10. Ökumenischer Blaulichtgottesdienst am 8. November 2015 in der St. Michaeliskirche, Hof

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Greiner zum Thema "Leiden ist nicht alles - Nehmt einander an"

„Da muss ich durch“. Wieder mal ein schlimmer Unfall auf der Autobahn. Sie als Polizei, Rettungskräfte, Notarzt, Notfallseelsorger müssen durch den Stau hindurch. Was Sie an der Unfallstelle sehen, ist grauenvoll. Abends im Bett steigen die Bilder nochmals hoch. Da müssen Sie mental durch bis Sie Ruhe finden.
Stunden über Stunden den Strom Geflüchteter kanalisieren. Freundlich bleiben, trotz Erschöpfung. Es gelingt; denn die Einsatzkräfte sehen in der Masse doch den Einzelnen: „Wo musste dieses Kind wohl durch, bevor es hier ankam?“
Unser liebster Mensch wird sehr krank. Da muss er durch – und wir mit.

Leben ist nicht leicht - und Sie als Einsatz- und Rettungskräfte verschiedenster Art stellen sich zusätzlich Situationen, die besonders schwer sind. Ich bin Ihnen von ganzem Herzen dafür dankbar und habe Ihnen ein Büchlein mitgebracht mit Worten, die in schweren Situationen tragen.
Die Bevölkerung im Kirchenkreis Bayreuth – also in ganz Oberfranken plus Hassberge - haben 12 Bibelworte ausgewählt, die ihnen am meisten bedeuten. Platz 1 errang der Psalm 23 „Der Herr ist mein Hirte“, Platz 2 das Vaterunser. Ich will nicht alle 12 aufzählen. Sie bekommen dieses Büchlein geschenkt und können zu Hause in Ruhe schauen, welche 12 Bibelworte den Oberfranken am wichtigsten sind.

Zu den 12 Bibelworten haben 12 oberfränkische Künstler ein Kunstwerk erstellt, mit dem sie das Bibelwort interpretieren. Das Kunstwerk zur Geschichte vom verlorenen Sohn und barmherzigen Vater finden Sie hier in Hof in der Kreuzkirche, das Kunstwerk zum Aaronitischen Segen „Der Herr segne Dich und behüte Dich“ finden Sie in der renovierten Münchberger Stadtkirche. Ob in Rehau das Kunstwerk zum „Vater unser“ bleiben wird, wissen wir noch nicht. Das Kunstwerk zum Leiden und Sterben Jesu, das ich heute mit Ihnen anschauen möchte, wird wieder entfernt. Die Mehrheit der Gemeinde findet es zu anstößig. Ich finde es anregend, also anstößig im besten Sinne; vielleicht Sie auch.

Schlagen wir bitte die Seiten 104 fortfolgende auf.
Der Maler Gerhard Rießbeck hat ein Gemälde geschaffen und in das Deckenrondell der Christuskirche Ebern hineinmontiert. Die Dornenkrone ist gewiss nicht anstößig, aber der weißblaue bayerische Himmel und die bunten Luftballons – zumal er damit die biblische Geschichte von Jesu Leiden und Tod interpretiert.
Diese Geschichte von Jesu Kreuzestod finden Sie ebenfalls auf diesen Seiten. Ich nehme sie als Grundlage meiner Predigt. Denn, liebe Einsatzkräfte, Sie alle haben immer wieder mit menschlichem Leiden und Sterben zu tun. Gerade da brauchen Sie Hoffnung und Kraft. Ich meine, es gelingt Rießbeck deutlich zu machen: Die Kreuzigungsgeschichte ist nicht nur eine Leidens- und Todesgeschichte, sondern eine zum Leben.

Im Garten Gethsemane bat Jesus seinen himmlischen Vater: „Wenn es sein kann, dann lass diesen Kelch an mir vorüber gehen“. Als seine Bitte nicht erfüllt wurde, wusste er: Jetzt muss ich durch - durch Folter und Tod.
Für Muslime ist der Glaube, an einen Gottessohn, der sich kreuzigen ließ, unakzeptabel. Muslime verehren Jesus als Gesandten Gottes. Doch laut dem Koran, Sure 4, haben die Juden sich getäuscht. Jesus wurde nicht gekreuzigt. Allah hat ihn hinweggenommen. Gekreuzigt wurde ein anderer. Mohamed hat mit dem Schwert gekämpft. Sich hinrichten lassen, wäre ein Zeichen der Schwäche Gottes und seines Gesandten. Gerade diese Geschichte zählt aber für uns Christen zu den stärksten der Bibel.
Dornenkrone und Luftballons – das ist eine heiße Kombination. So wie an diesen Dornen manchem Ballon die Luft ausgehen kann – so geht eben auch vielen Gottesbildern an der Dornenkrone, am Leiden Jesu –  die Luft aus.
Ein Mann sagt: „Angesichts der Grausamkeiten in der Welt kann ich nicht mehr an Gott glauben.“ Da ist noch nicht aller Tage Abend für den Glauben dieses Mannes, denke ich mir. Manches mitgebrachte Gottesbild muss erst zerplatzen, bevor Raum ist für ein Neues. Gott ist kein Marionettenspieler, der die Fäden immer und überall zieht. Wie grausam wäre solch ein Gott angesichts der Kriege in der Welt. Gott, wie die Bibel uns von ihm erzählt, hat uns Menschen in Liebe erschaffen und ruft uns zur Liebe, so wie sein Sohn sie vorgelebt hat. Er lässt seinen geliebten Menschen alle Freiheit – selbst als sie die geschenkte Freiheit missbrauchen um seinen Sohn zu töten.
Christen glauben: Gott ist ein Gott, dessen größte Macht sich in seiner größten Ohnmacht zeigt – am Kreuz. Seine Macht ist die ungebrochene Liebe. Dieses Kreuzesgeschehen von damals wirkt nach bis heute. Rotes Kreuz, Weißes, Blaues Kreuz, viele Hilfsorganisationen gründeten sich in diesem Geschehen.

Führen wir uns vor Augen, was uns die biblische Geschichte erzählt: Jesus hängt am Kreuz und bittet seinen Vater im Himmel für seine Folterer: „Vater vergib ihnen, denn Sie wissen nicht, was sie tun“. Das ist und bleibt für mich der stärkste Satz, den ich je in meinem Leben gehört habe. Durch diesen Satz weiß ich und können Sie alle wissen: In Deinem Leben kann es keine Schuld geben, die Jesus nicht vergeben will – wenn er doch selbst seinen Folterern vergibt.
Rettungsdienste haben oft mit eigenen Schuldgefühlen zu kämpfen, dabei wollten sie nur helfen. Habe ich vielleicht zu kurz beatmet? Wäre doch noch eine Chance gewesen, dass dieser Mensch weiterlebt? Habe ich zu lange beatmet und ihn wiedergeholt, obwohl er doch schon auf dem Weg in den Himmel war und nun im Wachkoma siechen wird?
Ihr Lieben! Wir sind Menschen! Wir können gar nicht alles richtig machen. Gerade wir in den helfenden Berufen tun, was wir können. Und es wird doch unvollkommen bleiben.
Lassen wir an der Dornenkrone bitte nicht nur fragwürdige Gottesbilder, sondern auch falsche Bilder vom Menschen zerplatzen. Kein Mensch lebt ohne Schuld. Als Mütter und Väter werden wir schuldig, weil wir manche elementaren Bedürfnisse unserer Kinder nicht sehen. Als Kinder hätten wir unserer Mutter, unserem Vater vor ihrem Tod mehr Zeit schenken sollen.
Es gibt nur eins, was hilft, von echter Schuld oder von inneren falschen Schuldvorwürfen frei zu werden: Zu dem Gekreuzigten zu sagen: „Christus, es tut mir von Herzen leid. Vergib mir.“ Jesus hat seinen Folterern vergeben; er hat mir vergeben; er wird Dir vergeben. Sei ganz gewiss. Er hat Dich in Liebe angenommen, lange bevor Du selbst mitsamt Deinem Versagen zu ihm kommst. Aber geh in Gedanken zum Kreuz, bitte um Vergebung. Das befreit. Da öffnet sich der Himmel der Liebe und Gnade Gottes über Dir.
Sogar dem Verbrecher, der neben ihm gekreuzigt wird, dem sagt Jesus auf dessen reuige Bitte hin: „Heute noch wirst Du mit mir im Paradies sein“. Welch ein Erbarmen, welch eine Zuwendung und Liebe zu jedem – noch so verrannten – Menschen zeigt sich da im Sohn Gottes! Ihn hat der Vater auferweckt und seinen Weg bestätigt.
„Mehr als Leiden“. Das ist der erste Teil des Themas unseres Gottesdienstes. Ja am Kreuz zeigt sich mehr als Leiden. Da zeigt sich Vergebung und sogar Feindesliebe unter Folterqualen.
„Mehr als Leiden“. Dieses Leiden ist für uns Garant geworden, dass uns vergeben wird, dass uns der Himmel offen steht. Unser Leben ist bunt, und manchmal treiben wir es auch zu bunt, vor allem, wenn wir jung sind. Doch Gott hat uns alle in Liebe und großem Einfallsreichtum erschaffen und will, dass wir dieses Tor zum Himmel finden.

Schauen wir das Bild nochmals an – am besten auf Seite 107 oder 108: Dargestellt wird interessanterweise nicht, dass die Luftballons zerplatzen an der Dornenkrone, sondern dass sie durchkommen. Es entsteht wohl ein Windkanal, vielleicht ist es der Wind des Heiligen Geistes, sodass die Ballons alle durch die Dornenkrone wie durch ein Tor in den Himmel steigen – aber eben nicht in Verdrängung und unter Umgehung des Leidens, sondern hindurch. Durch Jesu Leiden und Sterben hindurch geht der Weg zum Himmel. Da müssen wir wirklich durch, wenn wir leben wollen.
 
Der weißblaue bayerische Himmel ist Symbol für den Himmel als Raum der Gegenwart Gottes. Durch Christus als Vergebungstor werden wir nach unserem Tod bei Gott sein und leben.
Wenn wir Menschen sterben sehen, dann lasst uns diese Menschen Gott anvertrauen und bitten, dass sie durch Christus und seine Vergebung bei Gott leben können.
Mehr als Leiden. Ja, wir haben eine große Auferstehungshoffnung durch Christus.

Der zweite Teil des Themas lautet: „Nehmt einander an“. Dazu muss ich nicht mehr viel ausführen. Denn ich habe schon viel davon erzählt, wie Jesus selbst am Kreuz die Menschen angenommen hat. Dieser zweite Teil des Themas „Nehmt einander an“ knüpft bewusst – so wollten es die Veranstalter – an die Jahreslosung an. In den christlichen Kirchen haben wir immer ein Bibelwort, das uns durch ein Jahr begleiten soll. Dieses Jahr lautet es:
„Nehmt einander an, wie Christus Euch angenommen hat“. Das ist eine große Forderung, gerade wenn wir in der Kreuzigungsgeschichte lesen, wie Jesus selbst seine Folterer in Liebe angenommen hat und für sie um Vergebung gebeten hat. So wie Christus andere annehmen?! Das können wir nicht.
Und doch, liebe Einsatzkräfte – ich glaube, Sie haben schon viel darüber gelernt, Menschen anzunehmen. Denn was haben Sie schon erlebt in Extremsituationen – wie Menschen da austicken und schreien, aggressiv werden, versteinert verharren, oder genau das Falsche tun. Wir haben die Menschen immer nur wie sie sind. Menschen annehmen heißt auch manchmal ihnen in Klarheit Grenzen zu setzen. Klarheit aus der Kombination von Sachkompetenz und Liebe ist unschlagbar.
In unserer Kultur des Helfens haben wir schon viel von Christus gelernt. Das spüren die Menschen, wenn sie aus anderen Ländern bei uns ankommen. Ein geflüchteter junger Mann war erstaunt über unsere Polizisten. Er hat bisher nur Weitertreiben und Schläge erfahren. Er wollte vor unseren Polizisten sofort Reißaus nehmen, bis er merkte: Die helfen ja.
Das heißt nicht, dass Polizisten nicht auch mal zulangen müssen zum Schutz anderer oder ihres eigenen Lebens. Sich quälen lassen, wie Christus - da würden Polizisten nicht ihrer Aufgabe gerecht. Sie haben die Aufgabe zu schützen und sei es im Extrem unter Gebrauch von Waffen. Und doch spüren Sie als Einsatzkräfte, es geht bei unserem Thema um die Grundhaltung der Liebe zu jedem Menschen. Dort, wo Sie – trotz Zeitdruck unter dem Sie oft stehen, in all den chaotischen Situationen – doch echte Zuwendung und Annahme oder einfach Fairness zeigen können, da leuchtet etwas durch vom Weg Jesu und vom Himmel – hinein in unser buntes Leben. Ich bin überzeugt: Unsere ganze Welt – die europäische wie die islamische – braucht nichts mehr als diesen Weg der Annahme aller Menschen auch der Andersgläubigen. Die Welt braucht den Weg der Liebe, die lieber einsteckt als schlägt und von sich aus vergibt. Diesen Weg haben wir Christen selbst oft genug in der Geschichte verfehlt. Doch dieser Weg, der Weg Christi, führt zum Leben.
Leben wir ihn so gut wir können in unserer Unvollkommenheit und im Vertrauen auf Christi Vergebung. Amen.