Eröffnungsgottesdienst des Projekts 12[W]ORTE

Kurzpredigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner am Reformationstag in der Stadtkirche Münchberg

Dein Wort, Herr, sei unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Weg.

Liebe Reformationsfestgemeinde!

Luther war Bibelfan. Jeder waschechte Lutheraner ist Bibelfan –  ich auch.
Warum? Weil die Worte der Bibel – seit es sie  gibt – zu Lebensworten werden. Sie helfen befreit, fröhlich und sinnvoll zu leben.
Luther hat empfohlen, die Bibel in einer Haltung zu lesen, die fragt: Was will Gott mir sagen? Luther wörtlich: „Du musst auf das Wort sehen, das dich betrifft, das zu dir gesprochen wird, und nicht, was einen anderen betrifft.“
Ich bekräftige: In der Bibel sind Worte, die für Sie sind. Rechnen Sie damit, dass Gott zu Ihnen reden will, wenn Sie in der Bibel lesen. Beziehen Sie die Worte der Heiligen Schrift auf sich, als ob sie nur für Sie geschrieben seien.
Die 1500 Personen hätten sich nicht an der Umfrage beteiligt, welches ihre 12 liebsten Bibelworte sind, wenn sie nicht die Erfahrung gemacht hätten: Das sind Kraftworte, die mir Kraft geben, Prägeworte, die mein Leben prägen, Heilsworte, die mir den Himmel öffnen und mich heilen an Leib und Seele. Sie sind Licht auf meinem Weg.

Heute feiern wir ein Dreifaches:
Erstens Reformationstag. Ich freue mich, dass wir heute einen zentralen Reformationsgottesdienst für den ganzen Dekanatsbezirk Münchberg feiern. Schön, dass Sie gekommen sind aus den Gemeinden der Region. Danke für die Begleitung durch den Bezirksposaunenchor.
Die Reformation damals – und jede echte Reformation der Kirche heute – ist immer  mit der Liebe zur Bibel verbunden. Je mehr die Heilige Schrift Maßstab und Leitstern unseres kirchlichen Handeln ist, desto mehr Reformation geschieht. Beim Lesen der Heiligen Schrift sollen wir nicht Sklave des Buchstabens doch Liebhaber des Wortes sein, befreit durch Christi Geist.

Zweites feiern wir die Eröffnung der Aktion 12[W]ORTE. Als die 12 Künstler beim zweiten gemeinsamen Workshop erzählten, wie es ihnen geht in ihrer kreativen Arbeit mit dem Bibelwort, begann eine Künstlerin ihre Vorstellung mit den Worten: „Meine Inspirationsquelle ist folgendes Bibelwort …“ und dann nannte sie es.
Ich war bewegt durch ihre Einleitung. Denn ich glaube, wenn die Bibel Inspirationsquelle für Künstler ist, dann wirkt auch der Heilige Geist durch solche Werke, dann redet er auch durch die Kunst. Durch Künstler, die das Wort Gottes auf ihre Weise reflektieren, reflektiert Gott sich in die Welt.
Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit; ich hoffe, die Künstler haben bei diesem Projekt gespürt, dass wir völlige gestalterische Freiheit ließen. Wir hatten Vertrauen zum Wort Gottes und zu ihnen. Wir haben Vertrauen, dass Gott spricht durch alle 12 Kunstwerke im kommenden Jahr. Er hat schon begonnen.

Drittens feiern wir heute hier die Präsentation eines der 12 Kunstwerke. Die anderen elf werden noch heute Abend oder am kommenden Sonntag in den anderen elf Gemeinden enthüllt.
Ich gratuliere Ihnen, liebe Münchberger, dass Sie sich bereits entschlossen haben, dass das Kunstwerk Teil der Kirche bleiben wird, auch wenn die Aktion 12[W]ORTE in einem Jahr zu Ende sein wird. Die Münchberger Kirche weihen wir erst am 8. Februar ein, doch das Münchberger Kunstwerk von Sonja Weber im Eingangsportal schon heute und es wird bleiben.

Das Bibelwort, das Grundlage meiner Predigt ist, passt erstens zum Reformationsfest und der Liebe zum Wort Gottes, zweitens  zur Eröffnung des Projektes 12[W]ORTE und drittens zum Münchberger Kunstwerk.
Wir haben dieses Bibelwort schon miteinander gesprochen. Psalm 27:
„Mein Herz hält dir vor dein Wort: ´Ihr sollt mein Antlitz suchen.‘ Darum suche ich auch, Herr, dein Antlitz.“
Da kämpft ein Mensch mit dem Leben und mit Gott. Er hat Vertrauen zum Wort Gottes, zu dem, was Gott einmal gesagt hat.
Dieser Mensch sagt zu Gott: „Ich halte dir dein eigenes Wort vor. Du hast doch selbst gesagt: ‚Ihr sollt mein Antlitz suchen‘ – das mache ich nun auch und suche deine Gegenwart, dass du mir hilfst.“

Mit allen 12 Bibelworten lässt sich so mit Gott ringen:
-    Du unser Schöpfer hast selbst empfunden, dass deine Schöpfung sehr gut ist. Nun hilf auch selbst, dass sie gut bleibt und nicht zerstört wird durch deine Geschöpfe, durch uns Menschen.
-    „Der Herr ist mein Hirte“ steht doch im Psalm 23. Nun, Herr, sei auch bitte der Hirte für mich. Führe mich durch dieses finstere Tal hindurch. Behüte mich.
-    „Wenn ich mit Menschen – und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz und eine klingende Schelle.“ Ich habe aber keine Liebe mehr zu diesem Menschen, mein Gott. Dann bin ich eben ein tönend Erz – es sei denn, du schenkst mir etwas von deiner Liebe, die nicht endet.
Worte der Heiligen Schrift, die uns von Gott gesagt sind, die können wir in der Richtung „umdrehen“ und Gott sagen. Er lässt sich nämlich beim Wort nehmen. Gott ist verlässlich. Er will behaftet sein, bei dem, was er uns versprochen hat.
„Mein Herz hält dir vor dein Wort.“ Probieren Sie es aus. Ringen Sie mit Gott. Ich bin sicher, Sie werden wie Jakob im Ringkampf gewinnen an Gottvertrauen, Mut, Widerstandsfähigkeit, Ruhe, Lebenskraft und Segen.
„Mein Herz hält dir vor dein Wort: ‚Ihr sollt mein Antlitz suchen.‘ “
Warum das Antlitz? Weil das Antlitz, das Angesicht immer schon der Inbegriff der Zuwendung ist. Wenn jemand sein Gesicht abwendet, wegschaut von uns, dann will er nichts mehr mit uns zu tun haben.
Umgekehrt ist das Leuchten des Angesichtes über uns der Inbegriff der Zuwendung Gottes. Darum heißt es im Aaronitischen Segen: „Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir.“ Bildhaft ausgedrückt: So wie das Gesicht einer Mutter über der Wiege ihres Kindes strahlt, wenn es aufgewacht ist, so leuchte Gottes Angesicht über dir, so schaue er dich an, voll Liebe.
Diese Worte des Aaronitischen Segens hat Sonja Weber interpretiert. Und sie hat dem Leuchten des Angesichtes Gottes über uns Ausdruck verliehen durch die leuchtenden Bogen in der Eingangshalle bzw. dem neuen KiGo- und Meditationsraum der Kirche.
Das Leuchten wird erzeugt durch Schwarzlicht, das unser Auge kaum sieht. Es ist UV-A-Licht, Ultra Violett, jenseits von Violett. Es gibt Licht, das wir nicht sehen. So wie wir Gott nicht sehen. Und doch ist er unser Licht und unser Heil.
Mit diesen Worten beginnt der Psalm: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten. Der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir grauen?“ Die Antwort ist klar – vor niemandem.
Der Psalm 27 steht in sehr enger inhaltlicher Verbindung zum Aaronitischen Segen, den das Kunstwerk interpretiert.
Wir kennen den Aaronitischen Segen:
„Der Herr segne dich und behüte dich
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“
Jedes Mal, wenn wir uns mit diesem Segen segnen lassen, dann suchen wir Gottes Zuwendung, sein leuchtendes Angesicht über unserem Leben.

In Sonja Webers Lichtbahnen steckt viel mehr als sich verbal ausdrücken lässt. So ist das nun einmal bei Kunst. Ich sehe die segnende Hand Gottes voller Liebe über mir. Und ich selbst möchte wie diese Schale sein, die seinen Segen empfängt und voller Licht wird, das ich aufsauge, wenn ich in diesem Raum bin und dann hinaustrage zu anderen.
Der Segen ist viel mehr als ein esoterisches Wohlfühlelement. Nichts gegen Wohlfühlen. In diesem Raum kann man sich wohlfühlen, schon allein durch die neue Fußbodenheizung.
Auch der Segen hilft zum Wohlfühlen. Aber er hilft  eben auch, wenn uns gar nicht Wohl ist. „Denn er deckt mich in seiner Hütte zur bösen Zeit, er birgt mich im Schutz seines Zeltes.“ „Vater und Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf.“ „Wenn sich auch ein Heer wider mich lagert, so fürchtet sich dennoch mein Herz nicht.“

Wovor haben Sie Angst? Sagen wir nicht: „Ich habe keine Angst.“ Jeder hat Ängste. Mache Ängste sind gut, weil sie uns bewahren, Gefährliches zu tun. Andere Ängste belasten uns unnötig, erhöhen den Stress, den wir schon haben. Manche hindern uns, das Nötige zu tun.
Sich öffnen wie eine Schale für den Segen Gottes macht trotz Angst mutig und gelassen für alle Schritte, die wir gehen sollen, weil Gott mitgeht.
Das gilt für die Schritte im privaten wie im beruflichen, im kirchlichen wie im gesellschaftlichen Bereich. Gott geht mit uns durch eine Krankheit, durch beruflichen Stress. Er hilft uns in Kirche und Gesellschaft für andere Menschen da zu sein.
Die größte kirchliche und zugleich gesellschaftliche Herausforderung ist gegenwärtig das offene Herz für Flüchtlinge. Die Lesung heute war die Seligpreisungen. „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen“ – halten wir uns und Gott dieses Wort der Seligpreisungen vor Augen und bitten ihn, dass er seine getauften Christen barmherzig macht. Auch dazu befähigt uns sein Segen. Unser Herz, das mit Gott ringt, wird selbst verwandelt, reformiert.

„Mein Herz hält dir vor dein Wort.“ Abschließend: Welches ist nun das wichtigste Bibelwort? Das eine: „Christus.“ Christus ist das Wort, das durch alle 12[W]ORTE hindurch strahlt, auch durch die alttestamentlichen. Jedes Wort der Schrift darf uns mahnen, keines uns verurteilen, wenn wir uns an das eine Wort „Christus“ halten. Erst als Luther das verstanden hatte, malte sich sein Gottes-Bild neu und er sah die Liebe in Gottes Angesicht.
Da begann seine Freude über die Heilige Schrift und ihre Worte wurden zum Licht auf seinem Weg. So wurden und sind wir Kirche des Wortes. Amen.