1000 Jahre Zeil am Main

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zu Mt. 5,14-16 im Ökumenischen Gottesdienst am 15.07.2018

Liebe Gemeinde!

Unser Bibelwort, das wir gerade gehört habe, spricht von einer Stadt auf dem Berge. Nun, der eigentliche Ort Zeil liegt nicht auf dem Berg, sondern im Maintal - aber immerhin im Landkreis Haßberge, und das Käppele hier oben gehört auch zur Stadt.
In unserem Bibelwort geht ja auch gar nicht so sehr um den Berg, sondern um die Stadt, dass sie sichtbar ist, ihr Licht nicht unter den Scheffel stellt, ihre guten Seiten und ihre „guten Werke“, wie es im Bibelwort heißt, zeigt.
Und das tut Zeil natürlich. In wieviel Reden hat Bürgermeister Stadelmann in diesem Jahr der 1000-Jahr-Feier die guten Seiten und Werke der Stadt gepriesen.

In der Tat hat Zeil am Main Anziehungskraft. Auch ich habe zusammen mit meinem Team vor fünf Jahren unseren Betriebsausflug nach Zeil gemacht. Wir haben dabei das Hexenmuseum besucht. Es  präsentiert schweren Stoff so, dass er nicht nur ferne Geschichte bleibt, sondern heute unter die Haut geht.
Allerdings kommen da ja nicht gerade die guten Werke zu Tage. Kirche, Stadt, Bürgerschaft wurden gemeinsam schuldig. Schonungslos wird präsentiert, wie Menschen – über 400 Männer und Frauen  – in dieser Stadt unter grausamen Qualen gefoltert und hingerichtet wurden. Selbst ein Bürgermeister, Johann Langhans, gestand nach Daumenschraubenfolter Hexenmeister zu sein und wurde 1628 getötet. Alle waren Menschen, denen grausam Unrecht geschah.  Heute sind wir dankbar, doch gewiss nicht für jene Zeit, sondern dass sie vorbei ist.

Ich bin heute sehr gerne wiedergekommen und gratuliere heute der Stadt und allen Bürgern und Bürgerinnen zu 1000 Jahre Zeil am Main und zu einer Haltung, die zur eigenen Geschichte steht, die  zum einen mit Freude die guten Seiten zeigt – und zum anderen auch mit Einsicht Unrecht als Unrecht beim Namen nennt. Das gehört zu den allerbesten Werken der Stadt in diesen 1000 Jahren, dass sie dies heute tut. In dieser Art der Aufarbeitung der Geschichte leuchtet Ihre Stadt als Vorbild.
Vergangenes ist bedeutsam. Noch bedeutsamer für die Gegenwart ist aber, wie wir mit Vergangenem umgehen.

Das gilt auch für die Ökumene. Als in der Reformationszeit das Bamberger Hochstift den lutherisch gewordenen Zeiler Pfarrer entfernte und der neu eingesetzte altgläubige Pfarrer dann von den Bürgern so angegriffen wurde, dass er in Schutzhaft genommen werden musste, kam es natürlich zu unchristlichen Gewaltanwendungen.
Heute sagen wir, dass wir in diesen Zeiten und danach als evangelische und katholische Christen aneinander schuldig geworden sind. Glaube und Gewalt, Religion und politische Macht wurden miteinander vermengt. Das darf nicht sein.
Dafür sind wir nicht dankbar; doch dafür, dass wir heute miteinander Gottesdienst ökumenisch feiern können und voll Hoffnung sind, dass Christus uns immer weiter verbinden wird. Christus hat sich auch hier in Zeil versöhnend durchgesetzt. Durch Euch, die ihr heute gerne ökumenisch Gottesdienst feiert leuchtet Christus, der zur Einheit ruft und sie schenkt.

Eigentlich meint das Bibelwort von der Stadt auf dem Berge ja nicht eine Kommune, sondern uns selbst.
Wenn wir auf unsere eigene Geschichte schauen und still werden, dann wird uns einiges einfallen, was gut lief, was Gott uns gelingen ließ und einiges, das wir sogar unverdient geschenkt bekamen. Wir sagen: „Danke!“ für all das Gute in unserem Leben.
Und dann gibt es da, gewiss nicht so dramatisch wie in der Stadtgeschichte, doch auch belastend, Geschehnisse, die wir lieber ungeschehen machen würden. Niemand handelt nur gut gegenüber seinen Eltern, den eigenen Kindern, dem Ehemann, der Ehefrau. Wenn wir innehalten, dann fällt uns gewiss manches ein. Wem da nichts vor Augen tritt, dem ist sein eigener Heiligenschein wohl vor die Augen gerutscht.
Wie bei der Stadtgeschichte gehört es  zu unseren besten Werken, wenn wir dies nicht schön reden, sondern aufrichtig sagen: Es war nicht gut, und es tut mir leid.
Gott um Vergebung zu bitten, ist der erste Schritt. Dann heilt unser Leben, weil Gott uns mit sich versöhnt, mit uns und unserer Geschichte und in Folge mit den Menschen heute.

Unser Bibelwort traut Euch allen viel zu: Ihr habt gute Werke. Seid wie das Käppele wenn es hell erleuchtet ist, zeigt Euch. Lasst Euer Licht leuchten.
Das klingt nicht gerade nach Bescheidenheit auf den ersten Blick, wenn wir uns so zeigen soll. Auf den zweiten Blick aber schon, denn das Ziel soll sein - laut unseres Bibelwortes, dass die Menschen nicht uns preisen, sondern den Vater im Himmel.

Wie soll das gehen? Indem wir selbst bei allem Guten, das uns gelingt, auf Gott verweisen, wie ein Fußballer, der seinen Finger nach einem Tor nach oben zum Himmel streckt. Was uns gelungen ist, in unserem Leben verdanken wir Gott.

Das Käppele ist ja ein Wallfahrtsort für geistliche Berufe. Gut so. Wir brauche Euer Gebet. Doch was Pfarrer Erhardt im Internet dazu schreibt, hat mich gefreut. Er demokratisiert den geistlichen Beruf und sagt:  „Wir brauchen überall Menschen, die Christus im Herzen tragen: in der Familie als Mutter und Vater, am Arbeitsplatz als Handwerker oder Verwaltungsangestellte, im täglichen Umgang miteinander“.
Ja, ich bekräftige: Ihr alle seid berufen als Christen zu leuchten.

Wie geht das konkret? Auf zwei grundlegende Weisen: Durch die Liebe und den Glauben. Zuerst zur Liebe:
 Oft sind das ganz kleine Dinge: ein Lächeln, eine „Danke“, ein Widerspruch in Freundlichkeit, wenn jemand schlecht redet über Menschen. Brecht die Hass- und Schimpfkultur des schlechten Redens, diesen Hexenkessel, der im Internet, besonders in den sozialen Medien fröhliche Urständ feiert. Reinigt zuerst Euer Herz von Antipathien gegen Menschen; strahlt Liebe aus, wo Ihr seid. Das traut Christus Euch zu.

Zum Ausstrahlen der Liebe kommt das Ausstrahlen des Glaubens, dass Ihr Euren Kindern und Enkeln, Kranken und wo es eben passt von Jesus erzählt.
Ich bin Pfarrer Neiber und der Kirchengemeinde dankbar, die sich gegenüber unserem Landeskirchenamt für Finanzmittel einsetzten, um den evangelischen Kindergarten weiter zu betreiben (übrigens in Bauträgerschaft der Stadt, was ich sehr gut finde!). Denn es ist so grundlegend, dass in evangelischen und katholischen Kindertagesstätten das Licht des Glaubens, die Fähigkeit zu beten, früh geübt wird.
Doch Ihr alle - tragt dazu bei, dass der Glaube wieder an Bedeutung zunimmt indem Ihr mit Kindern und Enkeln auch darüber redet, was sie an Jesusgeschichten im Kindergarten hören, was sie gerade im Religionsunterricht machen oder im Firm- und Konfirmandenunterricht. Dann merken sie, dass Euch das wichtig ist. Glaube soll Thema sein.

Glaube und Liebe sind die Fundamente der Hoffnung für eine helle Zukunft für jeden Menschen und Eure Stadt.

1000 Jahre Zeil. Was wird die Zukunft bringen? Das wissen wir nicht – in Stadtgeschichte und in unserer eigenen Geschichte. Doch es fällt Licht auf den nächsten Schritt, weil Christus in unserem Herzen ist, in uns und aus uns leuchtet.
Ihr seid das Licht der Welt, Ihr seid die Stadt auf dem Berg. Euer Leben hat einen großen Sinn.
Amen.