Eröffnung der "Woche für das Leben" 2015

Ansprache von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner am 18.04.2015 in der Stadtkirche Naila

„Meine Zeit steht in Deinen Händen“, so sagt es der Psalmbeter von Psalm 31 zu Gott. Dazu gehört auch die Zeit des Ablebens.
Die Woche für das Leben, die wir heute eröffnen, bietet dieses Jahr angesichts der Diskussion um Sterbehilfe die besondere Chance, das Leben im Sterben zu thematisieren.
Ich sage gleich zu Beginn meine Überzeugung: Wenn assistierter Suizid in Ausnahmefällen gesetzlich ermöglicht würde, wäre eine schiefe Ebene betreten. Die Ausnahmefälle würden sich über die Jahre ausweiten. Ich bitte alle Politiker hier ganz klar zu bleiben.

Tod und Sterben ist ein sehr persönliches Thema. Wir alle kommen damit gesellschaftlich und persönlich nur weiter, wenn wir es an uns heranlassen, alle unsere Ängste und Sorgen zulassen, in Gottes Hand legen und so auch freier werden, mit Menschen darüber zu sprechen.
Das Lebensende kann schwer sein. Darum ist die Entlastung umso größer, wenn wir es von vorn herein in Gottes Hand legen. Ich selbst werde nicht Hand an mich legen – und auch nicht einen Arzt um assistierten Suizid bitten. Gott hat mir mein Leben geschenkt. Er wird auch für mein Ende sorgen. Ich vertraue ihm.
Dass mein Lebensende entschieden wird durch Gott und nicht durch mich, empfinde ich als befreiend, nimmt mir Angst, schenkt Ruhe und Frieden. „Meine Zeit steht in Deinen Händen – so kann ich ruhig sein, ruhig sein in Dir“, das ist meine Erfahrung und wohl auch die Erfahrung dessen, der das Lied gedichtet hat, das wir nachher singen.

Die Mehrheit der Deutschen aber scheint dafür zu sein, dass Ärzte die Möglichkeit bekommen, den Tod eines Menschen vorzeitig herbeiführen zu dürfen. Es ist davon die Rede, dass es die Freiheit jedes Menschen sein muss, das eigene Ende selbst bestimmen zu können. „Mein Ende gehört mir“, sagen viele.
Dieser Satz scheint sehr freiheitsliebend; er scheint die Selbstbestimmung zu fördern. Ich behaupte: Würde der assistierte Suizid möglich, d.h. würden Ärzte, die ihren Patienten zur Selbsttötung helfen, gesetzlich geregelt (!) straffrei bleiben, so würde dies zu größerer Unfreiheit führen.

Warum?
Stellen wir uns vor: Ein alter Mensch ist sehr angewiesen auf Hilfe und Pflege. Das kostet Zeit und belastet die Familie, die sich kümmert. Wenn - ausdrücklich gesetzlich erlaubt - die Möglichkeit in Ausnahmen bestünde, ärztlich assistiert dem Leben ein Ende zu setzen, wird doch in etlichen Menschen die Frage laut werden, warum sie sich nicht ein Mittelchen geben lassen.
Der Gedanke, sich zu beseitigen, wird gerade von denen als besonders stark empfunden werden, die ihr ganzes Leben lang niemandem zur Last gefallen sind. Kein Mensch darf in die Lage kommen, sich innerlich rechtfertigen zu müssen dafür, dass er noch da ist.
Es braucht Freiheit von falschen Entscheidungs-zwängen.

Immer wieder habe ich inmitten der Diskussion um Sterbehilfe gedacht: Welch eine Gnade für mich persönlich, dass ich als Pfarrerin schon so viele Menschen im Sterben begleiten konnte. Manchem Verstorbenen habe ich ein Kreuz auf die kühle Stirn gezeichnet. So wurde – auch für die Angehörigen – sichtbar: Dieser Mensch gehört auch im Tod Gott. Seine Zeit stand in Gottes Hand. Ist er in Gott entschlafen, so wird Gott ihn auch erwecken, oder hat es – unsichtbar für uns – schon getan.
Angst vor dem Sterben bliebe vielen Menschen erspart, wenn sie mehr Erfahrung mit guter christlicher und medizinischer Sterbebegleitung hätten. Eingeübte Riten guten Sterbens sind wichtig und helfen schon den Lebenden angstfreier auf ihr Ende zuzugehen.
Darum ermutige ich Sie alle: Sprechen Sie offen mit Ihren Angehörigen über Ihr Sterben. Bitten Sie darum, dass Sie ausgesegnet werden. Es ist wichtig für die, die weiterleben.
Wie gut, dass heute im Anschluss an diesen Gottesdienst, das Hospiz besucht werden kann. Hospize und Palliativstationen sind zugleich Orte des Sterbens und des Lebens, weil Leben sehr lebenswert sein kann im geborgenen Ende.
Wie gut, dass nun auch im Raum Hof, die  so genannte „Spezialisierte ambulante Palliativversor-gung“ ausgebaut wird durch die Diakonie Martinsberg, damit Menschen - palliativmedizinisch gut versorgt - auch zu Hause sterben können. Palliativmediziner sagen einvernehmlich: Es gibt keine Situation des Sterbens, in der wir nicht helfen können.
Auch das gehört zum guten Ende, dass wir Leiden im Sterben medizinisch mindern. Das ist aber das Gegenteil von Sterbehilfe; das ist Hilfe zum Leben im Sterben. Das brauchen wir.
Ja, das gibt es: ein gutes Sterben, ein gutes Ende. Gott will es Ihnen und mir schenken. Darum wollen wir in unserem Umfeld, familiär, gesellschaftlich und kirchlich alles dafür tun, dass es möglich ist.

Wie intensiv und voll Leben solch ein gut begleitetes Sterben sein kann, zeigt die berührendste Sterbegeschichte, die ich kenne. Sicher gibt es dieses Buch auch in Ihrer Bücherei in Naila.
Eric-Emmanuel Schmitt erzählt über „Oskar und die Dame in Rosa“:
„Oskar ist erst zehn, aber er weiß, dass er sterben wird. „Eierkopf“ nennen ihn die anderen Kinder im Krankenhaus. Doch das ist nur ein Spitzname und tut nicht weiter weh. Schlimmmer ist, dass seine Eltern Angst haben, mit ihm über die Wahrheit zu reden. Weder Chemotherapie noch Knochenmarkstransplantation können sein Leben retten. Nur … Oma Rosa hat den Mut, zusammen mit Oskar über seine Fragen nachzudenken. Sie empfiehlt ihm, jeden Tag einen Brief zu schreiben – an den lieben Gott – und ihm alles zu sagen, was ihn bewegt. Oskar, der nicht mal an den Weihnachtsmann geglaubt hat, findet die Idee nicht wirklich prima. Doch … Oma Rosa entgegnet ihm: Sorge dafür, dass es ihn gibt. Du würdest dich weniger einsam fühlen“. Und sie bringt Oskar dazu, sich jeden noch verbleibenden Tag wie zehn Jahre seines Lebens vorzustellen. Denn er hat wohl nur noch 12 Tage zu leben.
Oma Rosa sagt ihm: „Jedesmal, wenn du an ihn glaubst, wird es ihn ein bißchen mehr geben. Und wenn du dranbleibst, wir er ganz und gar für dich dasein. Und er wird dir Gutes tun.“
Oskar lädt Gott ein, ihn zu besuchen.
Am neunten Tag schreibt er: „Lieber Gott, vielen Dank, dass Du gekommen bist. Du hast den richtigen Augenblick erwischt, denn es ging mir gar nicht gut. Vielleicht warst Du ja auch eingeschnappt wegen meinem Brief von gestern.
Heute beim Aufwachen ist mir klargeworden, dass ich  nun neunzig bin, und ich habe den Kopf zum Fenster gedreht, um den Schnee zu sehen.
Und da habe ich geahnt, dass Du kommen würdest.“
Oskar schildert in diesem neunten Brief den Besuch Gottes und resümmiert: „Ich habe gespürt, wie ich lebe. Ich bebte vor reiner Freude. Vor Glück dazusein. Ich war überwältigt.“

Liebe Gemeinde, Sterben ist nicht schön. Weder dieses Büchlein noch ich beschönigen es. Doch sich im Sterben von Gott begleitet und besucht zu wissen, kann zur tiefsten Lebens-erfahrung werden. Es kann in uns sogar die Freude wachsen auf das Leben bei Gott. Wenn unsere Lebenszeit mitsamt dem Ende in Gottes Hand ruht, dann öffnet sie sich für die Ewigkeit, für das Erwachen bei ihm.

Oskar wird nun sehr müde, jeden Tag mehr. In diesen letzten drei Tagen hat er auf sein Nachttischchen ein Schild gestellt; auf dem ist zu lesen: „Nur der liebe Gott darf mich wecken“.
Amen.