Eröffnung der Woche für das Leben im Caritas-Seniorenzentrum St. Josef in Bamberg-Gaustadt

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner im Eröffungsgottesdienst am 2. Mai 2014
Predigt als PDF: 

Du, Vater, du rate!
Lenke du und wende!
Herr, dir in die Hände
Sei Anfang und Ende,
Sei alles gelegt!        

Eduard Mörike

Liebe Gemeinde!

„Herr Dir in die Hände“ – so lautet das Motto der diesjährigen Woche für das Leben für ganz Deutschland. Sie wird ab morgen bis zum 10. Mai begangen. Wir eröffnen sie heute.
Ich freue mich, dass Weihbischof Gössl und ich anlässlich dieser Eröffnung den ersten Gottesdienst gemeinsam leiten. Mögen viele weitere von Gott gesegnete Gottesdienste bei vielen weiteren Anlässen folgen.
Den Ort für die Eröffnung hat dieses Mal der katholische Partner ausgesucht; und ich finde, der Ort ist gut gewählt. Schon im Vorlauf hat mich zweierlei besonders angesprochen:
Hier im Seniorenzentrum St. Josef sind katholische Schwestern tätig. Ordensschwestern können sich ganz in den Liebesdienst hineingeben. Sie prägen auch geistlich. Welch ein Geschenk sind solche Schwestern für Bewohner, Angehörige und die gesamte Mitarbeiterschaft.
Zum anderen: Das mit dem Seniorenzentrum kooperierende Haus der St. Joseph-Stiftung mit dem schönen Namen „Miteinander“ ist mehr als eine barrierefreie Wohnanlage. Da wohnt eine junge alleinerziehende Mutter neben einem älteren Ehepaar. So hat das Kind Begleitung beim Hausaufgabenmachen und das ältere Ehepaar hat Anschluss an die junge Generation. Dass hier Wohnungen an unterschiedliche Personenkreise vermietet wurden, die sich wechselseitig unterstützen, ist ein hervorragendes, innovatives Wohnmodell.
Falls Sie sich wundern, solch lobende Worte für katholische Einrichtungen aus dem Mund einer evangelischen Regionalbischöfin zu hören, so erläutere ich gerne, dass dies dem Verhältnis von Diakonie und Caritas hier im Raum Bamberg entspricht. Caritas und Diakonie arbeiten in der Region Bamberg Hand in Hand, um Gott und den Menschen zu dienen. Wir können und sollen auch einander loben, voneinander lernen, uns wechselseitig unterstützen und beraten und gemeinsam kämpfen.
Ja, auch das gemeinsame Kämpfen ist notwendig. In den letzten Tagen konnten wir eine Fülle von Zeitungsartikeln lesen über den Pflegenotstand. Denn der Sozialverband VdK will Verfassungsbeschwerde erheben, sozusagen wegen unterlassener Hilfeleistung des staatlichen Gesetzgebers gegen die menschenunwürdigen Zustände in etlichen Pflegeheimen. Diese Klage ist problematisch, doch sie leistet wenigstens dies, dass sie das Augenmerk auf den Pflegenotstand richtet. Die „Pflege braucht Pflege“ ist ein Slogan. Ich meine sogar, Pflege braucht Heilung. Sie ist krank.
„Herr Dir in die Hände sei Anfang und Ende, sei alles gelegt“ – meint nicht, dass wir alle Probleme in Gottes Hand legen und uns nicht mehr darum kümmern. Sondern es bedeutet: Wir legen alle Dinge betend in Gottes Hand und vertrauen, dass wir die Dinge von seiner Hand gesegnet wieder empfangen werden. Und wir vertrauen darauf, dass auch wir selbst gesegnet werden, um mit den Dingen angemessen umgehen zu können.
„Nichts ist verantwortlicher als beten“, sagte der Gründer von Taizé, Roger Schütz. Denn wenn wir beten, treten wir in Verbindung mit dem dreieinigen Gott, in dem alle Weisheit und Liebe und Kraft ist, die wir brauchen. Wenn wir beten, vertrauen wir unsere Sorgen Gott an und sind voll Vertrauen, dass er handeln wird und voll neugieriger Erwartung, was er tun wird. Gerade wenn wir alles von ihm erwarten, wird er dann auch manches durch uns tun können.

Ich erinnere uns an ein Bibelwort aus Jesaja 9, über das sonst eher in der Adventszeit gepredigt wird. Ich zitiere es heute als unser Leitwort aus der Einheitsübersetzung: „Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf. …. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn
Wunderbarer Ratgeber,
Starker Gott,
Vater in Ewigkeit,
Fürst des Friedens.“
An den wenden wir uns. Dem legen wir alles in die Hände, dem wunderbaren Ratgeber, im Vertrauen, dass er Rat weiß, wo wir keinen haben. Er herrscht; wir müssen uns nicht überall durchsetzen. Wir sehen die Probleme der Zeit, doch er ist Vater in Ewigkeit und weiß Wege, die wir vielleicht noch gar nicht sehen. Er ist der Fürst des Friedens und wir wollen dass sein Friede regiert in unserem Herz, in unserem ganzen Beziehungsgefüge, in unserer Gesellschaft.
Ihn, den wunderbaren Ratgeber und Vater in Ewigkeit bitten wir mit Mörike:  „Du, Vater, du rate! Lenke du und wende! Herr dir in die Hände sei Anfang und Ende, sei alles gelegt!“
Das Begehen der Woche für das Leben begann aus Sorge um den Anfang des Lebens, als Christen in Deutschland merkten, dass das ungeborene Leben zu schützen ist, weil Abtreibung zu einer normalen Möglichkeit der Geburtenregelung zu werden drohte. Heute besteht diese Problemlage weiterhin – in den meisten europäischen Staaten sogar noch weit mehr als in Deutschland. Wenn selbst in Deutschland auf 1000 Geburten 160 Abtreibungen kommen, bei insgesamt über 100.000 Abtreibungen im Jahr 2012, dann muss das beunruhigen. Ca. 40% der Frauen, die abtreiben, hatten bisher kein Kind und ca. 55% sind ledig.
Ich glaube nicht, dass Gott, der wunderbare Ratgeber und Fürst des Friedens uns, wenn wir ihm diese Sache in die Hand legen, rät, diese Frauen anzuklagen und zu verurteilen. Er weint mit diesen Frauen, um sie und um ihre ungeborenen Kinder. Er bittet und mahnt, dass dies nicht wieder geschieht. Das Umfeld dieser Frauen aber fragt er, unsere Gesellschaft fragt er, was wir dafür tun, dass diese Frauen „Ja“ zum Kind sagen können. Kinder allein zu erziehen, ist immer noch Armutsrisiko Nummer eins. Wir brauchen Christus, das Kind, das uns geboren ist, den Wunderbaren Ratgeber, starken Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens in der Mitte unserer Gesellschaft, damit sie lernt die Wiegen zu bereiten für Kinder, die sich - zunächst ungewollt - ankündigen. Dazu brauchen wir den Geist Gottes, der uns hilft Rahmenbedingungen sehr konkret zu verändern, sodass es erfahrbar wird für allein erziehende Mütter in spe, wie hier im Haus „Miteinander.“ Ich bin überzeugt, dass der Geist Gottes beim Entstehen dieses Hauses am Werk war. Möge er weiterwirken. Denn es muss sich noch viel verändern, damit das „Ja“ zum Kind wieder wächst.


Du, Vater, du rate!
Lenke du und wende!
Herr, dir in die Hände
Sei Anfang und Ende,
Sei alles gelegt!
Den Anfang des Lebens und das Ende des Lebens, auch den ganzen gesellschaftlichen Problemkranz der sich um Sterben, Pflegebedürftigkeit und Alter rankt, legen wir in seine Hände.
Diese Haltung – ihm alles abzugeben – macht Kopf und Herz frei Neues zu denken und sich heraus zu begeben aus scheinbar unabwendbaren Entwicklungen. Wenn wir ihm alles abgeben, dem Wunderbaren Ratgeber, starken Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens, dann wachsen uns Kapazitäten zu, aktiv zu werden an der richtigen Stelle.
Altern und Sterben muss kein Problem sein. Es gehört zu unserem Leben. Doch wie der Anfang des Lebens braucht auch das Ende, das Altern und Sterben menschenwürdige Rahmenbedingungen. Und viele bezweifeln inzwischen, dass wir die noch haben. Ich auch. Gerade darum spreche ich meine Bewunderung und größte Hochachtung aus für alle, die in Diakonie und Caritas und bei anderen Trägern von Senioreneinrichtungen sich um menschenwürdige Pflege bemühen: Die Reinigungskraft, die während des Putzens mit einer debilen Frau freundliche Worte wechselt, die Angehörigen, die sich bedürftigen Familienmitgliedern hingebungsvoll zuwenden, Pflegefachkräfte, Angestellte und Verantwortliche in den Wohlfahrtsverbänden, den Krankenkassen und in der Politik. Überall gibt es Menschen, die sich in Verantwortung vor Gott und Menschen anstemmen gegen Unmenschlichkeit. So gut wie alle diese Menschen sagen freilich, dass die Wende in der Pflege überfällig ist.
Natürlich gibt es im Koalitionsvertrag und von Verantwortlichen Äußerungen, die Hoffnung machen. Doch diese Äußerungen gibt es schon seit Jahren. Im Dezember 2011 erklärte der Vorsitzen-de des Kuratoriums Deutsche Altershilfe seinen Rücktritt als Vorsitzender des deutschen Pflege-beirats unter Protest und mit scharfer Kritik an der damaligen bis heute bestehenden Pflegepolitik. Denn nicht erst der Bericht des Pflegebeirats vom 27.6.2013 hat die Forderung nach einer Veränderung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs gestellt, sondern bereits der von 2009. Der Schrei nach Problemlösung erklingt schon seit Jahren. Die Kehlen sind heißer oder sind schon verstummt.
Ja, wir brauchen in dieser Situation den Wunderbaren Ratgeber, starken Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens, damit endlich weise, kräftige, zukunftsfähige, den sozialen Frieden fördernde Schritte getan werden.
Niemand kann Gott bei seiner Suche nach Problemlösungen pachten. Doch wir alle sollen fragen: In welchen Weg weist uns Gott, wenn wir ihm das Problem in die Hände legen? In welche Richtung weist uns die Heilige Schrift?
Zwei konkrete Gedanken dazu:
Erstens: Ein Auseinanderdividieren von Körper, Seele und Geist, ist kein Grundzug biblischer Theologie, sondern philosophische Interpretation. Wenn Gott einen Menschen anspricht und an ihm handelt, meint er immer den ganzen Menschen. Es braucht auch in der Pflege wieder den ganzheitlichen Blick auf den Menschen. Seit Einführung der Pflegeversicherung werden Leistungen parzelliert in Tätigkeiten an einzelnen Körperteilen von Menschen. Die zergliederte Finanzierung zergliedert auch den Menschen in Einzelbedürfnisse. Wir brauchen eine Wende, die wieder den Zugang zum ganzen Menschen ermöglicht. Der ganze Mensch braucht Zuwendung und nicht nur seine verstrubelten Haare und sein offenes Bein. Die Diskussion um den Pflegebedürftigkeitsbegriff, die Einsicht, dass auch demente Menschen Pflege brauchen, muss ein Hebel werden, damit wieder der ganze Mensch Ziel der Zuwendung wird.
Zweitens: Gott hat eine besondere Liebe zu Menschen, die Unterstützung brauchen, das waren schon immer alte und auch arme Menschen. Das bedeutet, es braucht eine Problemlösung, die auch trägt für Menschen, die keine Mittel haben,  um sich private Pflegeleistungen einzukaufen. Es braucht menschenwürdige Pflege für alle, für das ganze Volk, nicht nur für Betuchte. Daher haben die Wohlfahrtsverbände seit langem gefordert den Beitragssatz zur Pflegeversicherung um einen vollen Prozentpunkt zu erhöhen. Nun wird ab 1.1.2015 um 0,3 Prozentpunkte erhöht und weitere 0,2 später. Das ist allenfalls eine halbe Sache. Das wird nicht reichen, damit der gordische Knoten des Pflegenotstandes durchschlagen wird – und zwar für das ganze Volk.
„Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf“ so beginnt unser Bibelwort. Nun unser Land würde ich nicht als finster bezeichnen. Doch ich meine, es kann noch heller werden, wenn wir Menschen auf allen Ebenen der Verantwortung uns dem Wunderbaren Ratgeber, starken Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens öffnen und uns von ihm leiten lassen.

Am Ende ein Letztes: Es geht ja auch um unser Ende, denn wir alle wissen, dass wir einmal sterben werden. Gerade das legen wir ihm schon jetzt in die Hände.
Wenn in Ihnen sorgenvolle Gedanken um Ihr Ende aufsteigen, dann soll Ihnen das immer Anlass sein, dass Sie Ihr Ende unserem Gott anbefehlen. Beten Sie: Du Vater, „lenke und wende“ auch mein Ende. Du bist der Fürst des Friedens, lass mich in Frieden sterben. Du bist der Vater in Ewigkeit, nimm mich auf in Deine Ewigkeit, in Dein Reich, in Dein Land des Lichts.
Ihm können wir immer unsere Sorgen anvertrauen und alles in die Hände legen, auch die Sorge um das Ende. So werden wir durch ihn frei für die Gegenwart, um heute das zu sagen und zu tun, was nötig ist.
Amen.