Abendgottesdienst in der St. Rupert Kapelle

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zu 2. Mose 33,12-33 am 28.7.2019

Liebe Gemeinde,

seit zwei, drei Jahren haben wir hier in unserem Kirchenkreis Bayreuth ein großes Projekt, bei dem viele Gemeinden mitmachen. Wir wollen die Markgrafenkirchen erschließen.
Viele Markgrafenkirchen sind eindeutig erkennbar: Alle tragen das Wappen der Markgrafen. Die meisten sind Saalkirchen ohne Chorraum, wie z.B. Bindlach. Fast alle haben auf drei Seiten des Kirchenschiffs zwei umlaufende Emporen, wie hier. Viele haben einen Kanzelaltar, d.h. direkt über dem Altar ist die Kanzel, wie in Obernsees. Und in vielen dieser Kirchen ist an der Decke oder über einem Torbogen ein großes goldenes Dreieck zu sehen mit Strahlen, die von diesem Dreieck ausgehen, wie in Mistelgau. Die in Ihr Programm eingelegte Karte zeigt das Dreieck mit Gottesauge der Kirche zu Benk, im Programm am Ende das zu Lanzendorf.
Die Obernseeser Kirche hat meines Wissens kein Dreieck, aber eine gemalte Dreieinigkeit. Und das Dreieck bedeutet ja nichts anderes als die geglaubte Gegenwart des dreieinigen Gottes.
St. Otto in Mengersdorf hat ein Dreieck mit Strahlenkranz und zwar auf dem Taufsteindeckel. Aber in diesem Dreieck ist kein Auge, sondern vier hebräische Buchstaben für den Gottesnamen Jahwe.
Das Auge oder der Name Gottes im Dreieck – beides finden wir sehr häufig in Markgrafenkirche. Das sind fast austauschbare Motive, weil das offene Auge Gottes kein aufpassendes Kontrollauge ist, sondern es bedeutet: Gott ist gegenwärtig mit seinem Schutz, mit seiner Gnade.
Auch St. Rupert ist in die Liste der Markgrafenkirchen aufgenommen, obwohl das Kirchlein schon aus dem 15. Jahrhundert stammt und der Markgraf hier nur wenige typischen Merkmale verwirklichen konnte oder wollte. Doch er hatte die Verantwortung für die Renovierung. Im Chorraum finden wir das Wappen der Markgrafen und auch außen. Dort steht beim Wappen auf einer Tafel: CEMZB – also Christian Ernst, Markgraf zu Brandenburg - erweitert und erhöht 1710.
Zurück zum Dreieck mit Auge in vielen Markgrafenkirchen. Es erinnert an zwei biblische Geschichten. Salomo bittet, als er den ersten Tempel in Jerusalem einweiht: „Herr lass Deine Augen offen stehen über diesem Hause Tag und Nacht.“
Die andere Geschichte haben wir vorhin in der Lesung gehört haben. Mose hört: „Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden“ und er darf der strahlenden Herrlichkeit Gottes hinterhersehen.
Schauen wir uns diese Geschichte genauer an.
Es ist ein Gespräch mit drei Etappen, in denen Mose immer mehr von Gott fordert. Er ringt mit Gott. Ob Sie sich trauen würden, so mit Gott zu reden wie Mose? Die Geschichte macht uns Mut dazu.
Mose ist mitten in der Wüste und hat Verantwortung für ein ungeduldiges Volk, das er zu führen hat. Er braucht Gottes Hilfe. Er fordert: Gott, wenn ich Gnade von Deinen Augen gefunden habe, dann zeige mir auch den Weg, den ich gehen soll.
Daraufhin beschreibt Gott ihm nicht den Weg durch die Wüste. Doch er verspricht Mose, ich zitiere: „Mein Angesicht wird Dir vorangehen. Ich will Dich zur Ruhe leiten.“
Würden Sie auch gerne wissen, wie es in Ihrem Leben weitergehen soll? Vielleicht steht eine Entscheidung an. Bei den Jüngeren unter uns: welche beruflichen Schritte soll ich gehen? Soll ich mich an diesen Menschen lebenslang binden, oder ist diese Beziehung doch nichts fürs Leben? Für ältere Menschen steht irgendwann die Frage an, wo will ich wohnen, wenn ich keine Treppen mehr steigen kann und mich nicht mehr selbst versorgen kann?
Manchmal geht es uns wie Mose und wir wünschen uns, dass Gott uns klipp und klar sagen würde: Das sollst Du tun, das ist der richtige Weg für Dich.
Das tut Gott nicht. Aber Gott sagt Mose und uns zu: Mein Angesicht wird Dir voran gehen. Das bedeutet, Gott sagt zu: Dein Weg wird Schritt für Schritt im Gehen hell und klar werden, weil mein leuchtendes Angesicht Dir voran geht. Und er verspricht zudem: „Ich will Dich zur Ruhe leiten“. Das bedeutet: Gerade wenn es turbulent und anstrengend wird: Ich helfe Dir durch.
Wir wissen unseren Weg nicht. Doch Gott will Mose und uns einüben ins Vertrauen, dass er da ist, voran geht und uns Ruhe schenkt.

Zweiter Gesprächsabschnitt:
Das genügt Mose nicht. Er fordert von Gott: Das muss schon erkennbar werden; auch die anderen Menschen sollen es sehen, dass ich Gnade gefunden habe vor Deinen Augen.
Gott antwortet ich zitiere unser Bibelwort wörtlich: „Auch das, was du jetzt gesagt hast, will ich tun; denn du hast Gnade vor meinen Augen gefunden und ich kenne Deinen Namen.“
Erstaunlich, dass Gott nicht ungeduldig wird mit Mose, sondern verspricht: Es wird erfahrbar werden in Deinem Leben, dass Du Gnade gefunden hast vor meinen Augen.
Das ist eine große Zusage, die auch für Dich gilt: Du wirst die große Gnade Gottes in Deinem Leben erfahren; und auch die Menschen um Dich herum werden es sehen, dass Gott Dich mit Gutem beschenkt.
Wie genau das geschehen wird, weißt Du nicht. Aber das Versprechen Gottes, seine Verheißung, dass es geschehen wird, die hast Du. Trau ihr.

Dritter Gesprächsabschnitt:
Mose genügt das nicht: Er sagt: Jetzt will ich schon ein Angeld, dass diese Zusagen eintreffen. Er fordert: ich will jetzt schon Deine Herrlichkeit sehen. Und Gott ist immer noch nicht ungeduldig mit diesem Mose. Stattdessen erklärt er ihm liebevoll: Mose, Du würdest vergehen, wenn ich Dir in meiner Herrlichkeit begegnen würde. Du kannst mein leuchtendes Angesicht nicht sehen. Aber: Vertrau mir: „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig“. Und ich habe Dir zugesagt, dass Du Gnade gefunden hast vor meinen Augen. Dann führt Gott ihn zu einer Felsenkluft und verspricht: Ich werde an der Felsenkluft vorbei ziehen. Mein Angesicht kannst Du nicht sehen, aber wenn ich vorbeigezogen bin, dann kannst Du mir hinterhersehen.

In der Symbolik der Markgrafenkirchen wird die Kirche zur Felsenkluft, in der wir Gottes Herrlichkeit hinterhersehen. Wir hören die Geschichten aus der Bibel. Wir hören, wie Menschen Gottes Herrlichkeit erfahren haben. Und wir haben in der Kirche einen Raum, in dem wir selbst innehalten und der Herrlichkeit Gottes in unserem Leben hinterher sehen.
Auch für mich ist jeder Gottesdienst eine Zeit des Innehaltens. Schon die Vorbereitung darauf, wenn ich das Bibelwort lese, über das ich predigen soll, tut mir gut, weil ich zur Besinnung komme.
Und so ist mir auch beim Nachdenken über dieses Bibelwort eingefallen, wo Gott mit seiner Herrlichkeit an mir vorüber gegangen ist und ich ihm hinterhersehen konnte.
Zusammen mit Dr. Sedlak, dem geschäftsführenden Vorstand der Diakonie Bayreuth, seiner Personalreferentin Frau Peetz und der Beauftragten für Flüchtlingsfragen, Frau Westermann, ging ich schon im Mai in die Zentrale Ausländerbehörde. Wir hatten neun Anträge von Iranern und Iranerinnen dabei, die Christen geworden sind. Alle neun sollten, so unser Wille, in der Diakonie arbeiten; die meisten wollen eine Ausbildung machen zur Pflegefachkraft.
Endlich, vor drei Tagen nun kam die Nachricht, dass fünf beginnen können. Sofort begann ich Mails zu schreiben, was wir tun können, um auch die anderen in Arbeit zu bringen - statt innezuhalten und erst einmal Gott hinterher zu schauen, der geholfen hat. Dieses Bibelwort wurde mir Impuls innezuhalten und erst einmal dankbar Gott hinterher zu sehen: Fünf iranische Christen haben Arbeit und Zukunft – und unsere Gesellschaft hat wenigstens einige Kräfte mehr zur Hilfe im Pflegenotstand.

Gott stellt Mose in den Felsspalt und ermöglicht ihm hinter ihm herzusehen. „Da ist ein Raum bei mir“, sagt Gott zu Mose. Unsere Kirchen – und insbesondere darin die Begegnung mit seinem Wort – sind Zeit, sind ein Raum bei Gott, in dem wir innehalten und Gottes Herrlichkeit hinterhersehen. Wir haben Ruhe nachzudenken, wo er uns geholfen hat. Wir sehen die Spuren Gottes in unserem Leben, wo sich dies bewahrheitet hat, dass wir Gnade vor seinen Augen gefunden haben.
Was hat Gott Ihnen geschenkt in Ihrem Leben, erst jetzt in der letzten Zeit? Das können Sie am besten beantworten.
Oft sind es Dinge, über die man genauso auch schnell hinweggehen kann im alltäglichen Stress, ohne zu danken. Doch Gott schenkt so viel, Strahlen seiner Herrlichkeit fallen auf unser Leben.
Da gibt es ein neues gutes Medikament, das uns hilft mit unserer Krankheit besser umzugehen, da wird uns ein Kind oder ein Enkelkind geschenkt, da erkennen wir, welcher Schritt als nächstes in unserem Leben ansteht und können ihn im Vertrauen auf Gottes Gegenwart auch gehen. Das ist viel. Vielleicht fallen Ihnen noch ganz andere Dinge ein.
Hier in Rupert ist kein Dreieck mit offenem Auge Gottes an der Decke oder am Chorraum zu sehen, wie in so vielen Markgrafenkirchen. Doch auch hier ist ein Ort, an dem wir heute innehalten und Gott hinterher sehen. Wir sehen Strahlen seiner Herrlichkeit, seiner Hilfe in unserem Leben in der Vergangenheit.
Und wir lernen mit Mose Gott zu vertrauen für die Zukunft. Wir hören:
„Mein Angesicht wird Dir voran gehen und ich will dich zur Ruhe leiten“.
„Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden und ich kenne Dich mit Namen“.
Amen.