Dekanatsgottesdienst des Dekanatsbezirks Forchheim auf der Burgruine Neideck

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zu 1. Mose 32 am 28. Juli 2019

Liebe Gemeinde,

den letzten Gottesdienst bei Ihnen hier auf der Neideck werde ich wohl nie vergessen, weil es so schüttete, dass alle und besonders der Bezirksposaunenchor eine Tapferkeitsmedaille verdient hatte.
Nun habe ich mit etwas Bangen geschaut, welcher Spruch heute passen wird:
Wenn Engel reisen, lacht der Himmel; oder wenn Engel reisen, öffnen sich die Schleusen? Einer der Engelssprüche passt immer. Stimmt auch; denn Engel sind immer da, wenn Christen beieinander sind und Gottesdienst feiern.

Die biblische Geschichte, die wir vorhin gehört haben, erzählt ja auch von den Engeln. Dieses Bibelwort, haben die Planenden gut ausgewählt, denn es spricht noch einmal mehr, wenn man Gottesdienst unter freiem Himmel feiert. Denn auch Jakob erlebt unter freiem Himmel den offenen Himmel Gottes über sich.
Nähern wir uns dieser Geschichte in drei Schritten.
Gott, die Engel und Jakob will ich mit Ihnen anschauen und dabei auch unser eigenes Leben.
Gott – er ist doch nicht gerecht, oder? Das ist doch nicht gerecht, dass Gott den Betrüger Jakob so liebevoll segnet. „Ich will Dich segnen und behüten und wiederbringen in dieses Land.“ Das hört Jakob im Traum. Als er aufwacht, weiß er genau, dass das nicht nur ein Traum war, sondern, dass Gott ihn wirklich gesegnet hat in dieser Nacht.
Was tut Gott denn da? Jakob hat doch eigentlich Gottes erhobenen Zeigefinger verdient, aber nicht seine segnende Hand. Denn erst tags zuvor hatte Jakob, zusammen mit seiner Mutter Rebekka, den eigenen Vater Isaak betrogen und seinen Bruder Esau – und zwar gravierend.
Ich verdeutliche das Ausmaß des Betruges kurz: Früher wurden rechtliche Dinge rituell vollzogen. Als Vater Isaak seinem Sohn Jakob die Hände segnend aufgelegt hatte, war klar: Jakob ist der zukünftige Stammvater, der Haupterbe. Damit war sein älterer Bruder Esau um die Rechte betrogen, die einem Erstgebornen in der damaligen Gesellschaft zustanden.
Diesen Segen, den Isaak gegeben hat - und damit die rechtliche Übertragung der Stammvater-eigenschaft - kann man nicht mehr ungeschehen machen. Geschehen ist geschehen. Darum will Esau Jakob umbringen. Jakob muss fliehen und sein nacktes Leben retten.

Jakob, der Betrüger, liegt nun mutterseelenallein unter freiem Himmel. Recht geschieht ihm das doch, oder? Ja natürlich. Er muss die Folgen seines Handelns tragen. Er ist der neue Stammvater, doch völlig einsam und ohne Familie, den wilden Tieren unter freiem Himmel ausgesetzt.
Was macht Gott? Er sagt Jakob: Ich behüte Dich. Du musst fliehen, aber ich bringe Dich wieder zurück. Dein Leben in Deiner Familie wird heil werden. Das ist meine Zukunft mit Dir Jakob. Dafür werde ich selbst sorgen.
Nochmals: wäre nicht von Gott zu erwarteten gewesen, dass er wenigstens vor diesem Segen Jakob kräftig tadelt ob seines aggressiven Betruges? Kein Wort davon.
Diese Geschichte bringt ein Gottesbild ins Wanken, das Gott als strafenden Gott malt, der lohnt, wie Menschen es verdienen. Genau aber das war Martin Luthers bahnbrechende reformatorische Entdeckung: Gottes Gerechtigkeit ist keine leistungsgerecht verteilende Gerechtigkeit. Gottes Gerechtigkeit ist eine schenkende Gerechtigkeit, die Gnade vor Recht ergehen lässt.
Unser Gottesdienst schließt mit dem Segen und der zweite Satz darin lautet: Er lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig.
Unser Bibelwort heute erzählt die passende Geschichte dazu. Gott lässt sein Angesicht leuchten über Jakob und ist ihm gnädig.
Wenn Sie heute den Segen empfangen, geschieht auch an Ihnen etwas ähnliches wie an Jakob. Vielleicht haben Sie nie betrogen; vielleicht waren Sie immer ehrlich. Vielleicht waren Sie aber zu hart gegenüber ihren Kindern oder zu nachgiebig. Die allermeisten von uns haben etwas im Herzen, von dem sie wissen: das war nicht gut in meinem Leben. Sollten Sie aber sagen: Ich habe mir nichts vorzuwerfen, so ist garantiert die Selbstgerechtigkeit Ihr größter Fehler. Jeder auch ich habe Dinge getan, die nicht liebevoll waren. Die Liebe aber ist das Maß für all unser Tun.
Haben wir also den Segen Gottes verdient? Nein haben wir nicht. Doch diese Biblische Geschichte sagt uns:
Er segnet Dich – nicht wegen Deines Handelns, sondern allenfalls trotzdem; und vor allem, weil Gott will, dass Du glücklich wirst, dass Dein Leben gelingt, weil er Dich lieb hat und weil will, dass seine Liebe und sein Segen durch Dich zu anderen Menschen fließt.
Soviel zu Gott.
Nun zu den Engeln.
Nicht nur, dass Gott Jakob, den Betrüger, segnet, ist merkwürdig, sondern auch mit den Engeln ist etwas sonderbar. So habe ich jedenfalls lange empfunden. Im Bibelwort heißt es, dass die Engel auf der Leiter auf- und niedersteigen. Warum heißt es nicht: nieder- und aufsteigen. Sie sind doch im Himmel, sie müssen doch erst mal runter zu Jakob. Aber es heißt eindeutig: sie steigen auf und nieder. Diese Reihenfolge ist nicht zufällig.
Das berührt mich jedes Mal, wenn ich diese Geschichte lese, dass die Engel ja schon bei Jakob sind dort unter freiem Himmel. Sie begleiten ihn schon lange. Sie haben ihn zu diesem Ort gebracht. Sie umgeben ihn.
Und das tun sie auch in unserem Leben. Gott hat seit Deiner Taufe, seit dem ersten Segen über Deinem Köpfchen, seinen Engeln befohlen, dass sie Dich behüten auf allen Deinen Wegen.
Es gibt ja das Plakat für schnelle Autofahrer mit einem gestressten Engel drauf und dem Satz: „Fahr nicht schneller als Dein Engel fliegen kann“. Wir haben in unserem Leben schon manches Mal die Engel Gottes sehr gefordert. Aber sie haben uns behütet und uns begleitet, sodass wir heute hier sein können.
Auch jetzt müssen wir ihre Gegenwart nicht erst erbitten. Sie müssen nicht erst von Himmel runtersteigen. Sie sind da. Sie sind um uns, der Himmel ist offen über uns.

Und jetzt richten wir den Blick noch auf Jakob. Jakob hat noch einen weiten Weg vor sich. Es wird noch viel passieren, was ihm nicht passt. Er wird am einen Leib erfahren, wie er betrogen wird. Laban, sein Onkel, bei dem er lebt und arbeitet, wird ihm in der Hochzeitsnacht, die falsche Frau ins Zelt legen. Nachts sind alle Katzen grau und vermutlich nach einigen Bechern Wein ohnehin. Am nächsten Morgen erkennt Jakob, dass nicht seine geliebte Rahel, sondern Lea neben ihm liegt. Er hat im Betrügen seinen Meister gefunden. Er muss nochmals sieben Jahre schuften, bis er seine geliebte Rahel heiraten darf.
Aber der Segen Gottes, diese Erfahrung gesegnet zu sein, arbeitet in ihm, verändert ihn. Er weiß genau. Gottes Segen führt zum Frieden mit seinem Onkel – auch zum Frieden mit dem Menschen, zu dem er am allermeisten in Spannung ist: Seinem Bruder.
Jakob wird ein wohlhabender Mann. Eines Tages nimmt er Schafe, Ziegen, Stoffe, Geschenke in Fülle und macht sich auf den Rückweg zu Esau.
In der Nacht vor der Begegnung mit Esau, durchsteht er größte Qualen.
Die Bibel erzählt, dass Jakob in dieser Nacht kämpft, ringt. Sie lässt es offen, ob sein Gegenüber ein Engel ist, seine eigene Angst oder ein Dämon. Jedenfalls ahnt Jakob, dass er auch mit Gott ringt. Er schreit: „Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn!“
Wieso schreit er denn nach Segen!? Er ist doch gesegnet worden, so bewegend in jener Traumnacht. Langt dieser Segen am Anfang nicht? Wir können nie genug Segen empfangen. Vor großen Herausforderungen die Vergewisserung gut, dass Gott mitgeht. Gerade Menschen, die gesegnet worden sind, wissen wie gut er tut, werden ihn immer wieder erbitten und suchen.
Jakob schreit nach Segen und bekommt ihn. Er steht am Morgen auf, seine Hüfte ist verrenkt, er hinkt, aber er geht kerzengerade den Weg, den Gott ihm geöffnet hat: In den Frieden mit seinem Bruder.

Nun zurück zu Gott und den Engeln. Ich habe am Anfang gesagt, dass Gott erstaunlicherweise den Betrüger Jakob nicht tadelt, sondern segnet. Ich glaube, Gott sieht eben in Jakob nicht den Betrüger. Ja, Jakob hat betrogen. Aber ist er deswegen sein Leben lang ein Betrüger?
Gott sieht in Jakob mehr, er sieht, was geschehen kann, wenn sein Segen, seine Liebe sich durchsetzt.
Aus Jakob wird einer, der Betrug ertragen kann ohne zu verbittern und der zu seinem Bruder sagen kann: Vergib mir.
Gott sieht den Betrug, aber macht Jakob nicht zum Betrüger lebenslang. Er lässt Jakob frei aus seiner Tat in ein neues Leben.
Das hat mich in der letzten Woche sehr nachdenklich gemacht. Ich erlebe gegenwärtig in unserem Land, wie Menschen einander festlegen und in die Ecke schieben. Da sagen die einen über die anderen: Der ist ein Rechtsextremer; oder der ist ein Linker; oder die ist auch so ein Gutmensch.
Die ist eine Schlampe, der ist ein fauler Hund.
Ein Glück für uns, dass Gott das nie macht. Er sieht die missratene Tat, doch macht daraus nicht den missratenen Sohn und die missratene Tochter. Er sieht sein Geschöpf, in dem sich doch noch Segen entfalten kann.
Wer weiß, wie sich sein Segen noch in uns entfalten wird!?!
Gesegnet von ihm suchen wir Frieden, werden auch zu Friedensbringern. Denn wenn wir schwierigen Menschen begegnen, können wir gewiss sein: Gott hat ihn und sie nicht aufgegeben. Er gibt nie einen Menschen auf, so wie er Jakob nicht aufgab.
Wir gehen den Weg in anderen das zu sehen, was noch werden kann. Nicht dass wir nun den anderen unter Druck setzen, anders zu werden. Nein, wir beten für andere, wir segnen sie. Gott wird verändern. So wie er uns verändert hat, weil der Himmel über uns offen ist, auch wenn wir nachher in geschlossenen Räumen sind. Seine Engel sind um uns bei jedem Wetter.
 Amen.