500 Jahre Glocken in Lanzendorf am 14.06.2015

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zu Matthäus 11,28

Christus ruft:
„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“.
(Matthäus 11,28)

Liebe Festgottesdienstgemeinde!
Dieser Ruf Jesu ist der Wochenspruch des heutigen Sonntags. Und er passt in ganz besonderer Weise zu unserem Glockenjubiläum. Denn Glocken rufen “Komm“. Sie rufen: „Kommt zum Gottesdienst“ oder: „Komm zum Gebet“. Und im Kern der Bedeutung rufen Glocken zu Jesus Christus, der uns einlädt: „Kommt her zu mir.“

Auch in der heutigen alttestamentliche Lesung ruft Gott, dass wir uns stärken lassen durch ihn: „Kommt her und kauft ohne Geld. Warum zahlt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben. Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Hört, so werdet ihr leben!“
Dieses Bibelwort deutet an, dass viele Menschen eben nicht kommen, sondern woanders hingehen, dorthin, wo ihre Seele nicht genährt wird, kein Brot des Lebens erhält, sondern irgendetwas, was nicht satt macht.
Viele überhören das Rufen Gottes. Vieles erscheint wichtiger im Leben: Ein ausgeprägtes Frühstück am Sonntagmorgen, Verwandtenbesuche, Wandern. Doch viele lassen sich immer wieder von den Glocken einladen, so wie wir heute. Hätten nicht Menschen diesen Ruf Gottes zu sich in den Glocken über die Jahrhunderte wahrgenommen, dann wären Kirche und Glockenstuhl schon lange verfallen. Das Gegenteil ist der Fall. Wir feiern das 500 Jahre Geläut.

Erst vergangene Woche bei einer Pressekonferenz über Markgrafenkirchen erwähnte ich Ihre Kirche. Sie ist ein besonderes Kleinod unter den Markgrafenkirchen. Sie ist ja nicht in der Markgrafenzeit erst entstanden, da wurde sie barockisiert. Vielmehr ist sie wohl eine der ältesten Kirchen unseres Kirchenkreises Bayreuth bzw. Oberfrankens.
Ihre Anfänge liegen gewiss schon im ersten Jahrtausend n.Chr. Denn es ist belegt, dass die Pfarrei zum Bistum Würzburg gehörte. Und das bedeutet: sie bestand bereits bevor das Bistum Bamberg im Jahr 1007 gegründet wurde.
Hier könnte sogar ein sehr alter Ort der Christianisierung der Region sein. Die Lage der Kirche über der Flussfurt könnte bedeuten, dass dort unten im Weißen Main ein alter Taufort war. Zudem weist der Name St. Gallus auf den Wanderprediger und Missionar Gallus, der um 600 lebte. Zwar hat er im Bodenseeraum gewirkt, doch erinnert sein Name an die Zeit der Christianisierung des Landes.
Diese alte Kirche hat so viele alte Juwelen:
Den Kanzelaltar von Elias Räntz nach 1700 entstanden,
den Taufstein, schon nach 1600 entstanden mit den Fratzen am Fuß, den dunklen Mächten, denen alle Getauften entronnen sind
und die Apostelfiguren, die sogar noch 5 Jahre älter sind als unsere Jubiläums-Glocken.
Doch wir sitzen nicht in einem Museum. Vielmehr sind Kanzel, Taufstein und Glocken in lebendigem Gebrauch. Dass wir aber solche Schätze haben, die uns mit ganz anderen Zeiten verbinden, macht uns deutlich, dass wir in einer alten durch Jahrhunderte tragenden Bewegung stehen: Es ist die Bewegung zu Jesus Christus hin, von der auch wir bewegt sind. Schon weit, weit über 1000 Jahre folgen hier an diesem Ort Menschen dem Ruf Jesu: Kommt her zu mir, die mühselig und beladen seid, ich will Euch erquicken.
Wenn ich an solchen Orten des Glaubens stehe, weiß ich mich sehr getragen von einer alten, Tradition, die doch sehr lebendig ist. Und wir haben das Privileg und die Aufgabe, sie weiterzutragen in die nächste Generation, mit Mitteln unserer Zeit. So wie auch ihr im Posaunenchor nicht mehr nur Händel, sondern auch Richard Roblee spielt. Unser Ausdrucksformen ändern sich, Christus bleibt. Unsere Aufgabe ist es, andere, die heute am Rand stehen, an der Hand zu nehmen und mit unseren Worten zu sagen: Komm mit. Der Glaube an Christus trägt auch in unserer Zeit und er wird andere tragen, wenn wir schon lange bei ihm sind.

Es ist eine besondere Gnade, dass die Lanzendorfer Glocken in diesen 500 Jahren der Gemeinde nie genommen wurden, wohl weil man Achtung vor dem Alter von Pfarrei, Kirche und Glocken hatte.
Die Älteren unter uns aber werden sich erinnern, dass den umliegenden Dörfern, die Glocken im Krieg entwendet wurden. Das ist der schlimmste Missbrauch, der mit Glocken geschehen kann: Gegossen für Friedensgebete wurden sie eingeschmolzen für den todbringenden Donnerknall der Kanonen.
Die Nazis hatten sich übrigens das Ziel gesetzt, dass nach dem Endsieg nur noch 12 Glocken läuten sollten, nicht auf einer Kirche, sondern über dem Reichstag in Berlin.
Warum hatten sie denn etwas gegen Kirchenglocken? Das von der Evangelischen und Katholischen Kirche gemeinsam erarbeitete Büchlein zum Glockenwesen sagt auf der ersten Textseite:
„Die Glocken verkünden den Herrschaftsanspruch Jesu Christi über die Welt“. Und das ertrug der Führer nicht. Atheistische Diktaturen – auch die DDR und die Sowjetunion - haben immer ein Interesse, Glocken zum Schweigen zu bringen, weil Glocken zu Christus rufen und ihn als Herrn aller Herren proklamieren, der befreit von allen anderen Herrschaftsansprüchen.
Goethe lässt im Faust Mephisto fluchen, der die Glocken als „widriges Geklingel“ betituliert. Am Glockenklang scheiden sich die Geister.
Glocken rufen zu Christus und zugleich geht ihr Schall in alle Lande. Am Glockengeläut wird unüberhörbar, dass Christsein keine Privatangelegenheit ist, wie manche uns glauben machen wollen. Christlicher Glaube gestaltet unsere Kultur, ist öffentlich und ruft im öffentlichen Raum zu Gebet und Gottesdienst.

Vorhin haben wir gehört, dass jede Ihrer Glocken eine besondere Botschaft hat, die sie hineinruft in die Welt. Ihre jüngste Glocke trägt einen Bibelspruch, den unser Martin Luther besonders liebte: „Ich werde nicht sterben sondern leben und des Herrn Werke verkündigen.“ Diesen Spruch finden Sie auch auf der Veste Coburg an einer Wand des Lutherzimmers, zwar inzwischen in Schönschrift und nicht in Luthers Handschrift. Doch Luther selbst soll dieses Bibelwort an die Wand geschrieben haben, vielleicht als gerade wieder eine seiner Koliken im Anzug war und er Angst hatte vor Schmerz und Tod.
Diese Glocke läutet allein bei jedem Vater unser und jeden Morgen und Abend zum Gebetläuten um 7.45 und 19.30 Uhr. Sie lädt uns ein zu Christus, damit wir Tag und Nacht seinem Schutz und seiner Führung anvertrauen. Beten Sie, wenn Sie die Glocke hören, ein Vater-unser und legen Sie dabei Ihr Leben ganz in Gottes Hand.
Gebetsläuten ist eine alte wertvolle Tradition. Schon der Heilige Antonius führte es im 4. Jh. ein, um seine Mönche zu sieben Gebetszeiten zusammenzurufen.
Um das Jahr 605 – also in der Zeit des Heiligen Gallus - ordnete Papst Sabinian an, Glocken nicht nur innerhalb der Klostermauern zu läuten, sondern überall im Land.
Heute haben wir außerhalb der Klöster nur noch drei Gebetszeiten, morgens, mittags und abends –aber immerhin. Die Reformation hielt an diesem Gebetläuten fest, vor allem unter dem Vorzeichen der Bitte um den Frieden.
 „Oh König der Ehre komm mit Frieden“ – das steht passend zum Friedensgebet auf Ihrer drittgrößten Glocke. Sie läutet um 11.00 Uhr.  Früher wussten dann die Bauern auf dem Feld, dass jetzt Zeit ist zum Mittagessen und um den Frieden beten. Es wäre schade, wenn dieses den Reformatoren wichtige Friedensgebet mit der bäuerlichen Tradition zugleich aussterben würde.

Wir sind gerade dabei diese Gebetszeiten zu verlieren. Wenn wir sie nicht nutzen, werden sie irgendwann aus unserer Kultur verschwunden sein, weil– wenn wir das Geläut nicht mehr gebrauchen zum Gebet - das Immissionsschutzgesetz in Anschlag gebracht werden kann. Doch die Unterbrechung zum Gebet, das Innehalten und zur Ruhekommen ist heute wichtiger denn je. Eine junge Frau hat mir erzählt, ihre Uhr piept mittags um 12.00 Uhr. Dann hält sie inne und betet auch für mich.
Ich glaube, dass die Neubelebung des Gebets zu Gebetszeiten  möglich ist. Dazu eine Geschichte:
Mein Mann war Vikar bei Pfarrer Wurmthaler in Gestungshausen. So erfuhren wir, dass bei Wurmthalers die Familienmitglieder jeden Mittag beim Mittagsläuten aus dem Sandkasten, der Küche, dem Arbeitszimmer zusammenkamen, sich im Kreis aufstellten und sangen: „Verleih uns Frieden gnädiglich“. Dann gingen alle wieder an ihren Platz.
Diese Praxis hatten weder mein Mann noch ich in unseren Ursprungsfamilien kennengelernt. Ich selbst betete manchmal still, wenn ich die Mittagsglocken hörte. Manchmal aber registrierte ich sie gar nicht und vergaß darum das Beten.
Vor viereinhalb Jahren ermöglichte die Landessynode das Wohnen von verpartnerten Paaren im Pfarrhaus – vorausgesetzt, dass alle - Landeskirchenrat mit Regionalbischöfin, Dekan und Kirchenvorstand sich einmütig im konkreten Fall dafür aussprechen. Viele Konservative waren zutiefst enttäuscht – auch von mir als Regionalbischöfin, dass ich eine solche Regelung mittrage. Es hagelte Briefe, in denen mir meine Bibeltreue abgesprochen wurde. Diese Vorwürfe machten mir wenig aus, weil ich ja wusste, wie sehr ich meine Bibel liebe und dieser Weg m.E. mit dem Kern der Heiligen Schrift in Einklang ist.
Was mir zu schaffen machte, war, dass da ernsthafte Christen an unserer Kirche verzweifelten und sich innerlich abwandten. Ich hatte große Sorge um die Einheit unserer Kirche. Das sagte ich auch meinem Team und ich bat alle, dass wir doch Mittags zusammen kommen und singen: „Verleih uns Frieden gnädiglich“.
Ab da war diese Praxis eingeführt. Wenn die Glocken klingen, kommen wir zusammen nun seit über 4 Jahren. Ich sehe das in keiner Weise als fromme Leistung. Es tut uns gut.
Der Konflikt um die Homosexualität brennt nicht mehr und flammt hoffentlich auch angesichts der irischen Entscheidung nicht wieder auf. Doch immer wieder bewegt uns anderes: Wir hören, dass ein Pfarrer schwer krank geworden ist oder in einer Gemeinde ein großer Konflikt herrscht. Wir hören in den Nachrichten von einem großen Unglück und befehlen Opfer und Angehörige Gott an. Und manchmal gibt es auch Sorgen in unserem eigenen Leben. Das benennen wir während die Glocken läuten und singen dann: „Verleih uns Frieden gnädiglich.“
Ich merke, wie uns das gut tut. Wir bringen unsere Sorgen verschiedenster Art zu Christus. Wir bitten ihn, dass er handelt – gerade auch da, wo wir nichts tun können. Das entlastet, ja es erfrischt.
„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will Euch erquicken.“ Das erleben wir da.
Not lehrt beten und wie gut, dass wir im Gebetläuten eine Form haben, die wir nutzen und füllen können. Seit wir regelmäßig Mittagsgebet halten, überhöre ich die Glocken nicht mehr. Offensichtlich verändert sich das Hören durch Einübung.
Natürlich ist das Mittagsläuten manchmal unpassend. Doch egal welche Sitzung gerade ist, ich bitte um Verständnis, sage: „die Glocken läuten; lasst uns Mittagsgebet halten“.  Es ist eine so gute Zäsur in jeder Besprechung. Selbst dem Regierungspräsidenten am Telefon musste ich schon sagen: „Ich bitte um Entschuldigung. Die Glocken läuten und rufen zum Gebet. Darf ich sie gleich wieder anrufen? Wir denken auch an Sie.“ Ich glaube, er hat sich sogar darüber gefreut.

Und unsre beiden Jubiläumsglocken? Da steht ja drauf: „Gegrüßet Du Maria voller Gnaden“. An diesen Worten merkt man dass die Glocken aus vorreformatorischer Zeit stammen. Denn nach der Reformation nimmt Marianisches ab. Doch gegen diesen Spruch ist gar nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil. „Gegrüßet seist Du Maria, voll der Gnade“, ist ein biblisches Wort. Das sagt der Engel zu Maria, als er die Geburt Jesu ankündigt.
Luther war übrigens ein echter Verehrer Marias, ich auch. Warum?
-    Weil Maria bereit war, die Worte des Engels anzunehmen und das Kind auszutragen: „Mir geschehe wie Du gesagt hast“ antwortet sie.
-    Weil Maria den Jüngern empfiehlt: „Was er, Jesus, Euch sagt, das tut“.
-    Weil Maria nach Jesu Tod und Auferstehung ihr Haus öffnet für die Gemeinde. Dort entstand die erste Hausgemeinde.
Wir Evangelische beten nicht zu Maria, sondern mit ihr zu Christus und dem Vater. Und sie ist uns ein großes Vorbild, in dem, was sie sagte und tat.
Mögen diese vorreformatorischen Glocken es noch erleben, dass sie läuten bei einem Gottesdienst, bei dem Evangelische und Katholische auch offiziell wieder gemeinsam zum Tisch des Herrn gehen. Wir Evangelische laden ohnehin schon unsere katholischen Glaubensgeschwister dazu ein – auch heute. Denn Christus verbindet uns und ruft uns alle zu sich. „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will Euch erquicken.“ Bei ihm ist Brot des Lebens für uns alle.
Amen.