Ökumenische Andacht zur Vernissage des Lichtprojekts "Aufseß - 900 Jahre im Licht!

Ansprache von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner am 07.11.2014 in der Schlosskirche Aufseß
Predigt als PDF: 

Liebe Schwestern und Brüder!

Es freut mich, heute wieder bei Ihnen in Aufseß zu sein. Ich erinnere mich selbst gerne an den 4. Mai, als Domkapitular Dr. Josef Zerndl und ich gemeinsam auf dieser Kanzel standen. Nach all den Fehden zwischen der evangelischen und katholischen Linie derer zu Aufseß, nach all den Jahrhunderten konfessioneller Spannungen sagte dieses gemeinsame Stehen in der Kanzel mehr als viele Worte. Dieser Anblick sollte auch bewusst von uns aus bildhafte Verkündigung sein, dass das Evangelium von Jesus Christus uns Christen eint. Und so ist es auch gut, lieber Herr Erzbischof, dass wir heute erneut gemeinsam da sind und wir uns in der Verkündigung des Evangeliums wechselseitig ergänzen.

Wir sind gespannt auf die Illumination, die uns nachher erwartet. Natürlich hat diese Andacht das Thema Licht zum Thema. „Der Herr ist mein Licht und mein Heil“, so haben wir gebetet.
Wie der Mond nicht von sich aus leuchtet, sondern weil er angestrahlt wird durch die Sonne, so leuchten wir Menschen, nicht von uns aus, sondern wenn wir angestrahlt werden, uns anstrahlen lassen durch Gott.
Jesus selbst sagte: „Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ Wenn wir mit Jesus Christus leben, verbunden mit ihm, sind wir Reflektoren seines Lichtes der Liebe. So sind wir Licht für die Welt.

Viele Menschen wollen mit ihren Leistungen glänzen, als ob sie selbst die Sonne, der Mittelpunkt des Familien- oder Betriebssystems wären. Doch je mehr Menschen selbst glänzen wollen –  desto mehr stehen andere neben ihnen im Dunkeln. Menschen dagegen, aus denen die Liebe Jesu Christi leuchtet, holen andere ins Licht. Das geschieht durch echtes soziales Verhalten und Engagement und durch das Weitersagen des Evangeliums von Jesus Christus, sodass er auch das Leben der anderen hell und froh macht.

Eigentlich war auch Arieh Rudolph, der Kantor der jüdischen Gemeinde, für diese Eröffnungsfeier heute Abend eingeladen ein Grußwort zu sprechen. Er hatte auch zunächst zugesagt, doch seine Gemeinde hat – gewiss auch zu Recht – protestiert, denn: Am Schabbesbeginn muss der Kantor bei seiner Gemeinde sein. Ich habe mit Arieh Rudolph vorgestern telefoniert. Da hat er mir von seinem ursprünglichen Gedanken, gerne hier zu sein, erzählt. Ich soll Sie alle sehr herzlich von ihm grüßen.
Wenn er nun da gewesen wäre, hätte ich dann nicht von Jesus Christus geredet, aus Scheu? Denn schließlich gilt: so sehr uns Evangelische und Katholische der Glaube an Jesus Christus als Messias, als Licht und Retter der Welt eint, so sehr unterscheidet dies auch Juden und Christen. Hätte ich also von Christus geschwiegen? – Nein, ganz bestimmt nicht. Ich vermute auch, das hätte Arieh Rudolph gar nicht gewollt. Denn es ist ja gerade so wichtig, dass wir im Dialog der Religionen zum eigenen Proprium stehen. Und dies bedeutet auch, dass wir Christen Christus nicht verschweigen und verleugnen dürfen als würden wir ihn nicht kennen.
Im Gegenteil soll m.E. im Dialog der Religionen deutlich werden, wie sehr uns der Glaube an Jesus Christus zur Liebe gegenüber dem jüdischen Volk verpflichtet. Nicht nur, weil er selbst Jude war, sondern weil er uns zur Liebe gegenüber jedem Menschen ruft. Im Glauben sind wir unterschieden, eben weil für uns Christen Jesus Christus der Messias ist, der die Welt erlöst. Doch diese Erlösung geschah doch durch seine Liebe und nicht durch indirekte oder direkte Gewaltanwendung.
Im Glauben unterschieden, in der Liebe verbunden. Dies zu sagen ist mir gerade in diesen Tagen, an denen wir an die Novemberpogrome erinner, so wichtig. Auch hier in Aufseß  gab es eine jüdische Schule, eine Synagoge, ein rituelles Bad und einen Friedhof. Im Jahr 1840 lebten hier 105 Juden das waren 17,5 % der Dorfbevölkerung. 
Im November 1938 wurden die fünf noch verbliebenen jüdischen Einwohner von 20 SA-Leuten misshandelt und ihre Wohnungen zerstört.
In diesen Novemberpogromen in ganz Deutschland regierte nicht Christus, das Licht der Welt, die Herzen der Menschen, sondern die Finsternis. Der Kampf gegen die Juden war alles andere als christlich. Die christliche Pflicht, verfolgten Juden beizustehen brachte dagegen Bonhoeffer auf den Punkt mit dem  Satz: „Nur für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“ Ich habe Hoffnung, dass gerade die, die an Christus glauben, in der Kraft unsres Glaubens antijüdischen neuen nationalsozialistischen Stimmungen die Stirn bieten.

In diesen Novembertagen findet nicht nur das Gedenken an die Pogrome statt, sondern das Gedenken an die Verstorbenen der großen Kriege am Volkstrauertag und an die verstorbenen Familienangehörigen an Allerseelen und am Ewigkeitssonntag. In unseren Gottesdiensten ersehnen wir für unsere Toten, dass sie nahe bei Christus sind, in seinem Licht. Wir ersehnen für uns selbst, dass Christus uns im Sterben zu sich ruft.
Gerade angesichts dieser ernsten Themen und der dunklen Tage und langen Nächte des Spätherbstes tut uns Licht gut – auch solch eine Illumination, wie wir sie heute erleben.
Möge das Lichtermeer, das wir heute noch sehen werden, uns in diesem Tagen erinnern, dass wir auf ein großes Licht in unserem Leben zugehen.
Nein, das Dunkel des Todes ist nicht das Ende für uns. Ich glaube, dass Christus uns rufen wird, wenn es Zeit ist, bei ihm zu sein, bei ihm in seinem Licht.
„Wie das alles zugehen wird, weiß ich nicht“, sagt Jörg Zinck, und mit seinem Gedanken schließe ich: „Aber ich werde wissen, was ich jetzt glaube: Dass zwischen mir und dem Leben nichts mehr sein wird und dass ich auf ein großes Licht zugehe, das Licht, das wir Christus nennen.“ So sei es für uns alle.
Amen.