Gottesdienst zum Abschluss der Visitation des Dekanatsbezirks Hof

Predigt der Regionalbischöfin zum Lukasevangelium c.19, Verse 37 ff, am 19.05.2019 in der Kirche St. Michaelis, Hof

Liebe Gemeinde,

hören wir zunächst das Bibelwort, das vorgesehen ist für diesen Sonntag. Es steht im Lukasevangelium c. 19, Verse 37 ff.
Und als Jesus schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, und sprachen:
Gelobt sei der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn!
Und einige Pharisäer in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! Er antwortete und sprach: Ich sage euch:  Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

Schreiende Steine? Das Visitationsteam -  also Günter Saalfrank, Herwig Dinter, Thomas Persitzky, Monika Köppl-Meier, Florian Herrmann und ich - wir haben bei unserer Visitation vieles genau angesehen. Aber schreiende Steine haben wir nicht entdeckt. Die wird es auch – so Gott will – im Hofer Dekanatsbezirk nie geben, denn die Ankündigung Jesu, dass Steine schreien, trifft ja erst zu, wenn die Jünger Jesu nicht mehr Gott hörbar loben.
Zugegeben, die Jünger damals scheinen ziemlich laut gewesen zu sein bei ihrem Gotteslob. Sie fühlten, dass Jesus der König ihres Herzens ist und der König im Königreich Gottes. Da fing die Menge der Jünger – also alle, mit Freude und mit lauter Stimme an Gott und Jesus loben.
Das war Ruhestörung in den Ohren der Pharisäer und Gotteslästerung, weil Jesus gepriesen wurde. Sie forderten ihn auf, dass die Jünger aufhören sollen. Aber da waren sie bei ihm gerade am Richtigen. Glaubensfreude und lautes Gotteslob muss sein.
Und genauso muss es heute sein, dass wir - als Menge der Jünger und Jüngerinnen - Gott laut loben. Bläser und Orgel haben mit tollem Sound begonnen; und wir haben uns nicht lumpen lassen bei „Du meine Seele singe“ und nicht nur, weil heute Kantate ist. Lautes Lob macht fröhlich.

Die Jünger im Bibelwort stimmen ihr Gotteslob an, „über alle Taten, die sie gesehen hatten“. Sie haben gesehen, was Jesus tat: Kranke heilen, Tote auferwecken, Sünden vergeben. D.h. sie loben erstens Gott, wegen dem, was Jesus getan hat; und sie loben zweitens Jesus als König. Sie könnten ja auch nur Jesus loben. Aber sie merken, bei Jesus ist Gott am Werk, darum loben sie beide.
Ähnlich geht es mir nach der Visitation. Wir haben so viel Gutes gesehen; Menschen sind da zu loben und Gott, der am Werk ist. Nicht, dass ich die Menschen mit Jesus vergleichen möchte. Wir müssen ja vielmehr sagen: In dem, was wir an Gutem sehen, ist auch Jesus am Werk, zeigt er sich als König unserer Herzen und König des Reiches Gottes, das er selbst unter uns baut.
Es ist wie in dieser biblischen Geschichte - unser Gotteslob, unser Christuslob hat seinen Anlass in dem, was wir sehen.

Haben wir denn bei der Visitation nur Gutes und Erfreuliches gesehen? Nein. Es ist bestimmt nicht erfreulich, dass die Gemeinden Töpen, Münchenreuth und Isar vermutlich noch länger vakant sein werden und die Renovierung des alten Pfarrhauses richtig teuer werden wird. Aber ich schreibe es dem König unserer Herzen zu, der auferstanden ist, dass diese kleinen Gemeinden sich nicht kleinkriegen lassen, sondern sagen:
Vor Pfarrer Schneider waren wir auch drei Jahre vakant; und wir stemmen den großen Eigenanteil zur Finanzierung der Pfarrhausrenovierung.  Solcher Mut, Tatkraft, Gottvertrauen sind Grund Gott zu loben und den König unserer Herzen, der dort auch in der Vakanz regiert.

Es ist nicht erfreulich, dass viele Gemeinden schrumpfen. Aber dass alle Pfarrer und Pfarrerinnen des Pfarrkapitels beieinander sind - ohne jedes Lamentieren, sondern alle diese Situation als Herausforderung annehmen; das empfinde ich als Gottesgeschenk. Das macht mich dankbar, gegenüber diesen Pfarrern und Pfarrerinnen und gegenüber Gott.

Es ist nicht erfreulich, dass viele Konfirmanden nach der Konfirmation nicht mehr in unsere Gottesdienste kommen. Doch die großen Taten Gottes fangen oft klein an, mit dem Samenkorn der Sehnsucht, die Gott ins Herz einpflanzt.
Dekan Saalfrank hatte alle Vertrauensleute der 26 Kirchengemeinden anlässlich der Visitation nach Draisendorf eingeladen. Auf meine Frage, was in ihren Augen die Hauptherausforderung der Zukunft in ihrer Gemeinde sei, wurde am häufigsten der Zugang der Jugend zur Gemeinde genannt. Gut so. Diese Sehnsucht muss wachsen, muss Gebet werden, das Gott erhören wird.
Betend werden wir auch einiges entdecken, was er jetzt schon tut: In Oberkotzau zum Beispiel blüht die Jugendarbeit so sehr, dass auch Jugendliche der Nachbargemeinden angezogen werden. In vielen Gemeinden wächst gerade eine neue Form der Jugendarbeit: Konfiteamer, Konfirmierte, werden in den Folgejahrgängen Mitarbeiter in der Konfirmandenarbeit.
Die Dekanatsjugendreferenten gestalten mit Teams in den Landgemeinden jedes Jahr vier Jugendgottesdienste, die überregional attraktiv sind.
Der alte Argwohn zwischen CVJM und Evangelischer Jugend, der in manchem Dekanats-bezirk noch zerstörerisch gärt, ist in Hof überwunden; das Lichthaus mitten in Hof ist gemeinsames Projekt. Dass dieses anziehende Lichthaus gefunden wurde und sich nun mit Leben füllt, ist klasse.
Ist das trotzdem zu wenig? Offensichtlich. Der Glaube muss wieder in die Frömmigkeitspraxis der Familien. Doch wir werden für Jugendliche – und auch für andere -  bestimmt nicht attraktiver durch Klagen, sondern durch das Lob des Guten, das wir jetzt schon sehen.

Wir können Gott nicht für alles loben, aber in allem. Wir machen uns Sorgen, dass in unserer Gesellschaft Parallelwelten entstehen, die sich abkapseln. Das ist eine Gefahr. Wofür da Gott loben? Für seinen Friedensdienst und Brückenbau. Dass es Menschen gibt, die diese Gefahr beim Namen nennen, aber nicht den Hass gegen Anderskulturelle schüren, sondern  dem Miteinan-der in unserer Gesellschaft dienen.
Solche Menschen gibt es aus christlicher Überzeugung und übrigens auch unter den Muslimen und den Juden. Bei aller Sorge ist das Grund, Gott zu loben. Und auch, dass die bestens aufgestellte Diakonie Hochfranken die Kernarbeit der Integration leistet durch Ausbildung auch von Geflüchteten, durch Beratung von Verzweifelten und von Arbeitswilligen und durch Unterstützung der Ehrenamtlichen.

In Hof gehört auch die Lebenshilfe zur Diakonie. 450 Mitarbeitende tun dort Dienst, ganz viele in tiefer christlicher Überzeugung. Es ist berührend wie Frau Köppl-Meier zusammen mit anderen die Konfirmation für Menschen mit Beeinträchtigung vorbereitet und durchführt.
Sie findet nicht in Räumen der Lebenshilfe statt, sondern in der Auferstehungsgemeinde - wie jede Konfirmation, in einem öffentlichen Sonntags-gottesdienst. Zuvor aber fährt die Gruppe der Menschen mit Beeinträchtigung gemeinsam in die jeweiligen Heimatkirchengemeinden der Konfirmanden, schaut den Taufstein an, redet mit dem Pfarrer und Gemeindegliedern, die auch zur Konfirmation eingeladen werden. Und manchmal gestaltet sogar der Posaunenchor der Heimatgemeinde die Konfirmation aus.
Mit einfacher Verkündigung, Abendmahl, Segen und wunderschöner Musik wird sie zum wahrscheinlich schönsten und größten Glaubens- und Lebensfest der jungen Menschen und ihrer Mütter und Väter. Ja gerade die Mütter und Väter, die so oft heillos überlastet waren, verzweifelt und sich ausgegrenzt fühlten aus dem normalen gesellschaftlichen Leben, sehen da ihr Kind fröhlich im Mittelpunkt; es ist angenommen wie es ist, geliebt, geachtet von Gott und den Menschen. Solch ein Gottesdienst kann nicht alles heilen, aber er heilt und freut noch Jahre, Jahre später. Da tut Gott Großes.

Viele von Ihnen und auch ich beten um Erweckung von Menschen zum Glauben an Jesus Christus in unserem Land. Und plötzlich geschieht sie, aber anders als erwartet. Iranische Geflüchtete kommen hierher, waren entweder schon als Christen im Iran in Untergrundgemeinden oder gehen hier in Deutschland aus Neugier mit zum Taufunterricht - manche auch zunächst aus asyltaktischen Gründen; doch solche bleiben irgendwann weg, weil man bei uns nicht so leicht getauft wird.
Diejenigen, die im Taufunterricht bleiben, die bleiben aus wachsender Überzeugung, haben eine große Liebe zu Jesus Christus, der sie befreit und liebt. Er ist der König ihres Herzens. Sie kommen in großer Treue in den Gottesdienst und helfen gerne in der Gemeinde. Sie sind eine echte Freude und Bereicherung für unsere Gemeinden, und eben auch hier in St. Michaelis. Ja, unsere iranischen Mitchristen sind Grund zu lautem Gotteslob.

Ach, es gibt hier noch vieles mehr:
dass die Ökumene trägt.
Dass das Verhältnis zum Oberbürgermeister und zum Landrat voll Vertrauen ist.
Dass Einmütigkeit mit dem Schulamt da ist, auch an den Schulen, an denen Christen in der Minderheit sind, öffentliche Schulgottesdienste zu feiern.
Dass eine Bäuerin, die wir besuchen, mich bittet in ihrem Stall ein Gebet zu sprechen und dass eine Unternehmerin das gute Miteinander in Familie, Betrieb und zur Kirche als ihren größten Gewinn ansieht.
Dass unsere Kirchenmusik so reich und vielfältig ist – zu hören in diesem Gottesdienst.
Dass wir Menschen haben, die in unseren Gemeinden und auf Dekanatsebene bereit sind Verantwortung zu übernehmen, so viele hoch engagierte Ehrenamtliche. - Das ist doch nicht selbstverständlich. Ich sehe darin die Taten Gottes.
Hat denn die Regionalbischöfin nichts gesehen, was veränderungswürdig ist, mag mancher fragen. Doch natürlich haben wir im Team Veränderungs-impulse benannt.
Mein wichtigster Impuls heute ist: Hier ist so viel Grund, Gott zu loben für alles, was durch ihn unter Euch geschieht. Dieses Lob gebührt ihm. Gott loben lässt uns die Schönheit und Kraft dessen, was Gott tut, fühlen; es macht unsere Gemeinden und uns selbst fröhlich, sodass wir ausstrahlen, was wir glauben. Das Wunder des Glaubens und der Liebe und all ihrer Hoffnung bringenden Auswirkungen wird es auch in Zukunft geben, weil Christus lebt und regiert – und notfalls Steine schreien lässt.
Doch in der Menge der Jünger und Jüngerinnen heute hier geschieht das Gegenteil. Hier lachen die alten Steinmauern in Oberfrankens größter Kirche und freuen sich über die unsichtbare Patina an Gotteslob, die heute wieder eine kleine Schicht dicker wird durch meine Predigt, Ihren Gesang und durch den Posaunenchor, der nun zur Ehre Gottes spielt und zu unserer Freude. Amen.