30. Jahrestag des Mauerfalls

Predigt der Regionalbischöfin Dr. Greiner am 10. November 2019 in der St. Michaeliskirche, Ludwigsstadt

Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, die euch beleidigen. Das für diesen Sonntag vorgesehene Bibelwort, das wir vorhin in der Lesung gehört haben, könnte nicht besser passen. Blicken wir mit diesem Bibelwort im Herzen zurück ins Jahr des Mauerfalls.
Noch am 19. Januar 1989 verkündet der SED-Vorsitzende Erich Honecker, die Mauer werde – so wörtlich „noch in 50 und 100 Jahren“ stehen. Doch die gesellschaftsverändernde Kraft betender Menschen hatte er völlig unterschätzt. Seit November 1982 treffen sich in der Leipziger Nikolaikirche Menschen wöchentlich treu zum Gebet für den Frieden. Diese Kirche wird ungeplant Kraftort des Widerstands.
Am 7. Mai decken - ebenfalls in Leipzig - Bürgerrechtler Ungereimtheiten bei den Kommunalwahlen auf. 1.000 Menschen demonstrieren gegen den Wahlbetrug. Am Folgetag bildet die Polizei zum ersten Mal während des Friedensgebetes einen Kessel um die Nikolaikirche. Denn diese Montagsgebete hatten immer größeren Zulauf von Ausreisewilligen erhalten. Am Rande dieser Gebete geschehen Kontrollen und Verhaftungen. Die Lage spitzt sich zu.

Szenenwechsel: Am 2. Mai hatte Ungarn mit dem Abbau der Grenzsicherungsanlagen begonnen. Seitdem wird der Ausreisewille unzähliger DDR-Bürger unübersehbar. Am 5. August nimmt die DDR-Führung zum ersten Mal Stellung und warnt, die Ausreise über die bereits übervölkerten deutschen Botschaften in Prag, Warschau und Ostberlin erzwingen zu wollen.
Als gäbe es all das nicht, meint Honecker am Jahrestag des Mauerbaus, am 14. August (1961): „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.“ Doch fünf Tage später, am 19. August, nutzen 700 DDR-Bürger ein Paneuropäisches Frühstück im ungarischen Sopron und im burgenländischen St. Margareten um zu fliehen. Die offizielle Grenzöffnung zwischen Ungarn und Österreich am 11. September hat die Flucht Tausender zur Folge.

Blicken wir wieder nach Leipzig, denn dort gab es schon eine Woche zuvor, am 4. September, die erste Demonstration. Direkt nach dem Montagsgebet versammelten sich 1.000 Menschen auf dem Kirchvorplatz. Sie riefen: „Stasi raus“, und forderten Reisefreiheit. Diese Demonstrationen nach den Gebeten gewinnen von Woche zu Woche an Größe und Dynamik. Doch zur Dynamik gehört der von den Gebeten ausgehende Friede bei den Demonstrierenden.

Am 30. September schaut die ganze Welt nach Prag: Dort verkündete Bundesaußenminister Dietrich Genscher vom Balkon der überfüllten Botschaft, dass die Ausreise der dort ausharrenden DDR-Bürger genehmigt sei.
Am 1. Oktober kommt um 6.14 Uhr der erste Sonderzug aus Prag in Hof an. Die Hofer hatten zuvor in Windeseile warme Kleidung, Kaffee und Essen zusammengetragen. Als die Geflüchteten aussteigen, fließen Tränen in Strömen; wildfremde Menschen liegen sich in den Armen. Fünf Sonderzüge mit insgesamt 1.200 Menschen kommen jeweils im Abstand von zwei Stunden an. In den Folgetagen werden etwa 17.000 Menschen durch Züge in verschiedene Städte Westdeutschlands gebracht.
Doch noch ist der Durchbruch nicht da.

Bizarr: Am 7. Oktober feiert die Politprominenz in Berlin die DDR-Gründung vor 40 Jahren.  Aber in Plauen nutzen die Bürger dieses Jubiläum, um sich statt zur Jubelfeier zum Protest zusammen-zufinden. 15.000 sind auf der Straße. Polizisten beginnen mit Gummiknüppeln auf die Menschen einzuschlagen. Der evangelische Superintendent Thomas Küttler erkennt die Gefährlichkeit der Lage und erhält die Erlaubnis, vom Balkon des Rathauses zu den Menschen zu sprechen. Er bittet um Gewaltfreiheit und Frieden und verhindert schlimmes Blutvergießen.

Blicken wir wieder nach Leipzig: Am 9. Oktober versammeln sich 70.000 Menschen zur Montagsdemonstration nach dem Gebet. Notlazarette sind schon aufgebaut, Krankenwagen stehen bereit. Doch die DDR-Führung wagt es nicht, die friedliche Demonstration gewaltsam aufzulösen. Eine Woche später sind es 100.000 Menschen. Am Samstag danach demonstrieren Menschen in vielen Städten der DDR.
Am 17. Oktober setzt das SED-Büro Erich Honecker ab und benennt Egon Krenz als neuen SED-Generalsekretär. Am 30. Oktober gesteht der Leiter der Staatlichen Planungskommission, Gerhard Schürer, ein, dass die DDR durch Überschuldung wirtschaftlich am Ende ist.
Am 4. November findet auf dem Berliner Alexanderplatz die größte Massendemonstration der Geschichte der DDR statt. Die Bürger fordern freie Wahlen und Reisefreiheit.
Am 8. November tritt das gesamte SED-Politbüro zurück. Am 9. November wird bei einer Pressekonferenz darüber berichtet. Auf die Frage, ab wann die Reisefreiheit gelte, findet SED-Politbüromitglied Günter Schabowski nichts in seinen Unterlagen und sagt nach kurzem Überlegen: „Ab sofort.“ Am 10. November strömen die Menschen aus der DDR über die gefallenen Grenzen auf den verschiedensten Straßen in die westdeutschen Orte auch hierher.

Das war heute  vor 30 Jahren. Was wir damals erlebten, war nicht zu fassen. Wir meinten, wir träumen. Doch es war wirklich: Die Grenzen waren offen, Männer, Frauen, Kinder kamen aus Thüringen und liefen auf Straßen, die bisher für sie tabu waren. In unseren kirchlichen Gemeindehäusern duftete es nach Kaffee und Kuchen, zubereitet durch unsere Gemeindeglieder für alle, die kamen. Die Türen waren offen zum Zeichen herzlichen Willkommens für die bisher so fernen Nachbarn. Getrennte Familien fanden zusammen. Das Tor zur Wiedervereinigung beider deutscher Staaten war unwiderruflich offen, die Mauer überwunden.

30 Jahre sind vergangen. Die Grenzlandförderung fiel im Landkreis Kronach zwar weg. Doch unvergleichlich mehr wurde wiedergewonnen. Für die Ludwigsstädter, Tettauer und - aus welchem Ort des Frankenwaldes in der Exklave hier - sind nun nach Norden, Westen und Osten die Wege offen. Mann und Frau fährt wie selbstverständlich nach Erfurt und Saalfeld einkaufen. Einpendler fahren in die Betriebe und Erzieherinnen bewerben sich aus Thüringen für unsere Kindertagesstätten. Gott sei Dank. Wir finden mehr und mehr zusammen.

Was hat all dies nun mit unserem Bibelwort zu tun?
Drei Anwendungen:
Die Christen in der DDR hatten Feinde. Kinder christlicher Familien waren stigmatisiert und hatten keine Chance zu studieren. Der christliche Glaube sollte systematisch ausgerottet werden.
Leider gab es gesellschaftliche Kräfte - auch in der Bundesrepublik, die die religiöse Unterdrückung und die Freiheitsberaubung der DDR-Bürger totschwiegen und damit tolerierten. Das machte es nicht leichter für die Christen in der DDR. Genau 40 Jahre nach Gründung des DDR-Staates - das erinnert an 40 Jahre Wüste für das Volk Israel - zerbrach dieses Glauben unterdrückende Regime.
In diesen Jahren hatten die Christen ständig Stoff die Feindesliebe zu üben. Das bedeutete den Spagat zu üben, die Kritik am System innerlich aufrecht zu erhalten und zugleich den ihnen begegnenden Vertreter dieses Regimes zu lieben. Wenn etwas half, die Menschen, die das Unrechtsregime verkörperten, zu lieben, so war es das Gebet zu Christus, der noch am Kreuz seinen Folterern vergab.
Ich denke hier insbesondere an Pfarrer Uwe Holmer in Berlin-Lobetal, der dem gerade entmachteten Erich Honecker und seiner Frau für 9 Wochen Asyl gewährte im Pfarrhaus. Er hieß den, der seinen 10 Kindern das Studium verwehrt hatte, willkommen und schenkte ihm Schutz, Gastfreundschaft - eben Feindesliebe.

Die zweite Anwendung: Es zählt zu den Wundern der Geschichte, dass die Massendemonstrationen nicht blutig endeten. Solch ein großer Umsturz ohne Gewalt durch Umstürzler ist einzigartig in der deutschen Geschichte.
Viele Faktoren haben dazu beigetragen: Mäßigende Kräfte im Politbüro, Gorbatschows Perestroika, Verhandlungen im Hintergrund - aber eben auch der Friede Gottes, den die Menschen verströmten, die aus den Leipziger Friedensgebeten kamen - viele mit Kerzen in der Hand.
Nicht umsonst sprach Matthias Platzeck, der frühere Ministerpräsident Brandenburgs, von einer evangelischen Revolution. Denn gerade die evangelischen Kirchen öffneten damals ihre Türen zum Gebet für Freiheit in Frieden.
In den Worten des ehemaligen Vorsitzenden des DDR-Ministerrates Horst Sindermann spiegelt sich die Kraft der von Jesus ausgehenden gewaltlosen Feindesliebe als er sagte: „Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten. Sie haben uns wehrlos gemacht.“

Die dritte Anwendung: Dirk Sauermann, evangelischer Probst in Mecklenburg, erzählte mir jüngst, wie er als evangelischer Theologiestudent zusammen mit anderen in einer katholischen Druckerei im Untergrund die verbotenen Radixblätter druckte, eine Zeitschrift, die auch Themen wie die psychischen Folgen des Mauerbaus behandelte. Der Spiegelautor Wensirski hat nun ein lesenswertes Buch über diesen Untergrundverlag geschrieben mit dem Titel „Fenster zur Freiheit“. Probst Dirk Sauermann veranstaltet zusammen mit ihm Vorleseabende. Am Rande einer solchen Veranstaltung kommt eine Frau auf ihn zu und sagt: „Ich habe nachträglich erfahren, dass mein Mann mit der Stasi kollaboriert hat. Damit komme ich bis heute nicht zurecht.“ Die Folgen dieses Unrechtsregimes gehen bis in die Gegenwart. Auch heute noch ist die Unterscheidung von Tat und Mensch gefordert. Die Liebe gilt nicht der Tat, aber dem Menschen. Wie schwer kann diese Liebe auch heute sein! Doch Christus führt uns den Weg zu vergeben - auch denen gegenüber, die es nicht für nötig halten, darum zu bitten.

Gegenüber welchem Menschen fällt Ihnen die Liebe am schwersten? Ist es die Schwiegertochter, der Sohn, der Vater, ein Arbeitskollege, eine Mitschülerin? Christus ruft Euch heute zu: Lernt die Liebe zu genau diesem Menschen. Überwindet Böses mit Gutem.
Der Friede Gottes überwindet in Euch und durch Euch zwischenmenschliche Spannungen.
Die Liebe, die durch die Beziehung zu Jesus wächst, führt Euch den Weg zu vergeben. Die Geduld, die der Heilige Geist schenkt, hilft, dies auch durchzuhalten. Denn der Weg durch die Wüste kann lang sein.

Das große Wunder, das vor 30 Jahren geschah, ermutigt uns heute, der Kraft des Gebets und der Macht der ohnmächtig scheinenden Liebe Jesu zu vertrauen. Sein Friede wirkt in uns und durch uns. Oft merken wir es nicht sofort. Doch dieser Friede Gottes wird am Ende siegen. In der Ewigkeit werden wir das sehen - und manchmal in großen Wundern und kleinen Wundern auch schon vorher hier in unserer Zeit. Amen. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen