500 Jahre Luther in Königsberg

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zu Johannes 3,22-30 am 24.06.2018

Liebe Gemeinde!
Zu Beginn einige persönliche Worte. Ich bin sehr gerne heute bei Ihnen, um mit Ihnen heute an Johanni zusammen Gottesdienst zu feiern, noch dazu wenn er so festlich ausgestaltetet ist durch drei verschiedene Vokal-Chöre, die Hofheimer Fanfarenbläser, Posaunenchor, Orgel und viele Mitwirkende. Welch ein wunderbarer Festgottesdienst.
Ich unterstütze durch mein Kommen auch bewusst das Engagement von Pfarrer Hohlweg und Dekanatskantor Göttemann, die Kirchenmusik hier in der Region zu fördern, angefangen durch das Projekt „Klang-Kontakte bis hin zum Spendensammeln für eine qualitätvolle Orgel in Königsberg. Denn Kirchenmusik ist die schönste Weise, das Evangelium von Christus in die Herzen der Menschen zu bringen.
Und schließlich freut es mich, in Ihrer sehr besonderen Kirche mit Ihnen zu feiern, die uns erinnert an Luther und die Reformation – in allen vier Himmelsrichtungen:
zuerst die Lutherbüste aus dem 19. Jahrhundert; gegenüber das 1906 durch Witwe Anna Epler gestifteten Modell des Bildhauers Heinrich Epler, der wiederum der Bruder eines Superintendenten, also Dekans, in Königsberg war. Es stellt die erste evangelische Abendmahlsfeier in Dresden dar. Das Relief erinnert uns, dass wir in unserer Abendmahlsfeier mit Kelch heute in der Tradition der Reformation stehen.
Ich betone aber schon jetzt, dass alle katholischen Mitchristen nachher herzlich eingeladen sind zum Abendmahl. Denn wir wollen nicht mehr anders lutherisch sein, als mit unseren katholischen Glaubensgeschwistern herzlich verbunden. 
Natürlich erinnert vorne an der Nordost-Seite im Chorraum auch das Reformationsfenster mit Martin Luther, Justus Jonas und Philipp Melanchton an die Reformation.
Und als viertes und letztes nenne ich die jüngste Kunst in diesem Raum: Dort unter der Empore steht heute zum ersten Mal sichtbar das Gips-Original der neuen Lutherstatue der Künstlerin Anne Marie Meyerweissflog. Von diesem Original wird ein Abguss gemacht werden, der in einer Nische im östlichen Außenbereich des Turms angebracht wird.

Warum so viel Luther und Reformationsgedenken in dieser Königsberger Kirche? Weil etliche Historiker - und auch Pfarrer Hohlweg und ich  - annehmen, dass Luther selbst hier in Königsberg war, als er von Wittenberg nach Heidelberg reiste zu einer wichtigen Disputation – einer Diskussion über den reformatorischen Glauben.
Das war vor genau 500 Jahren, im Jahr 1518. Ihr Königsberger macht es richtig. Letztes Jahr habt Ihr und haben wir alle den Beginn der Reformation gefeiert. Denn vor 500 Jahren im Jahr 1517 schlug Martin Luther seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg.
Doch das war ja erst der Beginn der Reformation. So muss doch unser Reformationsgedenken mit den letztjährigen Feierlichkeiten erst eigentlich richtig beginnen und dann weitergehen.
Darum macht Ihr Königsberger es goldrichtig, dass ihr in 2018 weiterfeiert; zumal Luther wohl in der Nacht von Freitag 16. April auf Samstag, den 17. April 1518 im hiesigen aktiven Augustiner-Eremiten-Kloster übernachtet hat.
Jeder Mönch hat auf seinen Reisen möglichst immer im Kloster seines eigenen Ordens Station gemacht. Und Königsberg liegt in direkter Linie zwischen Coburg und Würzburg, wo Luthers Übernachtungen belegt sind.

Heute im Gedenkjahr seines Aufenthalts hier in Königsberg, feiern wir natürlich Luther ein wenig – aber doch noch viel mehr, denjenigen, den Luther in die Mitte des Denkens und Glaubens rückte: Jesus Christus:
Wir feiern heute am Johannitag, wie immer am 24.Juni, Johannes den Täufer ein wenig – aber noch viel mehr den, von dem Johannes sagte: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ Er wollte, dass Jesus Christus an Bedeutung wächst im eigenen Herzen und in den Herzen anderer Menschen.
In einer Marienkirche wie dieser denken wir natürlich auch häufig an Maria. Luther war ein glühender Verehrer Marias. Warum? Weil sie Christus unter dem Herzen und im Herzen trug. Zum Beispiel sagte sie den Menschen bei der Hochzeit zu Kaana: „Was er Euch sagt, das tut.“ Sie stand unterm Kreuz und sie öffnete nach Jesu Tod ihr eigenes Haus für die Versammlungen der Jünger. Sie war für Luther Vorbild  und soll es uns allen sein.
Luther, Johannes, Maria hatten als Herzens-anliegen, dass die Bedeutung wächst, die Jesus in ihrem eigenen Leben und im Leben anderer Menschen hat. Da reihe ich mich ein; das will ich auch und vielleicht auch Sie. Es würde mich sehr freuen, wenn wir da miteinander auf dem Weg wären und wir gemeinsam als Lebensziel hätten, dass Christus an Bedeutung wächst, dass er groß wird, dass er mehr geliebt wird von uns selbst und vielen anderen. Wenn das geschieht, wenn er zunimmt an Gewicht für uns, dann wächst die Liebe in unserem Leben, Liebe zu jedem anderen Menschen, Liebe zu Gott und zu uns selbst. Wir werden nicht bigotter und weltabgewandter, sondern wir wenden uns anderen Menschen zu, so wie er sich helfend zugewandt hat.

Luther hatte seine Heidelberger Thesen in Kopf und Herz als er hier Station machte. Er hatte sie ja schon vor der Reise vorbereitet und musste sie in Heidelberg vertreten.
Die 28 Thesen Martin Luthers sind nicht ganz einfach. Sie sollten ja auch Grundlage einer anspruchsvollen theologischen Diskussion sein. Und Tatsache ist, dass durch diese Heidelberger Disputation die Reformation im Südwesten Deutschlands ausgebreitet wurde durch die Theologen, die damals teilnahmen. Die Reise durch Königsberg nach Heidelberg hat sich gelohnt.
Ich glaube,  die letzte der 28 Heidelberger Thesen kann man sich als einzige ganz gut merken:
„Die Liebe Gottes findet nicht vor, sondern schafft sich, was sie liebt“.
Was meint Luther damit? Du musst nicht liebenswert sein, bevor Gott Dich liebt. Gott liebt Dich wie Du bist und seine Liebe, die in Dir wirkt, verwandelt Dich und bewirkt, dass Du voll Liebe Gottes bist und auch das tust, was er liebt.
Entsprechend lautet die These davor: „Mit Recht könnte man Christi Werk wirkend nennen und das unsere gewirkt“.
Das bedeutet, wir sind nicht Motor der guten Werke, sondern Christus in uns ist der Motor, der uns in Bewegung bringt, Gutes zu tun.
Wenn Du Dich selbst anstrengst, Gutes zu tun, dann wird das nichts. Dein Wille reicht nicht, Deine Kraft reicht nicht. Du verkrampfst Dich nur, wenn Du von Dir aus gut sein willst. Lass die Liebe Gottes, die Liebe Christi in Dein Herz, sodass sie dich ganz ausfüllt. Dann wirst Du staunen, wirst dankbar werden, was er durch Dich und in Dir tut.
Johannes sagt: Er muss wachsen, ich muss abnehmen. Das klingt in den Ohren mancher so, als ob er nicht zu sich selbst steht und sich nicht ernst nimmt. Ganz im Gegenteil: Johannes wusste: je mehr er auf Christus hinweist, desto wichtiger ist er, Johannes, für die Menschen, weil sie dann Christus finden, Gott finden.

Ich möchte das an drei Beispielen anschaulich werden lassen.
Erstes Beispiel: Wenn ich nachher da vorne stehe und den Segen spende, ist natürlich wichtig, dass ich das tue. Doch: Ich trete zwar nach vorne aber ich trete dabei ganz hinter das zurück, was im Segen eigentlich geschehen soll: Dass Gott selbst Sie alle segnet und behütet und mit Ihnen geht. Ich werde nicht sagen: „Ich segne Euch“. Ich werde sagen: „Gott segne Euch“. Er ist wichtig.
Zweites Beispiel: Es ist wunderbar, dass die Chöre singen und der Posaunenchor spielt. Jede Stimme zählt. Sie trägt zum Gesamtklang bei. Und doch singen und spielen Sie gewiss nicht, damit Sie geehrt werden und die Menschen Ihnen dankbar sind, sondern damit in allen, die im Kirchenraum sind, die Dankbarkeit gegenüber Gott wächst. Sie laden nachher förmlich dazu ein: „Nun danket alle Gott“. Und weil Sie das tun, darum sind Sie so wichtig.
Drittes Beispiel: Wenn Sie abends mit Ihrem Kind oder Enkelkind beten und es vielleicht sogar segnen, dann tun Sie etwas Unersetzbares, weil Sie die Tür öffnen für die Wirklichkeit Gottes. Er bleibt bei Ihrem Kind und Enkel, wenn Sie schon lange wieder den Raum verlassen haben. Auch wenn Sie still und allein beten für andere, dann öffnen Sie Gott die Tür, damit er heilsam handelt in der Welt.
In dem Moment, in dem wir uns ihm hingeben, dass er durch uns groß wird, kommen wir ins Lot mit uns selbst, werden erfüllt mit Freude, nehmen uns nicht mehr so wichtig und werden umso wichtiger für diese Welt.

Menschen, für die Christus das Wichtigste ist im Leben, die ihn groß machen, wie Maria, Luther und Johannes und wie Sie wenn Sie Singen und Beten, die sind wichtig für ihre Umgebung. Denn wo Gott, wo Christus an Bedeutung gewinnt, gewinnt die Liebe Gottes die Oberhand.
Die Quintessenz: Je mehr ein Mensch nicht sich wichtig nimmt, sondern Christus und den Vater im Himmel, desto wichtiger wird er für die Menschen auf der Erde. Dass das aber geschieht, dass wir ihn in seiner Macht und Liebe wichtiger nehmen als uns, das kann nur Gott selbst schenken. Oder wie Luther sagte:
„Die Liebe Gottes findet nicht vor, sondern schafft sich, was sie liebt“. Gott sei Dank tut er das, auch in unserem Leben. Er hat uns schon so viel bewirkt. Er wird noch mehr schenken. Davon singt nun auch die Kantate, die wir hören.  Amen.