1. Weihnachtstag in der Stadtkirche Bayreuth

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zu Jesaja 52, 7-10

Die Einweihung unserer Stadtkirche am 1. Advent war fast wie Weihnachten. Und heute feiern wir wirklich zum ersten Mal nach acht Jahren wieder Weihnachten in ihr und empfinden diese Kirche als großes Geschenk für die hiesige Kirchengemeinde, die Bayreuther und die Region. Sie ist in meinen Augen eine der schönsten Kirchen der ganzen Landeskirche. Ich bin dankbar, dass ich wieder kirchenkreisweite Gottesdienste und die Festgottesdienste hier mit Ihnen feiern kann.
 
Unser Bibelwort für das heutige Fest freilich, lenkte meinen Blick noch einmal zurück zu jenem großen Schrecken als die Gesteinsbrocken vor acht Jahren hier in der Kirche lagen und zu den harten Jahren der Generalsanierung. Der Schaden war immens: Sandsteinblöcke waren teilweise so porös, dass sie zwischen den Fingern zerbröselten. Tragende Dachbalken fehlten. Die Wände unserer Kirche brauchten Anker, damit sie nicht nach außen kippend einstürzen. Darum acht Jahre lang Intensivbaustelle.
Unser Bibelwort blickt auf Jerusalem. Ganz Jerusalem ist eine Baustelle. Alles kaputt – viel schlimmer als unsere Kirche. Der Tempel und alle Häuser ringsum zerstört. Großes Wehklagen wäre angebracht. Der Prophet aber redet mit den zerstörten Gebäuden und sagt zu ihnen:
Jauchzt ihr Trümmer Jerusalems.
Hören wir das Bibelwort für den ersten Weihnachtsfeiertag.

„Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigten, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!
Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und rühmen miteinander; denn alle Augen werde es sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt.
Seid fröhlich und jauchzt alle zusammen ihr Trümmer Jerusalems; denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst.
Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes.“

Die Anteilnahme der Bayreuther an der Renovierung ihrer Kirche war bewegend. Es war so nett: Immer wenn ich den Bauzaun beiseite schob oder eine Lücke nutzte, um wieder mal zu erforschen, wie der Stand innen in unserer Kirche ist, folgten mir Menschen, um die Gunst der Stunde zu nutzen. Wenn die Regionalbischöfin rein geht, dann nichts wie mit. 
Stellen Sie sich vor, Sie wären mit mir in die Baustelle eingetreten, und wir erleben innen folgende Szenerie: Da steht Pfarrer Hans-Helmut Bayer inmitten von Staub und Dreck, Gerüsten und Gerätschaften, die Orgel ist verhüllt - doch er ruft laut seiner Stadtkirche zu: „Jauchzt ihr kaputten Steine, jubelt ihr ruinierten Balken, tanzt ihr Orgelpfeifen, sei fröhlich Du Sanierungsbedürftige: Dein Gott ist König.“
Die Situation, in die der Prophet – wir nennen ihn Deuterojesaja -  im Jahr 340 vor Christus hineinruft, ist viel extremer. Jerusalem ist zerstört. Das Volk sitzt noch in Gefangenschaft in Babylon. Sie können noch lange nicht mit dem Wiederaufbau beginnen. Doch am Horizont ist Hoffnung: Der Perserkönig Kyros könnte die Rückkehr erlauben. Aber den Perserkönig erwähnt Deuterojesaja nicht. Der Grund seiner Hoffnung sitzt tiefer – oder höher. Er ruft den Menschen,  dem ganzen Volk in babylonischer Gefangenschaft zu: „Dein Gott ist König“. Der „Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst“. „Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker“. Und gewendet nach Jerusalem ruft er: „Jauchzt ihr Trümmer Jerusalems.“

In diesem Jahr haben wir des Beginns des ersten Weltkrieges vor 100 Jahren gedacht. Nach dem ersten Weltkrieg und erst Recht nach dem zweiten, waren die Trümmerlandschaften katastrophal. Nicht umsonst sprach man von den Trümmerfrauen, die Stein für Stein der Ruinen abtrugen als der Krieg zu Ende war. Sich in die Trümmer der Dresdner Frauenkirche stellen und rufen: Jauchzt ihr Trümmer der Frauenkirche! Gott ist König!? Wer hätte damals gedacht, dass sie wieder so schön würde?!
Oder lenken wir den Blick auf individuelle Schicksale: Da wird ein Mädchen vom Auto angefahren. Sie hat überlebt wie durch ein Wunder, doch viele Knochen in Trümmern. Dann sich hinstellen und sagen: Jauchzt ihr Trümmer im Leib. Gott ist König! Wer hätte damals gedacht, dass sie wieder zur Schule gehen könnte?!
Deuterojesaja hat eine Vision: Er blickt in die Zukunft und sieht Gott am Werk. Gott ist der Baumeister der Geschichte des Volkes Gottes. Deuterojesaja ist voll Vertrauen, dass Gottes Arm Kraft hat aus Jerusalems Ruinen Häuser zu bauen.

Auch Bonhoeffer hat genau diese Perspektive. Er blickt weniger als auf ein ganzes Volk als auf die Ruinen im einzelnen menschlichen Leben, wenn er schreibt:
Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht es Menschen,
die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandkraft geben will,
wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im voraus,
damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.
Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.
Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Doch langsam: Trümmer sind Trümmer. Auch Lebenstrümmer sind Lebenstrümmer. Weder unser Bibelwort noch Bonhoeffer sagen zu den Trümmern: Euch geht es gar nicht so schlecht. Ihr seid doch nicht wirklich kaputt.
Doch! Die Trümmer sind kaputt. Die Knochen sind kaputt; die Ehe ist auseinander; die Psyche hat einen kräftigen Knacks; die Arbeitsstelle ist verloren; der Krebs hat schon Schaden angerichtet; geliebte Menschen, die gestorben sind, vermissen wir schmerzlich. Unser Bibelwort redet das alles nicht schön. Trümmer werden als Trümmer bezeichnet.
Doch unser Bibelwort spricht mitten ins Leid – sei es politisch oder persönlich - direkt hinein. Direkter geht es nicht mehr. Es spricht sogar die Trümmer – das was vom Leben übrig geblieben ist - an. Der Prophet sieht das Potential, das da ist, aber nicht zuerst in den Trümmern selbst, sondern in Gott. „Dein Gott ist König“. Er ist ein Baumeister, der aus Schutt für Dich und mit Dir zusammen ein schönes Haus bauen kann, in dem zu leben es sich lohnt.

Bei der Erwähnung von Trümmern denken manche von uns vielleicht auch gar nicht an das eigene Leben, sondern an das Leben eines Menschen im Verwandten- und Freundeskreis, in der Nachbarschaft, oder in der Welt z.B. an das Leid in vielen Familien in Liberia durch Ebola.
Vorgestern zeigte die Tagesschau das verwüstete Aleppo in Syrien. Auch beim Blick auf politische Trümmer schauen wir gegenwärtig nicht auf Deutschland, sondern auf Syrien, auf die Ukraine, den Irak und Somalia. Flüchtlinge kommen zu uns, weil Land und Leben in Trümmern liegen. Sie tragen Hoffnung in sich, dass bei uns ein neuer Anfang für ein lebenswertes Leben möglich wird.
In diesem Jahr habe ich etliche Gemeinschaftsunterkünfte für Flüchtlinge besucht. Gleich beim ersten Besuch berührte mich das Schicksal eines ca. 40-jährigen Mann aus dem Irak. Drei Jahre ist er schon da und darf nicht arbeiten. Doch er ist intelligent, will seine Familie ernähren. Es ist würdelos für ihn, so dasitzen zu müssen und nur Zuwendungen zu erhalten.
Ab dem neuen Jahr sind die Arbeitsmöglichkeiten für Asylbewerber erleichtert. Doch immer noch zu wenig. Wenn Asylbewerber arbeiten dürften, würde das die Sozialkosten enorm entlasten, weil die Asylbewerber selbst die Kosten für Wohnung und Essen übernehmen würden. Vorrangprüfungen bedeuten darum erstens Schaden für Menschen und Wirtschaft und zweitens Arbeitsüberlast für unsere Ämter. Da wäre so viel Potential, aus Trümmern Häuser zu bauen.
Ich würde mir wünschen, dass diejenigen, die bei den Pegida-Demonstrationen mitlaufen, ins Gespräch kämen mit den Flüchtlingen. Das Leid, die Trümmer im Leben, nur eines einzigen Flüchtlings wirklich wahrzunehmen, verändert uns und lässt eigene, oft irrationale Ängste vor Überfremdung zurücktreten.
Hinzu kommt sachlich: Unser Land muss mit Zuwanderungen positiv umgehen lernen, weil uns über kurz oder lang Arbeitskräfte der jungen und mittleren Generation fehlen werden, aufgrund von Nachwuchsmangel. Verantwortliche aus der Wirtschaft machen deutlich, dass die Angst, Fremde würden unseren Wohlstand gefährden, völlig irrational ist. Im Gegenteil: Menschen mit Migrationshintergrund geben unserem Land viel mehr durch Steuern als sie uns kosten. Sie bauen unser Land mit auf.
Wir haben gerade einmal 5% Muslime in Deutschland. Nicht Islamisierung – wie Pegida uns glauben machen will - ist das Problem. Die Entchristlichung Deutschlands durch Verlust von Bibelkenntnis und gepflegten christlichen Lebens ist viel gefährlicher für unsere Gesellschaft als die irrational überhöhte Gefahr einer Überfremdung durch muslimische Minderheiten.
Lasst uns unseren christlichen Glauben pflegen. Dazu gehört, dass in Kindergärten und Schulen Lieder und Gebete, die Christus zum Inhalt haben eingeübt werden. Übrigens geben auch muslimische Eltern ihre Kinder oft lieber in solche Kindergärten. Säkulare Neutralität und Verlust eindeutiger christlicher Glaubenspraxis bedeuten nicht nur Kulturverlust, sondern ein Verlust der Substanz aus dem sich unsere Kultur aufbaut. Das ist die eigentliche Gefahr im Blick auf die abendländische Identität.
Spirituelles Alzheimer hat Papst Franziskus der Kurie vorgeworfen. Da musste ich schon bewundernd lachen, weil Papst Franziskus so viel Kraft hat, Missstände beim Namen zu nennen. Aber eigentlich trifft er damit nicht nur seine Kurie, sondern die abendländische Christenheit in weiten Teilen.
Die europäischen Gesellschaften brauchen eine christlich-spirituelle Erweckung, neue Lust am Beten in den Familien, am Lesen in der Bibel, am Singen unserer wunderschönen Lieder. Da liegt so vieles brach oder in Trümmern.

Jauchzt ihr Trümmer! Warum? „Der Herr ist König“. Sein Arm ist nicht zu kurz. Auch für eine christlich-spirituelle Erweckung nicht. „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben und die Herrschaft ruht“ auf seiner Schulter“. Daran glauben wir. Und der Glaube ist ein Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist.
Deuterojesaja traut Gott etwas zu. Das ist die Quelle seiner Hoffnung, unserer Hoffnung.
Gott verwandelt Menschen und Situationen.
Er verwandelt die Sorge um sich selbst in die Fähigkeit das Leid anderer wahrzunehmen.
Er verwandelt die Angst vor den Fremden in Wertschätzung der Gaben, die diese Fremden mitbringen.
Er kann auch aus den Trümmern unseres eigenen Lebens Gutes entstehen lassen. Er beginnt zu bauen, sobald wir ihn anpacken lassen in unserem Leben, in unserem Volk. Dazu braucht er Menschen, die ihm vertrauen, dass er alles zum Besten wenden kann – auch unsere Fehler, auch unsere Phyrussiege, auch unser Leid, auch politische Fehlentscheidungen, auch spirituellen Alzheimer inmitten unserer Gesellschaft. Menschen die ihm vertrauen, haben eine große Hoffnung ist sich. Sie lautet: Gottes Arm ist nicht zu kurz. „Dein Gott ist König“.
Darum: „Jauchzt ihr Trümmer“.
Amen.