Gottesdienst zum 1. Weihnachtstag in der Stadtkirche Bayreuth

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zu Titus 3,4-7

Eine alte Legende erzählt:

Es war noch in der Heiligen Nacht im Stall von Bethlehem. Die Hirten waren bereits wieder zurückgekehrt. Das Gloria der Engel war verklungen.

Josef hatte sich in eine Ecke des Stalles zurückgezogen und war eingenickt.

Nur Maria saß neben der Krippe und bewachte ihr schlafendes Kind.

Da öffnete sich lautlos die Tür des Stalls. Eine uralte Frau trat ein. Ihr Gesicht war furchig und braun wie der Ackerboden. Sie war in Lumpen gehüllt, ganz Haut und Knochen.

Sehnsuchtsvoll ruhte der Blick der Alten auf dem schlafenden Kind. Leise und behutsam näherte sie sich.

Nur vier Schritte waren es von der Tür bis zur Krippe. Aber die Art, wie die Frau ihre Schritte machte, ließ meinen, sie schreite durch viele Jahrtausende.

Die Alte stützte ihren gebeugten Körper auf einen Stock.

Maria war sehr erschrocken. Sie fürchtete um ihr schlafendes Kind, doch sie mochte der Greisin den Gang an die Krippe nicht verwehren.

Die Alte beugte sich über die Krippe. Sie flüsterte dem aufwachenden Kind geheimnisvolle und unverständliche Worte zu.

Das Kind blickte unverwandt und liebevoll zur Alten und lächelte sie freundlich an.

Da zog die Alte behutsam aus einer Tasche ihres Gewandes einen scharlachroten Apfel heraus und reichte ihn dem Kind. Das Kind griff unwillkürlich nach dem Apfel als drückte es ihn an seine Brust. 

Maria zitterte aus Angst um ihr Kind.

Doch schon richtete sich die alte Frau auf. Sie war viel größer geworden. Alle Falten und Runzeln waren aus ihrem Gesicht verschwunden. Sie war plötzlich so jung und strahlend, dass man meinen sollte, Jahrtausende seien von ihr abgefallen.

Sie neigte den Kopf grüßend zu Maria mit den Worten: „Ich bin Eva.“

Dann verließ sie aufrechten Hauptes und mit kraftvollen Schritten den Stall.

 

Eine märchenhaft Legende, die nie so geschehen ist. Und doch spiegelt diese Szene an der Krippe etwas Wesentliches vom Geheimnis der Geburt Jesu wieder. Im liebevollen Blick des Kindes und in Evas Erneuerung ist die Legende wie eine illustrierende Geschichte zu unserem Bibelwort:

„Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilandes, machte er uns selig … durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im heiligen Geist.“

 

Ich bitte die Adams unter uns, sich nicht ausgeschlossen zu fühlen. Im Gegenteil. Als wir im Freundeskreis über diese Geschichte sprachen, sagte ein Mann: „Und was wird aus dem armen Adam, wenn die Eva wieder so fit ist?“ Antwort: „Er hat gar keine Chance außer der, auch zur Krippe zu gehen. Das wird er auch tun.“

Um der Einfachheit willen, bleibe ich bei der Geschichte und hoffe, dass alle Männer sie auch auf sich übertragen.

 

Zurück also zu Eva. In unserer Legende ist die Urmutter aller Menschen nun eine uralte Frau. Fast hexenartig ist sie stilisiert. Doch sie ist eine Frau, die tausende von Leben gelebt hat. Das Leben einer unfruchtbaren Frau, das einer Alleinerzie-henden, das einer Prostituierten, das einer Familienmutter, das einer Unternehmerin, das einer Beamtengattin, das einer Krebskranken, das einer klugen Lehrerin, das einer betrogenen Ehefrau, das einer fremdgehenden, das einer ganz normalen Bürgerin, das einer Bettlerin, das einer Syrerin, einer Tansanierin, einer Deutschen. All diese Leben bilden sich in ihrer zerfurchten Haut ab.

Was hat sich da gesammelt in der alten Eva an Glück und auch an Schuld?! Für die Schuld ist der Apfel Symbol. Keines ihrer gelebten Leben ist ohne Apfel, ohne Schuld: Der eigenen kranken Mutter nicht genügend Zeit und Liebe geschenkt, oder die Bedürfnisse des eigenen Kindes nicht ausreichend gesehen, den Mann alleingelassen in seinen Sehnsüchten, die eigenen Gaben nicht genutzt.

Wer meint, keine Schuld zu haben,  dessen größte ist die eigene Selbstgerechtigkeit.

 

Der Vers direkt vor unserem Bibelwort überzeichnet fast diese Schuldverfallenheit  jeder Eva, jedes Adam ohne Christus: In Titus 3 Vers 3 heißt es über die Menschen ohne Verbundenheit mit Christus: „Auch wir waren früher unverständig, ungehorsam, gingen in die Irre, waren mancherlei Begierden und Gelüsten dienstbar und lebten in Bosheit und Neid, waren verhasst und hassten uns untereinander“.

Und dann die Wende in Vers 4: „Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes unseres Heilandes, machte er uns selig.“

Interessant ist in unserem Bibelwort – wie auch in der Legende -, dass die Wende nicht durch eigene Anstrengung erfolgt. Die alte Eva wird nicht jung durch ein schweißtreibendes Fitnessprogramm und viel Schminke; bei ihr wäre hinsichtlich Verschöne-rungskuren ohnehin Hopfen und Malz verloren.

Ebenso sieht unser Wort die Ursache der Wende im Leben eines Menschen allein in Christus, nämlich darin, dass ihm Gottes, des Heilands Freundlichkeit und Menschliebe erscheint: „Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes unseres Heilandes, machte er uns selig.“ Titus schließt sogar aus, dass wir mit unseren Anstrengungen etwas beitragen könnten. Denn V.5 lautet: „…machte er uns selig – nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit – durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist.“

Die Wende zur Seligkeit, zum aufrechten Leben, kommt also, weil Gottes Freundlichkeit und Menschenliebe über uns scheint; sie kommt durch seine Barmherzigkeit, durch die Taufe und Wiedergeburt im Heiligen Geist.

Wiedergeburt – diese Wort klingt für manche buddhistisch. Anders als im Buddhismus geht es in der Bibel nicht darum, dass wir nach unserem Tod in ein weiteres Erdenleben geschickt werden als Katze oder Maus, bettelnder oder reicher Mensch. Das ist für Christen eine abwegige Vorstellung. Die Wiedergeburt, die unsere Bibel bzw. hier Titus meint, vollzieht sich mitten im Leben.

Die Wiedergeburt geschieht, wenn wir nicht mehr gelebt werden, getrieben durch unsere Wünsche oder durch Hass, sondern wenn Christus uns befreit zum aufrechten Gang und neuer Lebenskraft wie bei Eva – oder wie es bei Titus heißt, zum seligen, ewigen Leben. „Selig“ meint ´zutiefst glücklich`. „Ewig“ bedeutet: ´was vor Gott Bestand hat, weil Gott selbst es geschaffen hat`. Und in diesem Sinne „ewig“ ist auch unser von ihm zurechtgebrachtes, befreites Leben. Gottes Menschenliebe verwandelt uns und macht uns selig. Und das beginnt hier.

 

Sehnsüchtig schaut Eva nach dem Kind. Sie weiß, dass es die Quelle befreiten, ewigen Lebens ist.  Was mag sie ihm ins Ohr geflüstert haben? Das, was sie gebückt werden ließ. Das Leben, wie es so gespielt hat, das sie verspielt hat, in dem sie manchmal keine andere Chance hatte als schuldig zu werden, weil es so war, wie es eben war.

Das Kind in der Krippe schaut sie dabei liebevoll an. Die Menschenliebe Gottes gilt nicht dem, was ein Mensch getan oder nicht getan hat, sondern gilt dem Menschen. Die Liebe Gottes gilt nicht dem Bild das ein Mensch von sich aufgebaut hat, sondern gilt dem Menschen. Das Kind in der Krippe schaut die Frau liebevoll an mit all ihren Furchen an Leib und Seele. Als sie ihm sagt, was nur er hören darf, spürt sie seine tiefe Freundlichkeit. Da zieht sie aus der Tasche den Apfel, den Inbegriff dessen, was Gott der Vater im Himmel ihr zu Recht vorwerfen kann, und gibt es dem Kind.

 

Ein Neugeborenes kann nicht bewusst lächeln, kann nicht bewusst zugreifen. Die Geschichte bleibt ein Märchen. Doch sie erzählt die große Wahrheit, dass im Kind in der Krippe, in Jesus, von Anfang an die Barmherzigkeit des himmlischen Vaters lebt. Von Anfang an wirkt in ihm Gottes Geist, dem Maria schon Jesu Werden verdankt. Aus ihm strahlt Gottes Menschenliebe.

Das glaubt und erfährt Eva. Darum schleppt sie sich zu ihm. Sie folgt darin ihrer tiefsten Sehnsucht nach Leben. Mehr tut sie nicht. Alles andere bewirkt das Kind. Die gebeugte Eva steht aufrecht, gewinnt neue Größe, geht kraftvoll in die Welt. Sie ist befreit zu neuem Leben aus der Kraft des Geistes Gottes in der Liebe des Heilands. 

 

Unser Bibelwort enthält keinerlei Apelle an uns –im Gegenteil. Es setzt uns nur der Menschenliebe Gottes aus. Die ist das Wichtigste. Sie ist die große, die Welt verändernde Kraft. Sie ist erschienen im Kind in der Krippe. Das macht uns selig.

Heute also keine Apelle, Fremde aufzunehmen, nicht schlecht über sie zu reden, auf die rechtsradikalen Strömungen Acht zu geben und den Anfängen zu wehren. Das ist alles richtig und wichtig. Doch all das ergibt sich in unserem Leben, wenn die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes uns erscheint und uns ewiges, aus Gott geborenes, Leben schenkt. Dann fällt uns doch sofort auf, wo Menschen andere Menschen klein machen, statt aufzurichten. Dann spüren wir, welche Menschen letztlich von Menschen-verachtung getrieben sind und können nicht anders als dem aus innerem Antrieb zu widerstehen. Gottes Menschenliebe, die über uns leuchtet, ist in uns eine große Kraft. Er wirkt in uns den Frieden, den die Welt braucht.

Diese Menschenliebe Gottes lässt auch keinerlei Bitterkeit zu, dass die Menschen so sind wie sie sind. Sie überholen vor Weihnachten auf den Autobahnen wie dumm, rempeln einem die Ellbogen im Kaufhaus in die Rippen, lassen einem die Tür vor der Nase zufallen - und in die Kirche gehen sie auch kaum. Ja, so sind die Menschen – und sie sind von Gott, unserem Heiland, geliebt. Wenn es etwas gibt, was sie zur Krippe ziehen wird, so wie die alte Eva förmlich gezogen wurde, dann ist es der Heiland in seiner Liebe, der weiß wie wir sind und uns freundlich anblickt.

Diese Liebe Jesu Christi ist unnachahmlich – auch wenn Jesus uns zum Vorbild geworden ist. Doch wir bekommen sie nicht durch Anstrengung, sondern in gewisser Weise durch Ansteckung. Sie springt auf uns über, erfüllt uns und vertreibt so alle Bitterkeit aus unserem Herzen. Sie schafft sich selbst in uns Raum.

Unser Bibelwort redet darum nicht von unseren Mühen, sondern von Gottes Geist, der uns bei der Taufe verheißen wurde und uns erneuert. Eva wird in der Begegnung mit Jesus verwandelt, weil ihr da Gottes Freundlichkeit und Menschenliebe begegnet.

Darum, wir Evas und Adams, lasst uns heute nichts tun, außer uns freuen an der Liebe Gottes unseres Heilands zu uns, indem wir singen und feiern.

Amen.