Einweihung der Stadtkirche Münchberg, St. Peter und Paul am 08.02.2015

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner

"Kirche in Bayern" berichtet vom Gottesdienst:

Liebe Gemeinde!
Unser Bibelwort, das Grundlage meiner Predigt ist, hat Herr Sommermann bereits bei der Weihe des Altars vorgelesen:
„Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung, dass ich hineingehe zum Altar Gottes, zu dem Gott, der meine Freunde und Wonne ist, und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott.“
Der Psalmbeter bittet, dass Gottes Licht und Wahrheit ihn zum heiligen Berg und zum Tempel leiten. Bei uns hat sich diese Bitte schon erfüllt:  Wir sind alle da. Hat Gottes Licht und seine Wahrheit uns hierher geleitet? Vielleicht sagen Sie selbstkritisch: Etwas Neugier, wie die Stadtkirche nun innen ausschaut, und Interesse an solch einer Einweihung war schon auch dabei. Das ist gut so. Denn Gott gebraucht auch unsere Regungen - wie Neugier und Interesse -, um uns in sein Haus zu leiten. Gott ist mit Licht und Wahrheit, Liebe und Geduld, wahrscheinlich viel mehr am Werk in unserem Leben als wir ahnen.

Ein heiliger Berg ist dieser Ort hier in gewisser Weise auch. Diese neugotische Kirche, eingeweiht im Jahr 1827, ist wohl schon die siebente Kirche, die hier steht.  Seit mindestens 800 Jahren beten hier Menschen.
Der Psalmbeter will unbedingt zum Tempel in Jerusalem, zur„Wohnung Gottes“, wie er ihn nennt. Nicht nur der Psalmbeter, auch viele von Ihnen waren in Vorfreude auf dieses Gotteshaus. Manche von Ihnen haben vielleicht sogar gelegentlich hineingespitzt und geschaut, wie der Bau voran geht, so wie ich auch, wenn ich hier war. Etliche von Ihnen waren auch beim Start des Projekts 12 Worte im Kirchenraum und am letzten Weihnachtsfest. Bei allen Besuchen hat unsere Vorfreude Nahrung bekommen. - Und sie war berechtigt.

Ist die Stadtkirche nicht wunderschön geworden? Oben das neugotische Kreuzrippengewölbe kommt neu zur Geltung durch die farbliche Gestaltung mit rot, blau und Gold. Das sind die ursprünglichen Farben dieser Kirche. Nun bilden sie wieder das Farbkonzept und ziehen sich durch - vom Taufengelflügel bis zum Rot oder Blau hinter den goldenen Trauben an den Säulenverzierungen. Ihre Kirche ist durch die Farbgebung lebendiger, freundlicher und heller geworden.

Zur Helligkeit trägt natürlich auch die neue Beleuchtung bei. Dadurch kommen manche Schönheiten der Stadtkirche erst zur Geltung, und alternde oder schwache Äuglein können die Texte im Gesangbuch besser erkennen.
Die bunten Fenster über den Türen sind endlich zu bewundern, weil die dicken Vorhänge weg sind.
Die drei Engel der Kirche strahlen in neuem Glanz. Auch der Altar und die Kanzel haben durch die Arbeiten der Kirchenmaler gewonnen. Sie waren übrigens noch am Dienstag kräftig am Werk und ich konnte beobachten, wie liebevoll sorgsam sie ihre Pinsel führen. Danke an alle - von der Regierung über den Kirchenvorstand und die Mitarbeiter aller Gewerke bis hin zum Spender und Beter, die zur Schönheit der Stadtkirche beigetragen haben.

Im Büchlein zum 350-jährigen Dekanatsjubiläum habe ich  gelesen, dass beim Bau dieser Kirche drei Dekane starben aus Verzweiflung über den langsamen Fortschritt der Arbeiten und erst der vierte das Werk vollenden konnte.
Wir sind glücklich und dankbar, dass außer einem  blauen Daumen niemand zu Schaden kam am Bau und auch Dekan Erwin Lechner gesund blieb, sodass er die neunjährige Renovierung seit Beginn im Jahr 2006 durchziehen konnte.
Das neu gedeckte Dach, das kleine Örtchen am Fuß der Emporentreppe, die geschlossenen Mauerfugen der Westwand, die gedichtete Tore, die möglich gewordene Nutzung der Torturmkapelle, das Kunstwerk von Sonja Weber zum Aaronitischen Segen, die Fußbodenheizung, die uns wohlig wärmt - für all das sind wir dankbar. Wir danken Gott zwar nicht auf der Harfe, wie der Psalmbeter, doch unsere elektronische Orgel kann auch Harfenklänge und wir singen dazu.

Warum sehnt sich der Psalmbeter eigentlich so nach dem heiligen Berg und der Wohnung Gottes? Er kommt ja nicht zur Einweihung. - Sein Ziel ist Gott selbst. Er sehnt sich ihm. Er sucht die Gegenwart Gottes.
Auch wir glauben, dass Gott hier gegenwärtig ist. Die drei Engel aus bemaltem Holz sind Symbol-figuren für die echten Engel Gottes, die um uns sind. Das Kruzifix erinnert uns nicht an einen Toten, sondern an den für uns gestorbenen und auferstandenen Christus, der jetzt mitten unter uns ist. Wir sind in Gottes Haus, in seiner Gegenwart. Der Himmel umgibt uns.

Der Psalmbeter sucht Gottes Gegenwart, weil Gott seine Freude und Wonne ist, sagt er. „Meine Hoffnung, meine Freude“, singen wir im Lied nachher während des Abendmahles. Wenn der Glaube uns nicht - zumindest immer wieder - fröhlich macht, sondern verbiestert, dann glauben wir an irgendeinen Gott, aber nicht an den dreieinigen, nicht an den Vater im Himmel, der uns in Liebe ins Leben gerufen hat, seinen Sohn Jesus Christus, der uns erlöst hat und den Heiligen Geist, der uns mit Freude erfüllt und zur Liebe leitet. Der Glaube an unseren Gott hat einen Grundzug hin zur Freude und Fröhlichkeit.

Gott ist meine Freude und Wonne, das ist die Erfahrung des Psalmbeters, auch meine Erfahrung und aller Glaubenden. Diese Freude kommt nicht auf Knopfdruck. Manchmal geht es uns auch wirklich schlecht. Wir sind überarbeitet und am Ende unserer Kräfte. Wir haben große Sorge um einen lieben Menschen. Oder wir sind selbst krank und haben Angst, wie es noch wird.
Dürfen diese Gefühle bei Glaubenden nicht sein? Doch! Ganz bestimmt. Unser Glaube ist ein Glaube, der Gefühle aller Art zulässt. Er verdrängt nicht, sondern bittet: Komm, Gott, in meine Sorge, in meine Angst, in meinen Ärger, in mein Scheitern, in meine Erschöpfung in meine Sehnsucht nach heilem Familienleben, in meine Einsamkeit. Komm. Sei mir nah.
Die Erfahrung des Psalmbeters ist doch nicht, dass sein Leben immer Freude und Wonne ist; sondern Gott ist seine Freude und Wonne im Leben. Er hilft zu leben, in jeder Lebenssituation.
Hans Dieter Hüsch hat gedichtet:
„Ich bin vergnügt, erlöst befreit
Gott nahm in seine Hände meine Zeit.
Mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen
Mein Triumphieren und Verzagen.
Das Elend und die Zärtlichkeit.“
Ja, alles nimmt Gott in seine liebevollen Hände und in seiner Hand wandelt sich vieles. Unser Glück und unser Erfolg machen uns nicht stolz, sondern dankbar. Unser Leid verbittert uns nicht, sondern macht uns sensibel für andere. Jede Wunde in unserem Leben kann in seiner Gegenwart heilen. Darum legen wir alles offen vor ihm hin. Alles?
Ja alles! Auch garstige Gedanken. Auch das, wo wir schuldig geworden sind gegenüber unserem Kind, unserer Mutter, unsrem Vater, an einem anderen Menschen. All das darf und soll gerade hier im Gotteshaus in unser Bewusstsein treten. Warum? Weil hier nicht nur wir sind mit unseren Selbstanklagen, sondern Gott, der uns in Christus vergibt, der heilt, der neuen Mut schenkt.

Ist Ihnen eigentlich schon aufgefallen, dass mit diesem Altar etwas nicht passt? – Das hat sich auch bei dieser Renovierung nicht verändert. Dieser Christus am Kreuz passt nicht. 1932 wurden diese Figuren in die drei Felder des Altars eingefügt, in Nachbildung eines Altars von Veit Stoß. Maria und Johannes fügen sich in die seitlichen Felder ein. Doch der Gekreuzigte nicht. Seine Arme reichen hinüber in das Feld von Maria und Johannes. Sie sind doch viel zu weit.
Diese ausgebreiteten Arme, die Jesus auch in seinem irdischen Leben hatte, haben schon damals vielen nicht gepasst. Denn er hat sie Zöllnern und Huren, unbedeutenden Menschen und Leprakranken entgegengestreckt. „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will Euch erquicken.“ Alle.

Der Altar war schon immer der Ort an dem wir um Vergebung bitten und diese Vergebung erfahren. Darum will der Psalmbeter zum Altar gehen. Ihr Altar hier in der Stadtkirche drückt dieses Angenommensein in ganz besonderer Weise aus. Diese überlangen Arme mögen nicht passen, aber sie stimmen so sehr zu dem, wie Jesus war und ist. Glauben Sie es, Christi Arm ist für Sie am Kreuz weit aufgespannt für Sie, Ihren Banknachbarn, für mich, für uns alle.

Wer hier in die Kirche zum Altar, zum Kreuz, zu den ausgespannten Armen Jesu geht, geht damit den Weg, der erlöst und befreit, den Weg zur Freude und Wonne.
Auch die Granitplatten dieser Kirche bilden ein Kreuz. Wer durch eine der drei Haupttüren die Kirche betritt, geht auf einem Kreuz. Alle hier im Kirchenschiff sitzen tatsächlich im Zeichen des Kreuzes.
Und wenn Sie nachher zum Altarsakrament gehen, dann gehen Sie auf diesem Kreuz zum Kreuz und auf die offenen Arme Jesu zu.

Die Bitte des Psalmbeters hat sich an uns erfüllt. Wir sind da. Und sie will sich auch in Zukunft erfüllen, an jedem Sonntag. Der sonntägliche Gang zum Gotteshaus ist in der säkularen Gesellschaft nicht selbstverständlich. Daher ist die Bitte doch für uns wichtig, dass Gott sein Licht und seine Wahrheit sende, das uns leitet zu seinem heiligen Berg und zu seiner Wohnung – sonntags und ruhig auch mitten im Alltag für ein kurzes Gebet.
So sehr wir überall beten können und sollen, so sehr ist doch dieser Ort dafür gemacht. Gott sei Dank haben wir ihn wieder. Er hat offene Türen und die offenen Arme Jesu warten auf uns und der Gott, der unsere Freude und Wonne ist.
Der soll weiter in unsrem Leben am Werk sein. Darum will dieses Bibelwort auch unser Gebet für die Zukunft sein:
„Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung, dass ich hineingehe zum Altar Gottes, zu dem Gott, der meine Freunde und Wonne ist, und dir, Gott, auf der Harfe danke.“
Amen.