100-jähriges Jubiläum der Frauenhilfe Hof e.V.

Predigt der Regionalbischöfin Dr. Greiner zu Jak. 2,14-17.24 am 20. Oktober 2019 in der St. Michaeliskirche, Hof

Liebe Gemeinde,
das Evangelium, das wir vorhin gehört haben, war nicht das reguläre Evangelium des Sonntags. Es war sozusagen das Evangelium der Frauenhilfe - gut ausgewählt von Dekan Saalfrank und Frau Innmann. Denn die Werke der Barmherzigkeit, auf die das Evangelium zielt, sind die Werke, die die Frauenhilfe in den 100 Jahren getan hat: Kranke besucht, Hungernde gespeist, Nackte bekleidet. Die Frauenhilfe hat seit Gründung geschaut: wo ist die Not am größten - und hat Kindern, Frauen und Männern geholfen.
Grundlage meiner Predigt ist das reguläre Bibelwort für diesen Sonntag. Und sie werden gleich beim Hören merken, wie gut es zum gewählten Evangelium und zur Frauenhilfe passt.
Allerdings: Es ist zugleich das von Luther meist kritisierte Bibelwort.
Ich lese aus Jakobus 2:
„Was hilft´s Brüder und Schwestern, wenn jemand sagt, er habe Glauben und hat doch keine Werke?
Kann denn der Glaube ihn selig machen?
Wenn ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und Mangel hat an täglicher Nahrung und jemand unter euch spricht zu ihnen:
Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was der Leib nötig hat - was hilft ihnen das?
So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber.
So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein.

Liebe Gemeinde, das sind heftige Bibelworte, die wir heute hören. Das Evangelium malte eine Gerichtsszene: Menschen, die Werke der Barmherzigkeit tun, werden nach ihrem Tod bei Gott sein, während Menschen, die diese Werke nicht tun, in der Gottesferne landen werden.
Jesus will aufrütteln. Er mahnt: Suche in Deinem Leben nicht Deinen Vorteil und ein bequemes Leben. Suche, wie Du Liebe üben kannst, wie Du helfen und Not lindern kannst. Das ist der Wille Gottes für Dich.
Und auch unser Bibelwort zur Predigt mahnt: Der Glaube ohne Werke ist tot. Dem stimme ich zu. 
Doch mit Luther meine ich, dass der dann folgende letzte Satz unseres Bibelwortes – für sich genommen - fehlleitet:
So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein.

Wir haben da einen Konflikt mitten in der Bibel und noch dazu wenn es um unser Heil geht! Paulus, dem wir die Korintherbriefe verdanken, den Römer- und den Galaterbrief und weitere Briefe sagt: Der Glaube an Christus macht gerecht nicht unsere Werke. Christus hat für unser Heil alles getan. Durch ihn steht uns der Himmel offen.
Jakobus sagt: Der Mensch wird nicht durch Glauben an Christus allein gerecht, sondern durch Werke.
Wenn man überspitzt, war - seit der Reformation - Paulus die lutherische Denkweise und Jakobus die katholische.
In der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungs-lehre vor 20 Jahren haben Evangelische und Katholische sich gemeinsam Paulus zugeneigt.
Wir glauben gemeinsam: Jesus Christus vergibt am Kreuz, ist für uns gestorben. Wer an ihn glaubt, den wird der auferstandene Christus aus dem Tod ins ewige Leben ziehen. Jesus Christus ist die Tür zum Vater im Himmel und der Weg dorthin. Mit ihm verbunden, führt Christus uns zum Leben bei Gott.
Es ist Christi Werk, nicht unser Werk, das uns rettet. Das einzige, was wir zu tun haben, ist, es anzunehmen für uns und zu sagen: Danke!
Ich will auch deutlich machen, warum diese paulinische Theologie so wichtig ist: Wenn es nämlich an unseren Werken hinge und nicht völlig an Christus, müssten wir unser ganzes Leben lang Angst haben, ob wir genug getan haben. Unsere Werke wären angstgesteuert. Gott will uns aber einen anderen Weg führen. Er will, dass wir die Werke der Barmherzigkeit tun – nicht aus Angst, sondern aus Liebe zu den Menschen; als Antwort auf seine barmherzige Liebe zu uns.

Nun können wir aber einen Schritt weitergehen mit Jakobus und ohne Paulus oder Luther zu widersprechen.
Jakobus sagt - und bei diesem Satz gehen auch Paulus und Luther mit: Der Glaube ohne Werke ist tot.
Stimmt. Denn was wäre das denn für ein Glaube an Christus, der nicht Jesu Weg geht: Jesus wendete sich den Notleidenden zu mit offenem Herzen und half. Seinen Nachfolgern - uns - ruft er zu: „Seid barmherzig, wie Euer himmlischer Vater barmherzig ist!“.
Ein Glaube an Christus, der nicht den Glaubenden liebevoll werden lässt, ist tot. Ich sage sogar: Dieser Mensch hat wohl keinen Glauben an Christus.
Das Herz Jesu Christi ist voller Erbarmen. Wer Christus im Herzen hat, dessen Herz wird unweigerlich verändert. Dieser Prozess dauert freilich ein Leben lang – Umwege und Irrwege eingeschlossen.
Jeder prüfe sich selbst: Wenn wir nicht mit den Jahren liebevoller werden, dann stimmt etwas nicht in unserer Beziehung zu Jesus Christus.

Es kann Werke der Barmherzigkeit von Menschen geben, die nicht an Christus glauben. Doch es kann keinen an Christus Glaubenden geben, der nicht Werke der Barmherzigkeit tut und barmherziger wird.
Menschen, die nicht an Christus glauben und doch barmherzig sind, in denen wirkt der Geist Gottes ohne, dass sie es ahnen. Dass das geschieht, dafür können wir nur dankbar sein.

Und heute haben wir im Bericht von Frau Innmann eine Fülle von Beispielen guter Werke gehört. Ich werde niemals den Glauben all dieser Frauen beurteilen. Doch die Werke waren gut - und viele, viele von diesen Frauen haben wirklich ihre Kraft zur Liebe aus ihrer Verbundenheit mit Jesus Christus gewonnen.
Heute schneidern die Frauen der Frauenhilfe keine Konfirmandenanzüge mehr für Konfirmanden, deren Eltern keinen Anzug kaufen können. Doch sie schneidern wunderschöne Decken und Kissen aus Stoffresten, sodass aus dem Erlös bedürftigen Familien geholfen werden kann.
Bei meiner Visitation diesen Mai haben wir - auf meinen Wunsch hin - einen Spontanbesuch gemacht in den Räumen der Frauenhilfe.
Alle Achtung: Die Decken, die dort entstehen, sind echte Qualität, wertvolle schöne Handarbeit. Ein großes Kompliment an die Frauen, die diese Kunstwerke nähen und ein Dank an alle Firmen, die Stoffreste zur Verfügung stellen. Diese Frauen tun auch heute beim Schneidern ein gutes Werk im Sinne Jesu.

Vielleicht haben einige von Ihnen Lust bekommen in Zukunft ebenfalls mitzuschneidern. Dann melden Sie sich bei Frau Innmann. Freilich ist Schneidern nicht jedermanns und jederfraus Gabe. Meine wäre es nicht, ich habe - seit ich vor 20 Jahren in den Landeskirchenrat berufen wurde - mit dem Handarbeiten aufgehört und wäre kein Gewinn für Euch, liebe Frauen der Frauenhilfe in Eurer Runde.
Doch Christus lässt uns eine große Freiheit auf dem Weg der Barmherzigkeit: Wir alle haben unterschiedliche Gaben und Fähigkeiten. Und es gibt auch unterschiedliche Dinge, die unser Herz berühren. Jedem hat Gott eine besondere Sensibilität geschenkt. Fragen Sie sich: Wo ergreift mich Erbarmen mit Menschen? Vielleicht braucht Gott gerade dort Ihr Engagement.

Mich persönlich ergreift die Not der Geflüchteten, die Christen geworden sind, denen aber vom Bundesamt für Migration und von unseren Verwaltungsgerichten unterstellt wird, ihr Glaube sei rein asyltaktisch. Doch ich nehme wahr, wie die Augen unserer iranischen Mitchristen strahlen, wenn sie von Christus reden und wie der Glaube ihr Leben verwandelt – hin zu größerer Liebe und Freude. Also setze ich mich für unsere iranischen Geflüchteten ein, wie auch das Ehepaar Frisch, Dekan Saalfrank und viele andere unter Ihnen.
Vielleicht ergreift Sie das Erbarmen an anderen Stellen. Sie haben einen alten Menschen in der Nachbarschaft, dem kaufen Sie ein oder fahren ihn zum Arzt oder nehmen ihn in Ihrem Auto zum Gottesdienst mit. Da freut sich nicht nur dieser ältere Mensch, da freut sich Christus. Da lebt Ihr Glaube an ihn.
Oder Sie spenden Geld für ein soziales Projekt bei uns oder in Afrika.
Oder Sie sehen, dass Ihr Enkelkind oder ein anderes Ihnen bekanntes Kind keine biblischen Geschichten vorgelesen bekommt. Das tut Ihnen weh - um des Kindes und um Christi willen. Darum kaufen Sie eine schöne Kinderbibel und nehmen sich Zeit ihm vorzulesen.

Es gibt so viele Weisen den Weg Jesu, Weg der Barmherzigkeit zu gehen. Wichtig ist die Verbindung zu Jesus Christus, der unsere Sensibilität stärkt. Meine einzige Bitte an Sie ist nicht: Tun Sie das oder tun Sie jenes, sondern: Suchen Sie die Verbindung zu Jesus Christus und fragen Sie ihn: Was willst Du, dass ich tun soll? Er wird Sie führen. Er führt auch mich. Er schenkt uns mehr und mehr ein barmherziges, warmherziges Herz.

Das ist übrigens kein Wohlfühlweg. Diese Herzensveränderung macht auch sensibel für die Bewegungen in unserer Gesellschaft, von denen Kälte ausgeht.
Wer vom Rechtspopulismus erfasst ist, hat vielleicht Liebe zu seinen Familienmitgliedern, den deutschen Nachbarn, aber nicht mehr für den, der aus einem anderen Land kommt.
Doch der Weg, den Christus uns führt, ist, Liebe zu jedem Menschen zu haben, zu den Fremden - und sogar zu den Rechtspopulisten in unserer Nachbarschaft, die uns manchmal fremder sind als die Fremden. Diese Liebe wird sich im warmherzig zugewandten aber klaren Widerspruch äußern.

Die Frauenhilfe, der wir heute danken, hat das weite Herz Jesu. Sie hilft Kindern, Frauen und Männern jeder Religion, jeder Herkunft, eben jedem Menschen in Not, so wie Jesus es will.

Mit dem Evangelium und dem Jakobuswort ruft Jesus heute uns - Frauen wie Männer - zur Hilfe für Menschen in Not. Er selbst in uns ist es, der uns dazu bereit und fähig macht. Er führt uns den Weg warmherziger Barmherzigkeit, der wir - den Himmel verdanken. Amen.