Gottesdienst am Ostersonntag in der Stadtkirche Bayreuth

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zu Markus 16, 1-8

Liebe Gemeinde!

Was ist denn das für ein Evangelium?!

Dreimal kommt das Wort „Entsetzen“ vor, es endet mit Schweigen, Flucht und Furcht. Der Ort an dem es spielt, ist ein Grab.

Was singt Ihr denn heute, liebe Kantorei? Achtmal kommt in der Kantate das Wort Tod vor, weiter Todesbande, Wunden, Not, Teufel und Hölle. Welche Themen?!

Welch ein Evangelium, welch eine Kantate – passend eben zu unserer Welt:

Mary Patrik, eine 24-jährige Nigerianerin erzählt: Ihre schwangere Schwester und sie fuhren zur Hochzeit einer Freundin. Am Tag vor dieser Trauung überfielen Boko-Haram-Kämpfer die Hochzeitsgesellschaft und das ganze nahe gelegene Dorf. Ihr Schwager und der Bräutigam wurden sofort erschossen. Sie und ihre Schwester wurden ins Lager gebracht, damit sie dort für Boko Haram arbeiten. Zur Arbeit gehörte es, dass sie verschleiert zu Kampfeinsätzen geschickt wurden. Der Befehl lautete: „Brennt jede Kirche nieder, aber rührt keine Moschee an.“ „Sie wollen, dass wir ihnen helfen, viele Menschen für ihren Gott zu töten“, sagt Mary Patrick. „Damit ihr Gott mit ihnen und uns zufrieden ist.“ Als ihre Schwester sich weigerte, einem Mann die Kehle durchzu-schneiden, wurde sie mit drei Schüssen hingestreckt.

Jede der vielen Frauen im Lager wurde mehrfach von verschiedenen Männern vergewaltigt. Nach Monaten gelang Mary die Flucht.

Welch eine Welt! Es ist unsere. Wir leben in ihr und sind – wenn wir solche Geschehnisse an uns heran lassen – entsetzt. Dass ein Germanwings-Pilot wohl 150 Menschen mit in den Tod genommen hat, macht viele von uns sprachlos.

Gerade in den letzten Wochen – mit immer neuen Nachrichten über die Ukraine, Syrien, den IS, die Al-Shabaab-Miliz, Boko Haram und nun auch diesen Flugzeugabsturz – saß ich immer wieder vor dem Fernseher und schüttelte nur entsetzt den Kopf. Was geschieht da alles in dieser Welt?!

Und dann ist noch Leid und Sterben, das wir direkt um uns herum wahrnehmen. Meist viel weniger dramatisch und doch: Ein Bekannter – er hat ungefähr 15 Jahre mehr auf dem Buckel als ich – sagte neulich: „Die Einschläge kommen näher“ – gemeint war: Ich werde älter und damit wird die Wahrscheinlichkeit, dass ich sterbe, höher. Ja, es ist schon so: in jedem Kranken und Sterbenden, den wir sehen, sehen wir auch etwas von unserer eigenen Zukunft. Im Sterben unserer Mitmenschen ahnen wir auch etwas von unserem Geschick.

Selbst bei solch einem Flugzeugabsturz beschleicht manchen der Gedanke: Auch ich, oder mein Kind oder Freunde von mir, hätten in dieser Maschine sein können. Es ist merkwürdig, beim Leiden und Sterben anderer Menschen spielen wir Möglichkeiten, die uns treffen könnten, durch. Je näher uns ein Ereignis kommt, desto mehr. Und manchmal ergreift uns Entsetzen, was alles möglich ist in dieser Welt.

Auch der Tod Jesu gehört zu dem Entsetzlichen: unschuldig wird er verurteilt, gefoltert, ans Kreuz geschlagen und stirbt qualvoll. Seine Kreuzigung fügt sich in gewisser Weise ein in den Reigen der Grausamkeiten dieser Welt.

 

Und nun dieses Evangelium heute mit seinem Entsetzen. Die Ursache ist gerade nicht das schreckliche Leiden, nicht der Tod, – sondern die Auferstehung, das leere Grab und die Erscheinung eines weiß gekleideten Mannes, eines Lebensengels.

Er sagt den drei Frauen – weil sie sich natürlich entsetzen: „Entsetzt Euch nicht.“ Es sind übrigens dieselben drei Frauen, die am Kreuz standen und das Sterben Jesu mitbekamen, zwei mit Namen Maria und Salome. Sie hielten Stand und blieben bei Jesus.

Und nun haben diese drei tapferen Frauen Gewürz-öl gekauft, um den Leichnam einzubalsamieren. Sie kommen zum Grab, es ist offen, sie hören die Botschaft: „Ihr sucht Jesus von Nazareth den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier.“

Der Evangelist Markus inszeniert geradezu das Entsetzen. Unsere Geschichte endet mit den Worten: „Und sie gingen hinaus und flohen vor dem Grab, denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.“

 

Stellen Sie sich bitte Folgendes vor: Mit diesen Worten endete das Markusevangelium ursprünglich. In unseren heutigen Bibelausgaben schließen sich zwar noch weitere 12 Verse an, doch die fehlen in alten Quellschriften. Diese 12 Verse geben die Ostergeschichten der anderen Evangelien quasi zusammengefasst wieder. Sie stehen nur in den jüngeren Quellschriften.

Auch in meiner Lutherbibelausgabe ist ein Sternchen angebracht am Vers 8, dem letzten Vers unseres Predigtwortes mit folgender Bemerkung: „Nach den ältesten Textzeugen endet das Markusevangelium mit Vers 8. Die Verse 9-20 sind im 2. Jahrhundert hinzugefügt worden, vermutlich um dem Markusevangelium einen, den anderen Evangelien entsprechenden Abschluss zu geben.“

Was hat Markus geritten, dass er sein Evangelium mit Entsetzen und Schweigen enden lässt? Er wollte für uns Lesende erfahrbar machen, wie umstürzend diese Erfahrung und Botschaft waren: „Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.“

Welch starke Geschichte: die Sonne geht auf, der schwere Stein ist weg, das Grab ist leer, ein Engel, weiß gekleidet, sagt: „Er ist auferstanden.“ Eben noch entsetzt angesichts des Todes, sind sie es nun über das Leben.

Unsere Kantate benutzt 8 Mal das Wort Tod, um das neue Leben zu besingen: „weil Jesus lebt, so ist der Tod erlegt, mit uns hats keine Not, weil Jesus auferstanden“. Oder: „er hat den Sieg, verschlungen den Tod, dass wer an ihn fest gläubt, vom Tod selbst ein Gespötte treibt, spricht: ´Tod, wo ist dein Stachel`.“

Wir Christen blenden Schrecken und Grauen nicht aus, sondern schicken den Morgenglanz der Auferstehungssonne hinein. Der Evangelist Markus bildet sogar eine sprachliche Verbindung zwischen dem entsetzlichen Leid und diesem Entsetzen angesichts der Auferstehung.

Im Garten Gethsemane nimmt Jesus drei Männer mit sich, Petrus, Jakobus und Johannes und dann heißt es: „Er fing an zu zittern und zu zagen.“ Und dieses Zittern Jesu ist im Griechischen mit einem seltenen Wort wiedergegeben, das als Verb wieder auftaucht im Zittern bzw. Entsetzen der drei Frauen, als sie den Engel sehen und die Botschaft hören: „Er ist auferstanden.“ Markus schlägt einen Bogen vom Entsetzen Jesu angesichts seiner bevorstehenden Kreuzigung hin zu diesem ganz anderen Entsetzen, das die Frauen ergreift, als sie hören: Der Gekreuzigte ist auferstanden.

Die Frauen verstehen in diesem Moment sehr wenig. Doch sie ahnen: Wenn das wahr ist, dann ist alles anders als gedacht, dann hat sich unser Leben völlig verändert. Wenn er lebt, dann hat nicht der Tod, nicht die Trauer, nicht das Grauen das letzte Wort. Die Frauen schweigen, weil ihnen diese neue Perspektive völlig die Sprache verschlägt.

 

Ja, durch die Auferstehung Jesu ergibt sich eine völlig neue Perspektive auf die Welt und auf unser Leben. Nicht nur das Sterben ist unsere Zukunft. Ja, wir sehen in jedem Sterbenden etwas von unserer eigenen Zukunft – doch auch beim Blick auf Jesus und das leere Grab. Sein Grab ist unseres. Es ist leer.

Auch meine menschlichen Überreste werden irgendwann in ein Grab kommen und doch wird mein Grab leer sein und Deines auch. Wer hier mit dem Auferstandenen verbunden war, wird dort bei ihm leben. Er ist einen Weg vorausgegangen, auf den er uns mitnimmt.

 

Der Engel bittet die Frauen: Erzählt es den Jüngern. Auch dieser Auftrag zu verkünden ist neu. Bisher hat Jesus seine Jünger immer angewiesen, niemandem etwas zu sagen von den Wundern, die er getan hat.

Er war mit drei Jüngern auf dem Berg der Verklärung und befahl ihnen zu schweigen. Ich zitiere Markus 9: „Als sie aber vom Berge hinabgingen, gebot ihnen Jesus, dass sie niemandem sagen sollten, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn auferstanden ist von den Toten. Und sie behielten das Wort und befragten sich untereinander: Was ist das, auferstehen von den Toten?“

Damals hielten die Jünger das Schweigen nicht ein, sondern redeten. Jetzt sollen die Frauen reden, doch sie schweigen, weil es ihnen die Sprache verschlägt. Nun wissen sie, was auferstehen ist – und diese Erfahrung verändert ihr Leben.

 

Warum sollten die Jünger eigentlich von den Wundern Jesu nichts erzählen? – Weil erst durch Kreuz und Auferstehung alle seine Wunder in einem neuen Licht stehen. Erst mit dem Kreuz ist sichtbar, wie groß seine Hingabe und Liebe zu den Menschen war und sein größter Sieg im Scheitern lag. Zittern und Entsetzen hat er selbst durchlitten, damit wir gewiss sind: Er steht auf der Seite der Opfer und leidet mit. Er kennt auch unser Leiden und Sterben und ist gerade dann an unserer Seite.

Welch ein Evangelium, dass Gott den Gekreuzigten auferweckt hat und seinen Weg der hingebenden Liebe bestätigt hat.

Welch eine Kantate, die dieses Wunder besingt. „Des Teufels Macht ist ganz dahin alle Kraft ist ihm verschwunden, getrost ist mein Herz, Mut und Sinn in Christi Tod und Wunden.“

Jesu Sieg ist der merkwürdigste, weil sich in ihm die Ohnmacht der Liebe als mächtiger als jede Gewalt erweist.

Mary hat das im Boko-Haram-Lager nicht vergessen. Sie sah, wie viele der Mädchen sich zu Tötungsmaschinen ausbilden ließen. Doch ihre Worte zeigen, wie sehr sie sich durch eigenes Gottesverständnis absetzen konnte: „Sie wollen, dass wir ihnen helfen, viele Menschen für ihren Gott zu töten“ – „für ihren Gott“ sagt sie – meiner ist das nicht. Sie hat den Unterschied wahrgenommen.

Ja, in Christus scheiden sich die Gottesbilder. Er starb aus Liebe zu den Menschen und blieb diesem Weg treu. In unseres Gottes Namen darf niemand töten und für ihn auch nicht.

Trotzdem wird Mary kämpfen. Sie ist ausgebildete Kämpferin. Sie will sich den Truppen anschließen, aber nicht um sich zu rächen, sondern um diesen Barbaren die Chancen des Mordens zu nehmen. Sie bittet Gott ihr zu vergeben, wenn sie dabei schuldig wird. Eine tapfere Frau.

 

Christsein in unserer Welt ist nicht einfach, weil es zu fragen gilt, was seinem Weg der Liebe entspricht. Auf seinem Weg lernen wir zum einen manches zu ertragen und zum anderen auch um der Liebe willen dem Entsetzlichen und Bösen eine Grenze zu setzen, wie ihm in Christus eine Grenze gesetzt ist. In beidem folgen dem gekreuzigten Auferstandenen. Er wird den Sieg behalten.

„Er lebt und spricht ‚Ich leb und ihr sollt mit mir leben für und für‘. Sein Sieg soll mein Sieg bleiben.“

Wir hören die Kantate. Amen.