Christi Himmelfahrt 2015 am 14. Mai 2015 in Goldkronach

Ansprache von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner: „Auf dem Weg zum Reformations-Jubiläum 2017 – wie können wir dieses Ereignis ökumenisch feiern?“

„Christus will in seiner Kirche gar keine Herrschaft haben, sondern all unsere Arbeit soll dahin gerichtet sein – ich mit Predigen und du mit Zuhören – dass wir Christus erkennen lernen.“

Sehr geehrte Anwesende, liebe Schwestern und Brüder!

Sicher haben Sie schon erraten, wen ich da – Sie alle duzend – zu Wort kommen ließ. Natürlich Martin Luther. Die lutherischen Kirchen sind gegenwärtig in der so genannten Lutherdekade. „Auf dem Weg zum Reformations-Jubiläum 2017 – wie können wir dieses Ereignis ökumenisch feiern?“ – so lautet passend dazu, das mir gestellte Thema.

Reformation ökumenisch feiern ist für manche nur schwer vorstellbar. Wie sollen Katholiken Luther feiern? – Das erwartet auch hoffentlich keiner. Auch wir Lutheraner feiern beim Reformationsjubiläum hoffentlich nicht Leben und Werk Martin Luthers. Das wäre ihm selbst sehr zuwider. Ich hoffe, wir feiern Christus, der uns zwischen allen christlichen Konfessionen verbindet, und um den es Luther allein ging. „Christus“ war darum auch das erste Wort, das heute aus meinem Mund kam.
Allein durch den Glauben an Christus und allein aus Gnade steht uns der Himmel offen. Das ist die Botschaft der Reformation, die zudem zu unserem heutigen Tag Christi Himmelfahrt passt. Nicht durch unsere Anstrengungen, sondern aufgrund der Güte und Liebe Gottes ist uns der offene Himmel, der unverstellte Zugang zu Gott im Gebet schon jetzt geschenkt – eben allein durch Christus, allein durch den Glauben an ihn, allein aus Gnade.
Diese gute Botschaft ist auch nicht mehr strittig zwischen Katholiken und Lutheranern. Darum können und sollen wir im Jahr 2017 die Botschaft der Reformation gemeinsam feiern.

Dass wir diese Kernaussagen der Reformation inzwischen gemeinsam sprechen, das ist nicht nur meine Meinung. Das ist durch Unterschrift besiegelt.
Ich erinnere an den 31. Oktober 1999. An diesem Tag unterzeichneten in der evangelisch-lutherischen Kirche St. Anna zu Augsburg zum einen Kardinal Edward Cassidy, der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, und zum anderen der Präsident des Lutherischen Weltbundes, Christian Krause, die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“.
Ich war damals gerade Oberkirchenrätin und Mitglied des Landeskirchenrates geworden und konnte so bei diesem Festakt der Unterzeichnung dabei sein. Dieser Augenblick, als sich die Unterzeichnenden umarmten, wird für mich immer zu den Lebensereignissen gehören, für die ich Gott besonders dankbar bin, dass ich sie erleben durfte.
Mit dieser Gemeinsamen Erklärung 1999 wurde feierlich und gültig bestätigt, dass die gegenseitigen Verwerfungen, die unsere Kirchen im 16. Jahrhundert über einander ausgesprochen haben, keine Geltung mehr haben. Sie treffen die heutigen Kirchen nicht mehr. Heute sagen wir gemeinsam – ich zitiere aus der Gemeinsamen Erklärung:
„Wir bekennen gemeinsam, dass der Mensch im Blick auf sein Heil völlig auf die rettende Gnade Gottes angewiesen ist. Die Freiheit, die er gegenüber den Menschen und den Dingen der Welt besitzt, ist keine Freiheit auf sein Heil hin. Das heißt, als Sünder steht er unter dem Gericht Gottes und ist unfähig, sich von sich aus Gott um Rettung zuzuwenden ... Rechtfertigung geschieht allein aus Gnade.“
Und: „Gemeinsam bekennen wir: Allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christi, nicht aufgrund unseres Verdienstes, werden wir von Gott angenommen und empfangen den Heiligen Geist, der unsere Herzen erneuert und uns befähigt und aufruft zu guten Werken.“

Was heute Konsens ist, war vor 500 Jahren Kern des Streites. Blicken wir in die Geschichte, um sowohl die Schärfe des damaligen Konflikts, wie auch die Gnade der neu entstandenen Ökumene tiefer zu verstehen.
Luther selbst schreibt im Rückblick:
„Nun, dass ich zur wirklichen Ursache des Lutherischen Lärmens komme … (Es) kam vor mich, dass der Tetzel (Ablassprediger) gräulich schreckliche Artikel gepredigt hatte, von denen ich hier etliche nennen will, nämlich:
-    Er hätte solche Gnade und Gewalt vom Papst, dass wenn einer gleich die Heilige Jungfrau Maria, Gottes Mutter, verletzt oder geschwängert hätte, so könnte er‘s vergeben, wenn derselbe in den Kasten legte, was sich gebührt.
-    Das Rote Ablasskreuz mit des Papstes Wappen in den Kirchen aufgerichtet, sei ebenso kräftig wie das Kreuz Christi. ...
-    Wenn einer Geld in den Kasten legte für eine Seele im Fegfeuer – sobald der Pfennig auf den Boden fiele und klingelte, so führe die Seele heraus gen Himmel. ...“
Himmelfahrt der Seelen gegen Bezahlung. Das war für Luther, der seine Bibel kannte, ein Graus. Das räuberte die Armen aus. Und schlimmer noch: Das nahm ihnen ihren größten Schatz, Christus, durch den geschenkweise der Himmel offen steht. Die Kirche wurde so in Luthers Augen – statt Wegweiserin zu Christus und zum Himmel zu sein – Verführerin weg von ihm.
Luther recherchiert, auf wessen Geheiß diese schrecklichen Ablasspredigten stattfinden und muss schließlich feststellen, dass dies auf Geheiß seines eigenen Bischofs von Mainz und Magdeburg, Bischof Albrecht, geschieht, der seit 1515 den so genannten Petersablass von Papst Leo X. in Deutschen Landen vertrieb. Ein einträgliches Geschäft für den Papst und Bischof Albrecht und alle Ablassprediger.
Nach dieser Erkenntnis schreibt er direkt an seinen eigenen Bischof von Magdeburg folgende Worte – sein Brief ist erhalten: „nirgends hat Christus befohlen, den Ablass zu predigen; aber das Evangelium zu predigen, hat er nachdrücklich befohlen. Wie groß ist daher das Entsetzen, wie groß die Gefahr, die ein Bischof zu gewärtigen hat, der, während das Evangelium zum Schweigen gebracht wird, nichts anderes als das Ablassgeschrei unter sein Volk bringen lässt und sich darum mehr kümmert als um das Evangelium. Wird nicht Christus zu ihnen sagen: ´Ihr seiht Mücken und verschluckt Kamele`?“
Luther versucht seinen Bischof erstens bei dessen Verantwortung für das Evangelium zu packen und zweitens – da er die Menschen von Christus wegführt – bei dessen berechtigter Furcht um sein eigenes Seelenheil.
Luther sorgt sich um seinen Bischof, hält sein Tun für grauenvoll und endet seinen Brief doch mit den Worten: „Denn auch ich bin ein Teil Deiner Herde. Der Herr Jesus behüte dich, hochwürdigster Vater, in Ewigkeit. Amen. Aus Wittenberg 1517, am Tage vor Allerheiligen. Wenn es Euer Hochwürden gefällt, kann sie diese meinen Thesen ansehen, um daraus zu erkennen, eine wie zweifelhafte Sache die Auffassung vom Ablass ist …. Euer unwürdiger Sohn Martin Luther, Augustiner, berufener Doktor der heiligen Theologie.“
Luther, damals 34-jährig, schickte also seine 95 Thesen an seinen Herrn, den Bischof von Magdeburg. Er wollte seine geliebte Kirche, an der er litt, reformieren, nicht aber spalten. Seine Thesen wären heute gewiss nicht mehr kirchentrennend.
Bischof Albrecht jedoch zeigte Luther in Rom an. Ein Jahr später schon wurde Luther im Auftrag des Papstes in Augsburg von Kardinal Cajetan verhört. Luther galt danach als der Irrlehre überführt.
1520 erging die Bannandrohungsbulle und am 3. Januar 1521 die Bannbulle des Papstes Leo X. Am 8. Mai folgte das Edikt Karls V. mit der Verhängung der Reichsacht über Luther.
Wir kennen die Geschichte: Luthers Landesherr Friedrich der Weise von Sachsen ließ Luther auf der Rückreise von Worms am 4. Mai entführen und verbarg ihn als Junker Jörg für ein knappes Jahr auf der Wartburg. Dort übersetze Luther in nur 11 Wochen das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche.
Alle Bemühungen zur Einigung misslangen. 1529 protestierten 6 Fürsten und 14 Freie Reichsstätte in Speyer mit dem Anliegen, die evangelische Lehre anzuerkennen. Ohne Erfolg.
Auf dem Reichstag zu Augsburg 1530, den Luther von der Veste Coburg als dem südlichsten Zipfel Sachsens aus beobachtete, trug Philipp Melanchthon die Confessio Augustana vor. Sie sollte ein Konsenspapier sein, damit die evangelische Bewegung und die so genannten Altgläubigen zusammen bleiben können in einer Kirche. Auch dies misslang.
Luther ließ nun kein gutes Haar mehr an seiner Kirche: So sehr wir seine flotten Sprüche lieben –
„Ich esse und trinke, was ich mag, und sterbe, wann Gott will.“
Oder: „Für die Toten Wein, für die Lebenden Wasser: Das ist eine Vorschrift für Fische.“
Oder: „Aus einem ängstlichen Arsch kommt kein fröhlicher Furz.“
Oder für uns alle im schönen Mai: „Jeder Garten ist ein Buch Gottes, aus dem das Wunder ersehen werden kann, das Gott täglich tut.“
Oder für unsere Kirchenmusiker: „Die Musica ist das beste Labsal einem betrübten Menschen, dadurch das Herze wieder zufrieden, erquickt und erfrischt wird.“
Und eines, das Herrn Koschyk besonders gefallen wird: „Wie ein Schuster einen Schuh macht und ein Schneider einen Rock, also soll ein Christ beten. Eines Christen Handwerk ist beten.“
So sehr wir diese klaren bis deftigen Sprüche mögen, so bitter und ambivalent empfinde ich die Aussagen des späten, enttäuschten Luther über Papst und Kirche.
Noch 1531 schreibt er: „Wenn wir das erlangen, dass allein Gott aus der reinen Gnade durch Christus rechtfertigt, dann wollen wir den Papst nicht nur auf Händen tragen, sondern auch die Füße küssen“. Doch 1545 heißt dann eine seiner letzten Schriften – und das sagt alles über die Tiefe des Risses: „Wider das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet“.
Ich stehe in lutherischer Tradition. Gerade darum sage ich: Bei aller Notwendigkeit, Irrlehren beim Namen zu nennen, wurden Luther und seine Anhänger doch daran schuldig, dass sie schließlich  aufhörten, die Einheit in Christus zu suchen, dass sich machtpolitische Interessen und Glaubensfragen ungut vermengten und dass die Liebe verlassen wurde. Ich aber hätte es gewiss nicht besser gemacht.
Die konfessionellen Lager drifteten unaufhörlich –machtpolitisch auseinander. Die Folgen waren schrecklich. Der Dreißigjährige Krieg 1618-1648 forderte zusammen mit der Pest das Leben von mindestens einem Drittel der deutschen Bevölkerung.

Darum noch einmal sehr viel grundlegender – können wir die Reformation überhaupt feiern? Hat sie nicht die Kirchentrennung hervorgebracht und unendliches Kriegs-Elend über Europa?
Viel zu wenig bekannt erscheint mir daher ein wichtiges Dokument des offiziellen ökumenischen Dialoges aus dem letzten Jahr zu sein. Es lautet vom „Konflikt zur Gemeinschaft“ und wurde herausgegeben von der offiziellen „Lutherisch/Römisch-Katholischen Kommission für die Einheit“. Die Kommission stellte sich in diesem Papier genau unserer Frage, wie wir 2017 ökumenisch feiern können. Die Antwort lautet insgesamt: Neben der Freude über die gemeinsamen Glaubensinhalte, geht dies nur, wenn wir auch ehrlich das Versagen auf beiden Seiten benennen. Im Vorwort heißt es – man beachte das formulierte „Wir“: „Im Jahr 2017 werden wir offen bekennen müssen, dass wir vor Christus schuldig geworden sind, indem wir die Einheit der Kirche beschädigt haben. Dieses Gedenkjahr stellt uns vor zwei Herausforderungen: Reinigung und Heilung der Erinnerungen und Wiederherstellung der christlichen Einheit in Übereinstimmung mit der Wahrheit des Evangeliums von Jesus Christus.“
In jenem Konflikt sind beide Seiten aneinander schuldig geworden. Auch heute brauchen wir Selbstkritik. Ohne Demut, Bitte um Vergebung und Versöhnung von Herzen – keine Einheit in Christus.

Die Älteren unter uns wissen noch, dass Katholische und Evangelische Gemeindeglieder und Geistliche einander den wahren Glauben abgesprochen haben.
Ehepaare, die vor dreißig oder vierzig Jahren schon den Mut hatten zu ihrer Liebe zu stehen, obwohl sie den getrennten Kirchen angehörten, haben viel bewirkt für die Überwindung von Vorurteilen, weil sie einander die jeweils andere Kirche erschlossen haben.
Darum haben wir auf meine Bitte hin als Kirchenkreis Bayreuth und Erzdiözese Bamberg im Jahr 2013 gemeinsam alle konfessionsverbinden-den Ehe-Silberpaare mit Brief (und alle anderen per Zeitung) zu einem gemeinsamen Gottesdienst nach Schloss Craheim eingeladen. Domkapitular Dr. Zerndl und ich hielten eine Dialogpredigt und entschuldigten uns bei diesen Paaren jeweils für unsere Kirche, für das, was diesen konkreten Menschen an Verletzungen zugefügt wurde von Vertretern unserer eigenen Kirchen. Viele Tränen flossen in diesem Gottesdienst. Die Paare konnten sich segnen lassen und viele gingen jeweils zu dem Vertreter der Konfession, von dem sie damals keinen Segen erhalten konnten. „Heute war der schönste Tag in meinem Leben“, sagte ein Mann. Und eine Frau sagte: „Heute ist etwas heil geworden in mir.“

Die Kirchenstrukturen der Orthodoxen, der Römisch-Katholischen Kirche, der Anglikanischen Kirche, der Lutheraner wie auch der Reformierten sind so fest und unterschiedlich, dass wir nicht wieder zu einer Institution zurückfinden werden. Doch das ist auch nicht wichtig. Das braucht nicht unser Ziel sein. Ziel muss sein, dass wir erfahrbar gemeinsam Kirche Jesu Christi in dieser Welt sind. Dazu gehört insbesondere auch die Abendmahlsgemeinschaft, zu der Christus vor seinem Tod seine Jünger zusammengerufen hat.
Wir feiern im Jahr 2017 nicht die Trennung. Wir beklagen sie und sehen, wie sehr wir dabei schuldig geworden sind. Wir erbitten, dass Christus uns neu und immer mehr verbinde.
Ich selbst will das Jubiläum nicht anders begehen als in ökumenischer Verbundenheit mit unseren Partnerkirchen. Darum habe ich Erzbischof Dr. Schick und den anglikanischen Bischof von Chichester Dr. Martin Warner bereits mündlich eingeladen, mit uns das Jubiläum 500 Jahre Reformation zu begehen in ökumenischen Gottesdiensten in Coburg am 31.10.2017. Die schriftliche Einladung erfolgt in Kürze.
Das Motto unseres Kirchenkreiskirchentages wird sein: „Evangelium feiern.“ Und das können und sollen wir miteinander tun. Dann wird dies nach einem halben Jahrtausend das erste Reformationsjubiläum sein, das wir in ökumenischem Geist begehen.

Die Welt braucht unser gemeinsames Zeugnis von Jesus Christus. Denn Christus führt uns zu einem liebevollen Miteinander – nicht nur zwischen den christlichen Kirchen, sondern auch zu den anderen Religionen. Christus will Frieden. Wir werden den Frieden zwischen den Religionen umso mehr suchen, je mehr wir als Christen wahrhaft Christus im Herzen haben. Islamistischer Terror, Pflegenotstand, Flüchtlingsdrama – die Herausforderungen der Zeit brauchen Christenmenschen, die in Wort und Tat den Glauben an Christus und die Liebe Jesu Christi in die Welt tragen. Weder Erde noch Himmel brauchen konfessionsversessene Katholiken und Protestanten, sondern dem Evangelium trauende Christenmenschen, die gemeinsam für den Glauben an Christus und für die Liebe aus seinem Geist eintreten.

Ein Letztes: Oft werden Luther und Ignatius von Loyola einander gegenübergestellt, weil Ignatius als Gründer der Jesuiten auch als Theologe bzw. Vorreiter der Gegenreformation gilt. Dabei kannten sich die beiden Zeitgenossen nicht und begegneten einander nicht. Deutschland und Spanien waren einander ferne Lande. Doch beide haben in ihrer Theologie große Nähe. Ignatius hatte in der Christusliebe und der Hochachtung der Heiligen Schrift sehr ähnliche Anliegen. Hätten seine Reformbemühungen schon vor Luther in Deutschen Landen gefruchtet, hätte es diese lutherische Reformation nicht gegeben und Luthers Anstöße hätten wohl keinen Bannstrahl hervorgerufen. Doch die Geschichte war wie sie war. Wir sind in der Gegenwart.
Heute feiern wir Himmelfahrt. Ich bin gewiss, dass Martin Luther und Ignatius im Himmel – bildlich gesprochen – schon lange gemeinsam am Tisch des Herrn sitzen und das ewige Freudenmahl feiern in seinem Reich. Nur wir hier auf der Erde sind etwas langsamer als der Himmel. Gut, wenn der Himmel uns in Fahrt bringt.