Beauftragung von Frau Mahl und Ordination von Frau Dr. Porsch in Coburg, HeiligKreuz

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner an Erntedank, Sonntag, 4.10.2015

Liebe Gemeinde, vor allem, liebe Frau Mahl und liebe Frau Dr. Porsch!

Heute feiern wir Erntedank besonderer Art. Der Altar ist geschmückt mit Erntegaben und wir sind dankbar, dass heute zwei Menschen an den Altar treten und sich Gott und dem Dienst der öffentlichen Verkündigung des Evangeliums zur Verfügung stellen. Auch Sie beide, liebe Frau Mahl und liebe Frau Dr. Porsch, Sie sind - trotz aller natürlichen Aufregung - dankbar, dass Sie heute die Beauftragung bzw. die Ordination empfangen werden.
Es ist wie bei den Früchten auf den Altären: Die sind im Schweiße des Angesichts – teilweise wortwörtlich in diesem heißen Sommer -  erarbeitet. Und doch legen wir sie auf den Altar, weil sie zugleich Gottesgabe sind. Im bekanntesten Erntedanklied singen wir: „Wir pflügen und streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand“. Und der Refrain lautet: „Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm dankt, drum dankt ihm dankt und hofft auf ihn.“ So ist es mit den Feldfrüchten und Entwicklungen im Leben. Alles wirklich Gute ist geschenkt.
Ich denke an Sie, liebe Frau Mahl: Da geht in jungen Jahren eine Beziehung kurz vor der Ehe auseinander, sodass die Welt zusammenbricht, und nun haben Sie doch zwei wundervolle schon erwachsene Kinder und einen liebevollen Ehemann. Wer kann das machen? Niemand. Es ist Geschenk.
Die Erfahrung gesetzlich-liebloser formal geprägter Frömmigkeit erzeugte in Ihnen große Zweifel am Sinn christlichen Glaubens samt Entfremdung von der Kirche und ihren Inhalten; und nun sind Sie hier als kirchliche Mitarbeiterin, die sogar mit dem Amt der Kirche beauftragt wird. In Ihnen ist eine christlich-liebevolle, freie und doch fromme Lebenshaltung in langen Jahren neu gewachsen; – wer kann das geben, außer Gott selbst?!
Zwanzig Jahre bis 2012 waren Sie in der Evangelischen Jugend tätig als ausgebildete Sozialpädagogin. Dort haben Sie den gottesdienstlichen Aspekt der Jugendarbeit zunehmend mitgestaltet. So hatten Sie zuletzt viele Jahre beim Gottesdienst zum Samba-Festival die Teamleitung. Mit dem Reifer-werden wendeten Sie sich auch dem reiferen Alter zu. Sie absolvierten den Masterstudiengang Gerontologie in Erlangen und arbeiten nun mit je einer halben Stelle als Gemeindereferentin hier in Heilig Kreuz und auf einer Stabstelle für Seniorenarbeit beim Diakonischen Werk.
Angesichts Ihres seit jener Krise neu gewachsenen und festen Zugangs zu Glauben und Gemeinde bat der Kirchenvorstand Sie, die Prädikantenaus-bildung zu absolvieren, damit Sie Ihre Liebe und Treue zum Gottesdienst auch leitend in Gemeinde und Seniorenheime einbringen können. Danke, dass Sie dazu bereit wurden und diesen Weg gegangen sind.
Gott führt und er ist da und ist viel näher als wir ahnen. Gott hat vieles geschenkt und werden lassen in Ihrem Leben, sodass nun so vieles stimmig zusammengehört. Wenn Sie rückblickend auf Gottes Handeln in Ihrem Leben schauen, wird deutlich, wie viel sich gefügt hat. Das macht ruhig und hilft der Weisheit unseres Bibelwortes nachzukommen: Sorge auch für morgen nicht. Trachte stattdessen nach Gottes Reich. Gott wird Dich auch weiter versorgen und liebevoll begleiten und Dir schenken, was Du brauchst für Dein Leben und für Deinen Dienst als Prädikantin.
Sorge Dich nicht, ob Du jedes Mal die richtigen Worte für die Predigt finden wirst: Suche in den Bibelworten, wie Gott sich da zeigt, was da von Gottes Reich in dieser Welt und seinem Wirken anschaulich wird.  Dann werden Dir Gedanken zufallen, die Dich selbst bewegen, nähren und weiter festigen; und die werden zu Worten werden, die andere berühren. Es wird geschehen. Das sagt unser Bibelwort zu. Sorge nicht. Gott wird Dir viel mehr schenken als Du heute ahnst.

Und Sie, liebe Frau Dr. Porsch. Auch Ihren Weg hätten Sie niemals so planen können.
1969 wurden Sie in Würzburg hineingeboren in ein katholisches Elternhaus, doch, wie Ihr Vater mir schrieb, geprägt durch franziskanisch-katholischen und ökumenischen Geist. Der katholische Jugendleiter wies Ihnen den Weg zur CVJM-Jugendbibelstunde. Parallel zum Studium katholischer Theologie studierten Sie Kirchenmusik in Eichstätt und später in Würzburg. Sie waren sechs Jahre Pastoralreferentin in Ebern. In Ihrer Doktorarbeit brachten Sie verschiedene Ansätze des Umgangs mit Homosexualität miteinander ins Gespräch, sodass sie auch Verständnis entwickelten für kritische Haltungen.
Danach wurden Sie für sechs Jahre Religionslehrerin in Eckental bei Nürnberg, anschließend Referentin für theologische Bildung im Katholischen Kreisbildungswerk in Freising und ab März 2012 Bildungsreferentin im evangelischen Verband christlicher Pfadfinder.
Parallel zu Ihren Aufgaben bei den Pfadfindern studierten Sie evangelische Theologie. Und dann ging alles ganz schnell, weil der Landeskirchenrat Ihre Vorbildung inklusive Doktorarbeit und Tätigkeit in der katholischen Kirche samt evangelischem Studienjahr als Voraussetzung für den Pfarrberuf anerkannte.
Dieser Weg ist im von Gott begleiteten Gehen entstanden. Nun sind Sie da. Oh, der Weg ist noch nicht zu Ende, denn der Weg in den Pfarrberuf hat gerade erst begonnen. Mit den Jahren im Pfarrdienst werden wir mehr und mehr, was wir sind: Ordinierte, also von Gott Gerufene, Gesegnete, Gesendete.
Aller Anfang ist schwer. Viele sind drei Monate nach Probedienstbeginn völlig am Ende ihrer Nerven. Denn der Pfarrberuf ist ein überkomplexer Beruf. Wir begleiten Menschen von der Wiege bis zur Bahre und die Terminfülle an Besuchen, Beerdigungen, Unterricht und Gremien ist riesig. Für Sie ist der Berufsanfang erst Recht nicht einfach. Sie sind zwar viel fitter im Religionsunterricht als jeder Berufsanfänger; und sie haben in Ebern als Pastoralreferentin vieles schon getan, was Pfarrer tun: Krankenhausbesuche samt Begleitung des Besuchsdienstes, Leitung von Alltagsexerzitien, Jugendfreizeiten, Firmvorbereitung und vieles mehr. Doch alles unter katholischem Vorzeichen und einiges, was Priestern vorbehalten ist, durften Sie nicht. So werden Sie sich manches im Vollzug aneignen müssen. Doch Sie und ich – wir brauchen uns keine Sorge machen.
Im Gegenteil ermutige ich Sie, auch in der evangelischen Kirche zu tun, was Sie in der katholischen Kirche als hilfreich und gut empfunden habe, wenn es reformatorischem Geist nicht widerspricht. Es kann doch nur ein Gewinn sein, wenn das Beste aus beiden Kirchen in Ihrer Praxis zusammen kommt. Manches sollten wir in der evangelischen Kirche wiedergewinnen, was wir nicht durch die Reformation verloren haben, sondern durch den Rationalismus – wie etwa die Selbstbekreuzigung. Luther hatte sie empfohlen.
Also sorgen Sie sich nicht um zu wenig evangelische Färbung. Sie ist schon lange da und wird weiter kommen. Außerdem ist nicht die Konfessionstypik entscheidend, sondern die gelebte Beziehung zu Christus.
Auch bringen Sie viele Gaben mit, sogar kirchenmusikalische. Und mit Zähigkeit und Fleiß sind Sie auch ausgestattet; denn Doktorarbeiten erfordern mindestens ebenso viel Sitzfleisch wie Hirnschmalz.
Vor allem aber gilt es die Weisung Jesu zu hören: Sorge nicht. In jeder Situation wird Hilfe von Gott da sein. In ihm ist die Fülle dessen, was Du brauchst. Es wird Dir alles zufallen. Mach die Hände und das Herz auf in jeder Situation für Gott.
Liebe Frau Dr. Porsch, gestern hatten Sie Geburtstag, morgen wird es ein Jahr, dass Sie evangelisch sind, heute ist Ordination. Eine bedeutsame Trias, die Sie nie vergessen werden. Sie sind eine im Dienstalter junge Pfarrerin und ein junges Kirchenmitglied. Sie müssen nicht alles wissen und können. Gerade Könige lassen sich beraten. Außerdem ist Perfektionismus nicht unser Ziel, sondern die Vollkommenheit – in der Liebe, in der Freude und im Frieden – und all das kann eben nur Gott schenken.
Vieles hat er Ihnen ja schon geschenkt, auch eine Partnerin, die bereit war mit Ihnen hierher zu kommen, wofür ich dankbar bin. Danke, liebe Frau Gebhart, für Ihre Begleitung und für alle zukünftige Unterstützung. Auch Frau Mahl tut es gut, dass ihr Ehemann ab und zu die Predigt gegenliest. Danke, lieber Herr Pohnke. Manches schwierige Statement gebe ich auch meinem Mann zum Gegencheck. Gott sorgt auch für uns durch Menschen, die Verständnis für unser Amt haben.

Doch was ist eigentlich Ihr Amt? Für die Gemeinde ist es ja vielleicht etwas verwirrend – die eine wird beauftragt, die andere ordiniert. Was ist der Unterschied? Nun Frau Mahl hat die Prädikantenausbildung absolviert in 16 Wochenenden biblisch-theologischer, homiletischer und liturgischer Ausbildung. Frau Dr. Porsch hat Theologie studiert.
Frau Mahl hat einen Dienstauftrag, der Wortverkündigung und die Feier des Heiligen Abendmahles umfasst. Frau Dr. Porsch hat einen Dienstauftrag, der das ganze Spektrum des Pfarrdienstes umfasst also alle Gottesdienste samt Religions- und Konfirmandenunterricht, Seelsorge, Taufen, Trauungen, Hochzeiten.
Obwohl es diese Unterschiede in Ausbildung und Aufgabenumfang gibt, ist doch das Gemeinsame und Tragende entscheidender. In unserer Kirche darf niemand öffentlich das Evangelium verkünden in Wort und Sakrament, es sei denn, er oder sie sei ordentlich berufen. Und beide werden heute berufen zur öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung, d.h. zum Amt der Kirche.
Für diese eine Berufung gibt es in unserer Kirche zwei Ausprägungen, die Beauftragung und die Ordination. Würde Frau Mahl theoretisch noch die Ausbildung zur Pfarrverwalterin, also Pfarrerin absolvieren – so müsste sie nicht mehr ordiniert werden, weil sie in ihrer heutigen Beauftragung schon die grundsätzliche Berufung zur öffentlichen Verkündigung des Evangeliums in Wort und Sakrament erhalten hat.
Beide, Beauftragung und Ordination gelten bis zum Lebensende, verbinden sich also mit dem Leben der Person. Ihr erhaltet nicht die Beauftragung oder Ordination, sondern ihr seid Beauftragte, Ordinierte Jesu Christi.

Ihr lieben Beiden, Ihr werdet nun also – um das Erntebild aufzunehmen – ackern und das Evangelium ausstreuen in Kirche und Welt.
Die gegenwärtige gesellschaftliche Situation macht manchen Sorgen. Wird durch die vielen muslimischen Geflüchteten die Scharia in manchen Stadtvierteln einziehen? Wird die Soziallast steigen durch mehr Menschen, die nicht arbeiten?
Gewiss, die Politik muss zugleich den Zustrom regulieren und die Integration mit aller Kraft vorantreiben. Doch Sorge, Ihr Lieben, wäre nur dann berechtigt, wenn wir die Herausforderung nicht mit Gottvertrauen annehmen würden. Der Glaube an Christus, den Herrn und Erlöser dieser Welt, ist auch im Blick auf diese Herausforderung ein Sorgenfresser. Wer fest ist im Glauben an Christus, verliert die Sorge vor Überfremdung, weil er erstens im Glauben zu Hause ist, den ihm niemand nehmen kann und er zweitens sich gesandt weiß zu den Fremden, in denen Christus uns begegnet. Wir behalten unsere christliche Identität gerade in gelebter Fremdenfreundlichkeit. Lasst uns noch viel mehr christliche Gesellschaft werden.
Auch die kirchliche Situation ist so, dass wir uns nach menschlichem Ermessen Sorgen machen müssten: So viele treten aus, so viele bitten nicht um den Heiligen Geist, so viele haben schon seit Jahren keine Bibel mehr in der Hand gehabt. Sorgt Euch nicht. Traut Gott zu, dass er Menschen erweckt zum Glauben – nicht nur irgendwo in China und Afrika, sondern hier. Betet dafür – auch gemeinsam in Euren Dienstbesprechungen.
Vertraut Euch und Euren Dienst immer wieder ihm an. Er wird dafür sorgen, dass christlicher Glaube wächst durch Euch. Seid Menschen, die ihm das zutrauen. Sorgt nicht. Eurer Leben ist ihm lieb und Euer Amt ist sein Amt. Er selbst will Euch erhalten und durch Euch seine Kirche und die Welt erneuern.
Amen.