700 Jahre Grafengehaig

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zu 1. Korinther 6,12-14.19-20 im Dekanatsgottesdienst

Liebe Gemeinde ich lese uns das Bibelwort vor, das für diesen Sonntag vorgesehen ist. Es steht im 1. Brief des Paulus an die Korinther, Kapitel 6. Ich lese zunächst nur den ersten Teil des Bibelwortes (Verse 12-14), später den Rest:

Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich.
Die Speise dem Bauch und der Bauch der Speise; aber Gott wird das eine wie das andere zunichte machen.
Der Leib aber nicht der Hurerei, sondern dem Herrn, und der Herr dem Leibe.
Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft.

Liebe Gemeinde,
Das ist doch mal ein deftiges Bibelwort.
Essen und Sex und Macht,
 – all das kommt darin vor.
Und was hat das mit 700 Jahre Grafengehaig zu tun?
Essen und Sex und Macht,
– all das kommt in diesen sieben Jahrhunderten vor, in jedem der vielen Menschenleben in Grafengehaig mit all den vielen zugehörigen Ortschaften.

Das Grafengehewe oder besser Grafengehaue, das im Jahr 1318 in einer Urkunde erwähnt ist, gehörte wohl den Grafen von Henneberg. Über sie resümiert freilich der aufschlussreiche Artikel im Internet:
„Doch trotz allem Machtstreben stirbt das Geschlecht der Henneberger 1583 im Mannesstamm aus“.
Dann kam mehrere Jahrhunderte das Geschlecht der Wildensteiner. Doch auch über sie heißt es dann im Text: „Über das erloschene Wildensteiner bzw. hochfürstliche Bambergische Patronat kann hier ein Schlussstrich gezogen werden.“
Alle diese Adeligen haben sich zu Lebzeiten bestimmt wichtig genommen und sie waren auch für die Menschen wichtig, die in ihrem Herrschaftsbereich lebten. Heute sind sie gerade mal  noch in Stammbäumen der Geschlechter erwähnt.
In der Gegenwart freuen wir uns, dass wir alle freie Bürger sind und trotzdem hier im Oberland noch ein Patronat besteht. Die Lerchenfelds und Guttenbergs sind Compatrone für die Kirchengemeinde Grafengehaig.
Freilich gab es auch da jüngst die überraschende Erfahrung der Endlichkeit als Baron Ennoch von und zu Guttenberg starb. Er hat bisher ein Viertel der Pfarrstelle Guttenberg großzügig unterstützt. So habe ich erst 3 Wochen vor seinem Tod mit Baron Ennoch gegessen und über die Zukunft des Patronats gesprochen. Nun werden wir uns auf Erden nicht mehr begegnen und miteinander essen können. Da bekommt unser Bibelwort schon eine eigentümliche Aktualität, wenn es darin heißt:
„Die Speise dem Bauch und der Bauch der Speise; aber Gott wird das eine wie das andere zunichte machen.“
Ja, das tut er. Im Sterbenmüssen macht Gott keinen Unterschied. Auch manche Person, mit der Sie schon Tischgemeinschaft hatten, lebt heute nicht mehr. Egal, wie reich, wie arm, wie einflussreich oder zurückgezogen, alle werden wir sterben. Wann, weiß allein Gott. Die Lektüre der Geschichte und erst recht dieser Gedanke unserer Sterblichkeit könnte uns depressiv machen.

Unser Bibelwort aber führt uns ja weiter. Es ordnet uns nicht ein in einen Stammbaum, nicht in ein Geburts-, Tauf- und Beerdigungsregister, sondern es ordnet unser Leben ein zwischen – der Auferstehung Jesu und unserer eigenen Auferstehung. Das sind unsere Rahmendaten, die für unser Leben, unsere Geschichte wichtig sind.
„Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft.“
Dazwischen ist unser Leben. Dazwischen freuen wir uns am Essen und Trinken an der Sexualität, an dem, was uns gelingt bei der Arbeit in Beruf, Haus und Garten. Und manchmal erleben wir sogar Auferstehungen im Kleinen, dass wir doch wieder gesund werden oder dass ein neues Lädle im Ort Grafengehaig wieder entsteht.

Und all das macht uns unser Bibelwort nicht schlecht, das Leben nicht, die kleinen Auferstehungen, das Essen und die Sexualität auch nicht.
Wenn Paulus hier von der Sexualität spricht, will ich auch nicht kneifen. Sie ist ja eine der Urantriebe in uns. Sie ist eine Gabe Gottes, uns zur Freude. Gott will, dass seine Schöpfung weiterlebt, dazu muss die Fortpflanzung, die Sexualität auch Spaß machen.
Paulus thematisiert die Sexualität oft. Doch nie macht er sie madig, sondern er will gerade das Gute erhalten, wenn er Formen der Sexualität verurteilt, in denen Macht über andere im Spiel ist wie vor allem bei - wie er wenige Verse zuvor sagt - der Knabenschänderei, also beim Missbrauch von Kindern. Ich bekräftige: das ist ein Verbrechen schlimmster Art.
Und in unseren gelesenen Versen spießt er die Hurerei auf, als Form der Sexualität, in der der Sex Macht über den Menschen hat; es gibt auch von der Sexualität getriebene Menschen.

Paulus geht es nicht primär um Moral. Es geht ihm um viel mehr. Paulus will uns in die Freiheit führen. Zu einem befreiten Umgang mit dem Essen und mit der Sexualität. Denn Christsein ist ein Weg der Freiheit.
Leichter gesagt als getan, auch beim Essen. Essen ist wunderbar. Wohl Euch Fußballern vom FC Frankenwald. Durch Euren Sport könnt Ihr beim Essen kräftig zuschlagen. Da muss ich schon ganz anders aufpassen. Dabei mag ich so gut wie alles gern essen. Welche Anziehungskraft das Essen hat, wenn es vor uns steht und duftet. Ess ich noch was von dem köstlichen Zeug, oder nicht? Diesen Kampf fechten wir fast alle aus – meist mehrmals am Tag.
Paulus will, dass das Essen nicht zur Fresserei ausartet und das Trinken nicht zur Sauferei, damit es schön bleibt und wir frei bleiben.
Das ist hinsichtlich der Sexualität genauso wichtig, auch nach langen Jahren in der Ehe, damit Eheleute zum einen mit Leib und Seele für einander da sind, sich einander nicht entziehen und doch zum anderen auch das „nein“ des anderen respektieren. Das kann gelingen. Und ich glaube, auch wenn wir alt und tadderig sind, sollte es nicht aufhören, dass wir einander liebevoll in den Arm nehmen, sodass der andere spürt: ich mag Dich mit Haut und Haar – und ohne Haar.

Paulus nennt noch zwei weitere Gründe, warum Essen und Sexualität uns nicht beherrschen sollen.
Zum einen sagt er: Wenn Euch das Essen und die Sexualität beherrschen, dann ist Christus nicht mehr Euer Herr. Er ist es, der Euch befreit. Also lasst ihn Herr sein – auch was die leiblichen Freuden anbelangt. Lasst Euch von ihm in die Freiheit führen. Das Geheimnis, in das Paulus uns einweiht ist: Wer Gottes Willen tut, ist nicht mehr fremdbestimmt – nicht von anderen oder auch nicht von seinen Trieben, sondern findet zur Freiheit und größerer Freude am leiblichen Leben.

Und der zweite Grund ist: Euer Leben, Euer Leib ist viel wichtiger als Ihr denkt:
Ich lese nun den zweiten Teil des Bibelwortes:

„Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn Ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.“

Vernachlässigt Euren Körper nicht. Denn: Euer Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes.
Dieses Bibelwort passt zu einer Predigt in Grafengehaig. Eure Kirche heißt „Heilig-Geist-Kirche“. Sie ist wirklich wunderschön. Der Putz blättert da oder dort ab, wie bei meiner Generation aufwärts.
Aber Eure Kirche ist ein echtes Schmuckstück mit den Pfeilern, die oben in ein Kreuzrippengewölbe übergehen, dazwischen zierliche Fresken - echt schön. Und wenn Ihr da Gottesdienst feiert, dann ist der Heilige Geist mit dabei.
Er ist auch hier, der Heilige Geist, weil ihr selbst – noch viel mehr als Eure Kirche - ein Tempel des Heiligen Geistes seid. Lasst Euch von Eurer Grafengehaiger Heilig-Geist-Kirche daran erinnern, dass Ihr selbst der Wohnraum des Heiligen Geistes seid.
Unser Körper hat Macken, die mit den Jahren immer mehr werden. Aber das hindert Gott nicht, darin zu wohnen. Und auch ein alter Mensch ist schön, wenn Liebe und Güte aus ihm strahlt. Es ist die Liebe und Güte, die auch aus Christus strahlte, weil er mit Gottes Geist erfüllt war.

Und wie hat sich das bei Jesus ausgewirkt? Die Bibel erzählt, dass er Wasser in Wein verwandelte, gerne aß und trank zusammen mit anderen. Er hätte heute gerne mit uns ein Gläsle vom Grafengehaiger Jubiläumswein mitgetrunken. Er freute sich am Leben und doch setzte er sein Leben ganz und gar ein, damit die Menschen Gottes Liebe durch ihn erfahren. Bei ihm sehen wir, dass es gerade zusammen gehören kann und vielleicht sogar muss: das Gute zu genießen und Güte auszustrahlen.

Hier sitzen einige, die 70 Jahre sind und älter. Immerhin haben sie ein Zehntel der 700 Jahre des Ortes Grafengehaig, die wir feiern, miterlebt. Jeder und jede schreibt mit seinem Leben Geschichte des Ortes im Kleinen.
Und nun sagt Gott: Ich nehme Dein Leben wichtig, denn durch Dich will ich meine Geschichte schreiben, dass etwas erfahrbar wird von meiner Freiheit, in die hinein ich führe.
Die Zukunft beginnt heute. Und er will durch Euch die Zukunft Eures Ortes gestalten, da wo ihr lebt. Genießt das Leben, dankbar und frei. Egal ob Freiherr oder Freifrau oder nicht. Ihr seid Freiherren, Freifrauen Gottes, in allen Belangen des Lebens, selbst beim Essen und in der Sexualität. In allem eben. Damit Ihr Euch am Leben freut und die Lebensfreude anderer vermehrt und Gott gepriesen wird, der uns beschenkt.
Ihr mögt zwar nicht im Internetartikel von Grafengehaig stehen mit Euren Namen. Doch Ihr alle steht ihm Buch des Lebens, weil Christus für Euch gestorben und auferstanden ist. Er macht Euch hier frei durch seinen Geist, der in Euch wohnt, und er geht mit Euch auf ein wichtiges Datum zu: Den Tag Euer Auferstehung.
Amen.