Ökumenischer Gottesdienst zur Eröffung der 900-Jahr-Feierlichkeiten der Gemeinde Aufseß

Dialogpredigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner und Domkapitular Dr. Josef Zerndl über Hebr. 13,20f. am 4. Mai 2014 in der Schlosskirche Aufseß
Predigt als PDF: 

DG: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen

JZ: Das Bibelwort nach der lutherischen Ordnung der Predigttexte steht für den heutigen Sonntag im Hebräerbrief. Der Hebräerbrief schließt mit einem Segen und dieser Segen soll Grundlage unserer Predigt sein, die wir heute gemeinsam halten.
Ich lese also aus dem 13. Kapitel des Hebräerbriefes die Verse 20 und 21:
Der Gott des Friedens aber, der den großen Hirten der Schafe, unseren Herrn Jesus, von den Toten heraufgeführt hat durch das Blut des ewigen Bundes,
der mache euch nun tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen, und schaffe in uns, was ihm gefällt, durch Jesus Christus, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen

DG: Dieses Bibelwort ist sehr sprechend im Blick auf die Geschichte dieses Ortes und unsere Gegenwart. „Der Gott des Friedens“, so beginnt unser Bibelwort. - Die beiden getrennten Adelslogen künden davon, dass in Aufseß nicht immer Frieden zwischen den Konfessionen war. Angesichts der Geschichte des Ortes und dieser Kirche wirkt es wie ein Wunder, dass wir beide heute gemeinsam hier oben auf der Kanzel stehen. Da war wohl der Gott des Friedens am Werk.
Als ich vor drei Wochen Aufseß besuchte, um mir alles anzuschauen, dachte ich mir: Auf diese Kanzel haben wir beide Platz. Gemeinsam hier oben zu stehen sagt mehr als viele Worte. Es ist beredtes Zeichen konfessionellen Friedens. Ich bin gewiss, der „Hirte der Schafe“, - gemeint ist Jesus Christus – hat seine Freude daran, dass wir hier gemeinsam predigen, ein katholischer Domkapitular und eine evangelische Regionalbischöfin. Denn ein Hirte – und auch Jesus Christus - teilt seine Herde nicht, sondern versucht sie zusammenzuhalten und das geschieht in der Kirche durch gemeinsame Lehre.

JZ: Das das glaube ich auch, dass der Hirte Jesus Christus seine Freude daran hätte, dass wir dieses Jubiläum gemeinsam feiern. Es passt auch geschichtlich, denn vor 900 Jahren, im Jahr 1114 waren unsere Kirchen noch nicht getrennt. An der Stelle dieser Kirche stand damals schon eine Vorgängerkapelle zum Heiligen Blasius und Pankratius. Bistum und Hochstift Bamberg wurde über Jahrhunderte geprägt durch die vielen fränkischen Adelsgeschlechter, darunter auch die Freiherren von Aufseß. Etliche Domkapitulare – also gewissermaßen einige meiner Vorgänger – stammten von hier. Friedrich III. von Aufseß war 100 Jahre vor der Reformation, von 1421 – 1431, Bischof von Bamberg.

DG: Übrigens finde ich sehr interessant, dass dieser Bischof Friedrich auch zurücktrat von seinem Amt als Bischof und danach noch 9 Jahre in Spital am Pryn lebte. Der Paukenschlag des Rücktritts von Papst Benedikt, des Bischofs von Rom, hat also durchaus Vorbilder in der Geschichte. Ein Aufsesser hat es ihm bereits vorgemacht.

JZ: Eben. Papst Benedikt XVI. hat seine altersbe-dingten körperlichen und seelischen Grenzen erkannt und seinen Platz frei gegeben. Wären alle Päpste zu Beginn der Neuzeit so theologisch gebildet gewesen wie er als Prof. Josef Ratzinger oder so geistlich geprägt wie Papst Franziskus, wäre es vielleicht gar nicht zu einer glaubens- und kirchenspaltenden Reformation gekommen. Doch leider waren viele Päpste und Bischöfe im Mittelalter oft weniger geistliche Hirten als vielmehr Fürsten mit sehr weltlichem Gebaren, und so traf die Kritik Martin Luthers bei unzähligen Christen auf offene Ohren.

DG: So war es auch bei Peter von Aufseß, der vor seinem Tod im Jahr 1522 bereits mit Martin Luther in Erfurt studierte. Doch sicher war es nicht nur die Papstkritik, die ihn ansprach, sondern die Botschaft von Jesus Christus als dem guten Hirten, der seine Schafe rettet unter Hingabe seines lebens, der uns allein rettet im Gericht. Nicht durch unser rechtschaffenes Tun, sondern - durch das „Blut des Bundes“ – wie der Schreiber des Hebräerbriefes sagt, durch Christi unschuldiges Leiden am Kreuz haben wir Vergebung aller unserer Sünden und sind frei.
Das Geschlecht derer von Aufseß gehört zu den Adelsfamilien, die sehr früh mit Lehren der Reformation in Berührung kamen und sie annahmen. Caspar von Aufseß lernte Martin Luther 1521 auf dem Reichstag zu Worms kennen, als er die Markgrafen von Ansbach dorthin begleitete. Hans Siegmund von Aufseß, geboren im Jahr 1530 wurde bereits evangelisch in Oberaufseß getauft.

JZ: Wie schrecklich, dass die Glaubensfragen damals so sehr mit weltlichen Machtfragen verknüpft waren. Katholiken auf der einen und Protestanten auf der anderen Seite kämpften zunächst politisch dann militärisch um die Vorherrschaft. So kam es ab 1618 zum Dreißigjährigen Krieg. Der Ort Aufseß wurde 1633 verwüstet und die im Jahr 1634 nachfolgende Pest ließ den Ort faktisch aussterben, sodass er neu besiedelt werden musste. Damals galt: „Cuius regio eius religio“ – der Fürst, dem das Land gehört, der bestimmt auch die Religion: ein Friede zwischen Glaubensgebieten durch Abgrenzung, nicht durch Verständnis oder gar Zusammenarbeit. Das Geschlecht derer von Aufseß war evangelisch, und damit war auch geklärt, dass die Bevölkerung evangelisch sein musste.

DG: Eigentlich war es geklärt. Doch leider kehrte hier in Aufseß trotzdem kein Friede ein. Ganz im Gegenteil. Man muss sich das so vorstellen: Da kamen zwei Brüder Friedrich und Karl Heinrich, rauhe Gesellen, aus dem Krieg zurück. Jahrelang hatten sie sich durchschlagen müssen im wahrsten Sinne des Wortes. Nicht „Das Blut des Bundes“, nicht der „Gott des Friedens“ hatte sie geprägt, sondern Blutvergießen und vielleicht sogar Gottesferne. Offensichtlich ertrugen sie den Frieden und die Enge des Schlosses nicht. Sie setzten den Krieg im Haus fort. Als sie dann sogar aufeinander schossen, zog Karl Heinrich aus und baute in Oberaufseß einen Hof zum Schloss aus. Die fünf Söhne aber des Unteraufsessers wurden katholisch. Der große Krieg war Ende – nun begann er mitten in der Familie und damit im Dorf.

JZ: Sogar eine katholische Schule wurde errichtet hier in Unteraufseß. In der Kapelle sollten nur noch katholische Gottesdienste gefeiert werden. Doch die Bevölkerung wurde nur zu etwa einem Drittel katholisch. Die evangelisch gebliebene Mehrheit aber wehrte sich und war nicht bereit, ihren Glauben und ihre Kirche aufzugeben. Darum ließen die katholischen Unteraufsesser Ritter die Kapelle verfallen, bis sie nur noch unter Lebensgefahr betreten werden konnte.

DG: Der evangelische Oberaufsesser ließ in lutherischen Landen eine Sammlung durchführen, sodass genug Geld da war, die Kirche neu zu bauen. Doch als er die Alte abriß – bzw. einlegte – schloss der Unteraufsesser die Tore und verhinderte den Aufbau. Vor kaiserlichem Gericht wollte er erstreiten, dass die neue Kirche eine Simultankirche wird, d.h. eine Kirche, in der sowohl evangelische wie katholische Gottesdienste stattfinden. Das ist in meinen Augen heute etwas wirklich Gutes. Doch damals war das nach dieser Vorgeschichte hier unmöglich. Das Kaiserliche Gericht in Wien entschied, dass die neue Kirche rein evangelisch sein sollte. Immerhin wurden zwei Logen eingebaut. Der Kanzel gegenüber die katholische. Und damit die katholischen Adeligen nicht darum herum kamen einen evangelischen Pfarrer anschauen zu müssen, dachten sich der Stuckateur Andreioli etwas Besonderes aus. Er setzte statt eines Engelskopfes den Kopf eines evangelischen Pfarrers - unverkennbar durch das Beffchen  - an die Wand über die Kanzel. Hier sieht man ihn noch heute.

JZ: Die katholische Linie starb aus. Im Jahr 1800 fiel daher das Unteraufsesser Schloss an die evangelische Linie zurück. Doch die im Schloss eingerichtete Kapelle, in der die katholische Adelsfamilie ihre Messen gefeiert hatte, ist geblieben. Der evangelische und 1872 verstorbene Hans von Aufseß, der auch das Germanische Museum begründete, hat sie sehr verschönt. So hat er sehr alte Fenster einbauen lassen – übrigens aus vorreformatorischer Zeit, aus dem 13. Jahrhundert. Der Altar, den er hineingestellt hat,  muss allerdings aus frühreformatorischer Zeit stammen. Denn da wird – wie damals üblich – eine Gerichtsszene gezeigt. Auf der einen Seite stehen viele Menschen vor dem Himmelstor an, doch auf der anderen Seite werden anderen in den Höllenschlund hineingestoßen: alles Mönche mit Tonsur und doppelt so gut genährt wie die Gläubigen auf der Himmelsseite. In diesem Altar spiegelt sich also die evangelische Kritik an der der katholischen Kirche.

DG: Manchmal war diese Kritik auch ungerecht und überzogen. Dass wir Menschen, die an Christus glauben, Schafe eines Hirten sind – davon hat man damals nicht viel gemerkt. Nicht das Blut des Bundes, das uns mit Christus und untereinander verbindet, wirkte, nicht das Gemeinsame wurde gesucht, sondern das Trennende wurde stark gemacht. Identität durch Abgrenzung! Das ist schon manchmal heute immer noch der Fall. Doch wir gehen Schritte aufeinander zu.
Wie gut, dass unsere Kirchen inzwischen wieder wechselseitig die Taufe anerkennen. Wie sprechend und passend ist es, dass das älteste Element, das hier auf dem Gelände steht, der Taufstein der Schlosskapelle ist. Er stammt aus dem Jahr 1210. Der kann Zeichen sein, dass katholische wie evangelische Christen auf den Namen des dreieinigen Gottes getauft sind, der uns verbindet. Selbst wenn es heute noch eine katholische Adelslinie gäbe, bräuchte es keine zwei Logen mehr. Zumal die Nachfahren heute mitten im Gottesdienstraum bei der Gemeinde sitzen.
Der Gott des Friedens, sein Bund mit uns allen und sein Segen sind stärker als konfessionelle und gesellschaftliche Grenzen. Wie gut, dass er sich immer wieder durchgesetzt hat, sonst ständen wir beide nicht gemeinsam – im besten Sinne verbündet - auf der Kanzel sonst säßen nicht Evangelische und Katholische im Frieden in den Bänken.

JZ: Und er wird uns Christen auch fähig machen zu allem Guten in der Zukunft. Dazu segnet uns das Wort des Hebräerbriefs: der - also der Gott des Friedens - mache euch nun tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen, und schaffe in uns, was ihm gefällt. Konkret kann das sein, dass wir uns einsetzen für die Erhaltung unserer Heimat als Lebensraum, in dem Gottes Schöpfung bewahrt wird und doch alle ihr Leben gestalten können mit Zugang zu den modernen Vernetzungen. Die Fränkische Schweiz darf kein Freilandmuseum werden, sondern muss eine geschichtsbewusste Landschaft bleiben voller Tradition und Offenheit, glaubensfest und tolerant zugleich. Darin möge sich der Friede entfalten, den Jesus Christus als der Gute Hirte auch in unsere Zeit bringt.

DG + JZ: Ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.