingt, sind die Heerscharen der Engel, die Jesus nicht zur Hilfe gerufen hat um kriegerisch zu kämpfen.

Vielen ist gar nicht bewusst, dass der Gottesname „Herr Zebaoth“ bedeutet: Herr der himmlischen Heerscharen. Er ist der Herr unsichtbarer Heere. Die Kantate singt: „Ich fürchte mich vor tausend Feinden nicht, denn Gottes Engel lagern sich um meine Seiten her; Wenn alles fällt, wenn alles bricht, so bin ich doch in Ruhe.“

Und wie war das bei Jesus? Jesus hat die Engel nicht gerufen zur äußerlichen Durchsetzung. Sie haben mit ihm seinen Weg der Liebe geistlich durchgekämpft. Dieser konsequente Weg der Liebe bis zum Schluss war Jesus nur möglich, weil die Engel da waren – auch wenn er sie nicht gespürt hat. Zum reuigen Verbrecher, der neben ihm hängt, sagt er: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Das kann nur einer sagen, um den und in dem noch Gottes Himmel ist.

Er war nicht allein am Kreuz. So wie wir nie allein sind. Denn Gottes Engel weichen nicht. „Gottes Engel weichen nie.“ Für mich ist diese Arie der Höhepunkt der Kantate.

 

BWV 149 4 und 5
Teil II der Predigt

 

Gottes Engel weichen nie?

Zur Konfirmation hatte ich den Bibelspruch erhalten, den wir vorhin gemeinsam gesungen haben: „Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stößest.“ In den Osterferien danach ging ich Skifahren. Ich hatte noch nie einen Skikurs besucht und fuhr mehr schlecht als recht. Vor allem beherrschte ich das Bremsen noch nicht so gut und wurde in einer Situation ungewollt schneller und schneller. Der letzte Gedanke, an den ich mich erinnern kann, war: Jetzt musst du aber irgendwie doch noch die Kurve kratzen. Als ich erwachte, standen meine Skier über Kreuz hinter mir. Die Menschen um mich schüttelten meine Arme und Beine. Ob es mir gut gehe. „Ja“, sagte ich, packte meine Skier und lief den Berg hinunter ins Hotel. Allerdings hatten beide Kniescheiben einen Riss und neben der Gehirnerschütterung war auch noch der Kiefer gebrochen.

Nachts im Krankenhaus fiel mir mein Konfirmationsspruch ein. Wo waren die Engel? Manchmal muss ich schmunzeln über den Spruch: „Fahr nicht schneller als dein Engel fliegen kann.“ Ich war ihm bestimmt nicht davon gefahren, Gottes Engel weichen nicht; aber warum hatte er mich nicht behütet? Oder stimmt mein Konfirmationsspruch nicht?

Ich hatte einige Tage Zeit zum Nachdenken dort in den weichen Kissen des österreichischen Klinikums. Ich kam zu dem Schluss, dass ich wohl behütet bin und immer war. Vielleicht waren es die unsichtbaren Engel, die nicht von mir gewichen waren, durch die ich verstanden hatte, dass Geborgenheit in Gott ein Geschenk ist, das gerade in solchen Situationen zum Tragen kommt. Es gibt ein starkes, inneres Behütetsein im Unfall und sogar im Tod.

Christian Friedrich Henrici war Bachs wichtigster Textdichter. Er hat auch den Text dieser Kantate gedichtet, die vor fast 300 Jahren für das Michaelisfest im Jahr 1728 entstanden ist. Und er textet mit dichten Worten die Bitte eines Sterbenden an die Engel: „Seid wachsam, ihr heiligen Wächter. Die Nacht ist schier dahin“ – gemeint ist die Nacht des Sterbens. „Ich sehne mich und ruhe nicht, bis ich vor dem Angesicht meines lieben Vaters bin.“ Nein, auch im Tod sind wir nicht allein. Die Engel begleiten uns, bis wir durch Schmerz und Dunkel hindurch Gott sehen. Der letzte Feind, der Tod ist auch besiegt – nicht durch Dignitas und deren Todesengel, sondern durch Gott selbst und seine Engel. Sie weichen nicht. Lasst uns Gott und seinen Engeln trauen. 

Wie siegt Gott? Durch das Lamm, durch die Engel und vielleicht auch durch die Lieder. „Man singt mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten“, und so hält sein Sieg Einzug in den Hütten, auch hier in der größten der evangelischen Bamberger Hütten.

Verstehen wir das Wunder im Sieg des Lammes? Verstehen wir das Wirken der schützenden Engel? Ich verstehe manches nur glaubend und singend. Augustin meinte: „Erklären können wir es nicht, verschweigen dürfen wir es nicht, also lasst uns singen.“

Liebe Chormitglieder, ich meine mit Gewissheit sagen zu können, dass die Lieder, die Sie singen, Sie selbst verändert haben. Auch die Kinder, die von Jesu Liebe zu Zachäus singen, verstehen tief in ihrer Seele etwas von Jesu Liebe zu ihnen.

Zu singen: „Ach Herr, lass dein lieb Engelein, an meinem End die Seele mein, in Abrahams Schoß tragen“, nimmt etwas von der tiefsten Angst weg, der Angst vor dem Sterben – auch bei denen, die diesen Vers hören.

Manche stolpern über die Worte des Liedverses, dass Gott unseren Leib in seinem Schlafkämmerlein, im Grab, ruhn lassen soll bis zum Jüngsten Tage und wir dann vom Tod erweckt werden sollen. Ich selbst denke mir dieses nacheinander aufgereihte Geschehen eher gleichzeitig.

Doch weder ein Erzählen in Abfolge, noch in Gleichzeitigkeit wird dem gerecht, was geschehen wird, weil Gott uns im Tod aus der Zeit in die Ewigkeit ruft, in der andere Kategorien als die von Raum und Zeit tragen. Auch unseren Leib brauchen wir dort nicht mehr. Wir werden Gott sehen mit neuen Augen.

Niemand von uns ist schon auferstanden. Christus, unser Herr ist auferstanden und zu ihm gehören wir und werden bei ihm sein. Wir können nur mit Bildern des Glaubens davon reden und besser noch singen: „Alsdann vom Tod erwecke mich, dass meine Augen sehen dich in aller Freud, o Gottes Sohn, mein Heiland und mein Genadenthron!“

Dass wir auf diesen Gnadenthron zugehen, das hat die Reformation für alle Christen, nicht nur die evangelischen, neu zum Leuchten gebracht. Sie hat die Angst vor Gott genommen und stattdessen eine Freude angezündet in unseren Herzen, die nicht mehr vergeht, weil wir geborgen sind in Zeit und Ewigkeit. Davon singen wir und singend vergehen Angst und Sorge, vergeht auch Hass und Ärger. Gottes Geist siegt durch Glaubenslieder.

Vertrauen wir Gottes Weisen der Weltveränderung. Sie sind wirksam um uns, in uns und durch uns und sie werden siegen. Wer kommt an gegen das Blut des Lammes, die Heerscharen der Engel, den Klang der Lieder? Darum lasst uns singen und lauschen, bis wir mit neuer Stimme singen mit dem Chor der Engel vor dem Lamm.

Amen.

 

BWV 149, 6.7.