Gottesdienst am 1. Weihnachtstag in der Stadtkirche Bayreuth

Predigt von Frau Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zu Johannes 1,1-5.9-14.16

Liebe Gemeinde,
„Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott.“ „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“ „Und aus seiner Fülle haben wir genommen Gnade um Gnade.“
Sätze, die die Welt- und Menschengeschichte beinhalten. Goethe ließ Faust über sie meditieren, weil sie vollgesogen sind mit fast philosophischer Theologie. Sie sind heute unser Predigtwort. Es verbindet Weihnachten mit  dem Schöpfungs-handeln Gottes.

In drei Zugängen möchte ich mich ihm zusammen mit Ihnen nähern:
Zuerst der biblisch-theologische Zugang.
„Im Anfang war das Wort.“ So beginnt Johannes sein Evangelium.
Wie beginnt das Alte Testament? Wie beginnt die Bibel, wenn wir sie vorne aufschlagen? „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.“
„Am Anfang war das Wort“. Der Evangelist Johannes schlägt also die Brücke zur Schöpfung und erinnert , dass mit dem Sprechen Gottes, mit seinem Wort, Leben und Licht begonnen haben.
Johannes erzählt die Weltgeschichte aus seiner Sicht. Folgen wir seinen Gedanken:
Alles in der Schöpfung ist geworden, weil Gott sprach. In Gottes Reden, seinem Wort, ist darum das Leben, in ihm ist das Licht der Menschen – ihre Herkunft, ihre Zukunft.
Gott ist ein sprechender Gott. Er sprach von jeher mittels seiner Schöpfung: Schau wie schön ich sie gemacht habe und mit wie viel Liebe. Schau wie schön ich Dich gemacht habe und mit wieviel Liebe.
Doch die meisten Menschen hörten nicht wie Gott sprach, nahmen sein Wort nicht auf. Darum blieb es finster in ihnen und um sie.
In der oft finsteren Menschheitsgeschichte aber nahmen manche doch sein Wort auf, und denen gab Gott Macht seine Kinder zu sein, mit ihm in Verbindung zu stehen. Durch diese Menschen hat Gott dann auch geredet: durch Propheten wie Jesaja und Jeremia, durch Menschen, die Psalmen sprachen und sangen, durch Mütter und Väter, die ihren Kindern vom Gott Abrahams erzählten.
Dass aber so viele Menschen sein Wort nicht hörten, sein Leben und sein Licht nicht aufnahmen, ließ Gott – aus Liebe - keine Ruhe.
Was tat Gott für seine taube Menschheit? Er ließ sein Wort, das er allen Menschen sagen will, sichtbar werden, Fleisch werden, Mensch werden.
In Jesus wurde Gottes Wort, das er sagen will, geboren. Wer hören will, was Gott sagt, der schaue auf Jesus. Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns. Als Jesus heilte, lehrte, als er gewaltlos starb und auferstand, da sprach Gott. Unüberhörbar?  Oh, viele haben dieses Wort gehört. Ihr habt es gehört, sonst wärt Ihr nicht da.
Und nun führt uns Johannes weiter ein in seine theologische Erkenntnis: Dieses Wort Gottes, das wir in Jesus sehen konnten, war von Anfang an bei Gott. In Jesus hat Gott zwar neu gesprochen, aber er hat in Jesus das gesprochen, was er schon immer hörbar machen wollte. Darum war Jesus auch schon im Wort,  das die Schöpfung werden ließ.
In Jesus kommt Gottes ganze Liebe zu uns, die sich auch in der kleinsten Blume der Schöpfung zeigt.
Ein passenderes Lied hätte der Chor heute nicht singen können. Da hieß es im zweiten Vers: „Der selig Schöpfer aller Ding zog an eins Knechtes Leib gering, dass er das Fleisch durch Fleisch erwerb und sein Geschöpf nicht gar verderb.“
Wer an Jesus glaubt, hat das ganze Wort Gottes, alles, was Gott uns an Leben und Licht schenken will - Licht und Leben in Fülle. Alles ist im Sohn geschenkt.

Ein zweiter Zugang zum Bibelwort: 
Der alte Mann war Millionär. Sein unermesslicher Reichtum bestand in all seinen Originalen an Bildern und Skulpturen.
Er war ein leidenschaftlicher Sammler und über alle Maßen reich. Es hätte alles so problemlos laufen können, wenn da nicht die Sache mit dem Sohn gewesen wäre. Dieser war in jungen Jahren tödlich verunglückt und hatte eine unausfüllbare Lücke im Leben des alten Mannes hinterlassen.
Als der Mann starb, hinterließ  er ein Testament, das besagte, dass der ganze Besitz versteigert werden sollte, da er keine Erben hatte. Händler, Kunstkenner und Millionäre kamen von überall her. Der riesige Raum war brechend voll, denn keiner wollte sich diese Gelegenheit, eines der Kunstwerke zu ersteigern, entgehen lassen.
„Ehe die Versteigerung beginnt“, fing der Auktionator an, „wäre da eine Bedingung des Ver-storbenen, nämlich der erste Satz im Testament.“ Und während er das sagte, nahm er ein Bild des früh verstorbenen Sohnes aus seiner Mappe.
„Dieses Bild muss zuerst versteigert werden.“
Keiner der Anwesenden war an diesem minderwertigen Bild vom Sohn interessiert. Irgendein unbekannter Maler musste es vor Jahren angefertigt haben. Aber Testament ist nun einmal Testament, und so beharrte der Auktionator auf seiner Forderung.
Dann schließlich erhob sich hinten in der Ecke der alte Butler des Millionärs und sagte: „Ich habe den Jungen gekannt, ich möchte das Bild ersteigern.“ Da es keinerlei Konkurrenzangebot gab, erstand er das Bild so gut wie umsonst.
„Damit“ ließ der Auktionator sich wieder hören, „ist die Versteigerung beendet.“
Schweigen legte sich über den Raum.
„Beendet,“ hörte man eine Stimme. „Sie hat doch noch gar nicht richtig angefangen.“
„Meine Damen und Herren“, fuhr der Auktionator fort, „der zweite Satz im Testament des Verstorbenen lautet: Wer den Sohn hat, hat alles.“
Ungläubiges Entsetzen bei den Kunstkennern. Ungläubiges Staunen, kaum fassbare Freude beim Butler: „Wer den Sohn hat, hat alles“.
Johannes erzählt viel philosophischer diese alles umstürzende Botschaft: Wer den Sohn hat, der hat alles. Wer den Sohn hat, wer ihn angenommen hat als Wort Gottes, der hat alles, dem schenkt Gott all sein Leben, all sein Licht, all seine Liebe.
Diesen Jesus, der arm geboren wurde im Stall, der gekreuzigt wurde wie ein Verbrecher, den preist der Evangelist Johannes als Quell allen Heils: Aus seiner Fülle haben wir genommen Gnade um Gnade. Er ist die Tür zum Himmel, der Hirte der uns durchs Leben führt, der Weinstock, aus dem wir Kraft gewinnen. All das wird Johannes in seinem Evangelium ausführen. In ihm ist die Fülle von Licht und Leben. Wer den Sohn hat, hat alles.

Der dritte und letzte Zugang.
Über einen Satz bin ich schon vor Wochen gestolpert als ich in Vorbereitung auf das Christfest unser Bibelwort zum ersten Mal las. Es ist auffallend:
Johannes erzählt alles in der Vergangenheitsform, was geschehen ist von Anfang der Schöpfung bis hin zu Jesus und bis zu uns:
Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott. Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns. Und aus seiner Fülle haben wir genommen Gnade um Gnade.
Doch ein einziger Satz in dem ganzen Text ist in der Gegenwartsform: „Und das Licht scheint in der Finsternis.“ Wieso nicht Vergangenheitsform?
Weil das Licht, das von Gott in seinem Wort ausgeht, scheint, von Anfang der Schöpfung bis in die Gegenwart hinein. Dieses Licht hört nicht auf zu scheinen. Nie.

Eigentlich kann ich immer gut schlafen. Doch vor zwei Wochen war meine Nacht zur Hälfte schlaflos. Ich hatte ein hervorragendes, sachlich-nüchtern Referat des Bayreuther Professors Miosga gehört, in dem mir die Dramatik des sich erhitzenden Weltklimas und der Schöpfungszerstörung vor Augen trat und mich wirklich betroffen machte.
Auch das Schicksal etlicher Geflüchteter, ging mir in jener Nacht  an die Nieren.
Und dann war da auch noch ein Problem im Leben eines mir nahen Menschen.
Stunden um Stunden traten mir im Dunkel dieser Nacht diese drei unterschiedlichen Problemfelder als fast unlösbar vor Augen. Doch zugleich war mir genau dieser Satz im Sinn: „Und das Licht scheint in der Finsternis“. Immer, wenn mir das dreifache Elend abwechselnd vor Augen tragt, sagte ich in dieses Schöpfungs- Migrations- und Lebenselend hinein: „Das Licht scheint in der Finsternis“, meditierte also die Kraft des Schöpferwortes, die Kraft Christ. Keine verlorene Nacht!
Dieser Blick von den Problemen auf Christus, das Licht der Welt, schenkte Hoffnung und schließlich auch Schlaf.
Wir selbst können vieles nicht ändern, können die Finsternisse dieser Welt schon gleich gar nicht lichten. Wir sind es nicht, die die Welt retten.
Doch Gott lebt und spricht – auch heute. Er ist es, der uns und die Welt erhält, Er ist es, der für die Geflüchteten sorgt. Und er ist es, der den Knoten großer Probleme im Leben von Menschen lösen kann. Von Anfang der Welt spricht er sein Wort und er hört damit nicht auf. Er spricht sein Wort, das Leben schenkt und Licht machen kann in jedem Dunkel – auch in uns, manchmal sogar durch uns, durch Euch, die Ihr sein Wort hört.
Bei Licht betrachtet ist auch nicht alles dunkel. Bleiben wir bei seiner Schöpfung.
Eine neue stärkere Sensibilität für die Schöpfung ist im Kommen. Auch wenn der Klimagipfel nicht gebracht hat, was viele von uns erhofften, fand er doch statt. Es ist eine neue Bewegung zur Wahrung der Schöpfung da. Die junge Generation ist dabei, uns zu überholen. 130 Schulen allein in Franken wurden vergangenen Mittwoch als „Umweltschule in Europa“ ausgezeichnet, weil sie Strategien entwickeln zur Plastikabfallvermeidung oder zum Energiesparen, weil sie Sammelaktionen für handys durchgeführen oder Blühstreifen anlegen.
Über 15% der Menge des Feinstaubes der jährlich in Deutschland durch den Verkehr entsteht, puffen die Feuerwerkskörper in wenigen Minuten an Silvester in die Luft.
Es hat erst begonnen, doch die Bewegung gewinnt an Kraft, das Böllern an Silvester zu lassen oder es wenigstens gemeinschaftlich mit weniger zu vollziehen.
Manche mögen abwinken und sagen: All das wird nicht reichen. Doch verachten wir nicht die kleinen Schritte. Und vor allem: Gott, der diese Schöpfung werden ließ in seinem Wort, der durch Jesus die Liebe in unser Herz pflanzte zu ihm, zu anderen Menschen – auch zu kommenden Generationen -, der hört nicht auf zu reden zur Erlösung seiner Schöpfung. In der Geburt Christi spricht Gott sein gewaltiges Wort zur Erlösung der Welt.
Wer den Sohn hat, hat die Fülle, hat alles -  auch eine Hoffnung, die nie stirbt und eine Kraft liebevoll zu leben, die nicht aus uns kommt.
Wir können wenig tun, aber wir können hören und dabei sein, wenn Gott spricht und handelt. Wir können uns mitnehmen lassen in seine große Bewegung, die Licht und Leben schenkt – uns und anderen und auch zukünftigen Generationen. 
Es ist gewiss:  „Das Licht scheint in der Finsternis“. Und es hört nicht auf. Amen.