Ökumenischer Gottesdienst am Rande der CSU-Landtagsklausur

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner im ökumenischen Gottesdienst am Rande der CSU-Landtagsklausur am 24. September 2014 im Bamberger Dom über Hebräer 13,9

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

„Lasst Euch nicht durch mancherlei und fremde Lehre umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht aus Gnade“.
Dieses Bibelwort kam mir in den Sinn, als ich über das Thema Ihrer diesjährigen Klausur nachdachte.
Für Ihr Thema „Bildung“ ist sicher der erste Teil des Bibelverses, der von der Lehre handelt, relevant,  - aber nicht minder der zweite Teil, der ein festes Herz als Ziel benennt, und auch der dritte, der von der Gnade handelt.

Zunächst zur Lehre. Wir brauchen in unserem Land schulische, fachliche bis hin zur wissenschaftlichen Bildung - vermittelt durch ein hervorragendes System optimierter Lehr- und Lernsituationen in Aus-, Fort- und Weiterbildung. Dieses System muss nach innen sozial gerecht und durchlässig sein sowie nach außen offen für internationalen Wissenstransfer und interkulturelle Verständigung. Allgemeine und spezifische Bildung ist und soll einer unserer Standortvorteile für die Wirtschaft in Deutschland bleiben.
Darüber und über vieles mehr haben Sie reflektiert. Das will ich nun in der Predigt nicht fortsetzen. Eine Predigt ist kein Referat, sondern Verkündigung des Evangeliums.

Das Evangelium selbst hat freilich auch eine Bildungsdimension. Das Matthäusevangelium endet mit den Worten: „Und lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“
Christentum und Judentum waren schon immer Bildungsreligionen, zu denen explizite Bildungsaufträge gehören. Die christlichen Klöster waren Horte der Bildung. Sowohl die Reformation als auch die jesuitische Bewegung waren Bildungsoffensiven. Noch dazu geht unsere biblische Tradition davon aus, dass die Weisheit Gottes all unser Verstehen übersteigt. Menschen, die in biblischer Tradition leben, werden darum bildungsoffen ja bildungsbegierig bleiben.
Daher ist die Aufforderung „Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehre umtreiben“ bestimmt nicht im Sinne eines geschlossenen apologetischen Systems zu verstehen. Im Gegenteil ist die Aufforderung ja nur  dann notwendig, wenn der Haushalt christlicher Erkenntnis kein Selbstabschließer ist. Wir stellen uns den Lehren der Zeit und setzen uns mit ihnen auseinander. Und trotzdem haben wir ein Profil, finden nicht alles gleichgut.  „Prüfet alles und das Gute behaltet“ – sagt auch Paulus.
Wir prüfen alles an dem, was wir bereits von Christus und seinem Weg verstanden haben. Er ist unser Maßstab. Gerade diese feste Grundorientierung ermöglicht Offenheit zur Prüfung und Klarheit zum uneingeschränkten oder differenzierten Ja oder auch zum uneingeschränk-ten bzw. differenzierten Nein. Unser Herz ist nicht fest verschlossen, sondern es ist fest und offen, weil wir wissen, wo wir stehen – bei Christus.

Damit sind wir beim festen Herz. Natürlich habe ich dieses Bibelwort auch gewählt, weil es uns Christen – um der Zukunft unseres Landes willen – darum gehen muss (bei aller Notwendigkeit messbarer Bildungserfolge) die schwer messbaren Dimensionen von Bildung zu stärken. Und das sind die Herzens- und Gewissensbildung.
Was nützt einem Land ein hohes Maß an funktionaler Bildung, wenn die Korruption steigt, psychische Erkrankungen zunehmen und der soziale Kitt bröckelt. Solch ein Land wird seinen Wohlstand nicht halten können, zumal Wohlstand mehr ist als Finanzkraft. Gerade weil es um die Zukunft für unser Land geht, gilt es nicht zu kurz zu greifen und Bildung zu verkürzen auf das direkt Messbare an kognitiven Leistungen sowie auf das technisch und ökonomisch direkt Verwertbare. Für stabile wirtschaftliche und politische Verhältnisse braucht es Menschen mit Rückgrat, mit Herz und Gewissen, eben ganzheitlich gebildete Menschen. Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde.

Das Herz ist in der Bibel die Mitte der Person, der Ort, an dem Wissen, Gewissen und Gefühl zusammenfinden. Sie alle, und auch wir beide, wir alle brauchen in unserem beruflichen und privaten Leben diese stabile Mitte, das feste Herz.
Ein festes Herz ist das Gegenteil von einem zerfließenden, weichen aber auch von einem kalten, harten Herzen.
Gerade in großer Verantwortung, terminlicher Belastung, intriganten Spielen  – von dem allen bleiben wir in unseren Ämtern nicht verschont – besteht die Gefahr, dass das Herz hart wird. Irgendwie muss man sich ja auch wappnen, um nicht zu verletzlich zu sein. Ein hartes Herz aber ist das Todesurteil liebevoller Beziehungen und glücklichen Lebens. „Du, lass Dich nicht verhärten in dieser harten Zeit, die allzu hart sind brechen, die allzu spitz sind stechen und brechen ab sogleich – und brechen ab sogleich“. Ein treffender Liedvers von Wolf Biermann. Ja, das schenke Christus uns, dass unser Herz fest aber nicht hart wird.

Freilich, allzu weich darf unser Herz auch nicht sein in der Verantwortung, in der wir stehen. Manche Entscheidungen müssen wir durchfechten oder mittragen, bei denen wir wissen, wir werden so oder so schuldig. Die Frage ist nur – wo mehr?! Manchmal gibt es keinen Königsweg.
Wenn unser Land Waffen liefert, um der IS Einhalt zu gebieten, werden wir schuldig, weil diese Waffen auch in die Hände skrupelloser Machtmenschen geraten können und auch zum Tod Unbeteiligter beitragen können. Liefern wir sie aber nicht, so werden wir schuldig an denen, die durch die IS geschlachtet werden. Was entspricht mehr dem Liebesgebot Christi? Dem Morden anderer Einhalt zu gebieten und bösem Verhalten Grenzen zu setzen, um Menschen zu schützen und um dem Frieden den Boden zu bereiten, gehört ausdrücklich zum Handlungsspektrum bei der Erfüllung des Liebesgebotes – selbst wenn dazu Gewaltanwendung notwendig ist. Solche und andere Entscheidungen zu treffen, erfordert ein festes Herz.
Manche rechtschaffene Menschen wollen schuldlos sein – bereits vor geschenkter Vergebung. Das ist zum Scheitern verurteilt. So wird kein Herz fest, so wird es entweder hart und selbstgerecht oder weich und skrupulös. Zu meinen, wir könnten vor geschenkter Vergebung schuldlos leben, ist nicht christlich. Darum gab Luther den Rat: Pecca fortiter sed fortius fide: Sündige entschlossen aber noch entschlossener glaube – an Christus durch dessen Vorbild und durch dessen Vergebung unser Herz fest wird.
Ein festes Herz – Herzensbildung – geschieht dadurch, dass Christus sein Bild in unser Herz einprägt. Und das ist, so wie die Bibel ihn uns beschreibt, ein klares Vorbild und auch ein Bild voll Vergebung und Gnade.  (Manchmal sprach man früher sogar vom „Gnadenbild“.)
 
Drittes die Gnade. Wie wird also das Herz fest? Wir erarbeiten uns eine gewisse Festigkeit durch fleißige Arbeit, durch Erfolge, durch Sorge für ein stabiles Beziehungsgefüge. Ja, das ist alles wichtig und richtig, doch kein Garant für ein festes Herz. Alles im Leben ist brüchig – auch Erfolge, auch Karrieren; alles im Leben ist endlich – auch unsere wichtigsten Beziehungen auch wir selbst. Unser Glaube täuscht darüber nicht hinweg. Aber er setzt einen Anker, der immer hält: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“. Diese Aussage über Christus steht wenige Verse vor unserem Leitvers „Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde“. Er ist der eigentliche Grund des festen Herzens. Dass es fest wird, „geschieht aus Gnade“. Gnade bedeutet: Nicht erarbeitet, nicht verdient, sondern geschenkt durch ihn.
Gerade die, die fleißig arbeiten, aber nicht selbstgerecht geworden sind im Erfolg, bekennen, dass alles Wichtige ihnen von Gott geschenkt ist. Festigkeit kommt nicht aus uns selbst, sondern durch die Bindung an und Verbindung mit Christus, der ist, war und sein wird, der uns beschenkt.

Als letzter Schritt: die Anwendung. Wohin etwa führt uns ein durch Christus gefestigtes Herz in der Frage der so genannten Sterbehilfe? Da braucht es Gewissensbildung.
Es ist bezeichnend, dass gerade die so genannte  Bildungselite ein Argument in der Diskussion besonders betont, – das der Freiheit und Autonomie des einzelnen Menschen. Diejenigen, die durch ihre Verstandeskraft und Intellektualität ihr Leben bisher gut im Griff hatten, wollen auch im Sterben die Kontrolle über sich behalten. Bevor sie den Verstand verlieren, wollen sie lieber das Leben selbst beenden. „Vor sich hinzusabbern“, so sagen manche, sei „würdelos“.
Als ich in der Süddeutschen diese Aussage vom scheinbar würdelosen vor sich Hinsabbern las, durchfuhr es mich in Mark und Bein. Das soll würdelos sein, wenn Menschen der Speichel aus dem Mund fließt? Was ist dann noch alles würdelos und Grund das Leben zu beenden? Menschliche Würde hängt nicht am Speichelfluss, nicht am Funktionieren von Bewegungsapparat, Verdauung und Verstand. Unsere Würde ist unverlierbar, weil sie nicht an unserer Handlungsfähigkeit hängt, sondern an dem, was Gott an uns getan hat. Er hat uns geschaffen zu seinem Bild, und unser Bild ist in seinem Herzen – wie entstellt wir auch sind. Dass wir Würde haben, ist von ihm geschenkt. gehört in den Bereich der Gnade. Eine Gesellschaft, ein Mensch, der die Würde an das Handeln des Menschen bindet, wird gnadenlos im Umgang mit sich und anderen.
Auch unsere Freiheit hat ihre Wurzel nicht in uns, sondern in der Verbundenheit mit Gott. Wenn wir meinen, es sei ein Akt der Freiheit uns das Leben zu nehmen, so wird neue, größere Unfreiheit wachsen. Wenn wir das Tor zum selbstbestimmten Todeszeitpunkt öffnen, kommt eine Eigendynamik in Gang, die wir nicht mehr bremsen werden. Der Druck, sich selbst aus dem Weg zu räumen, wird wachsen bei jedem Menschen, der spürt, dass er den Angehörigen eine Last ist oder dem Gesundheitssystem zu viele Kosten aufbürdet. Die Freiheit den Todeszeitpunkt zu bestimmen, führt zu neuen, größeren Zwängen. Die Theorie selbstbestimmten Sterbens ist ein Widerspruch in sich und im Sinne unseres Bibelwortes eine „fremde“ Lehre.
Stattdessen müssen wir durch Palliativmedizin alles tun, Leiden zu lindern, was auch als Nebenwirkung schneller zum Tod führen kann. Es gibt auch eine medizinische Kunst des in Frieden Sterben Lassens. Doch das ist etwas grundlegend anderes als ein so genannter Freitod, der letztlich keiner ist.

„Lasst Euch nicht durch mancherlei und fremde Lehre umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht aus Gnade“. Die Verführung unserer Zeit liegt darin, dass Menschen meinen, Würde und Freiheit aus sich selbst zu gewinnen. Welche Einbildung! Freiheit, Festigkeit des Gewissens und des Herzen, – überhaupt, dass wir ein Herz haben, wächst uns zu, ist Gnade und Geschenk. Die Festigkeit des Herzens wächst im Maße der Festigkeit unserer Verbindung mit Christus. Er war, ist und wird immer sein, immer bei uns sein bis an der Welt Ende und auch am Ende unserer Tage. Das allein macht unser Herz fest, frei und fröhlich.
Amen.