1. Weihnachtsfeiertag in der Stadtkirche Bayreuth

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner am 25.12.2019

Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig. Das ist der Kernsatz unseres weihnachtlichen Bibelwortes. Er lautet in der katholischen Einheitsübersetzung etwas anders: Als aber die Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, erschien, hat er uns gerettet. Heiland und Retter ist im Griechischen dasselbe Wort; ebenso wie selig machen und retten. Beide Übersetzungen ergänzen einander. Denn die Menschenliebe Gottes – und dass sie sich uns zeigt - macht uns selig und rettet uns.
Endgültiges Ziel der Rettungsaktion Gottes für unser persönliches Leben ist, dass wir das ewige Leben haben und - wenn wir sterben - bei Gott sind; wörtlich nennt unser Bibelwort als Ziel „dass wir durch seine Gnade gerecht gemacht werden und das ewige Leben erben“.

Als aber die Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, erschien, hat er uns gerettet.
Die Bibel ist voll von Geschichten der Güte und Menschenliebe Gottes. Welche biblischen Geschichten fallen Ihnen ein, wenn Sie an die Güte und Menschenliebe Gottes denken?
Schauen wir zuerst ins Alte Testament.
Sehr eindrücklich ist für mich dort, wie Gott sich Jakob zeigt. Jakob hatte sich durch Betrug an seinem blinden Vater den väterlichen Segen erschlichen. Durch diesen Segen wurde er zum Stammvater der Familie gemacht. Sein Bruder Esau drohte ihn daraufhin zu ermorden. Jakob musste fliehen. In der Nacht im Traum hörte er Gottes Stimme:
Jakob, Du Betrüger, du bist zu Recht auf der Flucht und ohne Heimat. Du wirst schon sehen, wo Du landest, in der Gosse.
Ähnlich schimpfen ja manche Eltern mit ihren Kindern aus Furcht, dass sie missraten. Viele Menschen stellen sich Gott so ähnlich vor, wie ein streng-drohender Vater oder eine ebensolche Mutter.
Doch Jakob erfährt Gott anders. Gott zeigt seine Güte und Menschenfreundlichkeit. Die biblische Geschichte erzählt von der Fluchtnacht folgendes: Jakob träumt und der Himmel öffnet sich über ihm. Er sieht die Engel Gottes auf- und niedersteigen. Er hört Gottes Stimme. Die sagt: „Ich will mit Dir sein und dich behüten, wo du auch hinziehst und Dich wieder bringen an diesen Ort.“

Geschichten und Worte der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes finden wir breit im Alten Testament. Doch in den Evangelien, die von Jesus erzählen, finden wir Kapitel für Kapitel solche Geschichten. Daher fasst der Titusbrief auch das Kommen Jesu in diese Welt so zusammen: Als aber erschien die Güte und Menschenliebe unseres Gottes.
Was ist Ihre liebste Geschichte in den Evangelien, in denen sich Gottes Güte und Menschenliebe in Jesus zeigt?
Ist es die Geschichte von Zachäus dem Zöllner? Auch ein Betrüger. Denn er hatte Leuten am Zoll viel zu viel Geld abgeknöpft. Aber Zachäus wollte Jesus sehen. Und weil er klein war kletterte er auf einen Maulbeerbaum. Jesus sieht Zachäus zwischen den Blättern und sagt:
Zachäus, du hast betrogen. Wenn Du das ergaunerte Geld zurückgegeben hast, sag mir Bescheid, dann können wir miteinander reden.
Sie wissen, dass Jesus etwas ganz anderes gesagt hat. „Steig eilend vom Baum, denn in Dein Haus will ich heute einkehren“. Jesus schenkt seine Nähe bedingungslos; die verwandelt den Zachäus, sodass der von sich aus verspricht: „Ich gebe die Hälfte meines Geldes den Armen und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück“.
Als Menschen eine Ehebrecherin steinigen wollen sagt Jesus: „Wer unter Euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“ und zur Ehebrecherin „Sündige hinfort nicht mehr“. Jesus lehrt die Richtenden Demut und schenkt der Frau einen neuen Anfang.
Er heilt unentwegt Leprakranke und Epileptiker, Blinde und Taube. Er scheut auch körperliche Nähe nicht, berührt sie und legt ihnen die Hände auf. Durch die Heilung holt er die Menschen auch zurück in die Mitte der Gesellschaft.
Er gibt allen Menschen die Leitlinie, Gott von ganzem Herzen zu lieben und den Nächsten wie sich selbst. Und er mahnt sogar, die eigenen Feinde zu lieben.
Er erzählt die Geschichte vom verlorenen Sohn, der verdreckt vom Sauhüten kommt und der Vater nimmt ihn ungewaschen wie er ist, in die Arme.

Als aber erschien die Güte und Menschenfreundlichkeit unseres Gottes machte er uns selig, ja, das macht uns glückselig, was wir da an Jesus sehen und was wir damit über Gott sehen. Denn so wie Jesus ist Gott.
Als aber erschien die Güte und Menschenliebe Gottes in Jesus, rettete er uns.
Wohin rettete er uns? In ein Leben, in dem diese Menschenliebe Gottes erfahrbar ist – hier schon in der Zeit und einst in der Ewigkeit, wenn wir bei Gott sind.
Woraus rettet er uns? Aus einem Leben, das Menschen verachtet. Der Titusbrief nennt solches Leben gottlos, weil Menschenverachtung und Gott sich nicht vertragen.
Solche Rettung ist notwendig. Denn in unserer Zeit halten menschenverachtende Haltungen schleichend und immer mehr Einzug in unserer Gesellschaft. Ich halte das für brandgefährlich, weil bei den führenden Köpfen eiskalte, Gesellschaft spaltende Strategien dahinter stehen.

Oft sind solche Haltungen auch kombiniert mit echter Judenfeindlichkeit. Ich war entsetzt, welche Schreiben ich selbst erhielt, als ich aus voller Überzeugung der jüdischen Gemeinde hier vor Ort im Jahr 2013 einen hohen Betrag im Namen unserer Landeskirche überreichte, um sie zu unterstützen, in Bayreuth wieder ein würdiges Zentrum zu gewinnen. In unserer Gesellschaft ist ein erschreckendes Ausmaß an national-sozialistischem Gedankengut vorhanden.
Gerade angesichts dieser Gemengelage in unserer Gesellschaft bitte ich die gegenwärtige Diskussion um die Bischof Meiser gewidmete Straße differenziert und nicht reißerisch zu führen. Auch wenn einige Aussagen von ihm zu den Juden unerträglich und völlig abzulehnen sind, kann man einen Bischof, der 1934 von den Nazis unter Hausarrest gestellt wurde und das Leben von über 100 nicht arischen Christen rettete, heute nicht einfach als Nazi verurteilen. Ich werde mich dafür einsetzen, dass die Auseinandersetzung mit Würde und wissenschaftlicher Expertise geschieht.
So gibt es zur Biographie Bischof Meisers eine bereits eingereichte Dissertation, die im kommenden Jahr gedruckt werden wird. Es wäre angebracht, wir würden sie hier in Bayreuth eingehend zur Kenntnis nehmen und reflektieren. Ich vermute, dass in unserer Festspielstadt dann darüber hinaus manch weiterführende Diskussion entstehen wird.
Raum für solche Diskussion brauchen wir dringend, weil wir dem Rechtspopulismus und erst recht dem Rechtsextremismus keinen Raum gönnen dürfen.
In der Gegenwart aber verströmen rechtspopulistische Politiker in vielen Ländern dieser Erde – auch unserem – sehr wirksam zerstörerisch Menschenfeindlichkeit. Sie schaffen Identität, indem sie bewusst Menschen ausgrenzen und schlecht machen.
In den sozialen Medien, etwa auf facebook, werden seriöse Politiker verunglimpft, unsere Justiz beschimpft, unsere Gesellschaft schlecht geredet.
Es sind aber nicht nur intellektuell weniger gesegnete Menschen, die Hass und Hetze verbreiten. Es ist gezielte Strategie, um Europa als Friedenshort zu zerstören, um Machtkämpfen wieder Raum zu geben, die das deutsche Volk allein glorifiziert sehen wollen.
Allerdings müssen wir der Ehrlichkeit halber zugeben, dass auch Rechtspopulistische Politiker Hassmails und Drohungen bekommen und ihre Reifen durchstochen werden. Da fällt einem zwar der Satz aus Goethes Faust ein: „Die Geister, die ich rief, werd ich nun nicht los“.  Doch Schadenfreude im Blick auf Rechtspopulisten ist kein Zug der Menschenliebe Gottes. Hassmails gegen Rechtspopulisten entspringen auch nicht dem Geist Gottes.

Zu alledem bietet Gott in Jesus den größten Gegensatz. Gott gibt keinen Menschen auf und will durch seine Liebe alle verwandeln. Damit ist er auch bei uns noch nicht fertig. Denn Menschenverachtung fängt im Kleinen an. Unsere Übung zur Menschliebe beginnt im Alltag.
Menschen in der Nachfolge Jesu gehen einen Weg und lernen dabei mehr und mehr, jedem Menschen mit Respekt zu begegnen, jedem!: Der Mutter, die längst dement ist; dem Sohn, der sein Leben so ganz anders lebt, als wir uns das wünschen; auch dem, dessen moralisches Verhalten wir in keiner Weise gut heißen können.
Darum war für mich rückblickend das stärkste Gefühl, dass es nun wirklich Advent wird, als ich mit den Gefangen in der JVA Hof zusammen unsere Lieder von Jesu Geburt gesungen habe. Vielleicht gibt es in Ihrer Familie, jemanden, dessen Sie sich eigentlich schämen. Dem gilt Jesu Liebe. Jesu Liebe im Herzen wird unweigerlich unser Verhalten verwandeln auch zur Person.
Denn Menschen in der Nachfolge Jesu gehen sogar noch weiter, dass sie jedem Menschen nicht nur Respekt, sondern Gottes Liebe entgegenbringen, die nicht das Gute voraussetzt, sondern ihm Raum gibt. Anselm Grün hat dies auf den Punkt gebracht: Für Jesus war kein Platz in der Herberge, aber wo ER ist, entsteht Herberge für die Menschen.

Mit Weihnachten, mit der Geburt Jesu lockt Gott unsere Liebe hervor zu ihm und damit zu allen Menschen. Denn schauen wir uns an, wie alle Menschen sich verändern, wenn sie ein kleines Baby in Händen halten. Wie weich werden da harte Gesichtszüge, wie sanft rauhe Hände. Das lockt Gott in uns hervor, indem er in einem schutzlosen Neugeborenen zu uns kommt. Er lockt in den verschlossensten Herzen Liebe und schutzgebende Haltung hervor. Gott sagt nicht nur Nein zur Menschenfeindlichkeit, sondern er überwindet sie.

Vielleicht wird unsere Liebe auch mal ausgenutzt, dann gilt es wachsam zu sein, denn unsere Liebe soll nicht Egoismus fördern. Doch besser, wir werden mal ausgenutzt, als dass wir uns Menschen, die Hilfe brauchen, verschließen. Besser wir werden als Gutmenschen beschimpft, als dass die Güte Gottes nicht mehr durch uns erfahrbar wird. Denn durch sie leben wir und werden wir ewiges Leben haben.
Gott hat auch eine Strategie. Sie ist die stärkere. Er kämpft mit Liebe für die Liebe. Wie gut, dass er in uns schon Raum gewonnen hat und weiter gewinnen wird.
Amen.