Glockenweihe in Seidmannsdorf Am Sonntag Exaudi, 17. Mai 2015

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zu Matthäus 11,28

Christus ruft:
„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“.
(Matthäus 11,28)

Liebe Festgottesdienstgemeinde!
Diesen Ruf Jesu habe ich heute für Sie als Predigtwort ausgewählt. Denn wir feiern heute Glockenweihe. Und Glocken rufen “Komm“. Sie rufen: „Kommt zum Gottesdienst“ oder: „Komm zum Gebet“. Und im Kern der Bedeutung rufen Glocken zu Jesus Christus, der uns einlädt: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“

Als ob Sie wüssten, dass dies das Predigtwort sein würde, sind Sie alle gekommen. Wie schön, dass die Kirche so voll ist. Alle Chöre des Kirchspiels Seidmannsdorf singen und der Posaunenchor spielt. Ich freue mich sehr, dass Sie das Fest der Glockenweihe so hoch schätzen und alle da sind.
Neue Glocken sind auch etwas ganz Besonderes.


Als junge Pfarrerin hatte ich die Freude zusammen mit meinem Mann verantwortlich zu sein für den Bau einer neuen Kirche samt Glockenturm. Wir fuhren zum Gießen der Glocke, so wie einige von Ihnen am 14. November zur Glockengießerei Rincker bei Wetzlar gefahren sind. Jedem, der das einmal erlebt hat, bleibt das unvergesslich, weil dies so ein archaisches Handwerk ist.
Glockengießer beten bevor das heiße Metall aus dem Ofen quillt und durch den Raum in die Form läuft. Noch heute habe ich den Geruch in der Nase; und die Freude in Erinnerung, die ich empfand, als die Glocken geschmückt auf dem Kirchhof standen – so wie bei Ihnen am Osterfestbrunnen.
Und heute werden sie nun geweiht und in Gebrauch genommen. Das ist etwas wirklich Einmaliges. Viele Menschen erleben solch eine Situation nie. Denn gute Glocken werden Jahrhunderte von Jahren alt. Ihre neuen Bronzeglocken sind laut Gutachten gut gelungen und werden uns gewiss überdauern. Wer hier in Seidmannsdorf zu Grabe getragen wird, dessen letzten Weg des irdischen Leibes werden sie begleiten.

Doch bis dahin werden Sie diese Glocken hoffentlich noch sehr oft hören. Sie werden läuten, wenn Kinder getauft werden, zu Konfirmationen, wenn Ehepaare sich segnen lassen und an jedem Sonn- und Feiertag zum Gottesdienst und – und darauf lege ich heute einen Akzent – zu den Gebetszeiten. Sie begleiten unser Leben als Christen.

Sie zu hören ist geistliche Beheimatung. Wie sehr, das habe ich an mir selbst erfahren als ich auf einer Studienreise war in Jerusalem. Dort beteten Juden an der Klagemauer, es rief der Muezzin und es läuteten die Glocken. Faszinierend. Dann ging die Reise weiter nach Jordanien; und ab da hörte ich nur noch den Muezzin rufen. Bitte verstehen Sie dies in keiner Weise antimuslimisch, wenn ich nun sage: Ich war über mich selbst erstaunt, wie sehr ich mich freute nach Rückkehr in Jerusalem wieder Glocken zu hören. Auch im fernen Jerusalem klangen sie für mich heimatlich.

Sie schwingen und bringen etwas in uns zum Schwingen. Glocken spielen Musik. Ja, Glocken sind große Musikinstrumente, 284 kg, 409 kg und 535 kg sind Ihre Glocken schwer. Sie klingen in den Tönen des, b und as. Und Musik – das wissen alle Chormitglieder und alle, die gerne Musik hören – dringt durchs Ohr in unser Inneres ein. Glockenklänge schwingen sich in unsere Seele hinein. Oft hören wir sie gar nicht bewusst. Doch unser Unterbewusstsein nimmt sie wahr. Viele reagieren daher sofort, wenn Glocken, die immer um dieselbe Zeit läuten, ausfallen. Sie fehlen uns.
In Seidmannsdorf erklangen seit der diesjährigen Konfirmation keine Glocken mehr. Doch Sie haben ja erwartungsfroh um der neuen willen gefastet.
Die Älteren von Ihnen werden sich erinnern, dass es noch ganz andere Fastenzeiten gab, als Glocken für die Kriegsführung weg genommen wurden. Das ist der schlimmste Missbrauch, der mit Glocken geschehen kann: Gegossen für Friedensgebete wurden sie eingeschmolzen für den todbringenden Donnerknall der Kanonen. Die Nazis hatten sich übrigens das Ziel gesetzt, dass nach dem Endsieg nur noch 12 Glocken läuten sollten, nicht auf einer Kirche, sondern über dem Reichstag in Berlin.
Warum hatten sie denn etwas gegen Kirchenglocken? Das von der Evangelischen und Katholischen Kirche gemeinsam erarbeitete Büchlein zum Glockenwesen sagt auf der ersten Textseite:
„Die Glocken verkünden den Herrschaftsanspruch Jesu Christi über die Welt.“ Und das ertrug der Führer nicht. Atheistische Diktaturen – auch die DDR und die Sowjetunion – haben immer ein Interesse Glocken zum Schweigen zu bringen, weil Glocken zu Christus rufen und ihn als Herrn aller Herren proklamieren, der befreit von allen anderen Herrschaftsansprüchen. Noch dazu ein Herr voller Liebe zu allen Menschen.
Goethe lässt im Faust Mephisto fluchen, der die Glocken als „widriges Geklingel“ betituliert. Am Glockenklang scheiden sich die Geister und orientiert sich die Gemeinde Jesu Christi.

Glocken rufen zu Christus und zugleich geht der Schall der Glocken in alle Lande. Am Glockengeläut wird unüberhörbar, dass Christsein keine Privatangelegenheit ist, wie manche uns glauben machen wollen. Christlicher Glaube gestaltet unsere Kultur, ist öffentlich und ruft im öffentlichen Raum zu Gebet und Gottesdienst.

Dabei hat jede Ihrer Glocken eine besondere Botschaft, die sie hineinruft in die Welt. Auf jeder Ihrer Glocken sind ja Sprüche eingraviert:
Ihre große Glocke ruft: „Ehre sei Gott in der Höhe“ und „Christ ist erstanden“. „Ehre sei Gott in der Höhe“, sangen die Engel auf dem Feld bei Christi Geburt. Und „Christ ist erstanden“ ist der Ruf, der an Ostern erklingt. Ihre große Glocke ist Ihre Dominica, die Glocke des Herrn. Sie können sie Christusglocke nennen oder Festtagsglocke, denn sie erinnert an die beiden großen Christusfeste.
Ihre mittlere Glocke ruft: „Friede auf Erden“ und „Vater unser im Himmel“. Sie lädt also ein zum Gebet. Es ist Ihre Gebetsglocke, die auch erklingt, wenn wir im Gottesdienst das Vater unser beten.
Und ihre kleine Glocke ruft: „Fürchte Dich nicht.“ Sie ist Ihre Taufglocke. Denn bei der Taufe wurde Ihnen zugesagt: „Fürchte Dich nicht, denn ich habe Dich erlöst, ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen Du bist mein.“

Ein kurzer geschichtlicher Rückblick: Antonius der Große, der im Jahr 356 nach Christus als Mönch und koptischer Christ starb, ist auf verschiedenen Gemälden mit Glocke dargestellt. Der Grund ist, dass er damals wohl schon die Mönche mit Glocken zu Gebeten zusammenrief. Um das Jahr 605 ordnete Papst Sabinian an, dass Glocken auch außerhalb der Klostermauern zu läuten seien zu den damals schon feststehenden sieben Gebetszeiten.
Heute haben wir außerhalb der Klöster nur noch drei Gebetszeiten, morgens, mittags und abends. Die Reformation hielt an diesem Gebetläuten fest, vor allem unter dem Vorzeichen der Bitte um den Frieden. Bei Ihnen läuten sie um 6, um 12 und um 18 Uhr. Es bedarf aber der Einübung die Glocken als Ruf zum Gebet ins Leben zu integrieren.

Zu diesem Gebetsläuten eine Geschichte aus der Gegenwart: Von der Pfarrfamilie Wurmthaler wusste ich, dass die Familienmitglieder jeden Mittag beim Mittagsläuten aus dem Sandkasten, der Küche, dem Arbeitszimmer zusammenkamen, sich im Kreis aufstellten und sangen: „Verleih uns Frieden gnädiglich.“ Dann gingen alle wieder an ihren Platz.
Diese Praxis hatten wir in unserer Familie nicht. Ich selbst betete manchmal still, wenn ich die Mittagsglocken hörte. Manchmal aber registrierte ich sie gar nicht und vergaß darum auch das Beten um 12.00 Uhr.
Vor viereinhalb Jahren ermöglichte die Landessynode das Wohnen von verpartnerten Paaren im Pfarrhaus, vorausgesetzt der Landeskirchenrat mit Regionalbischöfin, Dekan und Kirchenvorstand sind einmütig im konkreten Fall dafür. Viele Konservative waren zutiefst enttäuscht von mir als Regionalbischöfin, dass ich diesen Weg grundsätzlich mittrage. Es hagelte Briefe, in denen mir meine Bibeltreue abgesprochen wurde. Diese Vorwürfe machten mir wenig aus, weil ich ja wusste, wie sehr ich meine Bibel liebe und diese Linie mit der Heiligen Schrift begründete.
Was mir zu schaffen machte, war, dass da ernsthafte Christen an unserer Kirche verzweifelten und sich innerlich abwandten. Ich hatte große Sorge um die Einheit unserer Kirche. Das sagte ich auch meinem Team und ich bat alle, dass wir doch mittags zusammen kommen und singen: „Verleih uns Frieden gnädiglich.“
Ab da war diese Praxis eingeführt. Wenn die Glocken klingen, kommen wir zusammen nun seit über 4 Jahren. Ich sehe das in keiner Weise als fromme Leistung. Es tut uns gut.
Der Konflikt um die Homosexualität brennt nicht mehr. Doch immer wieder bewegt uns anderes: Wir hören, dass ein Pfarrer schwer krank geworden ist oder in einer Gemeinde ein großer Konflikt herrscht. Wir sind entsetzt über das Erdbeben in Nepal oder einen Anschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft. Und manchmal gibt es auch Sorgen in unserem eigenen Leben. Das benennen wir während die Glocken läuten und singen dann: „Verleih uns Frieden gnädiglich.“ Das tut uns gut, denn wir bringen unsere Sorgen verschiedenster Art zu Christus. Wir bitten ihn, dass er handelt – gerade auch da, wo wir nichts tun können. Das entlastet, ja es erfrischt.
„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will Euch erquicken.“ Das erleben wir da.
Not lehrt beten und wie gut, dass wir im Gebetläuten eine Form haben, die wir nutzen und füllen können. Seit wir regelmäßig Mittagsgebet halten, überhöre ich die Glocken nicht mehr. Offensichtlich verändert sich unbewusstes Hören in bewusstes durch Einübung.
Natürlich ist das 12-Uhr-Läuten manchmal unpassend. Doch egal welche Sitzung gerade ist, ich bitte um Verständnis, sage „die Glocken läuten; lasst uns zum Gebet zusammen kommen“.  Es ist eine so gute Zäsur in jeder Besprechung. Selbst dem Regierungspräsidenten am Telefon musste ich schon sagen: „Ich bitte um Entschuldigung. Die Glocken läuten und rufen zum Gebet. Darf ich sie gleich wieder anrufen? Wir denken auch an sie.“ Ich glaube, er hat sich sogar darüber gefreut.
Sie sind in anderen Situationen als ich. Manche hören auch die Glocken nicht, weil sie zu weit weg wohnen. Doch ich kenne jemanden, der sich seine Uhr einstellt. Sie piept einmal und er weiß: Jetzt läuten die Glocken im Land zum Gebet. Er hält kurz inne und wird still an seinem Arbeitsplatz. Er kommt innerlich zu Christus und bittet um Frieden in der Welt und im eigenen Leben. Er folgt dem Ruf Jesu und erlebt dessen Wahrheit: „Kommt her zu mir alle, die Ihr mühselig und beladen seid, ich will Euch erquicken.“
Liebe Gemeinde, Sie haben neue Glocken. Ihr Schall tönt zwischen Himmel und Erde und verbindet uns auf der Erde mit dem Himmel. Ihre Glocken läuten in der Zeit und weisen uns doch hin auf die Ewigkeit. Sie rufen uns zum Gottesdienst und täglich zum Gebet, nicht als Pflichtübung, sondern damit Christus uns erquickt und befreit von unseren Lasten.
Amen.