Gottesdienst zu Kantate am 10.05.2020 in Hof St. Michaelis

Predigt von Regionalbischföin Dr. Dorothea Greiner zum Lied "Befiehl Du Deine Wege und was Dein Herze kränkt"

 

Gestern habe ich eine Nachricht gelesen, die mich entsetzt hat. Einige katholische Bischöfe, darunter Kardinal Gerhard Müller haben einen Aufruf unterzeichnet. Ich rechne diesen Aufruf nicht der katholischen Kirche zu, sondern nur diesen fehlgeleiteten und fehlleitenden Menschen. Er wendet sich gegen die staatlichen Einschränkungen aufgrund der Corona-Krise und trägt den Titel veritas liberabit vos. Auch die deutsche Übersetzung „Die Wahrheit wird Euch freimachen“ macht ihn nicht besser. Denn, was da formuliert ist, sind Halbwahrheiten ohne Liebe kombiniert mit merkwürdigen Verschwörungszenarien. Da sprechen Menschen, denen es primär um die Macht und Freiheit der Kirche geht und die dabei von der Macht der Liebe Jesu weit entfernt sind.
Eine Kirche, die auf die Durchsetzung ihrer Freiheit pocht, aber den Schutz der Schwachen nicht im Blick hat, ist keine Kirche Jesu Christi.
Ich stehe dazu, dass wir heute mit diesen Sicherheitsmaßnahmen, die wir im Einklang mit dem Staat als evangelische und katholische Kirche gemeinsam festgesetzt haben Gottesdienst feiern. Danke, dass Sie dies unterstützen, indem Sie mit Mundschutz gekommen sind. Singen mit Mundschutz ist gewöhnungsbedürftig. Doch diese Einschränkungen machen uns nicht wirklich unfrei, sondern geben uns auch neue Freiheit in Liebe und Fürsorge. Sehen wir es so: Wir können heute sogar – am Sonntag Kantate – einige Liedverse gemeinsam singen. Wer hätte das vor vier Wochen gedacht. Ich freue ich mich darüber.

Wenn ich nun wählen muss, welches mein Lieblingslied ist, dann wird es schwer, weil es viele - auch moderne - Lieder gibt, die ich gerne singe.
Heute wähle ich eines, das uns in dieser Corona-Pandemiezeit stärken kann.
Es beginnt mit einer Aufforderung:
Befiehl Du Deine Wege und was Dein Herze kränkt
Der allertreusten Pflege des der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn,
der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.
Das erste Mal, als ich dieses Lied als Gebet bewusst sprach - ich erinnere mich noch gut - war ich 16 Jahre alt. Ich hatte Liebeskummer.
Ich lag vor dem Schlafengehen in meinem Bett mit meinen Zweifeln, ob der junge Mann, den ich liebte, auch mich mag. Aber irgendwann wurde es mir zu blöd, weil ich merkte, dass mir dieser Kummer den Schlaf raubt. Da fiel mir dieses Lied ein und ich betete die Strophen, die ich auswendig konnte - und schlief tief und getröstet darüber ein.

Es ist ein besonderes Lied, das - wie ich finde - in jeder Lebenslage hilft, egal, welche Wege wir gerade zu gehen haben. Es ermutigt: Vertrau Deinen Weg Gott an.
Dieses Lied hat Paul Gerhardt vor 370 Jahren gedichtet. Er gründet sich dabei auf Psalm 37,5. Dieser Vers heißt:
Befiehl dem Herrn Deine Wege und hoffe auf ihn. Er wird’s wohl machen. Der ganze Psalm erzählt davon, dass der lebendige Gott ins Leben der Menschen, die ihm vertrauen, eingreift und sie in Liebe leitet. Das Lied Paul Gerhardts nimmt hinein in das Vertrauen, dass Gott im Regiment sitzt in der Welt und in unserem Leben.

Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege, des der den Himmel lenkt.
Was kränkt ihr Herz zurzeit?
Mir tut im Herzen weh, dass ich Menschen gerade nicht umarmen, ihnen nicht mal die Hand geben kann - und meine Schwiegereltern nicht mal besuchen darf, obwohl es gerade meiner alten Schwiegermutter so gut täte, wenn ich sie in den Arm nehmen könnte.
Was tut Ihnen im Herzen weh? Was immer es ist - in dieses Lied können Sie es hineinlegen – den Schmerz über das, was in unseren Kirchen manchmal geschieht und das was in unserem Leben uns selbst kränkt und krank macht an Leib und Seele. Alles können wir Gott sagen vom Liebeskummer bis hin zum Kummer aus Liebe und Fürsorge zu andren Menschen.
In diesem Lied halten wir den Schmerz Gott hin - seiner Pflege. Er heilt. Amen.