Einweihung der neuen Räume der Landeskirchlichen Gemeinschaft

Ansprache von Frau Regionalbischöfin Dr. Greiner zu 1. Kor. 12, 12-26, anlässlich der Einweihung der neuen Räumlichkeiten der Landeskirchlichen Gemeinschaft in Bayreuth am 26 Juli 2018

Sehr geehrte Damen und Herren,

Kleidung von Ulla Popken wurde hier in diesen Räumen schon verkauft: Kombinationsstarke Mode für Frauen bis Größe 68. Dann zog hier ein Cafe ein - und nun die Landeskirchliche Gemeinschaft.
Ich muss sagen, das ist auch kombinationsstark: Die Landeskirchliche Gemeinschaft im Caféhaus. Darauf muss man erst einmal kommen, hier die Landeskirchliche Gemeinschaft zu beheimaten. Prediger Höppner aber macht das gerade Freude, auch mal quer zu denken, im weitesten und besten Sinne unternehmerisch zu handeln für Christus.
Mir gefällt das sehr; und darum habe ich zugesagt, diese Einweihung vorzunehmen. Es wäre auch ohne mich gegangen. Doch ich wollte gerne ein Zeichen setzen. Wofür? Dafür, dass unsere Landeskirche die Landeskirchliche Gemeinschaft schätzt, braucht und unterstützt.

Das war nicht immer so, sondern wie in unserem gerade gehörten Bibelwort: In der Geschichte haben in der Wechselbeziehung zwischen Landeskirche und Landeskirchlicher Gemeinschaft manchmal die eine über die andere Seite gesagt: „Ich brauche Dich nicht.“ Wie sehr das unsinnig war und heute noch wäre, bringt unser Bibelwort auf den Punkt, wenn es eine Selbstverständlichkeit benennt mit den Worten:
„Das Auge kann nicht sagen zu der Hand: Ich brauche dich nicht.“
Auch wenn das Auge denkt, es brauche nur die Wimpern, so wäre es doch sehr kurzsichtig vom Auge zu denken, es würde die Hand nicht brauchen. Spätestens wenn ein Sandkorn oder gar eine Wimper am Augapfel klebt, braucht es ganz dringend eine Hand, die hilfreich eingreift.

Doch seien wir ehrlich: Manche Menschen aus der Mitte der Landeskirche - nicht nur in Bayreuth - haben in der Vergangenheit gedacht oder auch gesagt: „Es braucht diese Superfrommen nicht. Es braucht diese ganzen Landeskirchlichen Gemeinschaften nicht. Die sind eng, gesetzlich, eigenbrödlerisch, die sprechen uns Volkskirchlern gar den Glauben ab.“
Und manche in der Landeskirchlichen Gemeinschaft haben dieser abwehrenden Haltung in nichts nachgestanden mit Aussagen wie: „Die Kirche ist doch tot. Wir sind die eigentliche Kirche; wir glauben an Jesus, die Kirche glaubt an sich selbst und dreht sich um sich selbst. Viele Pfarrer haben ihre Liebe zur Bibel und zu Christus verloren.“
Das ging so weit, dass manche Gemeinschaften – etwa aus dem Bereich der süddeutschen und Hensoltshöher Gemeinschaft - zur Loslösung von der Landeskirche tendierten und nicht mehr „landeskirchliche Gemeinschaft“ also Gemeinschaft in der Landeskirche sein wollten. Sie wurden freikirchlich. 

Auch hier in Bayreuth gab es Spannungen schon zu Beginn der pietistischen Bewegung. Aber nicht nur. Es gab auch verschiedentliche dankbare Akzeptanz.
1687 wurde der pietistische Johann Heinrich Hassel zum zweiten Hofprediger berufen und geriet gleich in Opposition zum Generalsuperintendenten, weil er gegen das Ballettanzen bei Hofe Stellung bezog. Doch Markgraf Christian Ernst höchstpersönlich und seine Frau samt Prinzessinnen kamen zu seinen collegia pietatis – den Gesprächsstunden über Glaubens-fragen. Die Geistlichen der Stadt mieden zunächst seine Kreise.
Die Gemeinschaftsarbeit im eigentlichen Sinne begann gut 200 Jahre später hier ganz in der Nähe, in der Römerstraße 28 in einem kleinen Zimmer, das Magdalena Arneth gehörte. Sie hatte eine Anstellung als Aufseherin im Arbeitshaus. Das war eine Zwangsarbeitsanstalt für arbeitsscheue und verwahrloste Personen – Landstreicher, Bettler, Prostituierte.
Sie kümmerte sich insbesondere um die jungen Mädchen.
Selbst als ihre Knochenerkrankung unerträglich wurde, wollte sie auf die Gemeinschaft um Gottes Wort nicht verzichten, und so fanden Gemeinschaftsstunden bis 14 Tage vor ihrem Tod im Jahr 1929 in ihrer Wohnung statt.

Magdalena Arneth hatte in Freiburg die Gemein-schaftsbewegung kennengelernt und als sie in ihre Heimatstadt Bayreuth zurückkehrte, vermisste sie die Gemeinschaft am Evangelium und gründete 1902 einen kleinen Kreis mit jungen Frauen, der so schnell wuchs, dass am Reformationstag desselben Jahres der Umzug ins Evangelische Vereinshaus stattfand.
Interessant ist, dass unmittelbar zuvor Kirchenrat Kübel, Pfarrer auf der ersten Pfarrstelle der Stadtkirche in seinem Jahresbericht geschrieben hatte, er wundere sich, dass es in Bayreuth noch keine Gemeinschaftsbewegung gäbe; er würde es gewiss unterstützen, wenn – ich zitiere - „eine (Gemeinschaft) entstünde, die nüchternes Christentum pflegen würde.“ Daran hielt er sich auch und leitete selbst alle 14 Tage Bibelstunde, die von bis zu 40 Personen besucht wurde. An den Sonntagen dazwischen trafen sich die Menschen trotzdem zum Bibellesen, Singen und Beten.
Die Gemeinschaft wuchs. Es entstanden Jünglingsbund, Jungfrauenkränzchen und man kümmerte sich um Alkoholkranke. Im Jahr 1915 wurden die Sonntagsvorträge um 16.00 Uhr von bis zu 400 Personen besucht. In dieser Zeit wirkten Gemeinschaftsbruder Nußpickel gut zusammen mit Konsistorialrat Ostertag, Kirchenrat Wirth und Pfarrer Eppelein, dem späteren Vorsitzenden des oberfränkischen Gemeinschaftsverbandes. Da spürte man, dass die Christen in Bayreuth ein Leib sind. Es war ein Segen für alle.

Es kamen wieder andere Zeiten mit Spannungen und auch wieder mit Zeiten wechselseitiger großer Wertschätzung. Ich will das aber nicht ausführen. Wir können nachher noch darüber sprechen und einander erzählen.
 Ich selbst habe beide Seiten in meiner Kinder- und Jugendzeit erlebt – die Volkskirche und die Gemeinschaft; denn ich war mit meinen Eltern jeden Morgen im kirchengemeindlichen Gottesdienst; ab der Konfirmation spielte ich jeden Morgen im Frühgottesdienst Harmonium – und abends saß  ich in der „Stund“ und hörte wie mein Onkel und mein Vater und noch ein weiterer Laienprediger das Wort auslegten.
Wir sangen: „Welch ein Freund ist unser Jesus“ und „Der Herr ist gut, in dessen Dienst wir stehen“. Ich mag diese Lieder bis heute. Sie sind mir auch nicht zu schnulzig. Wenn ich noch Klavier spiele, dann aus dem Gemeinschaftsliederbuch.
Für diese Kinder- und Jugendzeit bin ich dankbar. Ich habe hier gelernt, mein Leben ganz Christus anzuvertrauen, ihn ganz Herr sein zu lassen in meinem Leben als lebenslangen Prozess.
Hier in der Gemeinschaft lernen bis heute Menschen, in der Bibel zu lesen und Gott alles anzuvertrauen, was sie in ihrem Leben bewegt. Hier geschieht Einübung in Frömmigkeit. Ich meine sogar, die Gemeinschaft hat manches deutlicher bewahrt, von dem was Luther wichtig war, als manche volkskirchliche Tendenz, in der die Unverbindlichkeit zur üblichen Form des Christseins in Deutschlandland stilisiert wird.
Ich sage sehr deutlich: Wir brauchen in unserer Kirche die Bewegungen und Gemeinschaften, die die zentralen Elemente der lutherischer Frömmigkeit pflegen: Bibel, Gebet und Gottesdienst in Wertschätzung von Abendmahl und Taufe. Bayreuth ist reich an solchen Bewegungen vertiefter gelebter Frömmigkeit. Ich denke da beispielsweise an den CVJM, die Gruppe Luther, die Hensoltshöher Gemeinschaft und natürlich die Puschendorfer.
Gut, wenn wir in der Gegenwart nicht Vorurteile pflegen zwischen diesen Bewegungen und zwischen den Bewegungen und der Landeskirche, sondern dankbar sind für einander - auch für eine Volkskirche, die ein weites Herz hat für ökologisch, liberal, sozial, hochkirchliche, pietistisch und auch charismatisch geprägte Bewegungen.
Alle Bewegungen müssen darauf achten, sich nicht selbst auszugrenzen und elitär zu gebärden. Und unsere Landeskirche muss darauf achten, dass - in all dem Reichtum der Bewegungen – der dreieinige Gott uns zusammenhält: Christus mit seiner Erlösung am Kreuz, seine Auferstehung und seinem Geist, der uns zum Schöpfer vertrauensvoll Vater sagen lässt.

Durch die Landeskirchliche Gemeinschaft habe ich gelernt, dass es lebenslang die Hinwendung zu Gott braucht; durch Luther, dass es lebenslang die Hinwendung mit Gott zu den Menschen braucht. Es braucht beides: die lebenslange Bekehrung zu Christus und mit ihm zu den Menschen, so wie sie sind.
Und gerade diese doppelte Bewegung sehe ich hier. Hier ist Glaube an Christus und hier ist ein weites Herz für alle Menschen – und besonders für die, die es schwer haben im Leben.
Eigentlich kehrt die Gemeinschaft mit diesem offenen Café zu ihren Anfängen bei Magdalena Arneth zurück: Hier ist Liebe zu Christus und ein besonderes Gespür für Menschen, denen liebevoll achtsame Zuwendung gut tut, gerade mit ihren besonderen Belastungen. Genau diese beiden Seiten hatte die ursprüngliche „stadtmissionarische Arbeit“ schon immer.
Nie ist der Pietismus stärker als dort, wo er genau diesen Weg geht: aus der Kraft des Gebets, des Bibellesens und gelebter Christusbeziehung, sich den Menschen in sozialem Engagement zuzuwenden.

Liebe Puschendorfer, egal, ob Ihr Auge seid oder Hand - wir brauchen Euch als Kirche hier. Wir sind dankbar für Euch. Wir sind froh, dass ihr diese Räumlichkeiten habt mitten in der Stadt, ganz in der Nähe der Stadtkirche und der Diakonie.
Ihr seid selbständig als Verein und doch sind wir verbunden in einem Leib, dem Leib Christi. Der Schlusssatz im Bibelwort ist: „Wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit“. Heute sagen wir: Alle Achtung, dass die Gemeinschaft diesen Schritt zur offenen stadtmissionarischen Arbeit wagt. Wir freuen uns mit Euch über diesen neuen Start.
Gott segne Euch, Eure Arbeit an diesem Ort und unser Miteinander.