Abendgottesdienst in der St. Rupert Kapelle Obersees

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner am 01.08.2015 zu Römer Kapitel 5, Verse 1 und 2

Liebe Gemeinde!

Letztes Jahr konnte ich aus terminlichen Gründen keinen Gottesdienst hier mit Ihnen in unserer Rupertkapelle feiern. Ich freue mich dieses Jahr wieder bei Ihnen zu sein und knüpfe an den Gottesdienst vor zwei Jahren an.
Manche, die da waren, erinnern sich vielleicht. Ich hatte eine Umfrage durchgeführt, welches die 12 liebsten Bibelworte der Menschen in Oberfranken seien. 1500 Personen gaben Rückmeldung. Das liebste Bibelwort ist – wie man sich denken konnte – Psalm 23: Der Herr ist mein Hirte.
Unter den Rückmeldenden wurden 12 Gewinner ausgelost. Diese Zwölf erhielten vor zwei Jahren hier im Gottesdienst eine Lutherbibel als Geschenk.

Nach den 12 wichtigsten Bibelworten wurden 12 renommierte Künstler und Künstlerinnen ausgewählt – alle mit Wurzeln in Oberfranken –  die zu den 12 Bibelworten Kunstwerke erarbeiten sollten. Und es fanden sich 12 Kirchengemeinden, die ihre Türen öffneten, sodass ein Künstler zu einem Bibelwort in ihrer Gemeinde ein Kunstwerk gestaltet und ein Jahr lang ausstellt – vom letzten Reformationstag bis zum kommenden, also bis Ende Oktober.
Die nächstgelegenen Kunstwerke stehen oben auf dem Sophienberg zu Psalm 139 „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir“ und in Gößweinstein – dort übrigens zum Psalm 23. Es freut mich, dass die Gößweinsteiner nun sogar neu ihre Kirche nach diesem Psalm benannt haben in: Gemeindezentrum zum Guten Hirten. Ich hoffe es gelingt, die Holzplastik, die die Geborgenheit im Guten Hirten darstellt, anzuschaffen. Das ist schon eine nicht ganz kleine Investition.

Heute predige ich aber nicht über eines der 12 Bibelworte, sondern zu Römer 5, 1+2.
Bevor ich das Bibelwort lese, bitte ich Sie das 12-Worte-Büchlein aufzuschlagen. Wir brauchen die Seiten 105, 107 und 108. Zuerst 105.
Der Künstler Gerhard Rießbeck hat zwar zur Geschichte der Kreuzigung Jesu gearbeitet. Doch ich meine sein Kunstwerk hilft uns auch Römer 5 zu verstehen. Zumal Paulus bei seinen Worten den Kreuzestod Jesu voraussetzt.
Ich lese:

„Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus;
Durch ihn haben wir auch Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird.“

Durch Christus haben wir Zugang zu Gott. Um diesen Gedanken geht es mir heute.

Zweimal kommt in unserem Bibelwort diese Formulierung vor: „Durch Christus“.
Wir haben „Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus“ und
„Durch ihn haben wir Zugang im Glauben zu dieser Gnade“.

Noch nie habe ich in der Kunst eine Darstellung gesehen, die dieses „durch Christus“ so anschaulich werden lässt, wie das Kunstwerk von Gerhard Rießbeck in der Christuskirche in Ebern, Landkreis Hassberge, Dekanatsbezirk Rügheim.

Wir sehen es heute zwar nicht im Original aber wenigstens abgebildet auf S. 105ff.
Für manche Gemeindeglieder der Kirchen-gemeinde Ebern war es eine  Katastrophe, dass da Luftballons in ihrer Christuskirche montiert wurden.
Man stelle sich vor: Die Gemeinde hatte die Kreuzigung Jesu als Bibelwort ausgewählt. Vermutlich hatten sich viele innerlich schon gewappnet: Da wird ein moderner Künstler arbeiten, der wird wahrscheinlich eine Kreuzesdarstellung malen, in der man weder Kreuz noch Christus erkennt. Vermutlich hätten sich die Menschen damit abgefunden. Aber Luftballons? Das Entsetzen ging durch die Presse.
Nicht genug damit. Diese montierten Luftballons gehören zu einem Gemälde, das Rießbeck für das Rondell in der Kirchendecke gemalt und dort angebracht hat. Zu sehen sind dort ebenfalls Luftballons und eine Dornenkrone vor bayerisch weißblauem Himmel.
Luftballons und Dornenkrone! Es braucht nicht viel Phantasie um zu spüren: Das ist eine gefährliche Kombination. Luftballons können an Dornen zerplatzen.
Die Dornenkrone steht für das Leiden und Sterben Jesu Christi. Und in der Tat: An seiner Dornenkrone sind schon viele Gottesvorstellungen zerplatzt:
Vorstellungen von Gott, die Gott als strahlenden, unberührbaren, weltfernen Herrscher sehen.
Nein, der Vater des Dornengekrönten war noch nie fern. So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen Sohn Mensch werden ließ. Er hat ihn in die Welt gesandt, damit wir Menschen auf seine Liebe vertrauen. Jesus hat Gottes Liebe gelebt, selbst im Tod als er litt. Am Kreuz hat er gebetet: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Er ist unschuldig gestorben. Durch ihn ist Dir und mir alle Schuld vergeben. Die einzige Voraussetzung ist, dass wir glaubend sagen: „Ja, das hast du für mich getan. Du bist für mich gestorben.“
Das ist unser größtes Glaubensgeheimnis: Jesus hat für Dich und mich gelitten, für jeden Menschen.
Durch Christus, an den wir glauben, steht uns der Himmel offen. Wie der Himmel sein wird, weiß ich nicht. Unser Bibelwort spricht von himmlischer Herrlichkeit. Kein Leid und Geschrei ist dort, sondern Freude und Frieden, weil Gott da ist. In seiner Nähe zu leben – etwas Besseres gibt es nicht. Denn von ihm geht Liebe aus. Ich freue mich auf diese himmlische Herrlichkeit. Vor vielen Jahren habe ich einmal geträumt vom Himmel. Er war voll Licht und erfüllt von Musik, deren Klänge ich nicht beschreiben kann.
Wir wissen nicht genau wie es sein wird – gewiss aber herrlich für die, die sich an diesen Herrn halten, der die Dornenkrone getragen und für uns gelitten und Vergebung erwirkt hat; denn sie werden in der Nähe Gottes sein.

Die Dornenkrone sagt uns: Gott ist nicht ohne Leid – und unser Leben ist es auch nicht. Da müssen Menschen von Jugend an mit einer Hautkrankheit oder Diabetes leben. Ein Mann verliert früh seine geliebte Ehefrau. Eltern müssen erleben, wie ihr Kind vor ihnen stirbt. Andere Ehepaare tragen jahrelang schwer daran, dass sie keine Kinder bekommen können. Manche quälen sich in ihrem Beruf.
Dabei geht es uns im Verhältnis noch gut, wenn wir uns etwa mit den syrischen Flüchtlingen in den Gemeinschaftsunterkünften vergleichen, die ihre Familienangehörigen und ihre Heimat verloren haben. Syrien versinkt im Chaos; hier aber finden Sie kaum Arbeitsmöglichkeit, obwohl sie gerne ihren Lebensunterhalt verdienen würden. Gegenwärtig besteht die Gefahr in unserer Gesellschaft, dass wir ob des großen Ansturms nur noch von Massen reden und den einzelnen Menschen, sein Leid nicht mehr sehen.
Je älter ich werde und je mehr ich gesehen habe, desto deutlicher wird mir: Es gibt kein Menschenleben ohne Leid oder leidvolles Mitleiden, ohne Schwierigkeiten, die zu durchstehen sind, ohne selbst erlebtes oder miterlebtes Scheitern.
Wie gut, dass wir einen König haben, der Leiden kennt und mit uns leidet, der uns in eine Gemeinschaft ruft, die Lasten anderer mitträgt. Wir haben einen König, in dessen Liebe wir auch im Leiden geborgen sind.
Vor allem – und das ist die andere Seite unseres großen Glaubensgeheimnisses – es ist ein König, der auferstanden ist, und der uns letztendlich immer den Weg aus dem Leid zur Freude führt, immer den Weg aus dem Tod ins Leben. Das Leid, der Tod hat bei ihm nie das letzte Wort. Er hat das letzte Wort und er sagt: „Ich lebe und du sollst auch leben“.
Kleine Auferstehungen – im übertragenen Sinne – erfahren wir zusammen mit ihm immer wieder mitten im Leben. Die eigentliche Auferstehung erwartet uns am Ende unseres Lebens. Denn selbst das endgültige Ende unseres Lebens wird durch ihn zum Neuanfang des Lebens bei Gott.
In dieser Hoffnung sind wir auf der Wanderschaft zum Himmel – wie die Luftballons. Ja, wir haben eine unverbrüchliche Hoffnung auf die zukünftige Herrlichkeit.

Und das ist für mich auch die eigentliche Aussage des Gemäldes. Schaut man sich dieses Gemälde näher an, wie es auf den Seiten 107 und 108 vergrößert ist, so können wir etwas Besonderes wahrnehmen. Die Luftballons sind Symbol für unser buntes Leben. Sie zerplatzen nicht – wie man befürchten könnte – an der Dornenkrone. Im Gegenteil, sie steigen auf und fliegen durch sie hindurch in die Weite des Himmels. Die Dornenkrone ist wie ein Tor zum Himmel gemalt. Natürlich ist der Himmel bei Gott nicht der weißblaue bayerische Himmel. Doch die Symbolik ist klar:
Die Dornenkrone Christi ist das Tor zum Himmel, zum Leben bei Gott.   Wir haben „Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus“ und: „Durch ihn haben wir Zugang … zu dieser Gnade“.
Im Evangelium, das wir vorhin gehört haben, sagt Jesus: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ Da ist er wieder, dieser Ausdruck: „durch mich“, durch Christus. Wenige Kapitel vorher sagt er sogar von sich: „Ich bin die Tür.“
Das wird in diesem Gemälde anschaulich. Unser Weg in den Himmel geht durch sein Leiden und Sterben hindurch. Er ist unser Tor zum Himmel.

Vielleicht ist Ihnen schon aufgefallen, dass Kirchengebete oft enden mit der Formulierung, „das bitten wir durch Jesus Christus unsern Herrn“. Ich gestehe, diese Formulierung habe ich bisher kaum verwendet, weil sie mir zu abstrakt war. Doch diese Dornenkrone vor offenem Himmel, durch die die Luftballons hindurch steigen, macht anschaulich:
Auch unsere Gebete steigen auf zum Vater im Himmel durch Christus hindurch.
Ach, was sind das oft für Gebete. Manchmal bete ich und zweifle dabei schon, ob Gott mir diese Bitte wohl erfüllen wird. Auch müsste ich viel inniger und treuer für Menschen beten. Ich empfinde meine Gebete als schwach im Glauben und in der Liebe. Vielleicht geht es Ihnen ähnlich.
Doch unsere Gebete zerplatzen nicht. Im Gegenteil: Christus vergibt uns unseren Mangel an Glauben und Liebe. Meine und Ihre unvollkommenen Gebete steigen durch die Dornenkrone, durch Christi Leiden und Sterben, durch seine Vergebung hindurch in den Himmel zu Gott. Unsere Gebete haben Zugang zu Gott durch Jesus Christus.

Durch Jesus Christus. Oft kommt diese Formulierung in der Bibel vor. Ich zitiere nur zwei weitere Worte. Sie gelten alle für uns, die wir an Jesus Christus glauben:
„Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.“
Und: „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? Gott aber sei Dank, der uns den Sieg  gibt, durch unseren Herrn Jesus Christus.“

Ja, sein Leiden und Sterben ist uns das Tor zum Himmel geworden; und bis wir dort sind, sprechen wir mit Gott voll Vertrauen, denn auch für unsere Gebete ist Christus das Tor. Der Himmel steht uns offen durch Jesus Christus unseren Herrn. Amen.